Blaue Flecken auf der Seele. Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdung im Arbeitsalltag burgenländischer Sozialarbeiterinnen


Masterarbeit, 2012

103 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

Teil I

1 Begriffsdefinition Kindeswohlgefährdung
1.1 Kin desmisshandlung und Kindesvernachlässigung
1.1.1 Arten der Kindesmisshandlung
1.1.1.1 Physische Kindesmisshandlung
1.1.1.2 Psychische Kindesmisshandlung
1.1.1.3 Sexueller Missbrauch
1.1.2 Arten der Kindesvernachlässigung
1.1.2.1 Körperliche Vernachlässigung
1.1.2.2 Emotionale Vernachlässigung
1.1.2.3 Kognitive Vernachlässigung
1.1.2.4 Soziale Vernachlässigung

2 Kindliche Entwicklung und Bedürfnisse
2.1 Kindliche Entwicklung nach Erikson
2.2 Kindliche Bedürfnisse
2.2.1 Physiologische Bedürfnisse und Erkenntnisse aus der Neurobiologie
2.2.2 Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit - Bowlby’s Bindungstheorie
2.2.3 Bedürfnis nach Verständnis und sozialer Bindung
2.3 Mögliche Folgen und Entwicklungsdefizite bei Missachtung und Verwehrung

3 Begriffsdefinition Gewalt
3.1 Zirkel der Gewalt und Viktimologie

4 Bekannte Risikofaktoren
4.1 Kindheitserfahrungen der Eltern
4.2 Beziehungsmuster zwischen Eltern und Kindern
4.3 Psycho-soziale Risikofaktoren
4.3.1 Armut
4.3.2 Suchtproblematik und Gewalt
4.3.3 Mangelnde Bildung
4.3.4 Mehr-Kind-Familien und Familien mit Migrationshintergrund
4.3.5 Junge Mütter und Alleinerzieher - mangelhafte soziale Ressourcen
4.3.6 Soziale Isolation
4.3.7 Psychisch kranke Eltern
4.3.8 Krankes/schwieriges Kind
4.4 Schutzfaktoren als Risikopuffer

5 Kindeswohlgefährdung im Burgenland
5.1 Gesetzliche Grundlagen
5.2 Jugendwohlfahrt im Burgenland
5.3 Diagnoseverfahren zur Einschätzung von Risikofaktoren
5.4 Maßnahmen der Jugendwohlfahrt bei Kindeswohlgefährdung

6 Methode
6.1 Forschungsfragen
6.2 Systemabgrenzung
6.3 Stichprobe
6.4 Untersuchungsmethode
6.5 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

7 Auswertung der qualitativen Studie
7.1 Begriffsdefinitionen im Arbeitsalltag burgenländischer Sozialarbeiterinnen .
7.1.1 Kindeswohlgefährdung
7.1.2 Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung
7.1.3 Der Zeitpunkt für erste Maßnahmen gegen Kindeswohlgefährdung
7.1.4 Bekannte Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdung
7.2 Risikofaktoren und der Umgang mit Risikofaktoren laut Expertinnen
7.2.1 Risikofaktoren und ihre Häufigkeit
7.2.2 Theorien der Expertinnen über die Häufigkeit von Risikofaktoren
7.2.3 Risikofaktoren mit hohem Kindeswohlgefährdungspotenzial
7.2.4 Risikofaktoren und Fremdunterbringung
7.2.5 Sekundäre Präventivmaßnahmen
7.2.6 Tertiäre Präventivmaßnahmen und Handlungen bei Kindeswohlgefährdung .
7.2.6.1 Handlungen bei Gefährdung durch Kindheitserfahrungen der Eltern
7.2.6.2 Handlungen bei Gefährdung durch Eltern-Kind-Beziehung
7.2.6.3 Handlungen bei Gefährdung durch Armut
7.2.6.4 Handlungen bei Gefährdung durch mangelnde Bildung
7.2.6.5 Handlungen bei Gefährdung durch Mehr-Kind-Familien und Familien mit Migrationshintergrund
7.2.6.6 Handlungen bei Gefährdung durch junge Mütter und Alleinerzieher mit mangelhaften sozialen Ressourcen
7.2.6.7 Handlungen bei Gefährdung durch soziale Isolation
7.2.6.8 Handlungen bei Gefährdung durch psychisch kranke Eltern
7.2.6.9 Handlungen bei Gefährdung durch krankes/schwieriges Kind
7.2.6.10 Handlungen bei Gefährdung durch Sucht und Gewalt
7.3 Diagnoseverfahren und Maßnahmen angesichts von Risikofaktoren
7.3.1 Schritte bei Gefährdungsmeldung
7.3.2 Diagnoseverfahren bei Gefährdungsmeldung
7.3.3 Häufigste Maßnahmen bei Kindeswohlgefährdung

8 Interpretation der Ergebnisse
8.1 Gedanken zur Begriffsdefinition
8.2 Gedanken zur Arbeit mit den Risikofaktoren
8.2.1 Risikofaktoren-Skala
8.2.2 Risikofaktoren die zu Kindeswohlgefährdung führen
8.2.3 Risikofaktoren und Fremdunterbringung
8.2.4 Sekundäre Präventivmaßnahmen
8.2.5 Tertiäre Präventivmaßnahmen und Handlungen bei Kindeswohlgefährdung .

9 Schlussfolgerungen und Empfehlungen

10 Literaturliste

11 Internetquellen

12 Anhänge

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bedürfnispyramide nach Maslow

Abbildung 2: Risiko und Resilienz

Abbildung 3: Anzahl Nennung Risikofaktoren

Abbildung 4: Häufigkeit Risikofaktoren

Abbildung 5: Risikofaktoren, die am häufigsten zu Fremdunterbringung führen

Abbildung 6: Präventivmaßnahmen

Abbildung 7: Handlungszeitpunkt für Präventivmaßnahmen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Grundbedürfnisse von Kindern und Folgen bei Mangel

Tabelle 2: Adjektive und Substantive zu Kindesmisshandlung und Vernachlässigung .

Tabelle 3: Den Expertinnen bekannte Risikofaktoren

Tabelle 4: Risikofaktoren mit hohem Kindeswohlgefährdungspotenzial

Tabelle 5: Maßnahmen um Risikofaktoren entgegenzuwirken

Abstract

Die vorliegende Arbeit geht von der Frage aus, welche Rolle die aus der Forschungsliteratur bekannten Risikofaktoren bei Kindeswohlgefährdung im Arbeitsalltag burgenländischer Sozialarbeiterinnen spielen.

Diese Frage ist die Grundlage für ein leitfadengestütztes Interview mit fünf Expertinnen aus fünf verschiedenen Bezirkshauptmannschaften des Burgenlandes.

Im Interview werden die Begriffe Kindeswohlgefährdung, Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung definiert und der Umgang der Befragten mit den von der Literatur vorgegebenen Risikofaktoren bei drohender und bei bereits bestehender Kindeswohlge- fährdung untersucht.

Die Antworten auf die Fragen werden mittels Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Als Ergebnis wird festgehalten, dass den befragten Expertinnen die Risikofaktoren aus der Literatur sowohl bekannt, als auch - bis auf einen - bewusst waren, und dass bei allen Befragten ein umfassendes Handlungsrepertoire bei bestehender oder drohender Kindeswohlgefährdung zur Verfügung steht.

Abstract

This Master’s thesis is about ten risk factors for child endangerment named by special literature and wants to know how social workers from the Burgenland deal with these risk factors in their daily work.

In a guide-based interview with five social workers coming from five political districts of the Burgenland, the experts are asked personal concepts of child endangerment, child neglect and child abuse. The focus of interest is how the interviewees deal with literature’s risk factors in their daily work, in case of impending and in case of existent child endangerment.

The results speak in the favor of Burgenland’s social workers. All ten literature-presen- ted risk factors were part of the social workers’ daily business and each expert had a suitable repertoire of steps and measures at hand to deal with them.

Einleitung

Von rund 54.000 burgenländischen Kindern können voraussichtlich 325 im Jahr 2012 aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern leben. Konkret waren Ende 2011 93 burgenländische Kinder in Pflegefamilien und 232 in anderen Betreuungsformen wie Wohngemeinschaften oder Kinderdörfern untergebracht.

Von Gesetzes wegen hat die öffentliche Jugendwohlfahrt das Recht, in familiäre Beziehungen einzugreifen, wenn Eltern oder andere Erziehungsberechtigte das Kindeswohl durch Gewalt, seelisches und körperliches Leid oder Vernachlässigung der kindlichen Bedürfnisse gefährden.

Als ersten Schritt bieten die Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt den betroffenen Erzie- hungsberechtigten Unterstützung zur Erziehung an - eine Maßnahme, die 2011 von über 1.000 burgenländischen Familien in Anspruch genommen wurde. In einem zwei- ten Schritt, wenn eine Unterstützung zur Erziehung nicht den gewünschten Erfolg der Abwendung von Kindeswohlgefährdung hat, kommt es zur vollen Erziehung, einer Maßnahme der öffentlichen Jugendwohlfahrt, bei der das Kind aus der Herkunftsfamilie herausgenommen und bei dafür ausgebildeten Pflegeeltern oder in dafür vorgesehenen Wohngemeinschaften fremduntergebracht wird. (Landesmedienservice Burgenland, 2012) Als Psychologin in der Jugendwohlfahrt und als Pflegemutter eines Kleinkindes im Burgenland wurde die Autorin darauf aufmerksam, dass scheinbar immer bestimmte Umstände im Leben der Erziehungsberechtigten zu Kindeswohlgefährdung führen.

Die Frage, die daraus für die vorliegende Masterarbeit resultierte war, welche Umstän- de das sind und wie sehr diese Umstände, in der Fachliteratur Risikofaktoren genannt, Indikatoren im Arbeitsalltag burgenländischer Sozialarbeiterinnen sind, ein besonde- res Augenmerk auf Familien mit Lebensumständen, die in die Kategorie Risikofaktor fallen, zu haben. Die forschungsleitende Frage dazu: Welche Rolle spielen die in der Forschungsliteratur am häufigsten genannten Risikofaktoren im Arbeitsalltag burgenlän- discher Sozialarbeiterinnen?

Als Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdung werden in der vorliegenden Arbeit nach dem Studium von soziologischen, integrativen, familienbezogenen und personenzent- rierten Erklärungsmodellen „Kindheitserfahrungen der Eltern, Beziehungsmuster zwischen Eltern und Kindern, Armut, soziale Isolation, junge Mütter und Alleinerzieher mit mangelhaften sozialen Ressourcen, Mehr-Kind-Familien und Familien mit Migrationshintergrund, Suchtproblematik und Gewalt, mangelnde Bildung, psychische Erkrankung der Eltern, und schwieriges bzw. krankes Kind“ genannt.

Der Begriff Kindeswohlgefährdung umfasst sowohl Kindesmisshandlung als auch Kindesvernachlässigung. Das Konzept des Kindeswohles ist ein neuzeitliches. Es bildete sich mit der Entstehung der Kleinfamilie im Kapitalismus und mit dem damals formulierten Anspruch auf eine geschützte Kindheit und eine kindgerechte Entwicklung. Bis dahin waren Kinder „(…) stets Opfer barbarischer Gewalt durch Erwachsene.“ (Bange, 2005, S. 13) Ab dem 18. Jahrhundert wurden Kindestötung, Misshandlungen und Vernachlässigung von Kindern als problematisch eingestuft.

Die Charakteristika von Misshandlung und Vernachlässigung werden im ersten Teil in Kapitel 1 dieser Arbeit aufgezeigt. Es wird in einem Erklärungsmodell darauf hingewie- sen, dass Kindesmisshandlung einen aktiven und bewussten Charakter hat, wohingegen Vernachlässigung laut Fachliteratur in der Regel passiv und unabsichtlich, weil aus der Unwissenheit oder Unfähigkeit der Erziehungsberechtigten heraus, geschieht.

Kapitel 2 geht auf die kindliche Entwicklung und auf die kindlichen Bedürfnisse in un- terschiedlichen physischen, psychischen und sozialen Entwicklungsstadien ein. Kapitel 3 definiert den Begriff Gewalt und erklärt den Zirkel der Gewalt sowie theoretische Grundlagen der Viktimologie.

In Kapitel 4 werden die zehn bekanntesten Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdung und die Mechanismen, die im Zusammenhang mit diesen Risikofaktoren zu Kindeswohlgefährdung führen können, vorgestellt.

Kapitel 5 ist der Jugendwohlfahrt im Burgenland gewidmet und stellt die gesetzlichen Grundlagen für die burgenländische Jugendwohlfahrt sowie Diagnoseverfahren und Maßnahmen, die den Sozialarbeiterinnen bei Kindeswohlgefährdung oder möglicher Kindeswohlgefährdung zur Verfügung stehen, vor.

Der zweite Teil der Arbeit beschreibt in Kapitel 6 das Untersuchungsdesign für die vorliegende Studie. In Kapitel 7 wird die Studie ausgewertet, interpretiert wird sie in Kapitel 8. Kapitel 9 rundet mit Schlussfolgerungen und Empfehlungen die vorliegende Arbeit ab. Es folgen Literatur und Anhänge.

Zentral für die vorliegende Arbeit war das „Handbuch zur Kindesmisshandlung und Vernachlässigung“ von Deegener und Körner (2005). Das Werk beinhaltet einen Abriss der Geschichte der Kindesmisshandlung ebenso wie die Beschreibung von Ursachen, Handlungen und Folgen von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung, aber auch Handlungskonzepte und Ideen für die präventive Arbeit von Fachpersonal dessen Aufgabe es ist, die Einhaltung des Kindeswohles in ihrem Arbeitsalltag sicherzustellen. Gellert (2007) geht in „Vernachlässigte Kinder“ näher auf Entstehung und Verlauf von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung ein.

Wichtig für die Arbeit der Autorin, weil das Thema Entstehung und Verlauf von Kindes- misshandlung und Vernachlässigung vertiefend, war auch der aus der Veröffentlichung „Gewalt in der Familie“ stammende Gewaltbericht „Gewalt gegen Kinder“ des Bun- desministeriums für Wirtschaft und Arbeit. Hierin finden sich neben unterschiedlichen Erklärungsmodellen für und Untersuchungs- und Forschungsergebnissen zu Kindes- wohlgefährdung auch Informationen zu Täterstrategien, Tatdynamik und Opferrollen, sowie Signale und Folgen von Kindeswohlgefährdung und Anleitungen für Prävention und Intervention.

Schließlich sollen an dieser Stelle unbedingt die Leitlinien zum Kindeswohl vom Arbeitskreis Burgenland (1998) Erwähnung finden, einem Regelwerk für burgenländi- sche Sozialarbeiterinnen, das vier Zugangswege zum Kindeswohl (Verstand, Körper, Gefühle, Sozialverhalten) propagiert und dessen Checklisten zum Kindeswohl richtung- weisend für den Arbeitsalltag der Mitarbeiterinnen der öffentlichen Jugendwohlfahrt im Burgenland sind.

Als wie wichtig nun die Risikofaktoren in diesem Arbeitsalltag erlebt werden und zu welchen Handlungen und Maßnahmen der burgenländischen Sozialarbeiterinnen sie führen, wird im empirischen Teil dieses Werkes mittels qualitativem „Experteninterview mit Interviewleitfaden“ nach Mayring analysiert und kodiert.

Als Interviewpartner wurden je eine Sozialarbeiterin der fünf einwohnerstärksten burgenländischen Bezirkshauptmannschaften Neusiedl, Eisenstadt-Umgebung, Mattersburg, Oberpullendorf und Oberwart gewählt.

Gefragt wurden die Expertinnen nach Definitionen für Kindeswohlgefährdung und Kin- desvernachlässigung, danach, mit welchen Risikofaktoren sie in ihrem Arbeitsalltag zu tun haben und welche Maßnahmen sie im Hinblick auf die einzelnen Risikofaktoren im Falle von noch keiner oder im Falle einer bereits vorliegenden Kindeswohlgefährdung umgehen, i.e., zu welchen Maßnahmen die Expertinnen greifen und mit welchen Diagnoseverfahren sie arbeiten, um Missstände aufzudecken.

Ziel der Autorin ist es, mit dem vorliegenden Werk burgenländischen Sozialarbeiterinnen einen theoretischen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zum Thema Kindeswohlgefährdung zu geben, und einen Einblick in die Arbeitsweise der Kolleginnen in den anderen Bezirken zu ermöglichen sowie eigene Handlungen angesichts bestimmter Risikofaktoren bei drohender oder bestehender Kindeswohlgefährdung bewusst zu machen und zu reflektieren.

** Aus Gründen der Erhaltung des Textflusses wurde in der vorliegenden Arbeit auf die zum Stammsubstantiv ergänzende Auflistung von weiblichen oder männlichen Geschlechtsformen („gendern“) verzichtet. Da es sich bei den Befragten ausschließlich um Frauen handelte, werden die Interviewpartnerinnen konsequent die Befragten, die Expertinnen und die Interviewpartnerinnen in der weiblichen Form genannt.

Teil I 1 Begriffsdefinition Kindeswohlgefährdung

1.1 Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung

§ 178a des österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches (ABGB) äußert sich in einem Satz zum Kindeswohl: „Bei Beurteilung des Kindeswohls sind die Per- sönlichkeit des Kindes und seine Bedürfnisse, besonders seine Anlagen, Fähigkeiten, Neigungen und Entwicklungsmöglichkeiten, sowie die Lebensverhältnisse der Eltern entsprechend zu berücksichtigen.“ Das Kindeswohl wäre nach Interpretation des Ge- setzestextes gefährdet, wenn die Persönlichkeit des Kindes, sowie seine Bedürfnisse, Anlagen, Fähigkeiten, Neigungen und Entwicklungsmöglichkeiten durch die Erzie- hungsberechtigten behindert würden sowie, wenn die Lebensverhältnisse der Erzie hungsberechtigten dergestalt sind, dass das Wohl des Kindes nicht gewährleistet werden kann.

Die Fachliteratur nennt für den Tatbestand der Kindeswohlgefährdung drei Kriterien: Die Gefährdung für das Kind muss aktuell gegeben sein; die aktuelle oder künftige Schädigung des Kindes muss erheblich sein; und die Schädigung muss mit ziemlicher Sicherheit vorhersehbar sein. (Galm, 2010, S. 20)

Kindeswohlgefährdung wird in Kindesmisshandlung und in Kindesvernachlässigung unterteilt, wobei Kindesvernachlässigung als eine Form der Kindesmisshandlung gilt.

Blum-Maurice spricht von Kindesmisshandlung (2000, in Linnemann, 2006, S. 4) als eine „nicht zufällige, gewaltsame psychische und/oder physische Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch Eltern/Erziehungsberechtigte oder Dritte, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder zu Tode bringt.“ Kindesmisshandlung kann sich bereits in einem einmaligen Akt manifestieren.

Im Gegensatz dazu haben Kinder bei Vernachlässigung einen längeren Zeitraum Mangel an Versorgungsleistungen in materieller, emotionaler und kognitiver Hinsicht, was zur Folge hat, dass sie in einen chronischen Zustand der Mangelversorgung kommen, der im Extremfall zum Tod führen kann.

Galm (2010, S. 23) führt näher aus, dass Kindesvernachlässigung „aktiv oder passiv (unbewusst) aufgrund unzureichender Einsicht oder unzureichenden Wissens“ ge- schieht. Sie basiert häufig auf Unwissenheit, Überforderung oder dem Unvermögen der sorgeberechtigten Personen, angemessen auf die Grundbedürfnisse ihrer Kinder einzugehen. Das Verhalten der Vernachlässiger ist in der Regel passiv.

Im Vergleich dazu werden Misshandlungen als aktiv angesehen (vgl. Schone et al. 1978, S. 19), die gezielt oder impulsiv gesetzt werden und von jedem ausgehen können.

Kindervernachlässigung geht nur von jenem Personenkreis aus, der mit der Versorgung der Kinder betraut ist. Weiss (2003, S. 22) weist darauf hin, dass sich die Dynamiken von Vernachlässigung und Misshandlung unterscheiden. Misshandelte Kinder bekommen viel, wenn auch negative Aufmerksamkeit. Vernachlässigte Kinder bekommen wenig Zuwendung. Sie werden von den Erziehungsberechtigten in ihren Bedürfnissen meist nicht oder nur falsch verstanden.

1.1.1 Arten der Kindesmisshandlung

Für Gabarino und Vondra (1987, in Linnemann, 2006, S. 5) ist die emotionale Miss- handlung der Kern jeder Kindeswohlgefährdung, da jede körperliche Misshandlungs- form auch eine persönliche Erniedrigung des Misshandelten durch den Misshandelnden ist.

1.1.1.1 Physische Kindesmisshandlung

Als körperliche oder physische Kindesmisshandlung gelten alle Handlungen von Eltern und anderen Bezugspersonen des Kindes, die „durch Anwendung von körperlichem Zwang bzw. Gewalt für einen einsichtigen Dritten vorhersehbar zu erheblichen physi- schen oder psychischen Beeinträchtigungen des Kindes und seiner Entwicklung führen oder vorhersehbar ein hohes Risiko solcher Folgen bergen.“ (Kindler, 2006, in Galm, 2010, S. 21 f)

Ob und in welchem Ausmaß Kinder zu Schaden kommen, hängt sowohl von der Stärke der Gewalt, als auch von der Entwicklung des kindlichen Organismus ab. Einer älte- ren Studie über innerfamiliale Gewalt gegen Kinder in Österreich aus dem Jahr 1991 (Wimmer-Puchinger) zufolge wandten bei einer erbetenen Selbsteinschätzung 61% der heimischen Mütter und 67% der Väter Klapse oder Ohrfeigen, i.e. leichte körperliche Gewalt an. Ab und zu die Anwendung schwerer körperlicher Gewalt an ihren Kindern, z.B. Prügel oder Schläge mit Gegenständen, gaben 29% der Mütter und 26% der Väter zu. 4 % der Mütter und 5% der Väter gestanden häufigeres Anwenden von schwerer körperlicher Gewalt. Diese Ergebnisse entstammen einer Fragebogen-Befragung bei 380 Eltern von Kindern im Kindergartenalter aus neun Kindergärten in Wien, Niederösterreich, Salzburg und dem Burgenland.

1.1.1.2 Psychische Kindesmisshandlung

Laut Wimmer-Puchinger griffen in der oben genannten Selbsteinschätzung aus dem Jahr 1991 64% der Mütter und 57% der Väter ab und zu zu Liebesentzug und strikten Verboten als Bestrafung für ihre Kinder. 25% der Mütter und 29% der Väter taten dies nach eigenen Angaben häufiger.

Psychische, seelische oder auch emotionale Kindesmisshandlung wird als wiederkeh- rendes „Verhaltensmuster der Betreuungsperson oder Muster extremer Vorfälle, die Kin- dern zu verstehen geben, sie seien wertlos, voller Fehler, ungeliebt, ungewollt, sehr in Gefahr oder nur dazu nütze, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erfüllen“, angesehen. (American Professional Society on Abuse of Children, 1995, in Galm, 2010, S. 22)

Dazu zählen Drohungen oder Einschüchterungen, die Ablehnung des Kindes durch Kritik, Herabsetzung und Erniedrigung, seine Isolation von möglichen Helfern durch Einsperren und Kontaktverbote, oder das bewusste Fördern von kriminellem Verhalten, indem ein erziehungsberechtigter Elternteil sein Kind z.B. zum Diebstahl animiert.

Linnemann (2006, S. 5) definiert diese psychische Misshandlung als etwas, „was dem Kind Angst macht, es bedroht und in der Entwicklung seines Selbstwertgefühls beein- trächtigt.“

Hirsch (1999) spricht von emotionalem Missbrauch, wenn die Eltern ihr Kind dazu verwenden, ihre narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen, z.B. wenn die Eltern wollen, dass ihr Kind ihre eigenen unerfüllten Träume verwirklicht, aussieht und handelt wie sie oder, dass ein Kind chronisch kranke Eltern pflegen muss, wodurch es eine Erwachse- nenrolle übernimmt.

1.1.1.3 Sexueller Missbrauch

Sexueller Missbrauch ist „jede Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Be- dürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“ (Bange und Deegener, 1996, in Galm, 2010, S. 22 f)

Sexueller Missbrauch unterscheidet sich sowohl im Täter- als auch im Opferprofil von anderen Misshandlungsformen. Täter, die Kinder sexuell missbrauchen, haben weder Schuldgefühle noch Empathie für ihre Opfer, sie übernehmen ohne Therapie keine Ver- antwortung für ihr Handeln und streiten die volle Tragweite ihrer Handlungen ab.

1983 beschrieb R.C. Summit das „Child Accomodation Syndrome“ sexuell missbrauchter Kinder. Es manifestiert sich durch Geheimhaltung, Hilflosigkeit, Verstrickungen, widersprüchliche Offenlegungen und dem Widerrufen von Klagen.

Sexuell missbrauchte Kinder fühlen, dass nicht richtig ist, was mit ihnen geschieht. Sie wähnen sich schuldig, weil sie sexualisierte oder sexuelle Handlungen an oder vor sich zulassen und sie fürchten den Verlust der Liebe ihrer nicht-missbrauchenden Bezugsperson(en). Sie sind verwirrt darüber, was Gut und was Böse ist, und das spiegelt sich in ihren meist widersprüchlichen Aussagen über den Missbrauch.

1.1.2 Arten der Kindesvernachlässigung

Unter Kindesvernachlässigung ist „(…) die (ausgeprägte, d. h. andauernde oder wieder- holte) Beeinträchtigung oder Schädigung der Entwicklung von Kindern durch die sorge- berechtigten und -verpflichteten Personen gemeint auf Grund unzureichender Pflege und Kleidung, mangelnder Ernährung und gesundheitlicher Fürsorge, zu geringer Beaufsich- tigung und Zuwendung, nachlässigem Schutz vor Gefahren sowie nicht hinreichender Anregung und Förderung motorischer, geistiger, emotionaler und sozialer Fähigkeiten.“ (Deegener, Körner, 2005, S. 37)

Nicht-repräsentative Daten lassen vermuten, dass Kindesvernachlässigung die häufigste Gefährdungsform der im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe bekannt gewordenen Fälle darstellt. Für Deutschland bestätigt dies eine Befragung von Jugendämtern zu Fällen, in denen die Anrufung eines Familiengerichts stattfand (Münder et al., 2000): 50% der Fälle hatten Vernachlässigung als zentrales Gefährdungsmerkmal.

1.1.2.1 Körperliche Vernachlässigung

Körperliche Vernachlässigung bezieht sich auf alles, was der Körper zum Gesundsein bräuchte, aber nicht bekommt, z.B. Flüssigkeit, Nahrung, dem Wetter entsprechende Kleidung, medizinische Versorgung im Krankheitsfall, gesunde Wohnverhältnisse, Körperhygiene, oder ausreichend Ruhephasen und Schlaf.

Jacobi (2005, S. 18) publizierte den Grundsatz, dass die Folgen von Vernachlässigung umso schwerwiegender sind, je jünger ein Kind ist und je länger dessen Vernachläs- sigung andauert. Empirisch belegt ist, dass das Gehirn jüngerer Kinder empfindsamer auf entwicklungsbeeinträchtigende Störungen reagiert als das älterer Leidensgenossen. Mangelnde Fürsorge kann das Gehirn eines Kindes in Gehirnchemie, Struktur und funktional verändern. Auch ein Mangel an wichtigen Nährstoffen und Vitaminen kann Einfluss auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns ausüben. Jacobi (2005) berichtet, dass sich ein Eiweiß- und Vitamin-B-Mangel bei Babys auf den Intelligenz-Quotienten auswirken kann.

1.1.2.2 Emotionale Vernachlässigung

Vernachlässigende Eltern haben meist Schwierigkeiten, den Gesichtsausdruck ihres Kindes einer bestimmten Emotion zuzuordnen. Sie reagieren bei Weinen, Lachen, in Spielsituationen, beim Füttern, oder Baden, also nahezu in jeder Lebenslage, im Zusammensein mit ihrem Kind gestresst.

Emotionale Vernachlässigung liegt vor, wenn Bezugspersonen anhaltend falsch oder wenig bis gar nicht auf die emotionalen Signale ihres Kindes reagieren und wenn dem Kind verlässliche Beziehungen, emotionale Zuwendung und die Förderung seiner motorischen, geistigen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten vorenthalten wird.

Ein Hinweis auf die emotionale Vernachlässigung eines Kindes kann sein, dass das Kind sich zurückzieht und sich weniger gut als altersüblich in andere einfühlen kann, oder wenn es auf Kummer bzw. Schmerzen von anderen mit Aggressionen statt mit Mitge- fühl reagiert.

Auch extremes Misstrauen oder Distanzlosigkeit anderen Menschen gegenüber sind bei emotional vernachlässigten Kindern zu beobachten. Ebenso kommen Gefühlsausbrüche unerwartet heftig und unreflektiert.

Laut Gellert (2007) birgt emotionale Vernachlässigung ein erhöhtes Risiko von Persönlichkeitsstörungen im paranoiden, narzisstischen, schizoiden, dependenten und vermeidenden Bereich.

Blum-Maurice (2002, S. 121 f) sieht einen Zusammenhang zwischen Vernachlässi- gungserfahrungen in der Kindheit und massiven Bindungsängsten mit häufigen Partner- wechseln, sowie zwischen der Kinderzahl und dem in der Kindheit nie gestillten Durst nach Liebe.

1.1.2.3 Kognitive Vernachlässigung

Kognitive Vernachlässigung beinhaltet einen Mangel an geistiger Anregung, an Kom- munikation, Spaß und Spiel. Um zu verdeutlichen, was bei kognitiver Vernachlässigung fehlen kann, wird an dieser Stelle aufgezeigt, was ein Kind für seine kognitive Entwick- lung braucht.

Jean Piaget teilte die kognitive Entwicklung von Kindern in vier Phasen ein. In der ersten Phase, der senso-motorischen, bis zum 2. Lebensjahr eines Kindes, benötigt ein Kind ausreichend Spielmaterial und menschliche Nähe für erste Wahrnehmungserfahrungen. Genügend Raum und Beschäftigung mit dem Kind unterstützen seine ersten Experimente mit Bewegungen.

In der darauf folgenden Stufe des vorbegrifflichen und symbolischen Denkens fängt das Kind an, Dinge, Menschen, Situationen zu benennen und es kann diese in kreativen AlsOb-Spielen von ihrer ursprünglichen Repräsentation lösen.

Die dritte Stufe, jene des anschaulichen Denkens zwischen 4 und 7 bzw. 8 Jahren, verlangt von Eltern klare Regeln und logische Wenn-Dann-Handlungsabläufe.

Die konkreten Operationen zwischen 7/8 und 11/12 Jahren helfen Kindern vorausschauend zu handeln. Eltern sollten nun darauf achten, dass ihre Kinder Empathie erlernen, i.e. Kompetenzen zur Perspektiven- und Rollenübernahme entwickeln.

Ab dem 11./12. Lebensjahr sprach Piaget von der letzten Stufe der formalen Operationen - das Kind beherrscht nun auch abstraktes Denken. Der gedankliche Austausch mit Freunden wird wichtig und sollte von den Eltern gefördert werden.

1.1.2.4 Soziale Vernachlässigung

Soziale Vernachlässigung unterteilt sich in erzieherische Vernachlässigung und in unzu- reichende Beaufsichtigung. Beides kann zu Störungen des Sozialverhaltens führen.

Von erzieherischer Vernachlässigung spricht man dort, wo Sorgeberechtigte den Erziehungs- und/oder Förderbedarf ihres Kindes missachten. Erzieherische Vernachlässigung deckt sich in vielen Fällen mit kognitiver Vernachlässigung!

Von unzureichender Beaufsichtigung spricht man, wenn Kinder über altersentsprechend unangemessen lange Zeiträume alleine gelassen werden oder auf sich gestellt sind, oder wenn die Sorgeberechtigten eines Kindes auf eine längere unangekündigte Abwesenheit ihres Kindes nicht reagieren.

2 Kindliche Entwicklung und Bedürfnisse

Um der Frage nachzugehen, was unter altersentsprechend zu verstehen ist und wie ein Elternteil adäquat auf die Wünsche und Bedürfnisse seines Kindes eingehen kann, folgt u.a. ein Exkurs in die Gedankenwelt eines anerkannten deutsch-amerikanischen Psycho- analytikers.

2.1 Kindliche Entwicklung nach Erikson

Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson stellte 1966 ein Modell vor, in dem er davon ausging, dass sich Menschen in sozialen Phasen entwickeln, die von bestimmten Thematiken geprägt sind. Die Thematiken werden in den einzelnen Phasen so akut, dass sie bei den Betroffenen zu einer Entwicklungskrise führen. Um zu einer stabilen Persönlichkeit heranzureifen, müssen die einzelnen Krisen erfolgreich bewältigt werden. Was als erfolgreich gilt, wird dabei von Zeitgeist und Kultur festgelegt.

Nach Eriksons Ansatz lässt sich formulieren: Falls es zu Problemen in der Persönlichkeitsentwicklung kommt, kann mit Hilfe der Phasen rückverfolgt werden, welche Krise nicht bewältigt wurde und die Entwicklung des betroffenen Menschen hemmt.

Für Kinder im Misshandlungskontext sind folgende Lebensphasen von Interesse: Vertrauen versus Misstrauen (1. Lebensjahr)

Neugeborene sind darauf angewiesen, versorgt zu werden. Dass es Bezugspersonen gibt, die diese Versorgung gewährleisten, fördert das Vertrauen des Kindes, dass die Außenwelt adäquat auf seine Bedürfnisse reagiert. Da Bezugspersonen nicht 24 Stunden täglich zur Verfügung stehen, macht das Kind auch die Erfahrung, dass es Zeiten gibt, in denen seine Bedürfnisse nicht oder nur unzureichend befriedigt werden. Das fördert Misstrauen. Entscheidend für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist, dass das 1. Lebensjahr mehr von Vertrauen als von Misstrauen geprägt wird.

Autonomie versus Scham und Zweifel (2. und 3. Lebensjahr)

Gehen, Sprechen, Stuhlkontrolle, die Entwicklung einer Vorstellung vom Ich im Ge-

gensatz zum Du - Kinder im Alter von 2 bis 3 Jahren werden immer unabhängiger von ihren Bezugspersonen. Eine gesunde Entwicklung in dieser Phase schließt mit einer ausgewogenen Mischung aus Festhalten und Loslassen ab, was sich sowohl auf die Emanzipation von den Bezugspersonen als auch auf die Stuhlkontrolle bezieht. Negative Botschaften, die Kinder in dieser Phase von ihren Eltern mitbekommen, können zu Scham und Selbstzweifeln führen.

Initiative versus Schuldgefühl (4. und 5. Lebensjahr)

Das Kind differenziert sich zunehmend von der Umwelt und versucht, die Realität zu erkunden, was sich in Fragen äußert und im Ausprobieren unterschiedlicher Rollen im Spiel. Das Kleinkind erkundet seine Umgebung und lernt, Dinge aus Eigeninitiative und ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Diese Phase ist auch von der Entdeckung des eigenen Geschlechts geprägt. Laut Erikson lernt das Kleinkind erstmals Schuldgefühle kennen. Nach seiner Theorie bildet sich in dieser Zeit das Gewissen eines Menschen aus. Ein erfolgreiches Erleben dieser Phase schließt mit mehr Selbstsicherheit als Schuldgefüh- len ab.

Werksinn versus Minderwertigkeitsgefühl (6. Lebensjahr bis zur Pubertät) Die kognitiven Fähigkeiten des Kindes entwickeln sich. Der Drang, die Welt durch Spielen zu erforschen weicht der Entwicklung eines Werksinnes. Kinder in diesem Alter wollen Schönes, Andauerndes, Nützliches schaffen und bewundert und anerkannt von den Erwachsenen sein. Mangelndes Lob und Erfolgserlebnisse können zu Minderwertigkeitsgefühlen und Versagensängsten führen.

Identität versus Identitätsdiffusion (13. bis 20. Lebensjahr)

Die vorangehenden Phasen liefern die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewäl- tigung dieses Lebensabschnittes: Vertrauen, Autonomie, Initiative, Fleiß. Hinzu kom- men die körperlichen und hormonellen Veränderungen durch die Pubertät. Jugendliche neigen dazu, ihre Umwelt und sich selbst in Frage zu stellen und eine für sie selbst annehmbare Identität zu entwickeln. Diese setzt sich aus den bisher gesammelten Erfah- rungen zusammen, die zu einer Ich-Identität zusammenzufügt werden. Die Identitäts- bildung gelingt besser, wenn vermehrt positive Erfahrungen gesammelt wurden. Ist das nicht der Fall, kommt es laut Erikson zu einer instabilen Ich-Identität, zur sogenannten Identitätsdiffusion.

2.2 Kindliche Bedürfnisse

Kindliche Bedürfnisse sind von gesellschaftlichen Normen und vom Lebensstandard des unmittelbaren Umfelds geprägt. (Engelbert, 2000, S. 6) Die heute geltenden Werte verlangen nach Nahrung und Schlaf, Gesundheit und Hygiene, Liebe und Verständnis, Schutz und Geborgenheit, Verlässlichkeit und Kontinuität. Für Schultz (2005) basiert eine drohende Kindeswohlgefährdung auf „fortwährend ungelösten Bedürfniskonflik- ten“. (Schultz, S. 471)

Kindliche Bedürfnisse lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Dem Bedürfnis nach grundlegender Versorgung und Schutz (existence), nach sozialer Bindung und Verbundenheit (relatedness) sowie nach Wachstum (growth).

Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie zufolge haben Kinder körperliche Bedürfnisse, Schutzbedürfnisse, das Bedürfnis, verstanden zu werden und zu einer Gemeinschaft zu gehören, Bedürfnisse nach Wertschätzung und Streicheleinheiten auf psychischer wie physischer Ebene, und Kinder haben auch Bedürfnisse nach Anregung, Spiel, Leistung und Selbstverwirklichung.

Abbildung 1: Bedürfnispyramide nach Maslow

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fünf Stufen auf dem Weg zur Selbstverwirklichung

Der amerikanische Psychologe A. Maslow etablierte mit seiner Bedürfnispyramide fünf Grundbedürfnisse, von denen das jeweils untere Grundbedürfnis bis zu einem gewissen Grad befriedigt sein muss, damit auf der nächsthöheren Ebene Bedürfnisse entstehen.

Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Hannover hat 1997 elf kindliche Grundbe-

dürfnisse festgelegt (Schultz, 2005, S. 468 ff): Körperpflege, Wach- und Schlafplatz, Kleidung, Ernährung, Behandlung von Krankheiten und Entwicklungsstörungen, Schutz vor Gefahren, Zärtlichkeit, Anerkennung und Bestätigung, Sicherheit und Geborgenheit, Individualität und Selbstbestimmung, Ansprache und eine lang andauernde Bindung an jene Person, die für die Befriedigung der o.g. Bedürfnisse sorgt.

2.2.1 Physiologische Bedürfnisse und Erkenntnisse aus der Neurobiologie

Nicht nur Körper und Psyche, auch das kindliche Gehirn verlangt nach Nahrung und Schlaf, Gesundheit und Hygiene, Liebe und Verständnis, Schutz und Geborgenheit, Verlässlichkeit und Kontinuität.

„(…) there is increasing evidence that children’s early brain development and socioemotional and cognitive development can be severely compromised by inadequate or harmful parenting.” (Egeland, 2009)

Siegel (1999) führt aus, wie frühe wiederholte sowohl positive als auch negative Erfahrungen die Struktur der „neuronal circuits“ im Gehirn formen.

Weber und Reynolds (2004) belegen, dass Stress, Misshandlung und psychische Traumen in „permanent structural changes, and subsequent functional deficits“ in der Amygdala, dem Hippocampus und dem Temporallappen zur Folge haben. Ein dysfunktionaler Stirnlappen kann, laut Hare (1993), zur Unfähigkeit führen, sich situationsangepasst zu benehmen und eine Rolle bei antisozialem Verhalten wie Aggressivität, Impulsivität, Egozentrismus, Kaltblütigkeit, oder Drogenaffinität spielen.

2.2.2 Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit - Bowlby’s Bindungstheorie

Das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit äußert sich im kindlichen Bindungsverhalten. Dieses zeichnet sich bei Babys durch Weinen, Lächeln, Brabbeln und Schreien, so genannten Signalverhaltensweisen (Julius, 2009, S. 13), aus. Es folgen nach und nach Anklammern, Ankuscheln, Nachkrabbeln oder Nachlaufen.

Kindliches Bindungsverhalten verläuft im Idealfall komplementär zu elterlichem Fürsorgeverhalten. (Julius, 2009) Weint, das Kind, braucht es z.B. tröstende Worte. Schreit das Kind, verlangt die Situation nach einem ruhigen Gegenüber.

Neben adäquaten Reaktionen der Bezugspersonen auf das kindliche Bindungsverhalten verlangt auch das Explorationsverhalten von Kindern ihren Eltern erzieherisches Basis- wissen ab.

Das kindliche Explorationsverhalten ist antithetisch zum Bindungsverhalten. Wenn sich ein Kind sicher fühlt, hat es keine Angst, sich von seiner Bezugsperson wegzubewegen, um einen Gegenstand in seiner Umwelt zu erforschen. Wichtig für ein Kind sind die Erlaubnis zu forschen und die Erfahrung, dass es zur Not Hilfe und Unterstützung von den Eltern bekommt.

2.2.3 Bedürfnis nach Verständnis und sozialer Bindung

Bindung spielt auch in der Sozialisation nach Außen eine Rolle. Die „Theory of Mind“, für die es keinen einheitlichen deutschen Begriff gibt, geht davon aus, dass wir uns selbst und anderen Menschen ständig mentale Zustände zuschreiben. Wir glauben, denken, hoffen, wünschen, wissen, was unser Gegenüber glaubt, denkt, hofft, wünscht, weiß oder gar vortäuscht.

Ohne Annahmen, so die „Theory of Mind“, hätten wir Angst, weil wir Situationen, in denen wir uns befinden nicht abschätzen könnten. Ohne Verständnis der Anderen und ohne die durch Interaktion verbal und non-verbal entstehenden Kürzel des Alltags könnten Menschen nicht bestehen.

Durch das, was in der Interaktion mit seinen Bezugspersonen gespiegelt wird, erlernt das Kind bestimmte Spannungszustände in seinem Körper als bestimmte Emotionen zu deuten. Problematisch für Kinder mit z.B. suchtkranken oder psychisch kranken Eltern ist es, wenn sie Situationen nicht richtig einschätzen lernen, weil sie keine konstante Reaktion erhalten, i.e. die Mutter z.B. angesichts eines selbstgebastelten Geschenks des Kindes einmal freudig, einmal verärgert und einmal depressiv und ohne offensichtliche Emotion reagiert.

2.3 Mögliche Folgen und Entwicklungsdefizite bei Missachtung und Verwehrung

Bei Kindesmisshandlung gibt es kein typisches Misshandlungssyndrom. Es lassen sich laut Moggi (2005) jedoch Kurzzeitfolgen und Langzeitfolgen beobachten.

Kurzzeitfolgen lassen sich in unterschiedliche Störungsgruppen unterteilen.

Zur Gruppe der kognitiv-emotionalen Störungen zählen Aufmerksamkeits- und Kon- zentrationsstörungen, Sprachschwierigkeiten, Depressionen, ein niedriger Selbstwert, Schuldgefühle und Selbstregulationsstörungen wie z.B. mangelnde Impulskontrolle.

Somatische und psychosomatische Störungen umfassen Bettnässen, Einkoten, oder Atembeschwerden und Bauchkrämpfe ohne Befund.

Die Gruppe der Störungen des Sozialverhaltens beinhaltet Weglaufen von Zuhause, Distanzlosigkeit gegenüber Fremden, oder Delinquenz.

Der Kreis Stormarn setzt in seinem Handbuch Kindeswohlgefährdung (2010, S. 4, Kap. 2) den Fokus auf die unterschiedlichen Entwicklungsebenen eines Kindes und dort auf mögliche Indikatoren für Vernachlässigung.

Körperlich: Hohe Infektanfälligkeit (z.B. Atemwegserkrankungen), Unter- bzw. Übergewicht durch Fehlernährung, verzögerte/gestörte motorische Entwicklung, unversorgte Krankheiten (z.B. Hauterkrankungen, Verletzungen), unzureichende Körper- und Zahnhygiene, oder fehlende ärztliche Grundversorgung (z.B. Impfungen).

Psychosozial: Auffälliges Sozialverhalten (z.B. Distanzlosigkeit oder Kontaktunfähigkeit, Aggressivität), Selbstunsicherheit/mangelndes Selbstwertgefühl (z.B. Depressionen, Ängste, autoaggressives Verhalten), Hyperaktivität oder Apathie, gestörter SchlafWach-Rhythmus, und Essstörungen.

Kognitiv: Sprachprobleme, nicht altersgemäßes Sprachverständnis (z.B. Schwierigkei- ten, Gehörtes, Gesehenes und Erlebtes sprachlich wiederzugeben oder Sprachbotschaf- ten zu entschlüsseln), Konzentrationsschwierigkeiten und Wahrnehmungsstörungen.

Tabelle 1: Grundbedürfnisse von Kindern und Folgen bei Mangel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grundbedürfnisse von Kindern und Folgen bei Mangel (Schrapper, 2008, S.60)

3 Begriffsdefinition Gewalt

Die oben angeführte Tabelle weist auf akute Folgen und auf Langzeitfolgen hin, wenn kindlichen Grundbedürfnissen durch Misshandlung und Vernachlässigung Gewalt angetan wird. Gewalt bedeutet nicht nur sichtbare blaue Flecken. Gewalt kann neben physischen Auswirkungen auch psychisch oder verbal ausgeübt werden. In jedem Fall fügt Gewalt einem anderen Lebewesen gegen dessen Willen Traumen zu.

Für den österreichischen Kinderarzt Hans Asperger ist „Misshandlung (…) jede in erzie- herischer Absicht erfolgte Einwirkung auf das Kind, die nach ihrem Grund, ihrer Stärke und ihrer Häufigkeit eine bedeutende Schädigung hervorruft.“ (Ulonska & Koch 1997, S.33)

Der Schwerpunkt liegt auf „bedeutende Schädigung“. Die Literatur macht Unterschiede zwischen „leichter“ und „schwerer“ Misshandlung, und „leichte“ Formen der Gewalt gegen Kinder, wie ein Klaps auf den Po, Zwicken oder Boxen in den Oberarm, an den Ohren ziehen oder ein Schlag auf den Hinterkopf, sind ihr zufolge nicht gerne gesehene aber von der Gesellschaft tolerierte körperliche Angriffe auf den kindlichen Körper.

Als „schwere“ Formen der Gewalt gelten in Fachkreisen gewalttätige Handlungen, die merkbare Verletzungen nach sich ziehen, und die körperlich oder seelisch behandelt werden müssen.

3.1 Zirkel der Gewalt und Viktimologie

Die Viktimologie versucht, Verbrechen, die Menschen verüben, in Täter- und Opfertypen zu unterteilen, um das „Warum?“ von Gewalttaten besser zu verstehen.

Der Vater der Kriminalpsychologie, Hans v. Hentig, teilte Opfer in Risikogruppen aufgrund räumlich-zeitlicher Umstände, ihrer familiären oder beruflichen Stellung, ihres aggressiven Verhaltens, reduzierten Widerstands (durch Vertrauen), besonderen biologischen Konstitutionen (z.B. Trunkenheit oder Behinderung), oder weil das Opfer einer Minderheit angehört, ein. (Stemmler, 2001, S. 9) Kinder wären, von Hentig zufolge, aufgrund ihrer familiären Stellung Opfer.

Eine andere Typisierung nach Fattah fokussiert auf den Tatbeitrag des Opfers und unterteilt in nicht-teilnehmendes, latent-prädisponiertes, provozierendes, mitmachendes oder falsches Opfer. (Stemmler, 2001, S. 9)

Auch die Theorie der erlernten Hilflosigkeit wird als Möglichkeit zur Entstehung einer Opferkarriere genannt. Sie geht davon aus, dass Menschen, die mehrfach negative Erfahrungen machen, diese verinnerlichen und im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung passiv und ohne Widerstand Tätern gegenübertreten.

Verschiedene Disziplinen bieten verschiedene Erklärungsmodelle für Gewalt an Kindern an. So reagieren laut neurobiologischen Erkenntnissen Kindesmisshandler physiologisch stärker auf Stimuli, die von Kindern ausgehen. Auch kleinere Gehirndefekte werden als Gründe für gewalttätiges Verhalten genannt. (Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie, 1998, S. 26)

Die Ressourcentheorie von Goode (Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Fami- lie, 1998, S. 28) sieht Gewalt als letzte Ressource von Eltern mit kognitiven Defiziten und mangelnder Problemlösungsfähigkeit. Oft wurde misshandelnden Eltern in ihrer Kindheit selbst Gewalt angetan. In solchen Fällen geht die psychoanalytische Schule da- von aus, dass eine Identifikation mit dem Aggressor (i.e. den misshandelnden Eltern der Eltern) und somit die Täter- vor der Opferrolle gewählt wurde, vor allem, wenn entspre- chend der Theorie des sozialen Lernens keine nicht gewalttätigen Bezugspersonen im Umfeld der misshandelten Kinder zur Identifikation zur Verfügung standen.

4 Bekannte Risikofaktoren

Die Ressourcentheorie setzt sich mit einem der bekannten Risikofaktoren für Kindes- wohlgefährdung auseinander - den Kindheitserfahrungen der misshandelnden Eltern. Die Untersuchung der Entstehung weiterer Entwicklungsrisiken und das Erarbeiten weiterer Risikofaktoren für das Kindeswohl ist Aufgabe der noch jungen Entwicklungs- psychopathologie. In diesen Forschungszweig fließen biopsychosoziale Sichtweisen und multidimensionale Erklärungsansätze zur Entstehung von Gewalt und zur Gefährdung des Kindeswohles ein.

So sehen personenzentrierte Theorien die Ursachen für Gewalt in der Familie in den individuellen Eigenschaften von Menschen. Sie betrachten Gewalt als Folge charakterlicher Besonderheiten, Persönlichkeitsstörungen oder von Intelligenzdefiziten der Täter und Täterinnen.

Sozialpsychologische Theorien führen die Ursachen für Gewalt in der Familie auf externe Faktoren, die auf die Familie einwirken, wie zum Beispiel wirtschaftlich bedingten Leistungsdruck, zurück.

Soziale Lerntheorien bringen Gewalt mit erlernten schlechten Kindheitserfahrungen in Verbindung.

Stresstheorien gehen davon aus, dass Gewalt durch Stress ausgelöst wird. Je mehr Ereignisse eine Familie belasten, desto wahrscheinlicher sind Gewalthandlungen.

In soziostrukturellen und soziokulturellen Theorien wird die Gewalt mit sozialen Strukturen und kulturellen Normen und Werten in Verbindung gebracht.

Ressourcentheoretische Ansätze und Theorien zur Statusinkonsistenz gehen davon aus, dass Gewalt ein Mittel zur Aufrechterhaltung von Rollen und Strukturen innerhalb der Familie ist. Zu Gewalthandlungen kommt es dann, wenn sich ein Familienmitglied mit einer übergeordneten Position an seiner Position bedroht sieht.

Die systemtheoretischen Ansätze sehen Gewalt in Familien als Produkt dessen, wie innerhalb und/oder außerhalb des Systems Familie auf Gewalttaten reagiert wird.

Komplexe Modelle wie jene von Belsky (1989) und Wollwerth de Chuquisengo und Kreß (2005), die bei Deegener und Körner (2008, S. 20 f) vorgestellt werden, zeigen viele Wechselwirkungen auf und machen deutlich, wie wichtig ein Blick auf die Wech- selwirkungen zwischen Risiko- und Schutzfaktoren bei der Beurteilung des Kindeswoh- les ist.

Abbildung 2: Risiko und Resilienz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Risiken und Ressourcen für eine gesunde kindliche Entwicklung (Deegener, K ö rner, 2008, S. 24 f)

Deegener und Körner (2008, S. 24 f) führen mehrere Faktoren als Risikofaktoren für eine gesunde Kindesentwicklung an: z.B. niedriger sozio-ökonomischer Status der Familie, große Familie und beengte Wohnverhältnisse, Belastungen der Eltern, Tren- nungen und Verluste von Elternteilen, chronische Disharmonie in der Familie, Mütter- Merkmale wie sehr jung oder sehr alt, Väter-Merkmale wie abwesend oder autoritär, häufig wechselnde Beziehungen durch z.B. Umzüge, mangelnde soziale Unterstützung, geringer Altersabstand zum nächstjüngeren Kind, oder das Geschlecht des Kindes. Die Autoren weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass „ein einzelner Faktor (nicht) als si- cherer Hinweis für spätere Entwicklungsstörungen angesehen (werden kann)“. (Deege- ner und Körner, 2008, S. 25)

Auf den nächsten Seiten werden die in der Literatur am häufigsten angeführten Risikofaktoren vorgestellt.

4.1 Kindheitserfahrungen der Eltern

Aus bindungstheoretischer Sicht fällt es Kindern, die von ihren Bezugspersonen ver- nachlässigt oder misshandelt werden, schwer, stabile Persönlichkeiten zu entwickeln. 1975 begründeten die Amerikaner Byron Egeland und Amos Deinard das Minnesota Parent Child Project (MPCP). Die aufwändige Längsschnittstudie wurde mit einem so genannten High-Risk Sample durchgeführt und hatte zum Ziel, die Entwicklung der Kind-Eltern-Bindung zu untersuchen um herauszufinden, wie sich Bindung im Laufe der kindlichen Entwicklung verändert und welchen Einfluss die Bindungsqualität der frühen Kindheit auf die weitere Entwicklung eines Menschen nimmt, sowie welche Faktoren es Kindern ermöglichen, zu stabilen Persönlichkeiten heranzuwachsen, trotzdem sie aus risikobehafteten Familien stammen.

Es wurden 267 schwangere Frauen von Egeland und seinen Mitarbeitern in die Studie aufgenommen. Alle Schwangeren lebten zum Zeitpunkt ihrer Rekrutierung unterhalb der Armutsgrenze und waren mit weiteren Risikofaktoren wie Drogenmissbrauch, Ge- walt oder hohe Mobilität belastet. Die Kinder dieser Frauen wurden nach ihrer Geburt im 1. Lebensjahr elf Mal, zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr zwei Mal, und ab dem 5. Lebensjahr bis in die Pubertät ein Mal, sowohl unter Laborbedingungen als auch in natürlichen Settings, untersucht.

Etwa 15% der Kinder erlebten in den ersten vier Lebensjahren Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung. Aber: „Obwohl die Misshandlungserfahrung von Erwachsenen ein Hauptrisikofaktor für die Misshandlung deren eigener Kinder darstellt, fand man, dass die Mehrheit der ehemals misshandelten Mütter die eigenen Kinder nicht derart traumatisierte.“ (Kißgen, 2009, S. 235) Von den Müttern, die selbst als Kinder Misshandlung erfahren hatten, misshandelten 66% ihre Kinder nicht. 6% verließen ihre Kinder. Bei Müttern, die keine Misshandlung in der Kindheit erfahren hatten, lag die Kindesmisshandlungsrate unter einem Prozent. (Egeland, Bosquet, Levy-Chung, 2001)

4.2 Beziehungsmuster zwischen Eltern und Kindern

Auch problembehaftete Eltern-Kind-Beziehungsmuster werden als Risikofaktor für Kindeswohlgefährdung gehandelt. Dabei liegt jedem Beziehungsmuster eine bestimmte Art von Bindungserfahrung zugrunde. Dürfen Kinder nicht die Erfahrung machen, dass ihre Bedürfnisse von den Eltern er- und anerkannt werden, werden sie in ihrem kindlichen Grundvertrauen erschüttert, was sich auf ihre persönliche Entwicklung und auf ihre späteren Qualitäten als Eltern auswirken kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Blaue Flecken auf der Seele. Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdung im Arbeitsalltag burgenländischer Sozialarbeiterinnen
Hochschule
ARGE Bildungsmanagement Wien
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
103
Katalognummer
V353863
ISBN (eBook)
9783668402584
ISBN (Buch)
9783668402591
Dateigröße
9221 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Welche Rolle spielen die aus der Forschung bekannten Risikofaktoren rund um Kindeswohlgefährdung im Arbeitsalltag von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen tagsächlich? Welche Risikofaktoren sind gefährlicher als andere? Welche Kombination aus mehreren Risikofaktoren versetzt Sozialarbeiter in Alarmbereitschaft? Gibt es regionale Unterschiede? Gibt es neben Handlungsguides Raum für persönliche Einschätzung, i.e. Handlungsspielraum? Diese Fragen und noch mehr werden in der Masterarbeit ausführlich behandelt und wissenschaftlich beleuchtet.
Schlagworte
Kindeswohlgefährdung, Risikofaktoren, Misshandlung, Vernachlässigung
Arbeit zitieren
Petra Parsons (Autor:in), 2012, Blaue Flecken auf der Seele. Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdung im Arbeitsalltag burgenländischer Sozialarbeiterinnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353863

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