Emma Goldman. Umrisse einer anarchistisch-feministischen Klassikerin


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

20 Seiten, Note: 1,0

Miriam P. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Biographie
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Migration in die USA
2.3 Kontakte zu Anarchist_innen
2.4 Beziehung zu Alexander Berkman
2.5 Repression
2.6 Die gefährlichste Frau der Welt

3 Anarchistisch-Feministische Werke

4 Mother Earth

5 Goldmans Feminismus: Besonderheiten und zentrale Themen
5.1 Mutterschaft
5.2 Sexualität und freie Liebe
5.3 Ehe
5.4 Emanzipationsbegriff
5.5 Abgrenzung zur bestehenden Frauenbewegung

6 Brüche, Inkonsistenz und Kritik

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am 11.11.1887 erlebte eine junge Frau, gerade 18 Jahre alt, einen emotionalen Zusammenbruch. An diesem Tag berichtete die Presse über die öffentliche Exekution von vier Anarchisten in Chicago. Während eines Familientreffens in Rochester am selben Abend wurde die Nachricht eifrig diskutiert. Eine Verwandte teilte mit, ihr seinen die Umstände ganz Recht, Mörder müssten schließlich bestraft werden. Emma Goldman, die eine radikale Weltanschauung teilte, griff die Frau an und schrie fassungslos, sie solle das Haus verlassen, andernfalls bringe sie sie um. Die Flucht wurde ergriffen und Emma warf sich verzweifelt weinend auf den Boden (Drinnon 1982: 3). Sie konnte diese Ungerechtigkeit nicht ertragen – in ihr entwickelte sich ein Idealismus, der sie schließlich zu einer herausragenden Kämpferin und Denkerin für die Freiheit machte. Ihre mitfühlende Solidarität ist nur eine Facette der außergewöhnlichen Persönlichkeit. Ihr Eigenwille zeigt sich in einer zweiten Anekdote. Als eines Nachts eine Anarchistische Party veranstaltet wurde, tanzte Emma wild, frei und ergriffen, bis einer der Veranstalter sie zu mäßigen versuchte, da er sich um den Ruf der Bewegung sorgte. Emma wurde wütend über die Zurechtweisung und schrie zurück, er solle sich um eigene Belange kümmern. Wenn sie nicht dazu tanzen könne, will sie an dieser Revolution nicht weiter teilnehmen (Gornick 2011:3-4). Eine Frau, die selbst in anarchistischen Kreisen als radikal auffällt. Unter keinen Umständen ließ sie sich die Freiheit nehmen, zu machen was sie für richtig hielt. Das sind die Grundlagen für eine konsequente Theorie, die die menschliche Freiheit zum Ziel hat und die Rolle der Frauenemanzipation dabei nicht unerschätzt.

Die vorliegende Arbeit soll zeigen, inwiefern Emma Goldman als eine Vorreiterin und Klassikerin feministischer Theorie gilt, und ihr Leben, ihr Werk und ihre Theorie genauerer Betrachtung unterziehen. Da ihre Lebenserfahrungen stets zur Erweiterung ihrer Theorie beitrugen und sie umgekehrt ihre Theorie auch Praxis werden ließ, soll zunächst im ersten Teil ihre Biographie behandelt werden, um ein Verständnis der Person Emma Goldman und ihres bewegten Lebens zu bekommen. Neben ihren Erlebnissen soll ihr Leben auch zeithistorisch eingeordnet werden, um zu ergründen, welchen geschichtlichen Umständen sie ausgesetzt war. Anschließend wird ihr Werk vorgestellt, sowie ihre wichtigsten Beiträge für die feministische Theorie erwähnt. Um die Besonderheiten ihres Feminismus darzulegen und Emma Goldman als Vorreiterin zu diskutieren werden anschließend ihre feministischen Hauptthemen und ihr Emanzipationsbegriff untersucht. Darauf aufbauend werden mögliche Brüche, Inkonsistenzen und Grenzen sowie Kritikpunkte betrachtet und diskutiert. Ein Fazit zur Bedeutung Emma Goldmans beschließt die Arbeit. Ihre postmortale Rezeption sowie ihr Wirken jenseits feministischer Ziele beispielsweise zur Russischen Revolution stellen interessante Forschungsgrundlagen dar, die in dieser Arbeit jedoch aus Platzgründen nicht behandelt werden.

2 Biographie

Im Folgenden sollen diejenigen Aspekte aus Emma Goldmans Leben beleuchtet werden, die zu einem tieferen Verständnis ihrer Person und ihres Werks beitragen.

2.1 Kindheit und Jugend

Emma Goldmans Kindheit war von Unsicherheit, patriarchaler Unterdrückung, Gewalt und Elend bestimmt. Im imperialistischen Russland, welches durch unablässige Territorialvergrößerung stets Unruhen und Konflikte hervorbrachte, waren Diktatur und militärische Gewalt allgegenwärtig (Drinnon 1982: 3-4). 1869 in Kaunas geboren erfuhr sie Restriktionen der Herrschaftsmacht, die systematische Unterdrückung von Jüd_innen, aber auch die strenge und kühle, von Gewalt geprägte Erziehung eines verbitterten Elternhauses. (Gornick 2011: 6). Dennoch war Goldman bemüht um die Liebe und Zuneigung ihres Vaters, welcher dennoch eine besondere Anziehung auf sie ausübte und die Liebe nie erwiderte (Drinnon 1982: 22). Das besonders temperamentvolle Kind kämpfte erfolgreich um das Recht eine Schule zu besuchen, wo auch Lehrer_innen sie als aufmüpfig und ungehorsam betitelten und häufig bestraften (Gornick 2011: 7). In ihrer Jugend las Goldman den Roman „What ist to be done?“ des radikalen Intellektuellen Nikolai Chernyshevsky, in welchem sie einen Einblick in seine Ideen zur Veränderung sozialer Strukturen erhält. Sie identifizierte sich mit der Protagonistin und findet in „Vera“, einer rebellischen und selbstbestimmten Revolutionärin ein inspirierendes Vorbild (Drinnon 1982: 10/ 24-25). 1881 zieht die Familie nach Petersburg, was sich für Emma Goldman als Wendepunkt herausstellt. Sie kommt hier erstmals in Kontakt zu revolutionär-theoretisch eingestellten Student_innen. Außerdem beginnt sie hier zu arbeiten, in Fabriken näht sie erst Handschuhe, später Korsetts (Drinnon 1982: 8-12).

2.2 Migration in die USA

Als ihr Vater sie zu verheiraten versucht, reist Goldman mit ihrer Schwester Helena 1885 in die Staaten aus – in der Hoffnung auf ein glücklicheres, freieres Leben. Goldman muss feststellen, dass Situation der Arbeiter_innen, insbesondere der migrantischen, in ihrer neuen Heimat New York noch schlimmer ist als sie es gewohnt war. Sie bedauert die Vereinsamung und mangelnde Solidarität unter den Ausgebeuteten und geht mit 18 Jahren eine nur wenige Monate andauernde Ehe ein, die sie später als Tat tiefer Verzweiflung und Vereinsamung bezeichnet. An diesem Tiefpunkt angekommen beginnt sie, radikale politische Theorien systematischer zu lesen und erkennt, dass die anarchistischen Theoretiker_innen Goldmans Gedanken in Worte zu fassen vermögen (Gornick 2011: 10-13). Rückblickend erwähnt Goldman, die Unterdrückung durch die Fabrikleiter und das Elend der Arbeitenden, die frühen Erfahrungen mit dem ausbeuterischen kapitalistischen System der USA, sowie die ungerechtfertigte staatliche Gewalt die sie hier erlebte, hätten aus ihr eine radikale Anarchistin gemacht. Hier liegt auch der Ursprung ihrer Abneigung gegenüber dem kapitalistischen System (Drinnon 1982: 80).

2.3 Kontakte zu Anarchist_innen

Als Goldman beginnt zu Treffen anarchistischer Bewegungen zu gehen, trifft sie auf Johann Most, den Herausgeber der Anarchie-Zeitschrift „Die Freiheit“, welcher von ihren Reden begeistert ist und ihr daraufhin sowohl zu Vorträgen verhilft als auch mehrere Publikationen in seinem Blatt arrangiert. (Gornick 2011: 15-28). Ihre Vorträge widmen sich zunächst den Interessen der arbeitenden Klasse, der 8-Stunden-Tag ist ein vordergründiges Anliegen Goldmans (Drinnon 1982: 34). Goldman ist zwar enthusiastisch über die starken Persönlichkeiten, die sie in der Anarchistischen Szene kennen lernt, muss sich aber auch hier als Frau behaupten und erfährt Widerstand gegen emanzipatorische Themen. Gerade Most erweist sich als sturer Verfechter patriarchaler Ordnung und argumentiert teilweise antifeministisch gegen Goldman. Sein schlechtes Bild von Frauen gilt auch denjenigen innerhalb der anarchistischen Bewegung. Auch sieht er keine Notwendigkeit, die bestehenden Geschlechterverhältnisse und die Rolle der Frau im Heim und als Mutter zu verändern. Für Goldman führt dies schließlich zum Bruch mit der Beziehung zu Most und verstärkt ihre feministischen Tendenzen (Goldman 1970: 42/ 92).

2.4 Beziehung zu Alexander Berkman

In anarchistischen Kreisen trifft sie ebenfalls Alexander Berkman (auch bekannt als Sascha Berkman). Berkman imponiert ihr als selbstloser Revolutionär, der nur für „die Sache“ lebt und sterben würde (Gornick 2011: 23). Auch Berkman wird neugierig, als die beiden sich 1889 erstmals begegnen. Goldman verbreite eine Atmosphäre der Vitalität und Stärke (Avrich 2012: 30). Berkman, selbst Imigrant, teilt mit ihr die enttäuschte Hoffnung auf ein besseres Leben in den Staaten sowie das anti-Staatliche Gedankengut. Sie beginnen eine Liebesbeziehung und halten eine lebenslange Verbindung und Freundschaft, die sich durch gemeinsame politische Ziele auszeichnet. Am 23. Juli 1892 planen beide in Selbstjustiz einen Anschlag auf den Fabrikbesitzer Henry Clay Frick. Nachdem im Mai 1892 in Homestead Fabrikarbeiter_innen streikten, da sie durch seinen Vorsitz bei der Carnegie Company in massiven Leidensdruck geraten sind, eskaliert die Situation. Frick entlässt sämtliche Streikende, mehrere werden während den Aufständen getötet. Goldman besorgt daraufhin eine Waffe, Berkman schießt auf ihn, doch der Anschlag misslingt und Frick überlebt. Berkman wird zu 22 Jahren Haft verurteilt und verbleibt daraufhin für insgesamt 14 Jahre im Gefängnis. Goldman musste daraufhin untertauchen. Beide bereuten die Tat später und beschrieben Erschütterung über die eigene Anwendung von Gewalt. Dennoch erwähnte Berkman, Fricks leben habe unzähligen Menschen geschadet, und keinem das Leben verbessert. Auch Goldman gibt an der Fabrikleiter sei in hohem Maße unmenschlich und unsozial. Goldman distanzierte sich später explizit von körperlicher Gewalt zum Zweck politischer Ziele (Avrich 2012: 61-79). Trotz der langen Haftstrafe bleiben Goldman und Berkman ein Team. Sie verspricht, ihn während dieser Tragödie mit allen Kräften zu unterstützen, zurück ins Leben zu bringen. „I would rescue my boy (…)!“ (Goldman 1970: 107). Auch nach vielen Jahren der Trennung fühlt Goldman Eifersucht und Schmerz, als Berkman sich mit anderen Frauen trifft, obwohl Goldman selbst längst viele Liebesbeziehungen eingegengen ist. (Avrich 2012: 195)

Die Bedeutung Berkmans für Goldman wird auch an folgendem Satz deutlich, den sie zu seinem 65. Geburtstag schreibt: “when I say that no one ever was so rooted in my being, so ingrained in every fiber as you have been and are to this day” (Avrich 2012: 401). Ein Jahr später entschied sich Berkman für den Freitod.

2.5 Repression

Goldmans Wirken erlebt einen der Höhepunkte politischer Repression und Zensur in den USA, welche unter dem Deckmantel des Schutzes demokratischer Werte agierte. Etwa zeitgleich zu Goldmans Ankunft in den USA, 1886, begann die Arbeiter_innenbewegung, insbesondere von Anarchist_innen aktiviert, in einer umfangreichen Kampagne mit Streiks und Demonstrationen unter anderem für den Achtstundentag zu kämpfen. Als während einer Protestdemonstration die Polizei alles aufzulösen versuchte, wurde eine Bombe wurde nach ihnen geworfen, woraufhin die Polizei in die Menge schoss. Zusätzlich zu zahlreichen Opfern beider Seiten wurden vier Anarchisten angeklagt, für die „Haymarket Bombings“ verantwortlich zu sein. Sie wurden öffentlich exekutiert, ohne ihnen eine Verbindung zum Vorfall nachweisen zu können. Viele weitere Protestierende wurden inhaftiert (von Borries / Brandies 1970: 151-162).

Emma Goldman verfolgte den Fall und las Berichte der „Freiheit“, die Geschehnisse erschütterten sie tief. Repression dieses Ausmaßes erschütterte ihr Bild des freien Amerikas endgültig. Sie empfand Schmerz und Ungerechtigkeit und beschrieb in ihren Memoiren die Geschehnisse als Grundlage ihrer Radikalität (Drinnon 1982: 3/19). Gesellschaftlich entwickelte sich nach dem Vorfall allerdings eine Unruhe und Angst vor Anarchismus, dessen Ruf beschädigt wurde. Zum Höhepunkt der Ablehnung und Hysterie gegenüber anarchistischen Rebellen kam es, nachdem der Anarchist Leon Czolgocz1901 den amerikanischen Präsidenten McKinley erschossen hatte.Obwohl Goldman die Tat explizit ablehnte, wurde sie mit dem Fall verbunden und inhaftiert. Die Presse unterstützte die Hetzkampagne gegen den Anarchismus. Folgende Ausschnitte zeitgenössischer Zeitungsartikel zeigen das Ausmaß des Widerstandes, dem unter anderem Emma Goldman ausgesetzt war:

„Wir sehen uns nun vor die bange Frage gestellt, wohin der furchtbare Wahnwitz führen soll, der in den letzten Jahren die Welt so oft mit Entsetzen erfüllt hat. Seit der verbrecherischen That des Anarchisten Caserio gegen den Präsidenten Carnot vor wenig mehr als 7 Jahren hat dieser Abschaum der Menschheit so furchtbar oft Beispiele seiner jeden Vorstellungsvermögens spottenden Gesinnung gegeben, daß die anarchistische Gefahr thatsächlich als die größte für ein Staatswesen und ihre Bekämpfung als die erste Pflicht jedes Volkes und jedes einzelnen seiner Glieder angesehen werden muß. (…)Internationale Bekämpfung zersplittert nur die Kräfte, jeder Staat fege vor seiner Thür, aber so gründlich, daß von dem verbrecherischen Geschmeiß auch nicht ein einziges Individuum übrig bleibt. In Deutschland ist die Zahl der Anarchisten ja gottlob noch verhältnismäßig gering und hier wäre es wohl möglich, das Gesindel, das so wenig eine Existenzberechtigung hat wie das schlimmste Ungeziefer, vollständig auszurotten.“

(Castroper Anzeiger 1901)

Anarchistischen Aktivist_innen wurde die Humanität und somit jede Existenzberechtigung aberkannt. Die Berichte beeinflussten die Situation langfristig. Nach dem Attentat wurden Radikale rechtlich verstärkt verfolgt. Das „Federal Anarchist Law“ wurde erlassen und ermöglichte es fortan, Anarchist_innen die Einreise in die USA zu verweigern und Einheimische des Landes zu verweisen (Drinnon 1982: 68).

Im Zuge des ersten Weltkrieges wurden die Anarchist_innen zum Staatsfeind erklärt und Bürger_innenrechts-versletzende Gesetze wurden erlassen, um jede Kritik am Staat zu unterbinden. Zwischen 4000 und 10000 Menschen wurden auf der Grundlage dieser Gesetze, also mit dem Tatbestand „Illoyalität“, inhaftiert. (Gornick 2011: 92-94). Von Beginn an wurde Goldman viele Male verhaftet und für Vorträge oder Publikationen bestraft, wegen „Anstiftung zum Aufruhr“ wurde sie 1893 für ein Jahr inhaftiert, als sie Arbeitslosen zurief, sie sollten sich Brot nehmen, sofern sie Hunger hätten und der Staat ihnen nichts gibt, nicht zu hungern sei ihr „heiliges Recht“ (Goldman 1970: 144). darauf Folgten mehrere kurze Aufenthalte im Gefängnis, Veranstaltungsverbote und Zahlreiche willkürliche Interventionen der Staatsmächte bis hin zur Deportation (von Borries/Brandies 1970, S. 151-162). Ihren ersten Gefängnisaufenthalt empfindet Goldman als intensive Erfahrung, die sie stärker und unabhängiger machte und die Augen öffnete, sich auch von den Einflüssen ihrer engsten Freunde nicht irritieren zu lassen (Goldman 1970: 172) Alle Mitglieder der Begegung waren sich diesem Risiko bewusst. Doch als sich die Lage zuspitzte und die Strafen zur Exekution reichten, tauchten viele Akteur_innen unter oder flohen ins Ausland. Bei Emma Goldman und Alexander Berkman bewirkten die Repressionen das Gegenteil: Sie wurden kompromissloser, militanter und befanden eine Revolution für noch notweniger. (Gornick 2011: 92-98).

2.6 Die gefährlichste Frau der Welt

Von einem aktuellen Standpunkt aus ist es nicht einfach nachzuvollziehen, wie eine radikale Aktivistin, die gegen Gewalt und Unterdrückung appelliert, von J. Edgar Hoover, dem ersten Direktor des FBI, als eine der gefährlichsten Anarchist_inen des Landes bezeichnet werden konnte (Drinnon 1982: 215). Mit dieser Ansicht war er nicht allein, die amerikanische, deutsche, englische und französische Regierung bezeichneten Emma Goldman als gefährlich und betonten wiederholt, welche Gefahr von Anarchist_innen ausgehe. Sie unterstellten ihr Anstiftungen zu verschiedensten Taten, Auflehnung gegen die Autoritäten und die Verbreitung obszöner Gedanken. Ihre gesellschaftliche Rezeption war polarisiert – die Mehrheit adaptierte die Ansichten der öffentlichen Gewalten. Auch die Presse berichtete über sie im Bezug auf die Gefahr, die von ihr ausginge. Zwar betrachteten manche Zeitungen sie als ungefährlich, der Gegenstand aber behielt an Bedeutung (Ferguson 2008: 737-741). Inzwischen ist Emma Goldman Landesweit bekannt unter dem Namen „Rote Emma“

1917Wurden Goldman und Berkman für zwei Jahre im Gefängnis gehalten, nachdem sie sich antimilitärisch und insgesamt gegen den Krieg, engagiert hatten. Im Anschluss an die Haft wurde sie auf der sogenannten „Roten Arche“ zusammen mit anderen russisch-migrantischen Radikalen in die UdssR deportiert. Obwohl viele von ihnen große Hoffnungen in das neue, nach-revolutionäre Land haben, wird ihnen schnell bewusst, dass auch hier große Not herrscht. Sie erlebt erneut Armut und ein repressives System der Bolschewiki, die ihre Machtposition ausnutzen und eine nationale Gleichschaltung durchzusetzen. Nur vier Jahre später verlässt Goldman Russland wieder und beschreibt, das Machtmonopol habe die so aussichtsreiche Russische Revolution ruiniert. Es folgen Aufenthalte in Deutschland, England, Frankreich und schließlich Kanada, wo sie 1940stirbt. Im Exil lebend tätigt Goldman bis zuletzt Vortragsreisen, publiziert über die Russische Revolution und begleitet die anarchistische Bewegung des spanischen Bürgerkriegs (Drinnon 1982: 231- 314).

3 Anarchistisch-Feministische Werke

1910 publizierte Goldman erstmals einen Sammelband. „Anarchism and other Essays” Beinhaltet bereits publizierte Artikel sowie verschriftlichte Vorträge, emanzipatorische Beiträge sind genauso wie gesellschaftspolitische Themen enthalten. Ihre drei Bände umfassende Autobiographie „Living my Life“, die sie hauptsächlich aus dem Gedächtnis heraus schrieb, da ihre Archive nach der Deportation konfisziert wurden (Drinnon 1982: 266) erschien erstmals 1931. Ihr auffallender Schreibstil wirkt erfrischend trotzig, zynisch, sarkastisch und Humorvoll. Ihre Texte sind gespickt mit kreativen Metaphern und Vergleichen. Clare Hemmings beschreibt ihr Schreiben als enthusiastisch und aggressiv und voller revolutionärer Stimmung (Hemmings 2012: 528). Unzensiert schreibt sie über intime Details ihrer Sexualität, ihre Kritik an konkreten Personen der Öffentlichkeit und wird in ihrem Schreiben deshalb als dogmatisch bezeichnet (Solomon 1987: 133). Sie habe rhetorische Leistungen vollbracht, ohne den konventionellen Ton zu treffen. Ihre Argumente sind durch Analogien und sprachliche Bilder gestützt, weisen eine deduktive Struktur auf und stiften die Leser_innen zum Handeln an (Rogness / Foust 2011: 2).

4 Mother Earth

Fast zwölf Jahre lang, 1906 bis 1917, gab Emma Goldman die Zeitschrift „Mother Earth“ heraus. Als eins der einflussreichsten radikal-politischen Magazine der Zeit etablierte es sich neben anarchistischen Themen auch durch feministische Beiträge. Sie erschien monatlich in einer Auflage von circa 5000 Heften. Wiederkehrende feministische Themen waren die weibliche Sexualität sowie die Kritik an der sexuellen Doppelmoral beispielsweise in Bezug auf Prostitution, Kritik an der Ehe, Apelle gegen die unterdrückenden und moralisierenden Konventionen und die Aufklärung über Verhütung (Lumsden 2007: 31). Emanzipatorische Erfolge wie etwa der Anspruch radikalerer Frauen auf sexuelle Erfüllung oder der wohl stärkste Erfolg, die Legalisierung von Verhütungsmitteln, wurden vehement durch die Zeitung und ihre Herausgeberin beeinflusst (Lumsden 2007: 43-44 / 32). Eine besonders starke Kritik erfuhr die Institution Kirche, sie unterstütze die Unterdrückung weiblicher Sexualität sowie die Versklavung von Frauen unter dem Deckmantel christlicher Werte. Ebenso wurde die Ehe angeprangert und in diesem Zusammenhang die Thesen von Mary Wollstonecraft vorgestellt. (Lumsden 2007: 41-42). Durch „Mother Earth“ wurde die Aktivistin Margaret Sanger auf die Thematik der Geburtenkontrolle aufmerksam und wurde – weiterhin maßgeblich unterstützt durch die Zeitschrift – zur Protagonistin der Bewegung für legale Geburtenkontrolle. Obwohl mehrere der männlichen Jounalisten Goldman dafür kritisierten, dem Thema zu viel Platz einzuräumen, publizierte sie konstant und berücksichtigte dieses für Frauen so wichtige Thema in hohem Maße (Lumsden 2007: 44 / 46). Ohne dies zu beabsichtigen reproduzierte das Magazin aber auch konservative Geschlechterrollen und manche tief verankerten viktorianischen Werte. Zum Beispiel wurde unhinterfragt anhand essentialistischer Standpunkte der weiblichen Biologie eine Kategorie des „Anderen“ konzipiert, wodurch Frauen in der Position des stigmatisierten Gegenstücks zum Mann verblieben. Die Rolle der Männer oder des Patriarchats wurde kaum thematisiert oder kritisiert, seine privilegierte Position und Geschlechterrolle wurde nicht angefochten. Desweiteren fokussierte das Magazin eine rein heterosexuelle Zentrierung (Lumsden 2007: 36 / 38-39 /43).

Als Goldman und Berkman aufgrund der Inhalte zu einer Gefängnisstrafe verurteit wurden und anschließend die Zeitschrift 1917 endgültig verboten wurde, beschrieb Goldman den Verlust „ihres Kindes“ als das weitaus schmerzlichere geschehen als die bevorstehende Haft. (Lumsden 2007: 47)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Emma Goldman. Umrisse einer anarchistisch-feministischen Klassikerin
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V354421
ISBN (eBook)
9783668405004
ISBN (Buch)
9783668405011
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feminismus, Gender, Anarchismus, Frauenforschung, Theoriebildung, Geschichte, Frauenbewegung, anarcho-feminismus, Biographie, Biographieforschung
Arbeit zitieren
Miriam P. (Autor), 2016, Emma Goldman. Umrisse einer anarchistisch-feministischen Klassikerin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354421

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