Kann serielles Lernen Change Blindness reduzieren?

Experimentelles Praktikum


Hausarbeit, 2016
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Einleitung

3. Paradigmen zur Erfassung von Change Blindness
3.1 Flicker Paradigma
3.2 Weitere Einflussfaktoren auf Change Blindness

4. Serielles Lernen
4.1 Implizites Serielles Lernen
4.2 Untersuchung an der Medical School Berlin
4.3 Forschungshypothesen

5. Methoden
5.1 Stichprobe
5.2 Stimuli
5.3 Versuchsablauf
5.4 Versuchsdesign

6. Ergebnisse
6.1 Reaktionszeit
6.2 Fehlerquote

7. Diskussion
7.1 Interpretation der Ergebnisse

8. Fazit und Aussicht

9. Literaturverzeichnis

10. Tabellen und Abbildungsverzeichnis

1. Abstract

Der Begriff „Change Blindness“ beschreibt ein Wahrnehmungsphänomen, dass sich über die Unfähigkeit eines Beobachters äußert, wesentliche Änderungen in einem Bereich seines Sichtfeldes zu bemerken.

Diverse Studien haben bislang herausgearbeitet, welche Faktoren Change Blindness bedingen und begünstigen. In dieser Ausarbeitung wurde untersucht, ob sich Change Blindness durch serielles Lernen (das Lernen von Einzelheiten in einer dargebotenen Reihenfolge) reduzieren lässt.

Aus den Ergebnissen dieser Untersuchung lassen sich keine eindeutigen Rück- schlüsse auf den Zusammenhang zwischen Change Blindness und seriellem Ler- nen ziehen. Zwar reduzierte sich über die Dauer der Exposition der Blöcke die Reaktionszeit der Versuchspersonen. Um jedoch auf Reduktion der Change Blind- ness durch serielles Lernen schließen zu können, müsste eine signifikanter Unter- schied zwischen den Blöcken (mit oder ohne seriellem Lernen) vorliegen. Diese Vermutung konnte sich nicht bestätigen: Es ergab sich in allen Blöcken eine Re- duktion der Reaktionszeit. Obgleich kein signifikanter Unterschied zwischen den Blöcken vorliegt, zeigt sich eine Tendenz in Richtung Reduktion durch serielles Lernen. Eine eindeutige Interpretation der Ergebnisse kann dennoch nicht vorge- nommen werden, da keine Bezugspunkte zu aktuellen Studien gegeben sind. Eine mögliche Erklärung der Ergebnisse könnte die Berücksichtigung weiterer Fakto- ren wie Motivation und Antworttendenzen liefern.

2. Einleitung

Unsere Wahrnehmung ist ein hochkomplexer Prozess, der vom Ereignis des distalen (physikalischen) Reizes über den proximalen Reiz bis zum fertigen Perzept - der mentalen Repräsentation eines Reizes - verschiedene Verarbeitungs- und Beurteilungsstadien durchläuft. (Gibson, 1960)

Dabei verläuft unsere Wahrnehmung und Beurteilung keinesfalls objektiv, son- dern ist - wie eine Vielzahl an unterschiedlichen Studien im Bereich der Neuro- psychologie ergeben haben - stark abhängig von Erinnerungen und Eindrücken, die Probanden mit einem Perzept verbinden. Als populäres Beispiel für die Sub- jektivität und Fehleranfälligkeit unserer Sinneseindrücke wird häufig der soge- nannte Pepsi - Test von McClure et. al. (2004) angebracht. Hier wurden Versuchs- personen Coca-Cola und Pepsi in anonymisierten und nicht-anonymisierten Be- hältnissen zur Verfügung gestellt. Es ergab sich zwischen den Gruppen ein deut- lich signifikanter Unterschied in Bewertung und Bevorzugung der Getränke sowie innerhalb der gemessenen neuronalen Korrelate. Schmeckt also ein Getränk an- ders, nur weil ein Informationsmangel vorliegt? Und was bedeutet dieser Versuch im Bezug auf Change Blindness?

Wie andere Elemente der Wahrnehmung unterliegt auch die visuelle Kognition unterschiedlichen Einflüssen, die eine korrekte Abbildung der Realität verzerren können. So haben beispielsweise vorangegangene Experimente zum Bereich der Change Blindness ergeben, dass selbst wenn Versuchspersonen bewusst ihre Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Element in Bildern oder Filmszenen richten, sie dennoch unfähig sind, dortige Veränderungen wahrzunehmen. (Simon & Levin, 1997). Auch visuelle Störeinflüsse bei der Exposition eines bestimmten Reizes können sowohl förderlich, als auch hinderlich bei Wahrnehmung von Änderungen in diesem sein. (Simons, Franconeri & Reimer, 1997)

Obwohl die oben angeführte Studie von Simons et. al. (1997) als stellvertretend für die häufig widersprüchlichen Ergebnisse der Forschung auf dem Gebiet der Change Blindness stehen könnte, ist die Relevanz von Change Blindness im All- tag unbestritten. So untersuchten beispielsweise Rensink, O'Regan und Clark (1997), dass auch große Hintergrundobjekte plötzlich und unbemerkt entfernt oder verändert werden können, ohne dass Versuchspersonen darauf aufmerksam wer- den. Klinische Relevanz attestierte unter anderem die Forschungsgruppe Rizzo et. al. (2009), welche Change Blindness mit den Variablen Alter, Arbeitsgedächtnis und einer Erkrankung an Alzheimer korrelieren ließen: Auch sie fanden signifi- kante Daten.

Durch die eindrucksvollen Ergebnisse und den starken Alltagsbezug avancierte Change Blindness schnell von einer Labor-Kuriosität zum bevorzugten For- schungsgegenstand bei der Verknüpfung von visueller Kognition, visuellem Ge- dächtnis und Aufmerksamkeit in der visuellen Wahrnehmung. (Simons & Arm- binder, 2005)

Um eine Aussicht auf die unterschiedlichen Erhebungsmöglichkeiten von Change Blindness zu schaffen, werden im Folgenden die gängigsten Paradigmen zur Erfassung dieses Phänomens vorgestellt.

3. Paradigmen zur Erfassung von Change Blindness

3.1 Flicker-Paradigma

Sowohl das Flicker-Paradigma (Rensink et. al., 2000) als auch das Forced Choice Paradigma (Phillips, 1974; Pashler, 1988) zählen laut Simons (2000) zu den häu- figsten verwendeten intentionalen Paradigmen auf dem Gebiet der Change Blind- ness Forschung. Ein Paradigma wird im Bezug auf Change Blindness als intentio- nal bezeichnet, wenn Versuchspersonen bewusst ist, dass bei den Aufgaben re- spektive der Beobachtung eine zu berichtende Änderung auftreten wird.

Im Flicker-Paradigma wird den Versuchspersonen in einem kurzen Zeitintervall sowohl das originale, als auch veränderte Bild dargeboten. Unterbrochen wird die- se Darbietung von einem leeren Bild. (Abbildung 1, Rensink, 2005) Dabei reagieren Versuchspersonen, sobald sie eine Veränderung wahrgenommen haben. Im Forced Choice Detection Paradigma dagegen sehen Beobachter nur ein- mal das originale und manipulierte Bild, sodass die gesamte Expositionsdauer fest definiert werden kann. (Simons, 2000) Bei beiden Paradigmen gelten sowohl Ge- nauigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit als abhängige Variablen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Flicker Paradigma. Der Beobachter sieht einen

kontinuierlichen Kreislauf aus dem originalem Bild (A) und dem veränderten Bild (A ’ ). Zwischen diesen Darbietungen erscheint kurz eine leere Seite. Jedes Bild wird typischerweise für eine halbe Sekunde dargeboten, die leere Seite für das Viertel einer Sekunde. Bis der Beobachter reagiert, verändern sich die Bilder. In diesem Beispiel kann die Veränderung an dem Triebwerk des Flugzeugs beobachtet werden. (Rensink, 2005)

Bei der Verwendung des Flicker-Paradigma haben sich zwei wesentliche Forschungserkenntnisse manifestiert: Zum einen erkennen Beobachter nur sehr wenige Veränderungen während des ersten Zyklus. Die Ergebnisse von Rensinks et.al. (2011) haben gezeigt, dass manche Veränderung nicht einmal nach einem Zyklus von einer Minute erkannt werden. Zum anderen werden Veränderung von interessanteren Aspekte und Objekten einer Szenerie signifikant besser als nur periphere Objekte wahrgenommen. (Rensink et.al., 1997). Simons (2000) schließt daraus, dass Aufmerksamkeit und Fokus demnach signifikante Variablen in der Vorhersage von Change Blindness darstellen und eine schnellere Identifikation der vorgenommenen Veränderung bedingen können.

Da Aufmerksamkeit und Interesse nur zwei Faktoren sind, welche die Performanz bei Untersuchungen zu Change Blindness mediieren können, sollen im Folgenden weitere mögliche Einflussfaktoren aufgezeigt werden.

3.2 Weitere Einflussfaktoren auf Change Blindness

Hobson, Bruce und Butler (2013) untersuchten Aufmerksamkeitstendenzen- und Einflüsse in Verbindung mit dem Flicker-Paradigma. Hierfür korrelierten sie den Alkoholkonsum, das Trinkverhalten sowie subjektives Craving von Gewohnheitstrinkern mit gemessener Change Blindness. Im Ergebnis haben die Versuchspersonen mit einem höheren generellen Alkoholkonsum nicht schlechter im Test abgeschnitten, sondern konnten sogar schneller die Veränderung in Bildern erkennen, sofern diese mit Alkohol assoziiert war. (Hobson et. al., 2013)

Obgleich Craving ein hochemotionaler Prozess ist (Pombo et. al., 2016) und damit die vorangegangene Studie als Indikator zwischen für einen Zusammenhang von Change Blindness und Emotion gewertet werden könnte, haben Bendall und Thompson (2015) gegenläufige Ergebnisse gefunden. In ihrer Studie untersuchten sie den Einfluss der Stimmung der Teilnehmer auf die Performanz im Flicker- Paradigma: Konträr zu vorigen Untersuchungen hatte Emotion jedoch keinen Effekt auf die Change Blindness.

Eine weitere interessante Studie stammt von Chen, Liu und Nakabayashi aus dem Jahr 2012. Sie untersuchten den Einfluss von Attraktivität und Change Blindness und zeigten dafür den Versuchspersonen Bilderpaare von attraktiven und unattraktiven Gesichtern, sowie jeweils das veränderte Gegenpaar. Die Studie ergab, dass Versuchspersonen signifikant weniger Veränderungen erkannten, wenn das Gesicht attraktiv war. Chen et. al. vermuteten, dass das visuelle Verarbeitungssystem von Attraktivität und Emotion beeinflusst wird, sofern eine ressourcenintensive Aufgabe dabei ausgeführt werden muss.

Die angeführten Studien geben nur einen kleinen Ausblick auf die Fülle der möglichen Einflussfaktoren für die Performanz im Flicker-Paradigma und damit in der Kontrolle der Change Blindness.

Besondere Bedeutung wurde in den letzten Jahren neben genannten Einflussfaktoren außerdem Lernprozessen zugesprochen, die implizit oder explizit stattfinden und Change Blindness beeinflussen können.

4. Serielles-Lernen

Insbesondere beim Flicker Paradigma, welches zyklisch weitestgehend gleiche Bildelemente den Versuchspersonen präsentiert, können bestimmte Lernelemente als Faktoren für Change Blindness gedeutet werden. So hat sich in einer Studie von Potter (1976) gezeigt, dass Darbietungen von mind. 400 ms in das Gedächtnis übergehen - und somit implizit erinnert werden können.

Selbiges gilt für serielles Lernen, dass nach Colman (2008) jede Aufgabe involviert, welche das Lernen von Items und das Wiedergeben in der gleichen seriellen Reihenfolge umfasst.

4.1 Implizites Serielles Lernen

Da es sich bei dem in dieser Ausarbeitung vorgestellten Experiment um eine serielle Darbietung handelt, in welcher Reaktion ebenso wie die Genauigkeit der wahrgenommene Änderungen relevant ist, ähnelt der Versuchsaufbau einer typischen Erfassungsmethode von impliziten Lernen. Implizites Lernen beschreibt unabsichtliche Lernprozesse, die zwar Verhalten und Interaktion beeinflussen, jedoch nicht verbalisierbar sind. Im Folgenden soll daher der Fokus auf den impliziten Aspekt des seriellen Lernens gelegt werden. (Gaschler, R. 2014)

Um den augenscheinlichen Gegensatz aufzuklären, dass komplexe Informationen unbewusst erlernt werden, jedoch auch nach erfolgter Anwendung nicht verbalisiert werden können (Kiesel & Koch, 2012), erforschte Cleermans (1993a) mittels des DSRN-Modells (double simple recurrent network), zu deutsch des doppelten einfachen rekurrenten Netzes, ob ein Zusammenhang zwischen explizitem und implizitem Lernen besteht (1993b). Das Modell untersuchte, ob die Versuchspersonen auf explizites Wissen (Erinnerungen) zurückgreift, um den nächsten Reize vorauszusagen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Kann serielles Lernen Change Blindness reduzieren?
Untertitel
Experimentelles Praktikum
Hochschule
MSB Medical School Berlin - Hochschule für Gesundheit und Medizin
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
27
Katalognummer
V354327
ISBN (eBook)
9783668406223
ISBN (Buch)
9783668406230
Dateigröße
1181 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Change Blindness, Implizites Lernen, Experimentelles Praktikum
Arbeit zitieren
Daniel Gerlach (Autor), 2016, Kann serielles Lernen Change Blindness reduzieren?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354327

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