Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit

Unterrichtsreihe für die Sekundarstufe II


Unterrichtsentwurf, 2003

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Erläuterung des Themas
1.1 Ursprung
1.2 Literarische Bedeutung
1.3 Lyrik

2. Einordnung des Themas in den Lehrplan

3. Ausgewählte Gedichte

4. Konzeption der Unterrichtsreihe
4.1 Angaben zur Lerngruppe
4.2 Einteilung der Unterrichtseinheiten
4.3 Sachanalyse zur 5. Unterrichtseinheit
4.4 Verlaufsplan einer Doppelstunde zur 5. Unterrichtseinheit
4.5 Lernziele der Stunde
4.6 Didaktischmethodischer Kommentar

5. Materialien zur Unterrichtsreihe
Material 1: Otto Dix: Die Journalistin Sylvia von Harden (Folie und Information zum Bild)
Material 2: Yvan Goll: HaiKais
Material 3: Erich Kästner: Sachliche Romanze
Material 4: Mascha Kaléko: Großstadtliebe
Material 5: Kurt Tucholsky: Liebespaar am Fenster
Material 6: Erich Kästner: Ein gutes Mädchen träumt
Material 7: CD: Zwei Vertonungen der Sachlichen Romanze
Material 8: Folie zu Sachliche Romanze
Material 9: Text: Neue Sachlichkeit
Material 10: Songtext – The Cardigans

6. Literaturverzeichnis

1. Erläuterung des Themas

„Nicht ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“

(Vorwort aus: Der rasende Reporter von Egon Erwin Kirsch)

Die Neue Sachlichkeit bezeichnet eine der unterschiedlichen Strömungen, neben z.B. Spätexpressionismus, Dadaismus, Magischer Realismus zu Zeit der Weimarer Republik (1918-1933). Sie erstreckt sich auf den gesamten kulturellen Bereich.

Über den exakten Zeitraum der Neuen Sachlichkeit bestehen unterschiedliche Auffassungen.[1] Daher wird in dieser Unterrichtsreihe die gängige Zeiteinteilung von ca. 1924 bis 1933 verwendet.

Folgend werden die wesentlichen Merkmale der Neuen Sachlichkeit mit dem Schwerpunkt auf den literarischen und lyrischen Bereich beschrieben, die für den Verlauf und das Verständnis der Unterrichtsreihe von Bedeutung sind.

Die historischen Hintergründe und Entwicklungen (z.B. Technik, Amerikanismus, neue Darstellungsmöglichkeiten im Bereich der Medien, neue Romantechniken,...) zu Zeit der Weimarer Republik können in der Erläuterung des Themas leider nicht hinreichend berücksichtigt werden. Im Verlauf der Unterrichtsreihe werden jedoch einige Aspekte der Zeit, die in Hinblick auf die Analyse der Gedichte notwendig sind, thematisiert.

Denkbar wäre allerdings auch eine Weiterentwicklung der Reihe zu einem größeren Unterrichtsvorhaben, in dem neben Liebeslyrik auch andere bedeutsame Gesichtspunkte der Zeit berücksichtigt und mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet werden können.

1.1 Ursprung

Zu Beginn der 1920er wird der Begriff Neue Sachlichkeit zunächst für eine neue Richtung in der Kunst verwendet. 1925 eröffnet Dr. Gustav Friedrich Hartlaub, Direktor der Mannheimer Kunsthalle, eine Ausstellung unter dem Titel „Neue Sachlichkeit - Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ in Mannheim. Insgesamt 32 Künstler, u.a. Otto Dix, Georg Grosz und Max Beckmann, sind mit ihren Bildern vertreten. Die Künstler der Neuen Sachlichkeit wenden sich gegen die Gefühlsbeladenheit und Phantasiewelten des Expressionismus. Sie bevorzugen objektive, realistische, illusionslos-nüchterne und teilweise auch groteske Darstellungen der Alltagswelt.[2]

1.2 Literarische Bedeutung

Die Zeit der Weimarer Republik stellt insbesondere für den literarischen Markt eine „höchst widerspruchsvolle Zeit“[3] dar. Geprägt von Klassenauseinandersetzungen, Strukturkrisen und einer fortschreitenden Technisierung der modernen Industriegesellschaft erfahren viele Schriftsteller in dieser Zeit einen Verfall traditioneller literarischer Techniken und Themen. Es erfolgt eine rasche Aneinanderreihung von unterschiedlichen Trends und Moden, die als Ausdruck einer Orientierungslosigkeit in Hinblick auf die neue Epochenkonstellation nach dem ersten Weltkrieg verstanden werden kann.[4]

Nicht nur auf politischer Ebene stellt die Zeit der Weimarer Republik eine Umbruchsphase dar, sondern auch angesichts der Veränderungen auf dem literarischen Markt. Literatur wird als Ware gehandelt und muss den Anforderungen des Absatzmarktes entsprechen. Sie hat die Aufgabe medien- und massenwirksam zu sein. Walter Benjamin stellt die Entwicklungen auf dem literarischen Markt kritisch dar und beschreibt in seinem Werk: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit von 1936, dass „der Autor zunehmend zu einem bloßen Lieferanten für den bürgerlichen Kulturbetrieb“[5] wird.

Der Reportagen- und Dokumentarroman wird von vielen Autoren als Möglichkeit gesehen, um die Gesellschaft für die Probleme der Zeit zu sensibilisieren und aufmerksam zu machen. Ausschlaggebend ist die Vorstellung, dass „die Präsentation der Wirklichkeit die stärkste Wirkung auf den von vielfältigen Reizen überfluteten Leser haben würde“.[6]

Die Autoren der Neuen Sachlichkeit versuchen die Realität der Weimarer Republik möglichst sachlich, objektiv und realistisch darzustellen. Sie verwenden in ihren Werken eine einfache, nüchterne Alltagssprache (Reportagenstil, Montagetechnik, journalistisches Schreiben), die für alle Leser leicht verständlich ist. Folgende Schlagwörter beschreiben den Stil der Neuen Sachlichkeit: Nüchternheit, Objektivität, Einfachheit, Klarheit, Echtheit, Schmucklosigkeit, Nichtpathos, Unsentimentalität, Knappheit, Präzision, Härte, Kühle und Kälte.

Die literarischen Werke zielen auf Massenwirksamkeit ab - sie versuchen jedoch den Menschen Leitbilder für das Leben in einer modernen Massen- und Medienwelt zu bieten. Aktualität und Realismus sind Hauptforderungen an die neusachliche Literatur. Sie soll die Alltagswelt und Alltagssorgen gewöhnlicher Menschen wiederspiegeln.[7]

Die Neue Sachlichkeit erstreckt sich auf sämtliche Bereiche der Literatur. Zeitromane, Hörspiele, Reportagen, Reiseberichte, Fotobücher, Dokumentationen oder Lyrik als Gebrauchslyrik sind neue Formen des literarischen Ausdrucks.

Bevorzugte Themenbereiche der Literatur sind Krieg und Technik (z.B. Medien, Verkehr, Industrie), Alltag und die Lebensverhältnisse der Bürger(z.B. Großstadt).

Vertreter der Neuen Sachlichkeit sind beispielsweise Alfred Döblin, Kurt Tucholsky, Erich Maria Remarque, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Mascha Kaléko oder Bertolt Brecht.

1.3 Lyrik

Die Lyrik der Neuen Sachlichkeit ist besonders unter dem Schlagwort „Gebrauchslyrik“ bekannt. Wie in der Kunst, bildet eine gefühlsbetonte Darstellung der Realität keine Grundlage für literarisches Schaffen mehr. Lyrik soll auf ihren Gebrauchs- und Funktionalitätswert untersucht werden. Sie soll für den Leser einen Gebrauchswert; einen Nutzen haben.

Die Sprache der Gedichte ist alltäglich und für den Leser verständlich. Wie auch in den anderen literarischen Bereichen werden aktuelle Themen aufgegriffen und in den Gedichten verarbeitet. Die neusachliche Gebrauchslyrik beschäftigt sich mit der Großstadt (Walther Mehring), politischem Kabarett (Kurt Tucholsky, Erich Kästner), politischen Gedichten (Erich Weinert), Stadt- und Natur (Oskar Loerke).

Liebeslyrik als eigenständiger Themenkreis tritt in der Neuen Sachlichkeit nicht ausdrücklich auf. Es gibt jedoch einige Gedichte von Autoren, die sich durchaus mit dieser Art von Lyrik beschäftigen und die die Merkmale der Neuen Sachlichkeit aufweisen. Die Liebesgedichte beziehen sich auf die zwischenmenschlichen Probleme in der schnelllebigen, modernen Gesellschaft und besitzen einen melancholischen Unterton.

In dieser Unterrichtsreihe wird ein, für die Zeit der Weimarer Republik, eher untypischer Gegenstandsbereich der Neuen Sachlichkeit behandelt, da es durchaus aufschlussreich ist den Zeitgeist und die alltäglichen Probleme der Menschen an einem nicht so häufig thematisierten Zweig zu untersuchen und mit den Schülerinnen und Schülern zu erarbeiten.

2. Einordnung des Themas in den Lehrplan

Grundsätzlich sieht der Lehrplan für die Sekundarstufe II die Arbeit mit literarischen Texten im Deutschunterricht vor, die thematische und literaturhistorische oder kulturelle Bedeutung besitzen. Ebenso müssen der sprachliche und künstlerische Bereich sowie der Gattungsbezug bei der Textauswahl berücksichtigt werden.[8]

Der Lehrplan schreibt besonders den Epochenumbrüchen vom 18. zum 19. Jahrhundert und vom 19. zum 20. Jahrhundert eine große Bedeutung „für die unmittelbare Gegenwart“[9] zu.

Die Unterrichtsreihe zum Thema Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit kann in der Jahrgangsstufe 13/I angesiedelt werden. Der Lehrplan sieht für dieses Halbjahr die Beschäftigung mit dem Epochenumbruch vom 19. zum 20. Jahrhundert in beiden Unterrichtsvorhaben vor. Die Schülerinnen und Schüler sollen „Sprache als Ergebnis individueller und historischer Entwicklungsprozesse verstehen“[10].

Aus diesem Grund bietet sich eine kurze Unterrichtsreihe zur Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit an, um zum Einen die unterschiedlichen Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zum Anderen die Verwendung und die Funktion von Sprachstilen herauszuarbeiten.

Der Lehrplan schlägt diverse Projekte, u.a. „Literatur und Politik in der Weimarer Republik“, zu den literarisch-künstlerischen Bewegungen vor dem ersten Weltkrieg vor.

3. Ausgewählte Gedichte

Die für die Unterrichtreihe ausgewählten Gedichte befinden sich im Materialienteil (siehe Kapitel 5). Folgend werden die Gedichte in Hinblick auf ihre inhaltlichen Schwerpunkte, formalen Merkmale und Eignung für die Unterrichtsreihe kurz erläutert.

Yvan Goll (1891-1950): Hai-Kais[11] (um 1926)

Hai-Kais bzw. Haikus besitzen einen japanischen Ursprung. Diese Dichtungsform ist eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden. Haikus werden aus drei Wortgruppen gebildet, die insgesamt nicht mehr als siebzehn Silben umfassen. Die Verteilung auf die Wortgruppen ist fünf-sieben-fünf. Es gibt drei Regeln, die ein Haiku befolgen muss: (1) Es soll einen Naturgegenstand, d.h. eine bestimmte Jahreszeit, beinhalten oder andeuten. (2) Es soll sich auf ein einmaliges Ereignis beziehen. (3) Das Ereignis soll als gegenwärtig beschrieben werden.

Yvan Goll lehnt sich in seinem Gedicht von ca. 1926 an die japanische Haikudichtung an. Er ist der Überzeugung, dass „in möglichst wenig Worten ein möglichst intensives Bild und weites Gefühl hervorrufen“[12] werden soll. Er benutzt die Kürze der Gedichte, um seine Gedanken und Gefühle akzentuiert ausdrücken zu können. Goll übernimmt in seinen Haikus die äußere Form, füllt sich jedoch mit anderen bzw. nicht traditionellen Inhalten.

Die Haikus 1, 2, 8 und 9 beziehen sich auf die moderne Industriegesellschaft. Sie thematisieren die Problematik einer nur auf das Arbeitsleben gegründeten Gemeinschaft (Haiku 1), die Bestimmung des Lebens der einzelnen Menschen durch die Gesetze des Marktes (Haiku 2), die Utopie einer Durchbrechung dieser mechanistischen Form von Gemeinschaft durch die Kraft der Liebe (Haiku 8) und die aus der kapitalistischen Ökonomie resultierende Einbußen an Freiheit und authentischem Naturleben (Haiku 9).

Die Haikus 3 und 10 beschäftigen sich mit dem Gefühlsleben eines Menschen, das erloschen bzw. nie zur Entfaltung gekommen ist. Diese Haikus lassen sich auch als Kritik an der Gefühlskälte in den Beziehungen der Industriegesellschaft deuten, wie sie in der ersten Gruppe von Haikus beschreiben werden.

Die Haikus 5 und 7 sind Liebesgedichte. Sie beschreiben die Überwindung der erstarrten Beziehungen durch die Kraft der Liebe.

Die Haikus 4 und 6 stellen Naturerscheinungen dar. Das sechste Haiku besitzt eine eher erotische Ausstrahlung und könnte auch in die Gruppe der Liebeshaikus fallen.

Yvan Golls Gedicht Hai-Kais ist zwar nicht ausschließlich ein Liebesgedicht, dennoch scheint es geeignet für diese Unterrichtsreihe, da viele der alltäglichen Probleme zur Zeit der Neuen Sachlichkeit thematisiert werden.

Eich Kästner (1899-1974): Sachliche Romanze

Das Gedicht Sachliche Romanze wurde in den 1920er Jahren verfasst und ist sowohl inhaltlich als auch sprachlich ein typisches Beispiel für die Lyrik der Neuen Sachlichkeit.

Aufgrund der Aktualität des Themas kann die Sachliche Romanze gut in diese Unterrichtsreihe integriert werden. Außerdem können an diesem Gedicht der Bezug zurzeit und die Hauptmerkmale der Neuen Sachlichkeit sehr gut nachvollzogen werden.

Es beschreibt eine alltägliche Situation aus dem zwischenmenschlichen Bereich - Das Ende einer Beziehung - . Ein Paar stellt nach acht Jahren fest, dass ihre Liebe „plötzlich abhanden“[13] gekommen ist. Sie sitzen wortlos in einem Café und können nicht begreifen, wie ihre Liebe ganz allmählich aus ihrem Zusammenleben verschwunden ist.

Der Sprachstil des Gedichts ist emotionslos/nüchtern und wirkt an manchen Stellen ironisch (Stock; Hut Zeile 4), sogar fast beiläufig und nebensächlich.

Erich Kästner arbeitet mit dem Prinzip der Aussparung. Die Situation im Gedicht wird von außen dargestellt. Der Leser erfährt nichts über die eigentlichen Gefühle der Protagonisten. Es kann lediglich erahnt werden, welche Emotionen und Gedanken in den Köpfen der Beiden vorgehen.

Durch das Versmaß (Wechsel zwischen Jambus und Daktylus), unreine Reime (kannten/abhanden Zeile 1/3) und durch harte Wortklänge (k, t, f, s) wirkt das Gedicht insgesamt sperrig und distanziert.

Der Inhalt und die formalen Merkmale des Gedichts ergänzen sich gut und heben die nüchterne bzw. eher melancholische Grundstimmung hervor.

Mascha Kaléko (1907-1975): Großstadtliebe (1933)

Mascha Kaléko kam mit ihrer Mutter in den 20er Jahren nach Berlin und gehörte rasch zum Kreis der schöpferischen Bohème. Im Romanischen Café, dem Treffpunkt der Literaten und Künstler, traf sie Tucholsky, Ringelnatz, Klabund, Else Lasker-Schüler, Walter Mehring und Erich Kästner, dessen heiter-melancholischen Ton Mascha Kaléko in ihren Alltags- und Beziehungsgedichten traf. Man nannte sie auch die „weibliche Kästner“.

In ihrem Gedicht Großstadtliebe setzt sich Mascha Kaléko vor allem mit den Zwischenmenschlichen Beziehungen in der anonymen Großstadt auseinander. Sie charakterisiert diese als eher flüchtige Beziehungen, die kurzlebig und nicht von all zu langer Dauer sind. (vgl. Zeile 1: Man lernt sich irgendwo ganz flüchtig kennen und Zeile 19: Wer denkt daran, an später noch zu denken?).

Das Gedicht ist relativ nüchtern und sachlich geschrieben; es vermittelt keine Emotionen beim Leser. Mascha Kalékos stilistische Brüche - die abrupten Wechsel von Alltagssprache und poetischer Stilisierung, die Mischung von Sentimentalität und Ironie - erinnern an die Texte Tucholskys und Kästners. (vgl. Zeile 7: Das Leuchten froher Abendstunden schon und Zeile 9: Man teilt die Freuden der Gehaltszulage).

Ebenfalls besteht ein Zusammenhang zwischen Versmaß (Jambus) und dem Inhalt. Die Schnelllebigkeit der Beziehung wird durch die Dynamik des Jambus unterstrichen.

Insgesamt erzeugt die Handlung des Gedichts (man lernt sich irgendwo kennen, man verbringt ein paar nette Wochen zusammen und dann trennt man sich wieder) eine eher nebensächliche und unspektakuläre Atmosphäre.

Mascha Kalékos Gedicht entspricht dem Schreibstil der Gebrauchslyrik der Neuen Sachlichkeit. Inhaltlich beschäftigt sie sich mit allgegenwärtigen Problemen des Alltags in der modernen Gesellschaft. Die Thematik in Großstadtliebe besitzt, wie auch Kästners Sachliche Romanze, eine große Aktualität für Schülerinnen und Schüler und könnte auch aus der jetzigen Zeit stammen.

Kurt Tucholsky (1890-1950): Liebespaar am Fenster (1928)

Das Gedicht schildert in seinen vier Strophen die Gedanken eines Liebespaares, das an einem Sonntagvormittag zusammen am Fenster lehnt und auf die Straße schaut.

Das Gedicht thematisiert, wie auch schon Großstadtliebe, die Formlosigkeit einer Beziehung angesichts der Entwicklung in der modernen Industriegesellschaft. Der Alltag wird durch das Berufsleben bestimmt und es bleiben nur Stunden, um ihm zu entfliehen. Jedoch auch in diesen Stunden ist das Zusammensein vom Alltag bestimmt und keine wirkliche Zuwendung zum Partner möglich.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen mit jeweils 9 Zeilen; in der Letzten Strophe aus 10. Die erste Strophe ist aus der Sicht von beiden Akteuren beschrieben, die zweite aus der Sicht des Mannes, die dritte aus der Sicht der Frau und die vierte umfasst wiederum beide Sichtweisen.

Besonders auffällig sind die beiden Einrückungen im fünften und letzen Vers jeder Strophe. Inhaltlich beziehen sich die ersten vier Zeilen jeweils auf die äußeren Rahmenbedingungen der Beziehung und die Einschübe verweisen auf den momentanen Stand der Beziehung.

Erich Kästner (1899-1974): Ein gutes Mädchen träumt (1930)

Erich Kästner beschreibt in seinem Gedicht den Traum eines „guten Mädchens“. Es ist unterwegs zu einem Treffen mit einem Bekannten (Mann) in einem Café. Er erinnert sie an ein Buch, welches sie eigentlich zum Treffen mitbringen wollte. Sie ist verlegen (Zeile 6: Und lächelte verstohlen.) und macht sich auf den Weg nach Hause, um das vergessene Buch zu holen. Als sie wieder im Café ankommt, hat sie das Buch erneut vergessen. Diese Situation wiederholt sich einige Male, bis das Mädchen mit Tränen in den Augen aufwacht.

Man kann Kästners Gedicht als Erkenntnisprozess deuten. Das Mädchen erkennt, das ihre Beziehung zu dem Mann nicht mehr so ist, wie sie einmal war. Ihre Beziehung scheint die Wärme und Geborgenheit von damals verloren zu haben. Formal ist das Gedicht durch die Wiederholung der immer wieder gleichen Handlung gekennzeichnet, die besonders in der Wortwahl zum Ausdruck kommt Ebenfalls wird durch den Wechsel des Kommens und Gehens der Kreislaufcharakter des Gedichts verstärkt. Es wirkt im Ganzen sehr monoton und durch den parataktischen Aufbau wird diese Monotonie intensiviert.

Das Gedicht schließt inhaltlich an die anderen Gedichte an und ergänzt deshalb die Unterrichtsreihe.

Eine detaillierte Analyse dieses Gedichts erfolgt in der Sachanalyse in Kapitel 4.3.

4. Konzeption der Unterrichtsreihe

Die Unterrichtsreihe ist für die Jahrgansstufe 13/1 konzipiert und soll in etwa 10 bis 15 Unterrichtsstunden umfassen. Je nachdem, ob die Reihe in einem Grundkurs oder Leistungskurs durchgeführt wird, kann die Stundenzahl variieren. Ebenfalls hängt es von den jeweiligen Voraussetzungen der Lerngruppe ab, wie viel Zeit für diese Reihe benötigt wird. Aus diesem Grund bezieht sich der konkrete Verlauf nicht auf einzelne Stunden (abgesehen vom Verlaufsplan zur 5. Unterrichtseinheit), sondern auf einzelne Unterrichtseinheiten, in denen jeweils ein Gedicht im Vordergrund steht.

[...]


[1] Siehe hierzu: Petersen, Klaus: „Neue Sachlichkeit“: Stilbegriff, Epochenbezeichnung oder Gruppenphänomen? In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Hrsg. Von Richard Brinkmann und Walter Haug. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 56. Jahrgang, Nr.3. (1982). S. 468f.

[2] vgl. Witte, B.: Neue Sachlichkeit. Zur Literatur der späten zwanziger Jahre in Deutschland. In: Etudes germaniques 27; Nr 1. (1972). S.92.

[3] Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. Von Wolfgang Beutin u.a. 5., überarb. Auflage. Stuttgart; Weimar: J.B. Metzler 1994. S. 345.

[4] Vgl. ebd. S.345.

[5] ebd. S. 346.

[6] ebd. S. 370

[7] vgl. Sørensen, Bengt Algot (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Band II. Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte Auflage. München: C.H. Beck 2002. S.220.

[8] Richtlinien und Lehrpläne für die Sekundarstufe II – Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Deutsch. Hg. Vom Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Frechen: Ritterbach 1999. S.18.

[9] ebd. S.32.

[10] ebd. S.62

[11] Die Informationen zu diesem Gedicht beziehen sich auf: Hoffmann, Dieter: Arbeitsbuch – Deutschsprachige Lyrik 1916-1945. Tübingen und Basel: A. Francke 2001. S. 76ff u. 315ff. (UTB 2200)

[12] Mühsam, Erich: Boheme. In: Die Fackel 8, Nr.202. 1906. S.9.

[13] Erich Kästner: Sachliche Romanze. Zeile 3.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit
Untertitel
Unterrichtsreihe für die Sekundarstufe II
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Lyrik in den Sekundarstufen I und II
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
35
Katalognummer
V35434
ISBN (eBook)
9783638353519
ISBN (Buch)
9783638653107
Dateigröße
1740 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebeslyrik, Neuen, Sachlichkeit, Lyrik, Sekundarstufen, Unterrichtsreihe
Arbeit zitieren
Rebecca Hillebrand (Autor), 2003, Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35434

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