In dieser mit der Bestnote bewerteten Hausarbeit erläutert Sandra Lill, ob es sich bei Ludwig Tiecks Werk "Der gestiefelte Kater" um ein Märchen handelt. Die Kriterien hierfür werden zunächst erläutert und das Werk anschließend darauf untersucht. Die Illusionsbrechung, die Tieck durch sein Spiel im Spiel vornimmt, ist typisch für seine ironische und melancholische Grundstimmung in der Epoche der Romantik.
Ludwig Tieck gibt seinem 1797 erschienenen Stück „Der gestiefelte Kater“ den Untertitel „Kindermärchen in drei Akten Mit Zwischenspielen, einem Prologe und Epiloge“. Er möchte es zunächst also als Kindermärchen aufgefasst wissen. Doch bereits dieser Untertitel, der den Aufbau in Akten prognostiziert, ist ein Indiz dafür, dass es sich nicht um ein echtes Märchen handeln kann – denn ein solches wäre, wie im Folgenden gezeigt werden soll, prosaisch verfasst und demnach nicht in Akte gegliedert.
Doch oberflächlich betrachtet ist die Klassifizierung des Stückes, oder zumindest des Stückes im Stück, als Märchen thematisch durchaus zutreffend, da Tieck den Stoff aus Charles Perraults hundert Jahre zuvor erschienenem Märchen „Le Maître Chat ou Le Chat Botté“ verwendet und weiter bearbeitet. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm führten zeitweise eine deutsche Übersetzung dieses Textes in ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“, welche die Geschichte des Theaterstückes, das bei Tieck vor dem von vornherein unzufriedenen Publikum aufgeführt wird und bei diesem am Ende auch kläglich durchfällt, erzählt.
Betrachtet man jedoch nicht nur die oberflächliche Thematik des Stückes im Stück sondern bezieht dessen Rahmenhandlung im Theatersaal sowie die vielen verschiedenen Folien mit ein, auf denen Tieck seine Handlung voranbringt, kann die Gattungsbestimmung nicht mehr eindeutig vorgenommen werden. Zwar kommen mehrere märchenhafte Motive vor, doch wie im weiteren Verlauf verdeutlicht werden soll, wäre eine Typisierung Tiecks‘ „Der gestiefelte Kater“ als reines Märchen dennoch viel zu kurz gegriffen. Nichts desto trotz soll im Folgenden versucht werden, zu entscheiden, ob es sich zumindest wie im Untertitel angekündigt um ein Märchen – bzw. Kunstmärchen – handelt, oder ob dieser vollkommen in die Irre führt. Um zuvor die Begrifflichkeiten eindeutig zu klären, sollen zunächst die typischen Merkmale dieser Gattung erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Problematik der Gattungsbestimmung von „Der gestiefelte Kater“
2. Vorstellung der Gattung „Märchen“
2.1. Märchenhafte Motive in „Der gestiefelte Kater“
2.1.1. Ort- und Zeitlosigkeit des Geschehens
2.1.2. Verwendung märchenhafter Figuren
2.1.3. Glückliches Ende des Stückes im Stück
2.2. Märchenuntypische Motive in „Der gestiefelte Kater“
2.2.1. Hinterfragen wunderbarer Ereignisse
2.2.2. Aus der Rolle Fallen der Figuren
2.2.3. Scheitern des Stückes im Stück
3. Verneinung der Eingangsfrage und Aufzeigen möglicher Alternativen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die gattungstheoretische Einordnung von Ludwig Tiecks Stück „Der gestiefelte Kater“ und analysiert kritisch, ob das Werk trotz seines Untertitels tatsächlich als Märchen zu klassifizieren ist.
- Gattungsspezifische Merkmale von Volks- und Kunstmärchen
- Analyse märchenhafter vs. märchenuntypischer Motive im Werk
- Die Rolle der Rahmenhandlung und das „Spiel-im-Spiel“-Konzept
- Distanzierung von der Gattung durch Ironie und Metafiktion
- Verhältnis zwischen literarischer Fiktion und Realität
Auszug aus dem Buch
2.2.2. Aus der Rolle Fallen der Figuren
So märchenhaft die Figuren auch sein mögen, was ihre archetypischen und klischeehaft gezeichneten Charaktere betrifft, so verwunderlich ist doch an manchen Stellen ihr Verhalten. Denn noch während der Inszenierung des Stückes fallen sie mehrfach aus den ihnen zugeschriebenen Rollen, treten plötzlich als Schauspieler in Erscheinung und nicht mehr als die vom Dichter erschaffenen Figuren. Sie führen im Sinne der „Verklammerung von Binnen- und Rahmenhandlung“ von der Bühne aus Dialoge mit ihrem eigenen Publikum, was die Fiktion des Schauspiels vollkommen zusammenbrechen lässt.
Zum ersten Mal fällt beispielsweise der Darsteller des Prinzen Nathanael während der Aufführung aus seiner Rolle, als er den König ermahnt, sich nicht weiter darüber zu wundern, dass sie beide die gleiche Sprache sprechen, obwohl sie doch angeblich aus weit voneinander entfernten Ländern stammen. Dem fiktiven Publikum fällt diese Ungereimtheit jedoch sogleich auf, und es entdeckt noch mehr davon: „die Prinzessin müsste Sprachfehler machen“ weil sie auch nicht in der Lage ist, ihre Gedichte grammatikalisch korrekt zu verfassen, „Der König bleibt seinem Charakter doch nicht einen Augenblick getreu“ wenn er mal verständnisvoll, mal abweisend auf seine Tochter reagiert und „alle Schauspieler vergessen ihre Rollen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problematik der Gattungsbestimmung von „Der gestiefelte Kater“: Dieses Kapitel führt in die Forschungsfrage ein und erläutert, warum der Untertitel als „Kindermärchen“ aufgrund der aktweisen Struktur und der satirischen Anlage des Stücks kritisch zu hinterfragen ist.
2. Vorstellung der Gattung „Märchen“: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Volks- und Kunstmärchens definiert, um als Vergleichsfolie für die Analyse von Tiecks Stück zu dienen.
2.1. Märchenhafte Motive in „Der gestiefelte Kater“: Dieser Abschnitt beleuchtet Elemente im Stück, die auf eine Märchenhaftigkeit hindeuten, wie etwa die Unbestimmtheit von Ort und Zeit, das Archetypen-Personal und das glückliche Ende innerhalb des Binnenspiels.
2.2. Märchenuntypische Motive in „Der gestiefelte Kater“: Das Kapitel kontrastiert die märchenhaften Ansätze mit den zahlreichen Brüchen der Gattung, insbesondere durch die ständige Infragestellung des Wunderbaren, die Meta-Ebene des Rollenspiels und das Scheitern der Binnenhandlung.
3. Verneinung der Eingangsfrage und Aufzeigen möglicher Alternativen: Das Fazit stellt fest, dass das Werk kein Märchen ist, sondern eher als komplexe, satirische Mischform aus Literatur-, Theater- und Politsatire zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Ludwig Tieck, Der gestiefelte Kater, Gattungstheorie, Kunstmärchen, Romantik, Spiel-im-Spiel, Metadrama, Literaturkritik, Satire, Fiktion, Rahmenhandlung, Ironie, Bühnenillusion, Märchenforschung, Theaterästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literaturwissenschaftliche Gattungsbestimmung von Ludwig Tiecks Stück „Der gestiefelte Kater“ von 1797.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Vergleich zwischen klassischen Märchenmerkmalen und den tatsächlichen dramatischen Elementen bei Tieck sowie die Analyse der Erzählstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, ob die Bezeichnung „Kindermärchen“ zutreffend ist oder ob das Werk eher eine bewusste ironische Abkehr von diesem Genre darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine textnahe Analyse unter Einbeziehung gattungstheoretischer Definitionen und zeitgenössischer Literaturkritik zur Romantik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert sowohl märchenhafte Aspekte (wie Ort- und Zeitlosigkeit) als auch die massiven Widersprüche zur Gattung durch Rollenbrüche und satirische Brechungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Kunstmärchen, Spiel-im-Spiel, Metafiktion, Ironie, Bühnenillusion und Parodie.
Warum spielt die Rahmenhandlung eine entscheidende Rolle bei der Gattungsbestimmung?
Die Rahmenhandlung mit dem kritischen Theaterpublikum zerstört die für ein Märchen notwendige, als selbstverständlich akzeptierte Fiktion und deckt das Stück als Konstrukt auf.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Figuren im Stück?
Die Figuren agieren laut Analyse als Archetypen, die jedoch ständig aus ihrer Rolle fallen, womit sie ihre Identität als Schauspieler entlarven und das „Märchen“ als solches unterwandern.
- Arbeit zitieren
- Sandra Lill (Autor:in), 2012, Ist Ludwig Tiecks "Der gestiefelte Kater" ein Märchen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353951