Die Religionskritik von Friedrich Nietzsche anhand des Textes "Der tolle Mensch" (Religion, 11. Klasse)


Unterrichtsentwurf, 2017
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Stundenrelevante Angaben zur Lerngruppe

Bei der Lerngruppe handelt es sich um einen Kurs des 11. Jahrgangs, der sich aus insgesamt 14 Lernenden (sieben Mädchen, sechs Jungen) zusammensetzt.1 Die Mitarbeit der Schülerinnen und Schüler (SuS) lässt ich als überdurchschnittlich aktiv bezeichnen. Dies zeigt sich insbesondere während UnterrichtsgesprÄchen, in denen sich fast alle SuS substanziell beteiligen. Dabei sind es nicht nur die Leistungsspitzen, die sich in das Unterrichtsgeschehen einbringen, sondern auch die weniger starken SuS versuchen, den Unterricht voranzubringen. Zusätzlich verfügen viele SuS über ein umfangreiches und fundiertes Wissen, sodass nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Mitarbeit positiv hervorgehoben werden kann. Diese Aufgeschlossenheit und Kommunikativität hat somit unmittelbare Auswirkungen auf die Wahl der Sozial formen2. Als sehr angenehm kann auch die Lernatmosphäre beschrieben werden: Die SuS arbeiten ruhig und konzentriert mit, Nebengespräche treten in zentralen Phasen nur selten auf. Das Unterrichtsklima ist zudem offen und respektvoll, sodass die Möglichkeit besteht, auch kontroverse Fragen und Kommentare zu äußern, ohne dass diese von dem Kurs negativ aufgenommen oder verurteilt werden. Das Verhalten der SuS mir gegenüber ist aufgeschlossen und kooperativ.

Gruppenarbeitsphasen erweisen sich in diesem Kurs als problematisch: Diese werden oft von Gesprächen über nicht stundenrelevante Themen begleitet, die eine zielführende und effektive Arbeit erschweren.

Die meisten SuS sind in der Lage, schwierigere Texte, die insbesondere eine erhöhte Deutungskompetenz erfordern, selbstständig zu erarbeiten und zu erfassen. Dies trifft für zwei Schülerinnen (S1 und S2) nur bedingt zu, sodass diese von dem Austausch im Plenum profitieren können. Die hohe Abstraktionsfähigkeit des Kurses ermöglicht zudem, Fragstellungen und Probleme auf einer rein hypothetischen Ebene zu klären.

Ich habe seit Beginn des Schuljahres in dieser Lerngruppe hospitiert und leite den Unterricht seit September selbst. Die Unterrichtsreihe ist daher in Absprache mit der Fachlehrerin von mir konzipiert.

2. Stundenrelevante Angaben zur Sache

Insbesondere im 18. Jahrhundert wurde mit der Aufklärung versucht, eine Emanzipation des Menschen durch die Befreiung von allen Herrschaftsstrukturen, zu denen auch die Kirche zählte, zu ermöglichen. Die Religion wurde kritisiert, weil sie den Menschen von einem rationalen Weltverständnis fernhalte und somit unmündig mache.3 Hier setzt Friedrich Nietzsches Religionskritik an. Seiner Ansicht nach müsse man jeder Form von Verfälschung der Wahrheit absagen, die das Leben als etwas kreieren könne, was es nicht sei, (hierzu zähle auch die Metaphysik). Insbesondere der Gottesgedanke sei die Spitze all dieser Illusionen.

Gott komme einer Lüge gleich und impliziere Ressentiments gegen das Leben. Nietzsche sieht den Menschen als unfähig an, sich selbst die Attribute Glück und Macht zuzuschreiben, sodass der Gottesgedanke geboren werde.4 Somit wurde der Tod Gottes, welcher auch den Kern dieser Stunde darstellt, ein zentraler

Inhalt in der Theorie Nietzsches.5 Dieser ist in dem Aphorismus „Der tolle Mensch“, welcher 1882 in der „Fröhlichen Wissenschaft“ erschien, von besonderer Bedeutung. Nietzsche lässt den tollen Menschen verkünden, dass die Menschen Gott getötet hätten.6 Dies deutet an, dass der Glaube an Gott bei den Menschen verschwunden ist und dass der Mensch sich von Gott nicht mehr unterscheidet. Das Töten Gottes weist zudem auf eine Nichtexistenz von diesem hin, da sich ein Gott nicht töten lassen und gleichzeitig tot bleiben kann.7 Diese Auffassung schließt den Ostergedanken ausdrücklich aus.8

Auch die Folgen der Tötung Gottes werden im Aphorismus beschrieben: Abbruch, Zerstörung, Untergang.9

Für Nietzsche ist dafür der Glaube an Gott verantwortlich, denn durch das Nichtstun der Menschen in Folge ihres Glaubens breche für sie mit dem Verschwinden Gottes nun das komplette Wertesystem zusammen.

Sie hätten keinen Gott mehr, auf den sie sich stützen könnten. Nietzsche ist der Meinung, das Christentum selbst sei daher eine nihilistische Religion, denn dem Nihilismus fehle die Antwort auf das „Wozu“.10 Diese

Frage rücke durch den Tod Gottes erneut in den Blickpunkt. Der Mensch müsse somit selbst wieder aktiv werden. Nietzsche schreibt „Tot sind alle Götter: Nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.“ Diese Rolle des Übermenschen könne der Mensch ausführen, der alle Entfremdungen überwunden habe. Er sei dem Diesseits treu und breche mit dem Jenseits. Er selbst sei somit zu Gott geworden und trete an die Stelle des entschwundenen und getöteten Gottes.11 Allerdings könne nur der zum Übermensch werden, der stark genug ist, dem Nihilismus entgegenzustehen und die Verantwortung eigenständig zu übernehmen. Nur so könne dem Menschen seine Selbsterlösung gelingen.12 Doch dies gelinge den meisten Menschen noch nicht, sodass sich der Wahnsinn des „tollen“ Menschen auf dem Nichtverständnis seiner Zeitgenossen grün den könne, denn dieses Ereignis sei viel zu groß und übersteige das Fassungsvermögen vieler.13 Der tolle Mensch lebe somit in einer Zukunftsbezogenheit, während andere Menschen dieses Verhalten noch nicht nachvollziehen könnten und er somit als „toll“ erscheine.14 Das spätere Zerschmettern der Laterne stehe zudem sinnbildlich für das Scheitern der Erhebung des Menschen zum Übermenschen.15 Bei Nietzsche zerbricht der Glaube an der Vernunft und somit auch an der Moderne. Er deckt als erster das „Sinnvakuum“ auf und benennt die daraus resultierenden Konsequenzen. All dies steckt in der Formulierung „Gott ist tot und wir haben ihn getötet.“16

3. Didaktische Überlegungen

3.1 Unterrichtszusammenhang

Die vorliegende Stunde stellt ein Element der Unterrichtsreihe „Auseinandersetzung mit verschiedenen religionskritischen Ansätzen“ innerhalb des Semesterthemas „Die Rede von Gott“ dar. In der vorangegangenen Stunde ist ein Referat zum Lebenslauf Nietzsches gehalten worden, an das - mindestens von einzelnen SuS - angeknüpft werden kann.17

Eingestiegen in diese Einheit sind wir mit der Frage: „Was ist Religionskritik?“ Zusätzlich haben wir uns der Beantwortung der Frage: „Wie kommt es zu Religionskritik?“ gewidmet. Auf dieser Basis sind in anderen Stunden weitere religionskritische Ansätze beleuchtet worden. Dazu gehört zunächst Feuerbach, da seine Projektionstheorie grundlegend für andere Theorien ist. Anschließend wurde Karl Marx‘ Text „Opium des Volkes“ intensiv besprochen und diskutiert. Daher kennen die SuS schon zwei religionskritische Theorien, welche Ähnlichkeiten zueinander aufweisen.18 Nun soll ein dritter und auch letzter Ansatz besprochen werden, dessen Bezugstext, anders als bei den vorherigen, weitaus mehr Deutungskompetenzen und Abstraktionsfähigkeiten seitens der SuS erfordert.

Da es sich hierbei um den ersten Teil einer Doppelstunde handelt, wird die Fachlehrerin den zweiten Teil mit der Gottesdienstvorbereitung des von den SuS dieses Kurses gestalteten Schulgottesdienstes beginnen. Die Einheit wird in der darauffolgenden Doppelstunde durch eine kritische Reflexion der Ansätze abgeschlossenen und durch das Thematisieren der Aktualität abgerundet.

3.2 Legitimation

Mit Blick auf den wachsenden technischen Fortschritt, durch den die Menschen in der Lage sind, neue, bisher ungeklärte Sachverhalte zu verstehen, verkommt Religion zu etwas „Antiquiertem“. Der Mensch macht sich selbst zum Verantwortlichen für diese Welt und braucht dafür keine Religion mehr. Somit entsteht der Reiz, Gott bzw. die Religion zu hinterfragen. Leider zeigt nicht nur die Geschichte, sondern auch die heutige Zeit, viele Extremisten, die ihre Religion missbrauchen, sodass ein negativer Schatten auf Religiosität fällt und das Bedürfnis entsteht, Religionskritik zu üben. Doch diese hat nicht nur eine negative Seite, denn durch sie kann ein Dialog zwischen Atheisten und gläubigen Menschen ermöglicht werden, der seinerseits eine Vertiefung und Weiterbildung des Diskurses ermöglicht.19

Zusätzlich kommt jeder Jugendliche heutzutage an den Punkt, an dem er Fragen aufwirft und beginnt, an Religion zu zweifeln. Er muss selbstständig abwägen, inwiefern er sich mit einer Religion identifizieren kann oder ob er diese ablehnt.

Auch wenn der zu behandelnde Text „Der tolle Mensch“ schon älter ist, besitzt das im Text angesprochene Thema Religionskritik einen Aktualitätsbezug. Die SuS können selbst abwägen, welche Aspekte sie im heutigen Kontext als aktuell, welche als nicht mehr zeitgemäß empfinden. Dadurch wird die im Kerncurri culum verankerte inhaltliche Kompetenz, die SuS zu einem klassischen religionskritischen Konzept theologisch begründet Stellung nehmen zu lassen, erfüllt.20 Gleichsam wird durch das Erschließen des Textes die im Kerncurriculum geforderte Deutungskompetenz21 der SuS weiter ausgeprägt.

3.3 Schwerpunktsetzung und didaktische Reduktion

Der Schwerpunkt der Stunde liegt auf dem Erschließen des Textes „Der tolle Mensch“ von Friedrich Nietz sche. Hierbei ist der Text in angemessener Weise bereits gekürzt worden, da die letzte Passage nicht zum Verständnis der Kritik an der Religion beiträgt. Erst in der Vertiefung soll es um eine theologisch begrün dete Stellungnahme mit Blick auf die Aktualität von Nietzsches religionskritischen Aussagen gehen.

Auf eine umfassende Textkritik an Nietzsche wird im Sinne einer angemessenen Reduktion verzichtet.

Kritik findet sich in Teilen bereits in der Überprüfung der Aktualität wieder. Zusätzlich wird von einer Analyse, wie sie für den Deutschunterricht charakteristisch ist, abgesehen. So müssen keine stilistischen Mittel gesucht und interpretiert werden, und es ist von geringer Relevanz, alle Metaphern und Symbole zu deuten.22 Wichtiger erscheint, die kausalen Zusammenhänge hinter diesem Aphorismus zu verstehen, um so die religionskritischen Kerngedanken zu erfassen.

3.4 Antizipation und Transformation

Die Stunde beginnt mit dem Einstiegsimpuls: „Vor den Ferien haben wir uns mit dem Thema Religions kritik beschäftigt und heute soll dies fortgeführt werden. Dafür werde ich euch23 zunächst einen Text vor lesen.“ Dieser Impuls ist für die SuS wichtig, da sie die Stunde so in den Unterrichtskontext einordnen können. Der Autor wird bewusst nicht genannt, sodass die SuS den Text unvoreingenommen auf sich wirken lassen können. Der eindrucksvolle Text bietet sich aufgrund seiner literarischen Qualität zum Vortrag an. Daraufhin haben die SuS die Möglichkeit, erste Gedanken zum Text zu äußern, sodass sie im Sinne einer Motivationsphase einen persönlichen Bezug zu diesem herstellen können.24 Hierbei ist davon auszu gehen, dass „Der tolle Mensch“ von den SuS rein intuitiv nicht als religionskritisch aufgefasst wird. Insbe sondere Textpassagen wie „Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? […] Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an?“, zeigen, dass es ohne den Glauben an Gott sehr viel Chaos in der Welt gäbe. Daher könnte dies von SuS als Aufruf zum Glauben an Gott empfunden werden. Sollten die SuS gar keine Ambivalenz wahrnehmen, kann mit der Nennung des Autors ein gezielter Impuls in diese Richtung gegeben werden. So ergibt sich für die SuS die Problematisierung: „Was ist Nietzsches Kritik an Religion und wie begründet er diese?“, die in den Arbeitsauftrag: „Wo befinden sich im Text religionskritische Ansätze?“ mündet. Am Ende dieser Phase erfolgt eine Bündelung, die zur Problemstellung überleitet. So wird eine intensive Auseinandersetzung mit dem Text in der darauffolgenden Phase motiviert.

In der Erarbeitungsphase soll nun die Stundenfrage mithilfe des Textes beantwortet werden. Zunächst wird den SuS die Aufgabenstellung erklärt: „Eure Aufgabe ist es nun, Stellen zu unterstreichen, bei denen ihr religionskritische Ansätze seht.“ Durch die von den SuS unterstrichenen Stellen ist es möglich, den Fokus auf die Religionskritik zu lenken und darüber ins Gespräch zu kommen. Mögliche Stellen, die von den SuS unterstrichen werden könnten, sind: 1) „Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mör der!“ (Z.9f.) 2) „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ (Z. 24) 3) „Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“ (Z. 30) 4) „Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?“ (Z. 21) 5) „Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen!“ (Z. 23). Zu 1) können die SuS schlussfolgern, dass ein Gott nicht von Menschen getötet werden kann, da diese die Macht dafür nicht aufbringen. Es ist zwar möglich, dass sie nicht mehr an Gott glauben und er somit aus den Köpfen verschwindet, aber es ergibt sich nicht der Tod Gottes. Also folgt daraus, dass nie ein Gott existiert hat und dieser nur eine Fiktion der Menschen war. Falls die SuS über die Auferstehung argumentieren sollten, so wird dieser Ansatz bei Zitat 2 entkräftet. Auch unser Gott ist gestorben, aber er ist wieder auferstanden. Hier wird jedoch deutlich gemacht, dass Gott tot bleibt. Es besteht also keine Hoffnung für ihn. Somit greift hier endgültig die in 1) beschriebene Konsequenz. 3) enthält die Folgen daraus, dass die Menschen Gott umgebracht haben: Sie müssen nun selbst die Verantwortung über nehmen und sich selbst zum Herrscher machen. Nur so versinkt die Welt nicht im Chaos. Diese Deutung spiegelt auch die in 4) beschriebene Metapher der Laterne wider: Die Menschen müssen selbst die Laternen anzünden und dies auch schon am Tag, weil Gott nicht mehr da ist, der für das Licht gesorgt hat. Der Mensch muss somit zum „Übermenschen“25 werden. Durch 5) können die SuS erkennen, dass Gott nun selbst nicht mehr unverfügbar, sondern auch materiell ist und als menschlich beschrieben wird. Auch dies weist auf die durch 1) und 2) beschriebene Interpretation hin. Es ist davon auszugehen, dass die SuS die genannten Schlussfolgerungen eventuell nicht alle selbst herausarbeiten können. Daher ist eine gezielte Impulssetzung wichtig. Gerade bei der Interpretation von 1) und 2) kann es dazu kommen, dass die SuS Hilfe benötigen. Mögliche Impulse könnten sein: Wie kann ein Gott überhaupt sterben? Wie ist Gott gestorben? Was resultiert daraus, wenn es den Menschen möglich ist, Gott zu töten? Auch 3) beinhaltet eine sehr wichtige These und benötigt eventuell unterstützende Impulse: Was passiert nun in einer Welt ohne Gott? Was muss der Mensch nun ohne ihn leisten? Die Zitate 4) und 5) sind eher als Ergänzungen zu sehen.

Es ist jedoch unabdingbar, dass die SuS die Zitate 1), 2) und 3) oder zumindest 2) und 3), da 1) aus 2) abgeleitet werden können, unterstrichen haben. Sollte dies nicht der Fall sein, so werde ich die fehlende Textpassage ansprechen und nachfragen, was Nietzsche damit gemeint haben könnte. Wichtig ist bei die sem sehr schwierigen Text, nach jeder Bearbeitung einer unterstrichenen Passage eine Bündelung und ein Zwischenplateau zu ziehen, insbesondere, weil die Thesen aufeinander aufbauen.

Um das nun Erarbeitete zu sichern, habe ich ein Arbeitsblatt (AB) (siehe S. 13) vorbereitet, welches die drei Aspekte „Gott ist tot und wir haben ihn getötet“, „Gott bleibt tot“ und „Wir müssen selbst zu Göttern werden“ beinhaltet. Zu diesen sollen die SuS niederschreiben, welche Bedeutung ihnen insbesondere mit Blick auf die Religionskritik zukommt. Zu Beginn erhält ein Schüler oder eine Schülerin, der oder die ausgehend von der Erarbeitungsphase die Thematik erfasst hat, die Sicherungsfolie zum Beschriften (iden tisch zum AB auf S. 13). Am Ende können die SuS ihre eigenen Gedanken mit der Folie abgleichen. Sollten Kontroversen auftreten, können diese im Anschluss geklärt und die Sicherungsfolie ggf. ergänzt oder verbessert werden. An dieser Stelle wäre auch der erste mögliche Ausstieg und das Minimallernziel erreicht.

Die darauffolgende Vertiefungsphase baut auf den Inhalten des Textes auf. Der Überleitungsimpuls: „Im letztes Abschnitt lesen wir, dass Nietzsche sagt, ‚Ich komme zu früh [..] ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert.‘ Nietzsches Text ist nun über 100 Jahre alt. Wäre es denn heute an der Zeit? Findet seine Religionskritik heute Anklang in der Gesellschaft?“ Hier sollen die SuS begründet Stellung nehmen zu Nietzsches Religionskritik und einen Aktualitätsbezug herstellen. Es ist zu vermuten, dass einige SuS Nietzsche in dem Punkt Recht geben, dass die Menschen selbst die Verant wortung übernehmen müssen und sie dies heutzutage vermehrt tun. Die Forschung wird vorangetrieben und Gott wird nicht mehr für alles verantwortlich gemacht. Vielmehr will der Mensch sogar selbst Gott werden und Entscheidungen über Leben und Tod treffen (Präimplantationsdiagnostik, In-Vitro-Fertilisation, Sterbehilfe, …). Aber vermutlich werden einige SuS Nietzsche widersprechen und sagen, dass Gott immer noch vorhanden ist und viele Menschen immer noch an ihn glauben. Fortschritt, Forschung und der Glaube an Gott sind keine Aspekte, die sich gegenseitig ausschließen. Sie können auch nebeneinander stehen. So muss Gott nicht erst aus den Köpfen der Menschen verschwinden, damit eine Verantwortungsübernahme entsteht. Durch diese vertiefte Auseinandersetzung wird das Maximallernziel erreicht.

4. Lernziele

Die SuS arbeiten aus dem Text „Der tolle Mensch“ den folgenden religionskritischen Gedanken Nietzsches heraus: Der Mensch hat Gott als Illusion selbst geschaffen und tötet diesen nun, indem er erkennt, dass es keinen Gott gibt. Daraus entsteht die Notwendigkeit, dass die Menschen selbst die Rolle Gottes übernehmen müssen (Minimallernziel). Dazu sollen die SuS im Einzelnen:

erste Gedanken zum Text äußern (Wahrnehmungskompetenz).

mögliche Textstellen herausarbeiten, die religionskritische Ansätze in sich tragen und diese deuten (Deutungskompetenz).

Nietzsches Religionskritik mithilfe eines Arbeitsblatts angemessen erschließen (Deutungskompetenz).

Im Sinne einer Maximalplanung sollen die SuS zu Nietzsches Religionskritik Stellung nehmen und beur eilen, inwiefern diese heutzutage noch aktuell ist. (Urteilskompetenz)

Die vorrangig geförderten prozessbezogenen Kompetenzen sind daher:

Deutungskompetenz - Theologische Texte sachgemäß erschließen - indem die SuS die Religionskritik Nietzsches aus dem Text „Der tolle Mensch“ herausarbeiten.

Urteilskompetenz - Formen theologischer Argumentationen bewerten - indem die SuS Stellung nehmen zu Nietzsches Religionskritik und diese auf Aktualität prüfen.

[...]


1 Eine Schülerin fehlt schon seit den Herbstferien und ist bis auf weiteres krankgeschrieben. Es ist davon auszugehen,dass sie auch in dieser Stunde fehlen wird.

2 Genaueres ist dem 5. Kapitel zu entnehmen.

3 Grenze, Friedrich und Verzieg, Siegfried: Religionskritik: Eine Materialsammlung, Hannover 1970, S. 1.

4 Biser, Eugen: Gottsucher oder Antichrist? Nietzsches provokante Kritik des Christentums, Salzburg 1982, S. 36.

5 Vgl. Kasper, Walter: Friederich Nietzsche, in: Ders: Der Gott Jesu Christi. Gesammelte Werke Band 4, Freiburg am Breisgau 2008, S. 101.

6 Bei der Verkündigung der Tötung Gottes werden viele Metaphern verwendet wie der Horizont und das Meer.Diese beiden Wörter stehen oft auch in anderen Texten in Verbindung mit dem Tod Gottes. Doch in diesem Zusammenhang steht das Meer nicht nur für die Größe Gottes, sondern auch für Freiheit, die dem Menschen aus der Tötung Gottes resultiert. Der Horizont steht für die Größe dieser Tat, die auch im späteren Verlauf („Ist nicht diese Tatzu groß für uns?“) nochmals aufgegriffen wird. (vgl. Biser, Eugen: Gott ist tot. Nietzsches Destruktion des christlichen Bewusstseins, München 1962, S. 41-60. Zusätzlich wird durch die Metapher des Meeres und des Horizonts klar, dass Gott momentan derjenige ist, der uns Orientierung im Leben gibt. (vgl. Hailer, Martin: Glauben und Wissen. Arbeitsbuch Theologie und Philosophie, Göttingen 2006, S. 174).

7 Vgl. Stegmaier, Werner: Der Tod Gottes und das Leben der Wissenschaft. Nietzsches Aphorismus vom tollen Menschen im Kontext seiner fröhlichen Wissenschaft, in: Gentili, Carlo und Nielsen, Cathrin: Der Tod Gottes und die Wissenschaft, Berlin 2010, S. 3.

8 Vgl. Hailer: Glauben und Wissen, S. 172.

9 Wiederzufinden in „Der tolle Mensch“ Z. 13-20.

10 Vgl. Kasper: Friedrich Nietzsche, S. 103.

11 Der Übermensch ist aber auf keinen Fall gleichzusetzen mit dem Herrenmenschen Der Herrenmensch gilt als Vertreter der aristokratischen Herrenmoral und erfährt somit einen übergeordneten Stand. Das Gegenteil vom Herrenmensch stellt der Sklave dar. (vgl. Wenzel, Eugen: Ein neues Lied? Ein besseres Lied? Die neuen Evangelien nach Heine, Wagner und Nietzsche, Würzburg 2014, S. 370f.

12 Vgl. Wenzel: Ein neues Lied? Ein besseres Lied?, S. 375.

13 Allein der Versuch des tollen Menschen auf dem Marktplatz erhört zu werden, ist schon zum Scheitern verurteilt.Dem Einzelnen stehen die Vielen gegenüber. Seine Worte können nur von einzelnen Menschen verstanden werden,so ist schon die Wahl des Marktplatzes als Ort seiner Verkündigungen schlecht gewählt worden (vgl. Köster, Peter:Der sterbliche Gott, Meisenheim am Glan 1972, S. 78).

14 Vgl. Detering, Heinrich: Der Antichrist und der Gekreuzigte: Friedrich Nietzsches letzte Texte, Göttingen 2010²,S. 8.

15 Vgl. A.a.O., S. 81.

16 Ebd.

17 Durch die lange Pause, die den Weihnachtsferien geschuldet ist, kann es aber auch durchaus sein, dass diese Bezügenicht mehr hergestellt werden können und dass nur die Referenten dazu in der Lage sind. Nichtsdestotrotz wäre auch dies eine Bereicherung für den Unterrichtsgang.

18 Feuerbachs Theorie ist von Marx noch erweitert worden.

19 Vgl. Hofheinz, Marco: Für Kirche und Gesellschaft … Religionskritik als unverzichtbare Aufgabe der Theologie,in: Hofheinz, Marco und Raphaela J. Meyer zu Hörste-Bührer: Theologische Religionskritik. Provokation für Kirche und Gesellschaft, Neukirchen-Vlyn 2014, S. 6f.

20 Vgl. Kerncurriculum Niedersachsen, S. 23 unter: http://db2.nibis.de/1db/cuvo/datei/kc_evrel_go_i_12_11.pdf (abgerufen am 1.1.2017).

21 Vgl. A.a.O., S. 22.

22 Einige sind jedoch relevant und werden in der Antizipation und Transformation (3.4) gesondert aufgegriffen.

23 Die SuS dieses Kurses werden aufgrund einer gemeinsam getroffenen Absprache geduzt.

24 Vgl. Riegel, Ulrich: Religionsunterricht planen. Ein didaktisch-methodischer Leitfaden für die Planung einer Unterrichtsstunde, Stuttgart 2014², S. 12f.

25 Der Begriff des Übermenschen ist von der Referatsgruppe im Dezember erklärt worden. Es ist jedoch nicht garantiert,dass alle SuS noch etwas mit diesem Begriff anfangen können. Daher könnten die Experten für dieses Thema sich hier positiv einbringen und den Begriff nochmals erklären oder ihn überhaupt erstmal ins Gespräch bringen.Sollte der Begriff von den SuS nicht selbst fallen, so wird er von mir eingefüh

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Details

Titel
Die Religionskritik von Friedrich Nietzsche anhand des Textes "Der tolle Mensch" (Religion, 11. Klasse)
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V354457
ISBN (eBook)
9783668405516
ISBN (Buch)
9783668405523
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religionskritik, friedrich, nietzsche, textes, mensch, religion, klasse
Arbeit zitieren
Jennifer Jollet (Autor), 2017, Die Religionskritik von Friedrich Nietzsche anhand des Textes "Der tolle Mensch" (Religion, 11. Klasse), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354457

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