Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda kam im Jahr 2004 eine Vielzahl an Filmen auf, die sich mit dem ruandischen Genozid auseinandersetzten. Darunter der 2005 erstmalig in Deutschland erschienene Film "Hotel Ruanda" des Iren Terry George, der auf der wahren Geschichte des überlebenden Hotelmanagers Paul Rusesabagina fußt. Der Film konzentriert sich vor dem Hintergrund des Genozids insbesondere auf das individuelle Schicksal von Paul und seiner Familie. Dieser Ansatz lässt die erinnerungskulturwissenschaftliche Forschungsfrage aufkommen, inwieweit die im Film dargestellte individuelle Perspektive des Hotelmanagers Paul Rusesabagina es vermag, eine kulturelle Erinnerung an den ruandischen Genozid zu konstruieren.
Neben der formulierten Frage soll zudem geklärt werden, inwieweit es sich bei "Hotel Ruanda" um einen Erinnerungsfilm handelt. Als methodische Grundlage dient das von Astrid Erll und Stephanie Wodianka herausgegebene Sammelwerk "Film und kulturelle Erinnerung. Plurimediale Konstellationen", in welchem die Autoren betonen, dass es sich bei einem Erinnerungsfilm um ein "gesellschaftlich und plurimedial ausgehandeltes Phänomen" handelt, das zwar als Beitrag zur Erinnerungskultur aspiriert werden kann, jedoch erst in der Rezension zu einem veritablen Erinnerungsfilm wird. Aus diesem Grund würde eine ausschließlich filmimimmanente Analyse zu kurz greifen, sodass die gewonnenen Erkenntnisse aus der Filmanalyse in dieser Arbeit noch von einer filmtranszendierenden Untersuchung gestützt werden.
Im Mittelpunkt der filmimmanenten Analyse steht einerseits die Ebene der Ästhetik, bestehend aus der zu analysierenden audiovisuellen Gestaltung und Ikonografie des Films und andererseits die Ebene der Narration. Hierbei sollen die Identifikationsmöglichkeiten, die der Film den Zuschauer/Innen in Bezug auf den Protagonisten Paul bietet, ausgelotet werden. Innerhalb der filmtranszendierenden Untersuchung werden die von Erll und Wodianka angeführten "sozialsystemischen Prozesse" bestehend aus Marketingstrategien, Preisverleihungen, öffentlichen Diskussionen und didaktischen Weiterverarbeitungen des Films beleuchtet. In Bezug auf "Hotel Ruanda" dienen diese Bereiche als abzulesender Kriterienkatalog für die zu klärende Frage, inwieweit es sich bei dem genannten Film um einen Erinnerungsfilm handelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inhaltsangabe des Films
3. Politische und historische Kontextualisierung
4. Ebene der Ästhetik – Audiovisuelle Gestaltung & Ikonografie
5. Ebene der Narration – Möglichkeiten der Identifikation
6. Plurimediale Netzwerke
6.1 Marketing
6.2. Würdigung durch Preisverleihungen
6.3. Öffentliche Diskussion
6.4. Didaktische Weiterverarbeitung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht, inwieweit der Film „Hotel Ruanda“ als Erinnerungsmedium fungiert und dazu beitragen kann, eine individuelle Perspektive in eine kulturelle Erinnerung an den ruandischen Völkermord zu überführen. Dabei wird analysiert, wie die filmische Inszenierung und die Einbettung in plurimediale Netzwerke die Wahrnehmung des Genozids beeinflussen.
- Filmische Analyse der Ästhetik und Narration
- Historische und politische Kontextualisierung des ruandischen Völkermords
- Untersuchung von Marketing und öffentlicher Rezeption
- Bedeutung didaktischer Weiterverarbeitung für das kollektive Gedächtnis
Auszug aus dem Buch
4. Ebene der Ästhetik – Audiovisuelle Gestaltung & Ikonografie
Filmästhetisch handelt es sich bei „Hotel Ruanda“ um eine konventionelle Produktion, was sich sowohl anhand der Bildsprache und musikalischen Untermalung als auch anhand der tradierten Plot-Struktur ablesen und illustrieren lässt.
Bei Betrachtung der fimsprachlichen und stilistischen Details fällt auf, dass sich von der afilmischen zur profilmischen Wirklichkeit partielle Transformierungen vollziehen: So wurde „Hotel Ruanda“ nicht vor Ort in Kigali, sondern in Südafrika gedreht. Doch nicht nur das symbolträchtige Hôtel des Mille Collines in Kigali als realer Schauplatz des Geschehens transformiert damit zur rein profilmischen Kulisse eines arbiträren Hotels in Südafrika. Auch der reale Zeitzeuge Paul Rusesabagina transformiert zur von Hollywood-Star Don Cheadle verkörperten Filmfigur und Paul Rusesabaginas Zeitzeugenbericht zum konventionell konzipierten Plot.
Kommerzielle Dramen- und Actionsfilmkonstruktionen finden sich auch in der gewählten Filmmusik wieder: Stellenweise sind einzelne Szenen sehr eindringlich und fast übersuggestiv mit Musik unterlegt, wie beispielsweise in der Szene, in der die westlichen Hotelgäste samt Berichterstatter bei strömenden Regen evakuiert werden und die Ruander hingegen zurückbleiben müssen. Der Szene kommt aber auch eine zentrale symbolische Bedeutung zu: Während Paul die Abfahrt überwacht, wird er komplett vom Regen durchnässt und damit symbolisch von der westlichen Welt im Regen stehen gelassen. Gleichzeitig deutet das durchnässt sein von Kopf bis Fuß auf Pauls Realisierung der Wirklichkeit hin.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, inwieweit der Film „Hotel Ruanda“ als Erinnerungsfilm eine kulturelle Erinnerung an den Genozid konstruiert.
2. Inhaltsangabe des Films: Hier wird der Handlungsablauf des Films zusammengefasst, von der Ausgangssituation in Kigali bis zur Flucht der Familie Rusesabagina.
3. Politische und historische Kontextualisierung: Dieses Kapitel liefert den nötigen historischen Hintergrund über Ruanda, die Kolonialgeschichte und die Ursachen des Völkermords von 1994.
4. Ebene der Ästhetik – Audiovisuelle Gestaltung & Ikonografie: Die Analyse untersucht die filmästhetische Umsetzung, insbesondere die Bildsprache, Musik und die bewusste Entscheidung für Südafrika als Drehort.
5. Ebene der Narration – Möglichkeiten der Identifikation: Es wird analysiert, wie die Figur Paul Rusesabagina als Identifikationsfigur für westliche Zuschauer inszeniert wird.
6. Plurimediale Netzwerke: Das Kapitel beleuchtet, wie Marketing, Preisverleihungen, Medienkritik und didaktische Angebote den Film zu einem Medium des kollektiven Gedächtnisses machen.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass „Hotel Ruanda“ aufgrund seiner filmischen Aufarbeitung und Einbettung in soziale Prozesse berechtigt als Erinnerungsfilm im Sinne von Erll und Wodianka bezeichnet werden kann.
Schlüsselwörter
Hotel Ruanda, ruandischer Völkermord, kulturelle Erinnerung, Erinnerungsfilm, Paul Rusesabagina, Filmästhetik, Identifikation, plurimediale Netzwerke, Genozid, Kollektivgedächtnis, Medienöffentlichkeit, Filmanalyse, Zeitzeugenbericht, Didaktik, Holocaust-Vergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Film „Hotel Ruanda“ als Erinnerungsmedium und analysiert, wie dieser Film dazu beiträgt, den ruandischen Völkermord in das kollektive Gedächtnis zu überführen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die filmästhetische Gestaltung, die narrative Identifikationsstrategie, die historische Einordnung und die Rolle von Marketing und didaktischer Aufbereitung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll geklärt werden, inwieweit die individuelle Perspektive des Hotelmanagers Paul Rusesabagina im Film dazu in der Lage ist, eine kulturelle Erinnerung an den Völkermord zu konstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf der methodischen Grundlage von Astrid Erll und Stephanie Wodianka, die eine Verbindung zwischen filmimmanenter Produktanalyse und filmtranszendierenden sozialsystemischen Prozessen fordert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der ästhetischen Mittel, eine Untersuchung der narrativen Heldenreise und eine Betrachtung der plurimedialen Netzwerke, die den Film in der Öffentlichkeit positionieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Erinnerungsfilm, ruandischer Genozid, kulturelle Erinnerung, Identifikationspotential, plurimediale Netzwerke und didaktische Weiterverarbeitung.
Warum wird der Film als „Erinnerungsfilm“ kategorisiert?
Er wird als solcher bezeichnet, weil er über seine rein filmische Existenz hinaus durch Marketing, Kritiken und didaktische Nutzung in soziale Diskurse eingebettet ist, die den Genozid für ein breites Publikum erfahrbar machen.
Welche Rolle spielt die reale Person Paul Rusesabagina in der öffentlichen Diskussion?
Die öffentliche Wahrnehmung verschob sich im Laufe der Jahre: Anfangs stand der Film als Erinnerungsbeitrag an den Genozid im Fokus, während spätere Diskussionen zunehmend die Glaubwürdigkeit und das Verhalten der realen Person Rusesabagina hinterfragten.
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- Ann-Kristin Mehnert (Autor), 2016, "Hotel Ruanda" als Erinnerungsfilm? Eine erinnerungskulturwissenschaftliche Untersuchung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354016