Vier Jahre nach den weitreichenden Umwälzungen in der arabischen Welt bleiben aus politikwissenschaftlicher Sicht noch immer viele Fragen offen. Neben der nötigen Analyse von Ausbruch, Verlauf und Ergebnis der Proteste, stellt sich auch die Frage, ob alte Konzepte einen Erklärungsbeitrag leisten können oder ob sie an Erklärungspotential eingebüßt haben. In den letzten beiden Jahrzehnten galten die Bestrebungen der Forschung vor allem dem Ziel, den „Sonderweg“ der MENA-Region, die nur in geringem Maß an den globalen Phänomenen der Globalisierung und Demokratisierung teilnahm, näher zu erklären. Einen substanziellen Beitrag dazu lieferte der von Hazem Beblawi und Giacomo Luciani in ihrem Sammelband von 1987 grundlegend eingeführte Rentierstaats-Ansatz. Seine zentralen Thesen sind, dass sich in Staaten mit hohem Rentenbezug autoritäre Strukturen verfestigen und entwicklungspolitisch defizitäre Wege beschritten werden. In seiner vielbeachteten Groß-N-Studie aus dem Jahr 2001 überprüfte Michael Ross die zentralen Thesen des Ansatzes und kam zum Schluss: „(...) oil does hurt democracy.“ (Ross 2001: 356). Auch im deutschen Sprachraum erlangte der Ansatz Prominenz, wobei besonders die Publikationen von Peter Pawelka. Während nur wenige Autoren den generellen Zusammenhang von hohen Ölrenten und ausbleibender Demokratisierung anzweifeln, werden dem Ansatz gemeinhin eine hohe Erklärungskraft für die MENA-Region sowie begriffliche Klarheit, Interdisziplinarität und Innovationsfähigkeit attestiert.
Doch welche Implikationen ergeben sich für die Rentierstaats-These nach den Umwälzungen des „Arabischen Frühlings“? Zunächst kann festgehalten werden, dass praktisch alle Staaten, die keinen systemgefährdeten Unruhen ausgesetzt waren, hohe Ölrenten bezogen. Während die Proteste in den ölreichen Golfstaaten eher begrenzt blieben, kam es in ölarmen Ländern zur Regimekrise (Syrien) oder gar zum Umsturz (Ägypten, Tunesien). Die offensichtlichen Ausnahmen dieses Befundes bilden die Geschehnisse in Bahrain und Libyen. Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe, den letzteren der beiden abweichenden Fälle näher zu untersuchen. Zwar wäre es Gaddafi ohne die Intervention der NATO im Februar 2011 wohl gelungen, sich an der Macht zu halten, dennoch bleibt erklärungsbedürftig, warum es überhaupt erst zu den systemgefährdenden Protesten im Land kam.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Rente, Rentierstaat und rent-seeking
2.2 Der Rentierstaats-Ansatzes
3. Fallstudie Libyen
3.1 Libyen als Rentenstaat
3.2 Überprüfung der Hypothesen
4. Zum Erklärungspotential des Rentierstaats-Ansatzes
4.1 Ungleichverteilung der Renten
4.2 Ende des „Arabischen Sozialvertrags“
4.3 Zerstörung ziviler Institutionen
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob der Rentierstaats-Ansatz den Ausbruch und den Verlauf der libyschen Revolution von 2011 erklären kann. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage gestellt, inwiefern die theoretischen Annahmen über Rentierstaaten mit den empirischen Gegebenheiten des libyschen Falls übereinstimmen.
- Analyse des Rentierstaats-Ansatzes und dessen Kausalmechanismen
- Charakterisierung Libyens als Rentierstaat unter der Herrschaft Gaddafis
- Überprüfung von Hypothesen zu Ölpreisentwicklungen, Protestausmaß und Regimeverhalten
- Diskussion der Erklärungsdefizite und notwendiger theoretischer Ergänzungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Libyen als Rentenstaat
Die Geschichte der Ölförderung in Libyen beginnt mit den ersten Ölfunden 1959, acht Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes. Im Jahr 1961 exportierte das Land zum ersten mal Öl und trat kurz darauf der Organization of Petroleum Exporting Countries (OPEC) bei. Bei der Verstaatlichung der Erdölunternehmen ging Gaddafi behutsam vor. So drängt er zunächst auf mehr Mitsprache und bessere finanzielle Konditionen für den libyschen Staat, bevor er bis 1973 alle Erdölgesellschaften nationalisierte und Ausländer nur noch Minderheitsanteile hielten (vgl. Pedla 2012: 39).
Durch die Schließung des Suezkanals, die bis 1975 andauerte, wurde libysches Öl aufgrund des kurzen Transportweges nach Europa, deutlich attraktiver und verstärkt nachgefragt. Schnell machten die Einnahmen aus den Ölverkäufen einen signifikanten Teil des Staatsbudgets aus. Michael Herb errechnet einen durchschnittlichen Anteil von 58% der Öleinkünfte am Staatshaushalt seit der Unabhängigkeit (Herb 2005: 299), wobei davon auszugehen ist, dass bereits im Jahr 1970 fast 99% der Einkünfte aus Ölverkäufen stammten (vgl. Vandewalle 2006: 89). Die OPEC gibt in ihrem Statistischen Jahresbericht 2013 den Wert von 95% an. Darüber hinaus besitzt das Land nachgewiesene Ölreserven im Umfang ca. 48,5 Millionen Barrel, was den höchsten Wert in Afrika darstellt (vgl. OPEC 2013: 22). Das Land kann also ohne Zweifel als ein Rentierstaat (starker Ausprägung) bezeichnet werden. Im Folgenden sollen die drei vorgestellten Kausalmechanismen (1) rentier (2) repression (3) modernization effect nachgezeichnet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Rentierstaats-Theorie im Kontext der arabischen Umwälzungen und Darlegung der Forschungsfrage bezüglich des libyschen Falls.
2. Theoretische Grundlagen: Erläuterung zentraler Begriffe wie Rente und Rentierstaat sowie Darstellung der drei wesentlichen Kausalmechanismen des Rentierstaats-Ansatzes nach Michael Ross.
3. Fallstudie Libyen: Anwendung des theoretischen Rahmens auf Libyen sowie Überprüfung der Hypothesen zu den Ursachen und zum Verlauf der Revolution.
4. Zum Erklärungspotential des Rentierstaats-Ansatzes: Kritische Reflexion der Anwendbarkeit des Ansatzes unter Berücksichtigung von regionaler Ungleichverteilung, dem Ende des Sozialvertrags und der Zerstörung ziviler Institutionen.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, wonach der Rentierstaats-Ansatz das Regimeverhalten erklären kann, jedoch bei der Vorhersage des Ausbruchs und Verlaufs der Revolution an seine Grenzen stößt.
6. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Rentierstaat, Libyen, Muammar al-Gaddafi, Arabischer Frühling, Ölrente, Autoritarismus, Revolution, Patronage, Sozialvertrag, Institutionen, Repression, Demokratisierung, Politische Stabilität, Rent-seeking, Nahostpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die politische Stabilität und den Zusammenbruch des libyschen Regimes unter Gaddafi mithilfe der politikwissenschaftlichen Rentierstaats-Theorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Rolle von Öleinnahmen für autoritäre Herrschaftssicherung, die Dynamik von Protesten im MENA-Raum und die institutionelle Ausgestaltung eines Rentierstaates.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, ob und wie der Rentierstaats-Ansatz den Ausbruch sowie den Verlauf der libyschen Revolution 2011 erklären kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Fallstudie, in der theoretisch abgeleitete Hypothesen an der historischen Realität der libyschen Revolution von 2011 überprüft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen des libyschen Rentenstaates, prüft spezifische Hypothesen zum Ölpreis und Regimeverhalten und diskutiert das Erklärungspotenzial des Modells.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Rentierstaat, Libyen, Ölrente, Gaddafi, Autoritarismus, Arabischer Frühling und politische Stabilität.
Kann der Rentierstaats-Ansatz den Ausbruch der libyschen Revolution vollständig erklären?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Ansatz zwar das Verhalten des Regimes in der Krise erklärt, jedoch Zeitpunkt und Intensität des Aufstands nicht schlüssig herleiten kann.
Welche Rolle spielten regionale Unterschiede bei den Aufständen in Libyen?
Die jahrelange marginalisierte Position der Region Kyrenaika im Vergleich zu Tripolis trug maßgeblich zur Entstehung des Widerstands bei, was als Ergänzung zum Rentierstaats-Ansatz dient.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2014, Regimezusammenbruch trotz Öl? Lassen sich Ausbruch und Verlauf der libyschen Revolution mit dem Rentierstaats-Ansatz erklären?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354462