Die Dissoziative Identitätsstörung als stärkste Form der Dissoziation

Eine Einführung in den erstaunlichen Überlebensmechanismus von Schwersttraumatisierten


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Dissoziation
2.1. Definition und Klassifizierungen der Dissoziation
2.2. Dissoziative Störungsbilder
2.3. Dissoziation als Überlebenstechnik
2.4. Strukturelle Dissoziation bis hin zur DIS

3. Die dissoziativen Identitätsstörung
3.1. Definition
3.2. DIS und Trauma
3.3. Persönlichkeitsanteile
3.4. Was es beutetet, mit einer DIS zu leben

4. Schluss

5. Bildmaterial

6. Literaturverzeichnis

7. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit werde ich mich mit dem Thema der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) als stärkste Form der Dissoziation auseinander setzen.

Ich werde mich der Definition von Dissoziation und der DIS widmen und die Zusammenhänge in Form einer Steigerung der Dissoziation bis hin zur DIS beleuchten. Zusätzlich wird es einen kleinen Einblick darin geben, was es bedeutet, mit dieser Störung zu leben. Im Schluss werde ich reflektieren und Themen anschneiden, die ich wegen der begrenzten Zeichenzahl nicht ausführen kann.

Das Krankheitsbild der multiplen Persönlichkeit hat eine große Faszination auf mich ausgeübt: Diese grandiose Technik des Überlebens ist so drastisch und so radikal wie sie kreativ und verletzlich ist.

Und gleichzeitig ist die Diagnose beinahe auch immer ein Feststellen von unsagbar grausamen Verbrechen. Ich möchte deswegen hier meine Bewunderung ausdrücken für die Überlebenden, die es verdienen, mit Respekt und Behutsamkeit behandelt zu werden.

2. Dissoziation

2.1. Definition und Klassifizierungen der Dissoziation

Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM IV) definiert dissoziative Störungen wie folgt: "Das Hauptmerkmal der Dissoziativen Störungen ist eine Unterbrechung der normalerweise integrativen Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität oder der Wahrnehmung der Umwelt. Die Störung kann plötzlich oder allmählich auftreten und sowohl vorübergehend wie chronisch verlaufen."

Im Grunde kann man Dissoziation als das Gegenpol zur Assoziation betrachten (DEISTLER & VOGLER, 2005). Wenn durch Assoziation verknüpftes Wissen auf Grund eines äußeren Reiz in das Bewusstsein treten kann, so funktioniert Dissoziation konträr dazu, indem Wissen abgespaltet wird.

2.2. Dissoziative Störungsbilder

Man unterscheidet folgende dissoziative Störungen:

Dissoziative Amnesie

Beispiel: Eine Person kann sich an wichtige, persönliche Informationen, die meist belastender, traumatischer Natur sind, etwa einen sexuellen Übergriff, nicht mehr erinnern

Unterkategorien

Lokalisierte Amnesie: Es werden die ersten 10 Lebensjahre nicht erinnert, ein oder mehrere belastende Ereignisse werden nicht erinnert.

Selektive Amnesie: Nur einige Bruchstücke einer Vergewaltigung werden erinnert.

Systematische Amnesie: Das Gesicht des Täters wird nicht erinnert.

Kontinuierliche Amnesie: Von einem bestimmten Zeitpunkt an, etwa dem des Traumas, bis zur Gegenwart keine Erinnerung.

Generalisierte Amnesie: Eine Person hat „das Gedächtnis verloren", in der Realität sehr selten. Depersonalisierungserleben und Derealisation

Ersteres ist auf die eigene Person bezogen und kann sich beispielsweise in einem Gefühl des Losgelöstseins vom Körper oder in einem Fremdheitsgefühl des Körpers gegenüber äußern. Derealisation ist auf die Umwelt bezogen, die einem in diesem Zustand verschwommen, vernebelt oder fremd erscheinen kann.

Wichtig anzumerken ist, dass der Realitätskontakt im Gegensatz zu psychotischen Erkrankungen bestehen bleibt.

Konversionssyndrom

Früher als hysterische Phänomene oder als zur „Schützengrabenneurose" zugehörig gesehenen somatoformen, also ohne oder nicht hinreichende organische Ursache, Zustände (HERMAN, 1993). Beispiele hierfür: Schlechtes Hören, Lähmungen in Beinen oder Armen.

Dissoziative Fugue

Zu Deutsch: „Flucht". Ein plötzliches Verlassen des gewohnten Umfelds, verbunden mit einer Amnesie für den entsprechenden Zeitraum. Die Dauer einer Fugue kann wenige Stunden bis zu 3 Monaten betragen. Desorientierung bezüglich der eigenen Identität besteht und häufig wird eine neue Identität für diese Zeit angenommen.

Dissoziative Identitätsstörung (DIS)

Zwei oder mehr Persönlichkeitsanteile/Identitäten existieren in einem Körper, die wiederholt die Kontrolle übernehmen und es besteht eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern. Diese Amnesien sind zu umfassend, um durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt zu werden.

Nicht näher bezeichnete Dissoziative Störung

In diese Kategorie werden alle Störungsbilder eingeordnet, die nicht vollständig den oben genannten Kriterien entsprechen. Beispielsweise hat eine Person das Gefühl, mehrere, deutlich abzugrenzende Identitäten zu besitzen, jedoch'kann sie sich an die Momente erinnern, in denen ein anderer Anteil die Kontrolle hatte.

In der ICD-10 sind noch weitere dissoziative Störungen, wie der dissoziative Stupor oder Besessenheitszustände gelistet, jedoch ist davon auszugehen, dass dieser Bereich in den folgenden Jahren weiter diskutiert, ausgearbeitet und verändert wird (DEISTLER & VOGLER, 2005).

2.3. Dissoziation als Überlebenstechnik

Jeder mag das Phänomen eines leichten, dissoziativen Zustands kennen. Etwa nach einer langen Autobahnfahrt, bei der man am Ziel bemerkt, dass man sich gar nicht so recht an die Fahrt erinnern kann. Statt diese Zeit zu assoziieren, hat ein Filter sie abgespalten. Ein Teil in Ihnen mag die Erinnerung an sie haben, denn Dissoziation bedeutet, anerkennen und nicht anerkennen von eigenen Erfahrungen. Ein bestimmter Teil nimmt sie wahr, ein anderer weist sie von sich (BOON, STEELE & VAN DER HART, 2013). Man dissoziiert und assoziiert in beinahe jeder Minute des Lebens, wobei unwichtige oder zu brisante Dinge dissoziiert werden (HUBER, 2012}. Einige Wissenschaftler verwenden den Begriff der Dissoziation nur im pathologischem Sinne, da es sich um eine tiefgreifende Integrationsstörung handelt oder handeln kann:

In Notfallsituationen wird das bewusste Denken eingestellt, alle Energie auf Kampf oder Flucht konzentriert Ist das nicht möglich und findet keine Spannungsabfuhr dieser Energie ab, kommt es zu einer Immobilisierung des Körpers (Freeze, TotsteiI-Reflex). Die Gefühls- und Schmerzwahrnehmung ist behindert oder nicht mehr vorhanden (HANTKE & GÖRGES, 2012). Es scheint paradox, doch in unausweichlichen Gefahrensituationen können nicht nur Angst und Wut ausgelöst werden, sondern eben diese distanzierte Ruhe, mit der Angst und Schmerzen verschwinden. Schlussendlich auch ein Überiebensmechanismus {HERMAN, 1993).

Dazu ein Beispiel:

Ein Mädchen liegt Nachts im Bett, hört den Vater kommen. Es weiß schon, was passieren wird, riecht Nikotin und Alkohol, hört sein Flüstern und ist wie gelähmt vor Angst. Sie will noch schreien, bekommt die Hand auf den Mund gepresst und es kommt zum Missbrauch. Plötzlich fühlt sie sich ganz leicht, der Schmerz ist fort. Wie von oben betrachtet sie den Körper, weiß, dass da irgendwas schreckliches passiert. Das Mädchen da kommt ihr so bekannt vor..

Hier wird nicht unbedingt die Entstehung einer multiplen Persönlichkeit (DIS) erklärt, so etwas passiert in jedem Jahr hunderttausend Mal in Deutschland (HUBER, 2010). Dafür sind früh und oft einsetzende Traumatisierungen nötig, denn umso gravierender wird die dissoziative Störung (HANTKE & GÖRGES, 2012). Dieses Beispiel der Dissoziation beschreibt ihren Segen, wodurch das Mädchen den Vorfall für lange Zeit vergessen wird. Doch ist dieser Überlebensmechanismus einmal angeeignet, kann er im Alttags-und Erwachsenenleben für Probleme sorgen. Der abgespaltene Teil, das Mädchen als Opfer, existiert und kann durch Trigger, wie Nikotingeruch oder eine Flüsterstimme in entsprechender Frequenz, wieder assoziiert werden (HUBER, 2010). Es kommt zu Flashbacks: Das Trauma wird erinnert, als würde es gerade geschehen, im schlimmsten Fall kommt es zur Re-Traumatisierung.

2.4. Strukturelle Dissoziation bis hin zur DIS

Um das zu erläutern, betrachten wir verschiedene Stufen der Dissoziation, die sich ergeben, wenn man bedenkt, dass Dissoziation bedeutet, dass Erleben zwar gespeichert, aber nicht integriert und verarbeitet werden kann (HANTKE & GÖRGES, 2012).

Dissoziation weist also auf eine traumabedingte Aufteilung der Persönlichkeitsstruktur hin. Diese organisierte Aufteilung wird auch strukturelle Dissoziation genannt (VAN DER HART et al. 2004)

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Dissoziative Identitätsstörung als stärkste Form der Dissoziation
Untertitel
Eine Einführung in den erstaunlichen Überlebensmechanismus von Schwersttraumatisierten
Hochschule
Fachhochschule für Kunsttherapie Nürtingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V354426
ISBN (eBook)
9783668406261
Dateigröße
860 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DIS, dissoziation, dissoziative identitätsstörung, Trauma, strukturelle Dissoziation, multiple persönlichkeitsstörung, gewalt, psychiatrie
Arbeit zitieren
Mika Dreier (Autor), 2015, Die Dissoziative Identitätsstörung als stärkste Form der Dissoziation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354426

Kommentare

  • Gast am 1.3.2017

    Ich habe es direkt gelesen, sehr interessantes Thema...nun interessiert mich der Kunst-Therapeutische Ansatz dazu :-)
    A.B.

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Titel: Die Dissoziative Identitätsstörung als stärkste Form der Dissoziation



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