Die Rolle des Harmel-Berichtes im Entspannungsprozess


Seminararbeit, 2004

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom Kalten Krieg bis zur Detente – Der Ost-West-Konflikt 1945-1967
2.1. Der Weg in den Kalten Krieg
2.2. Der Ost-West-Konflikt in den Fünfziger Jahren – Kalter Krieg
2.3. Die Sechziger Jahre – Die Welt am nuklearen Abgrund und beginnende Entspannung

3. Der Harmel-Bericht im Entspannungsprozess
3.1. Herausforderungen an das Bündnis – NATO in der Krise?
3.1.1. Parität im nuklearen Rüstungswettlauf
3.1.2. Der Austritt Frankreichs aus der militärischen Struktur der NATO
3.1.3. Aufrüstung in Zeiten ökonomischer Schwierigkeiten
3.1.4. NATO in der Krise – Eine Zusammenfassung
3.2. Der Harmel Bericht – Eine Studie über die zukünftigen Aufgaben der nordatlantischen Allianz
3.3. Auswirkungen auf den Entspannungsprozess
3.4. Der Harmel-Bericht aus der Perspektive der Sechziger Jahre

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den Fünfziger und frühen Sechziger Jahren wurden die ideologischen Gegensätze zwischen Ost und West als unüberwindbar und in jeder Hinsicht als inkompatibel angesehen und damit gleichsam als logische Konsequenz eine gemeinsame, friedliche Zukunft beider Systeme nebeneinander in Frage gestellt. Analog zu dieser Sichtweise galt die Konfrontation oftmals als einzig probates Mittel der Politik und die schiere militärische Stärke als einziges Mittel, den jeweiligen Gegner von einem Akt der Aggression abzuhalten. Diese Konfrontation, die nicht zuletzt von der naiven Vorstellung getragen wurde, den momentanen weltpolitischen Status quo nach den eigenen Vorstellungen ändern zu können, fand in den Krisen von 1961 (Berliner Mauerbau) und 1962 (Kuba – Krise) ihren vorläufigen Höhepunkt. Sie machten den Verantwortlichen jedoch bewusst, dass eine offene Konfrontation unter den gegebenen Bedingungen in einer vollständigen Vernichtung beider Seiten münden würde.

Gegen Mitte der Sechziger Jahre begann dann das, was aus heutiger Sicht als Entspannungsprozess im Ost-West-Konflikt bezeichnet wird. In vielfältiger Weise begann man sich beiderseits des Eisernen Vorhangs um eine Verbesserung des allgemeinen politischen Klimas und einen Ausbau der konkreten Kooperation in vielen Bereichen zu bemühen, um durch diese Verflechtungen und die damit verbundenen Abhängigkeiten eine Stabilisierung der Sicherheitslage zu erreichen.

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll nun untersucht werden, welche Rolle der im Dezember 1967 ratifizierte Harmel-Bericht im Entspannungsprozess zwischen Ost und West gespielt hat. Der Bericht war das Ergebnis eines vom NATO Ministerrat eingesetzten Ausschusses, in ihm wurden Empfehlungen für die zukünftige Ausrichtung der Politik des westlichen Bündnisses formuliert.

Gewissermaßen als thematische Einstimmung wird hierzu zunächst der Verlauf des Ost-West-Konfliktes nach Kriegsende bis zur Veröffentlichung des Harmel-Berichtes skizziert. Dabei sollen die Prinzipien deutlich gemacht werden, die für die Politik der NATO bis dato bestimmend waren. Das nächste Kapitel behandelt die „politische Großwetterlage“, in welcher sich das westliche Bündnis befand, als der NATO Ministerrat zusammentrat, um über die zukünftige politische Marschrichtung des nordatlantischen Bündnisses zu beraten. Dies soll unter der Fragestellung geschehen, welche weltpolitischen Konstellationen und Ereignisse die NATO zu einer solch umfangreichen Neudefinierung ihrer Aufgaben und Standortbestimmung im Ost-West-Verhältnis bewogen haben. Anschließend wird in einem weiteren Punkt die Entstehungsgeschichte des Harmel-Berichtes sowie die wichtigsten darin aufgestellten Forderungen und Schlussfolgerungen für die Neuausrichtung der Politik des westlichen Bündnisses dargestellt. Damit wird der bereits oft benutzte Begriff „ Harmel-Bericht“ mit Inhalt gefüllt.

Des Weiteren soll als Kern der Betrachtungen die Frage beantwortet werden, welche Auswirkungen die Umsetzung der Harmel-Studie auf den Entspannungsprozess hatten. Die Beantwortung dieser Frage liefert zugleich Aufschluss darüber, wie der Harmel-Bericht heutzutage bewertet wird. Wie die politische Neuausrichtung des westlichen Bündnisses aus dem Blickwinkel der späten Sechziger und frühen Siebziger bewertet wurde und ob es abweichende Meinungen hierzu innerhalb des Bündnisses gab, soll abschließend untersucht werden.

Zum Themenkomplex Ost-West-Konflikt ist Literatur in großem Umfang vorhanden, und gerade die Abhandlungen aus den Siebziger Jahren sind für die Untersuchungen, welche im letzten Abschnitt vorgenommen werden sollen, von großem Interesse. Die Arbeit stützt sich demnach nicht ausschließlich auf aktuelle Werke, sondern bemüht auch ältere Literatur. Der Harmel-Bericht selbst im Wortlaut ist im Internet zu finden und wurde ebenfalls zu Rate gezogen.

2. Vom Kalten Krieg bis zur Detente – Der Ost-West-Konflikt 1945-1967

In den folgenden Abschnitten wird in kurzer Form der Verlauf des Ost-West-Konfliktes nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges illustriert. Der erste Teil widmet sich dabei der Entstehungsphase des Kalten Krieges, der zweite Teil beschreibt den Prozess der Blockbildung und die Vertiefung der ideologischen Gegensätze und der dritte Teil bildet mit den Geschehnissen bis Ende der Sechziger Jahre den Abschluss dieser Darstellung und ebnet den Übergang zum eigentlichen Thema der Arbeit. Im Zentrum der Darstellung steht dabei die Entwicklung der jeweiligen Strategie der NATO bzw. die vorherrschende Doktrin, nach der sich die Politik des Bündnisses ausrichtete. Die entsprechenden Gegenparte auf Seiten der Sowjetunion sollen dabei selbstverständlich nicht unerwähnt bleiben.

2.1. Der Weg in den Kalten Krieg

Noch während des Krieges zeigten sich erste Risse in der Anti-Hitler-Koalition, welche als reines Zweckbündnis ab 1941 völlig unterschiedliche politische und gesellschaftliche Ordnungssysteme im Kampf gegen die Achsenmächte geeint hatte. Der absehbare Aufstieg der Sowjetunion zu einer Weltmacht und die relative Degradierung Großbritanniens zu einem Juniorpartner der Vereinigten Staaten spätestens ab 1943 ließen die Hoffnung auf eine gütliche Einigung über die Nachkriegsordnung in Europa zunehmend schwinden. Diese Tendenz verstärkte sich noch durch die großen territorialen Gewinne der Sowjets in Mittel- bzw. Osteuropa gegen Kriegsende und die damit verbundene Verbesserung ihrer machtpolitischen Position im Nachkriegseuropa[1]. Dabei setzten sie sich, wie im Falle Polens, über mit den Alliierten getroffene Abmachungen hinweg und demonstrierten damit starkes Selbstbewusstsein und die Absicht, ihre Interessensphäre auch gegen den Willen der übrigen Alliierten zu erweitern[2]. Die westlichen Alliierten, insbesondere die USA, bemühten sich nun ihrerseits, die verbliebenen freien Teile Europas vor sowjetischem, sprich kommunistischem, Einfluss zu schützen. Umfangreiche Forderungen seitens der Sowjetunion in den kommenden Monaten – Stützpunkte und Gebietsabtretungen in der Türkei, die Weigerung, Truppen aus im Krieg besetzten Teilen Irans abzuziehen sowie die zunehmend gegenläufigen Ansichten über die Zukunft des besetzten Deutschlands strapazierten die Beziehungen der einstigen Verbündeten zusätzlich und schürten das Misstrauen des Westens gegenüber dem Kreml[3]. Darüber hinaus wurden in allen sowjetisch besetzten Ländern Osteuropas politische Regime nach sowjetischem Zuschnitt eingesetzt, was abermals eine Verletzung von mit den Alliierten getroffenen Vereinbarungen bedeutete. Diese hatten stets auf freien Wahlen und der Selbstbestimmung jener Völker bestanden[4]. Bereits zwei Jahre nach Kriegsende war also deutlich geworden, dass eine Umwandlung der ehemaligen Kriegskoalition in eine auch in der Nachkriegszeit lebensfähige politische Allianz unter den gegebenen Vorrausetzungen unmöglich war[5]. In dieser relativ kurzen Zeit hatten sich neue Feindbilder manifestiert – für den Westen eben der im Entstehen begriffene Ostblock mit seiner sowjetisch verordneten kommunistischen Gesellschaftsordnung, für die UdSSR der „kapitalistisch-imperialistische“ Westen, geführt durch die USA, die sich entgegen anders lautender Pläne von Jalta auf ein langfristiges Engagement in Europa einzulassen schienen[6]. Die Teilung der Welt in ein bipolares System als Ausdruck der Gegensätze zwischen Ost und West war damit 1947 größtenteils abgeschlossen. Auf die nunmehr vollendeten Tatsachen folgte eine zunehmende ideologische Vertiefung des Konfliktes, was auf Seiten der USA insbesondere durch Formulierung der Truman – Doktrin deutlich wurde[7]. Die darin enthaltene Erklärung, allen Staaten zur Seite zu stehen, welche durch kommunistische Einflussnahme bedroht seien, begründete die so genannte Containment-Politik, welche die Absicht zur Eindämmung des sowjetischen Machtbereiches zum Inhalt hatte. Auch die Sowjets arrangierten sich mit der neuen Situation und brachten ihrerseits die Zwei-Lager-Theorie in Umlauf, wonach sich in Zukunft zwei Systeme gegenüberstünden und um die Vorherrschaft ringen würden. Weitere entscheidende Schritte auf dem Weg zum Kalten Krieg und zur Zementierung der sich abzeichnenden Blöcke waren die Berliner Blockade im April 1949, die Gründung der NATO als Ausdruck der militärischen Verflechtung Westeuropas und den USA sowie die Gründung der zwei Staaten auf deutschem Boden, was nun auch als physische Ausprägung der Spaltung der Welt zu tage trat.

In der kurzen Zeitspanne zwischen Kriegsende und Ende der Vierziger Jahre hatte sich also der jener Zustand manifestiert, der im Allgemeinen als Kalter Krieg bezeichnet wird. An Stelle der Bemühungen um eine Lösung der strittigen Punkte trat nun eine Position, die eine Verschärfung der Gegensätze zur Sicherung der eigenen Position in Kauf nahm und als logische Konsequenz militärische Stärke als überlebensnotwendig einstufte. Die Gründung der NATO kann als Beispiel hierfür angeführt werden.

2.2. Der Ost-West-Konflikt in den Fünfziger Jahren – Kalter Krieg

Die Befürworter einer Politik der Stärke gegenüber den Sowjets sahen sich bestätigt, als der kommunistische Norden Koreas den Süden im Juni 1950 überfiel. Man wertete diesen Überfall als Musterbeispiel für die expansionistischen Auswüchse der Kommunistischen Systeme[8]. Der Krieg in Korea stellte einen vorläufigen Höhepunkt im Kalten Krieg dar und geriet zu einem ersten Stellvertreter-Krieg, in dem die Großmächte indirekt im Namen ihrer jeweiligen Ideologie Krieg um die Vorherrschaft in einem Teil der Welt führten.

Der Tod Stalins 1953 ebnete den Weg für Bemühungen seitens der Sowjets, die Spannungen zwischen den Blöcken zu mindern. So wurde ausdrücklich betont, dass man für ein friedliches Nebeneinander der Systeme einstehe und keine Streitigkeiten sehe, welche nicht auch auf friedlichem Wege gelöst werden könnten[9]. Ausdruck dieses neuen Kurses war auch die Bereitschaft, in der Deutschland-Frage an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Dennoch besiegelte die Wiederbewaffnung und militärische Eingliederung der beiden deutschen Staaten in die NATO einerseits und den Warschauer Pakt andererseits vorerst alle Hoffnungen auf eine baldige Wiedervereinigung, die für die Sowjets nur unter der Bedingung in Frage kam, dass ein geeintes Deutschland neutral würde.

Chruschtschow formulierte 1956 im Zuge der Entstalinisierung auf dem XX. Parteitag der KPDSU seine Doktrin der friedlichen Koexistenz zweier verschiedener Systeme nebeneinander[10]. Vollkommen inkompatibel damit und bezeichnend für das weiterhin bestehende Misstrauen des Westens gegenüber der Sowjetunion war daher die Verschärfung der Truman Doktrin und Containment Politik zur Roll-Back-Strategie unter Eisenhower als neuer außenpolitischer Grundlage, die nicht nur die Eindämmung und Begrenzung des kommunistischen Einflusses zum Ziel hatte, sondern dessen aktive Zurückdrängung. Dabei hatte diese Politik der harten Hand gegenüber der Sowjetunion bereits 1953, zur Zeit des Volksaufstandes in der DDR, an Glaubwürdigkeit eingebüßt, als die Westalliierten Truppen tatenlos zusehen mussten, wie der Aufstand blutig niedergeschlagen wurde. Als die im Zuge der Entstalinisierung im Aufwind befindliche Reformbewegung in Ungarn 1956 ebenfalls in einem Aufstand gegen die sowjetische Hegemonie mündete und ebenfalls militärisch niedergerungen wurde, ohne das der Westen eingriff, erwies sich die harte Linie von Containment-Politik und Roll-Back-Strategie endgültig als bloße Drohung und damit gescheitert[11]. Zu sehr war das Bündnis mit eigenen Problemen beschäftigt, da die Suez-Krise die Beziehungen zwischen Frankreich, Großbritannien und den USA bis aufs äußerste strapazierte[12]. Der Westen sah sich nun zunehmend in der Defensive, da einerseits die Politik der Stärke gescheitert war und andererseits eine zunehmende Parität im Rüstungswettstreit eingetreten war. Deutliches Zeichen dieser Aufholjagd auf technologischem und rüstungstechnischem Gebiet war der erfolgreiche Start des Sputniks im Jahre 1957, der bewies, dass die Sowjetunion nunmehr in der Lage war, Atomwaffen mittels Interkontinentalraketen auf das Territorium der USA zu bringen.

Vom einstigen Konfrontationskurs, der maßgeblich auch auf der Führbarkeit eines Atomkrieges als Folge der Unangreifbarkeit der USA fußte, musste nun endgültig Abstand genommen werden. Ende der Fünfziger Jahre sah sich das westliche Bündnis also einer schwierigen Situation gegenüber: Die bisherige Politik war gescheitert, die NATO Partner waren sich in vielen Punkten uneinig (z.B. nukleare Bewaffnung der Bundeswehr) und das sich abzeichnende Patt im nuklearen Wettstreit zementierten den Status quo zunehmend. Gleichzeitig verbesserte sich im selben Maße die Position des Ostblocks.

2.3. Die Sechziger Jahre – Die Welt am nuklearen Abgrund und beginnende Entspannung

Die Krise im Spannungen in der NATO einerseits und die relativ dazu verbesserte machtpolitische Position des Ostblocks äußerten sich ab Ende der Fünfziger Jahre in einer zunehmend offensiveren Politik der Sowjetunion gegenüber dem Westen. So wurde Ende 1958 der Vier-Mächte-Status Berlins von Chruschtschow angezweifelt und damit der Westen indirekt zur Aufgabe der Stadt aufgefordert.

Die Einsicht, dass die die Deutschland-Frage wohl auf lange Sicht nicht nach sowjetischen Vorstellungen gelöst werden könne, sowie die Tatsache, dass seit Etablierung des Arbeiter- und Bauern-Staates nahezu zwei Millionen Deutsche in den Westen geflohen waren, veranlasste das SED Regime im Sommer 1961, gedeckt durch die Sowjets, zum Bau der Berliner Mauer[13]. Dieser Vorfall, der den Beziehungen zwischen Ost und Weste einen weiteren schweren Schlag versetzte, war ein abermaliges deutliches Zeichen der Verfestigung der beiden Blöcke, war doch die Wiedervereinigung Deutschlands als zentrales Problem im Ost-West-Konflikt damit faktisch unmöglich geworden. Aus der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba, welches im Jahre 1958 im Zuge der Revolution in den Einflussbereich sowjetischer Politik geraten war, entwickelte sich die schwerste Krise im Verhältnis zwischen den Supermächten, die so genannte Kuba-Krise[14]. Nur durch großes Verhandlungsgeschick und bedachte Vorgehensweise gelang es Chruschtschow und Präsident Kennedy, die ungemein gefährliche Situation zu entspannen. Nach heutigem Wissensstand ist die Welt damals nur knapp einer nuklearen Katastrophe entgangen. Für die USA war die Lösung der Krise ein außenpolitischer Erfolg, gleichzeitig war die politische Offensive der Sowjets vorerst gescheitert.

Die vermehrten Spannungen, welche mehrmals fast zu einer militärischen Eskalation des Ost-West-Konfliktes geführt hätten, führte den beiden Supermächten vor Augen, welche enorme Verantwortung sie nicht nur für ihre eigene Sicherheit, sondern auch für die der Welt inne hatten. Dies führte zu Bestrebungen, die Kontakte untereinander zu intensivieren, um so im Falle zukünftiger Krisen besser reagieren zu können. Direkter Ausdruck dieser Bemühungen war die Installation des so genannten „Heißen Drahtes“, einer direkten Fernschreibverbindung zwischen Kreml und Weißem Haus. So markierten die Krisen von Berlin und insbesondere Kuba zwar einen, wenn nicht den Höhepunkt im Ost-West-Konflikt, jedoch ermöglichten sie auch einen Wandel in der Bewertung der Beziehungen und führten im Angesicht der realen Bedrohung eines Atomkrieges zur Wende zur Entspannungspolitik.

Die alleinige Festlegung der NATO auf den Einsatz von Nuklearwaffen im Falle eines Waffenganges, die Strategie der massiven Vergeltung, schien angesichts der jüngsten Ereignisse nicht mehr zeitgemäß. Mit Hilfe einer neuen Strategie, Flexible Response genannt, sollte in Zukunft bedrohungsgerecht auf militärische Aggression reagiert werden können, wobei verschiedene Eskalationsstufen auch weiterhin den Einsatz von Atomwaffen, wenn auch als letztem Mittel, vorsahen[15]. Dies war gewissermaßen die militärstrategische Lehre, welche man aus der ‚heißen’ Phase des Kalten Krieges zog, wenn es auch noch einige Jahre dauern sollte, bis diese neue Strategie von allen Mitgliedern angenommen wurde.

Chruschtschow bemühte sich nun, da seine offensive Politik gescheitert war, um eine Konsolidierung der bestehenden Machtverhältnisse einerseits und eine sichtbare Bemühung um Entspannung andererseits, wie in der Bukarester Deklaration von 1966 deutlich wurde[16]. Dabei spielte auch die zunehmende Emanzipation der Volksrepublik China von der Sowjetunion eine große Rolle, da mir ihr einer neuer, zunehmend unberechenbarer Akteur in die Riege der Atommächte aufstieg[17]. Weitere Faktoren, die beide Seiten nach Wegen zur Entspannung suchen ließen, waren wirtschaftlicher Natur. Sowohl die Sowjetunion als auch die USA, zunehmend auf dem Weltmarkt bedrängt durch Japan und die Bundesrepublik, hatten mit ökonomischen Problemen zu kämpfen und hofften auf positive Impulse durch Schaffung von gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen.

Spätestens ab Mitte der Sechziger sahen sich also beide Blöcke auf der Suche nach Entspannung, wenn auch der Dialog erschwert wurde durch das immer stärkere Engagement der Amerikaner in Vietnam, wo in gewisser Weise ein weiterer „Stellvertreter-Konflikt“ zwischen den Systemen ausgetragen wurde, der auf Eisenhowers Domino-Theorie zurückging[18].

3. Der Harmel-Bericht im Entspannungsprozess

Nachdem nun im Rahmen einer thematischen Einstimmung in kurzer Form die wichtigsten Ereignisse des Ost-West Konfliktes und die jeweils gängige Strategie der Akteure dargestellt wurde, womit eine thematische Einleitung erfolgt ist, soll im nächsten Abschnitt der Harmel Bericht selbst im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen. Dazu werden zunächst exemplarisch die Konstellationen im Ost-West-Konflikt und innerhalb des Bündnisses untersucht, um die damals bestehende Notwendigkeit einer Neudefinition der Aufgaben des Bündnisses zu belegen. Daran schließt sich eine Darstellung des Inhaltes der Harmel-Studie an. Damit sollen die umfangreichen Veränderungen verdeutlicht werden, auf die man sich innerhalb der NATO einigte. Welche Auswirkungen die Umsetzung des Inhaltes auf den Entspannungsprozess hatten ist zentraler Bestandteil der Betrachtungen im Punkt 3.3. dieser Arbeit. Als letzter Themenschwerpunkt wird in Punkt 3.4. aufgezeigt, wie der Harmel-Bericht zur Zeit seiner Entstehung bewertet wurde.

[...]


[1] Vgl. Görtemaker, Manfred: Zwischen Krieg und Frieden – Die Potsdamer Konferenz; in: Aus Politik und Zeitgeschichte – Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ (28/95)

[2] Vgl. Görtemaker, Manfred: Die unheilige Allianz – Die Geschichte der Entspannungspolitik 1943-1979; Verlag C.H. Beck, München, 1979; S.18ff

[3] Vgl. Görtemaker, Manfred: Die unheilige Allianz – Die Geschichte der Entspannungspolitik 1943-1979; Verlag C.H. Beck, München, 1979; S.23

[4] Ebd. S.24

[5] Wassmund, Hans: Die Supermächte und die Weltpolitik – USA und UdSSR seit 1945; Beck’sche Reihe, München, 1989; S.36

[6] Vgl. Görtemaker, Manfred: Die unheilige Allianz – Die Geschichte der Entspannungspolitik 1943-1979; Verlag C.H. Beck, München, 1979; S.19

[7] Ebd. S.25

[8] Vgl. Görtemaker, Manfred: Die unheilige Allianz – Die Geschichte der Entspannungspolitik 1943-1979; Verlag C.H. Beck, München, 1979; S.30

[9] Diese Einschätzung der Lage formulierte der neue Ministerpräsident der UdSSR, Malenkow im Jahre 1953 vor dem obersten Sowjet.

[10] Vgl. Görtemaker, Manfred: Die unheilige Allianz – Die Geschichte der Entspannungspolitik 1943-1979; Verlag C.H. Beck, München, 1979; S.35

[11] Loth, Wilfried: Ost-West-Konflikt und deutsche Frage; dtv Zeitgeschichte, München, 1989; S.129

[12] Die Verstaatlichung des Suez Kanal durch die ägyptische Regierung unter Nasser und dessen Sperrung für Israel sowie die Bedrohung der israelischen Sicherheitslage durch das arabische Bündnis von Syrien, Ägypten und Jordanien veranlasste Frankreich, Großbritannien und Israel im Oktober 1956 zu einer konzertierten Militäraktion im Nahen Osten, in dessen Verlauf der Kanal durch Großbritannien und Frankreich und die Halbinsel Sinai durch Israel besetzt wurde. Die Ägyptenfreundliche Sowjetunion drohte daraufhin mit militärischer Intervention, und auch die USA forderten die Verbündeten auf, sich bis zum Frühjahr 1957 zurückzuziehen. Es gab also eine begrenzte gemeinsame Position der Supermächte gegenüber Israel, Frankreich und Großbritannien, welche ein tiefes Zerwürfnis innerhalb der NATO zur Folge hatte.

[13] Vgl. Görtemaker, Manfred: Die unheilige Allianz – Die Geschichte der Entspannungspolitik 1943-1979; Verlag C.H. Beck, München, 1979; S.43

[14] Die Entdeckung der Baumaßnahmen zur Installierung der Raketen durch Aufklärungsflugzeuge nötigte die amerikanische Regierung zu Maßnahmen, um dieser Bedrohung zu begegnen. Mehrere Optionen, welche die Anwendung militärischer Gewalt beinhalteten, wurden erörtert, hätten aber vermutlich einen dritten Weltkrieg ausgelöst. Nach eindringlichen Warnungen Kennedys an die Sowjets und der Errichtung einer Seeblockade durch die US – Navy gab Chruschtschow schließlich nach und veranlasste die Demontage der Abschussbasen. Im Gegenzug verpflichtete sich Kennedy, „Jupiter“ – Mittelstreckenraketen aus der Türkei abzuziehen.

[15] Vgl. Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale Politik; Bundeszentrale für Pollitische Bildung (Lizenzdruck Leske und Budrich), Bonn, 2000; S.293,299

[16] In der Bukarester Deklaration wurden seitens der Warschauer Pakt Staaten Maßnahmen formuliert, die zur Festigung des Friedens in Europa beitragen sollten. Die umfangreichen Forderungen umfassten einerseits eine Auflösung der Militärblöcke in Europa, ein Verbot der nuklearen Bewaffnung Westdeutschlands, Rückzug der USA vom europäischen Festland und Anerkennung des Status quo in Europa als für den Westen unakzeptable Maximalforderungen und andererseits auch wünschenswerte Punkte wie eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Einberufung einer multilateralen Sicherheitskonferenz. So war die Deklaration zwar geprägt von polemischen Angriffen gegen Westdeutschland und die USA und damit letztendlich auch politisches Kalkül, zeigte aber auch die grundsätzliche Bereitschaft zum Dialog.

[17] Vgl. Görtemaker, Manfred: Die unheilige Allianz – Die Geschichte der Entspannungspolitik 1943-1979; Verlag C.H. Beck, München, 1979; S.49

[18] Die so genannte Domino-Theorie wurde im April 1954 von Präsident Eisenhower formuliert und besagte, dass ein kommunistischer Umsturz in einem Teil der Welt zur Folge habe, dass bald auch die umliegende Regionen und Staaten dem kommunistischen Einfluss unterliegen würden. Metaphorisch verglich er dabei die Staaten mit Domino-Steinen.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Harmel-Berichtes im Entspannungsprozess
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Institut für internationale Politik Professor August Pradetto)
Veranstaltung
Der Ost-West-Konflikt Teil III
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V35413
ISBN (eBook)
9783638353328
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Rahmen dieser Hausarbeit wird untersucht, welche Rolle der im Dezember 1967 ratifizierte Harmel-Bericht im Entspannungsprozess zwischen Ost und West gespielt hat.
Schlagworte
Rolle, Harmel-Berichtes, Entspannungsprozess, Ost-West-Konflikt, Teil
Arbeit zitieren
Alexander Vehrenkamp (Autor), 2004, Die Rolle des Harmel-Berichtes im Entspannungsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35413

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