Sind Fortschritt und Nachhaltigkeit miteinander vereinbar? Um diese Frage diskutieren zu können, ist es notwendig, die beiden Begriffe näher zu beleuchten. Als Ausgangspunkt dieses Essays soll deshalb die Darstellung der Genese des modernen Fortschrittsbegriffes dienen. Dabei wird auf eine kunsthistorische Entwicklung der Renaissance, die Einführung der Zentralperspektive und auf den philosophischen Entwurf des französischen Aufklärers Condorcets eingegangen. Dann soll ausgehend von Adam Smiths Werk „Der Wohlstand der Nationen“ nachgezeichnet werden, wie Fortschritt zunehmend mit wirtschaftlichem Wachstum in Verbindung gebracht wurde. In diesem Zusammenhang wird auch auf die vermeintliche Messbarmachung von Fortschritt durch die Verbreitung des statistischen Maßes des Bruttoinlandsproduktes eingegangen.
Im Anschluss wendet sich der Essay der Entstehung des Paradigmas der Nachhaltigkeit beziehungsweise der Nachhaltigen Entwicklung und seiner steigenden Bedeutung im weltweiten Diskurs zu. Verschiedene Konzepte (Green Growth, Postwachstum, Buen Vivir) werden auf ihr Fortschrittsverständnis hin beleuchtet und zur Vereinbarkeit desselben mit Nachhaltigkeit befragt. Bei dieser Betrachtung wird deutlich, dass bei der Diskussion um den Fortschrittsbegriff grundsätzliche Fragen nach dem Verständnis von Wohlstand und dem guten Leben aufgeworfen werden.
Im abschließenden Fazit wird die Frage nach der Vereinbarkeit von Fortschritt und Nachhaltigkeit grundsätzlich bejaht und eine entsprechende Fortschrittsvision kurz formuliert.
Gliederung
1. Einleitung
2. Evolution des Fortschrittsparadigmas
2.1 Von der Linearperspektive zu Condorcets Fortschrittsbegriff
2.2 Wie Fortschritt und Wachstum eins wurden
3. Nachhaltigkeit
4. Zur Vereinbarkeit von Fortschritt und Nachhaltigkeit
4.1 Grünes Wachstum
4.2 Postwachstum und Hindernisse
4.3 Fortschritt neu denken
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Vereinbarkeit der Konzepte von Fortschritt und Nachhaltigkeit. Im Zentrum steht die Analyse der historischen Genese des modernen Fortschrittsbegriffs sowie die kritische Auseinandersetzung mit gegenwärtigen wirtschafts- und entwicklungspolitischen Ansätzen wie dem "Grünen Wachstum" und der Postwachstumsbewegung, um eine zukunftsfähige Fortschrittsvision zu formulieren.
- Historische Entwicklung des Fortschrittsparadigmas seit der Renaissance
- Die Kopplung von Fortschritt an materielles Wirtschaftswachstum
- Kritische Analyse von "Green Growth" als Lösungsansatz
- Wachstumskritik durch Postwachstums- und Degrowth-Konzepte
- Indigene Perspektiven wie das "Buen Vivir" als Impulsgeber
- Neuformulierung von Fortschritt auf Basis von Befähigung und Generationengerechtigkeit
Auszug aus dem Buch
2.2 Wie Fortschritt und Wachstum eins wurden
Während Condorcets Vision der Zukunft durch einen fortlaufenden geistigen Fortschritt charakterisiert war, war dieser für seinen Zeitgenossen, den schottischen Ökonomen Adam Smith, materieller Natur. Das grenzenlose Gefühl des Menschen es immer besser haben zu wollen, sah Smith als biologisch gegeben an: „(...) the desire of bettering our condition (...) comes with us from the womb, and never leaves us till we go into the grave.“ (Smith 1776: 20). In seinem 1776 veröffentlichtem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ fasste er wirtschaftstheoretische Erkenntnisse liberaler Vordenker zusammen und richtete sich gegen Handelsschranken und die vorherrschende Politik des Merkantilismus. Smith war der Überzeugung, dass durch die positiven Effekte der Arbeitsteilung und das rationale Eigeninteresse des Menschen als treibende Kraft eine deutliche Ausweitung der Produktion möglich werden würde.
Diese könnte, in einer gut regierten Gesellschaft, eine „universal opulence which extends itself to the lowest ranks of the people“ ermöglichen (ebd.: 6). Dieses materielle Fortschrittsversprechen, war jedoch weit entfernt von der historischen Realität des 18. Jahrhunderts. Erst knapp 200 Jahre später schienen sich diese Hoffnungen für weite Teile der Gesellschaften des Globalen Nordens zu erfüllen. Die Wohlstandsausweitung der 1950er und 1960er prägte das Verständnis von Fortschritt und Entwicklung in den westlichen Industriegesellschaften nachhaltig. Dabei spielte der weltweite Siegeszug einer statistischen Kennzahl eine zentrale Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung der Arbeit ein, beleuchtet die historische Genese des Fortschrittsbegriffs und gibt einen Überblick über die behandelten Konzepte der Nachhaltigkeit.
2. Evolution des Fortschrittsparadigmas: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung vom Renaissance-Denken über Condorcets Aufklärungsphilosophie bis hin zur Identifikation von Fortschritt mit wirtschaftlichem Wachstum bei Adam Smith nach.
3. Nachhaltigkeit: Hier wird die Entstehung des Nachhaltigkeitsbegriffs, ausgehend von Carlowitz, über die Erkenntnis der Wachstumsgrenzen durch den Club of Rome bis hin zum Brundtland-Bericht und den Sustainable Development Goals erläutert.
4. Zur Vereinbarkeit von Fortschritt und Nachhaltigkeit: Dieses Hauptkapitel analysiert das Konzept des "Grünen Wachstums", diskutiert die Ansätze der Postwachstumsbewegung und erörtert, wie Fortschritt jenseits des materiellen Wachstums neu definiert werden kann.
5. Ausblick: Der Ausblick fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und schlägt eine auf individuellen Befähigungen basierende Vision für eine nachhaltige Zukunft vor.
Schlüsselwörter
Fortschritt, Nachhaltigkeit, Wirtschaftswachstum, Postwachstum, Degrowth, Grüne Wirtschaft, Anthropozän, Buen Vivir, Wohlstand, Lebenszufriedenheit, Bruttoinlandsprodukt, Generationengerechtigkeit, Aufklärung, Entwicklungspolitik, Ressourcen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie die beiden Leitbilder Fortschritt und Nachhaltigkeit miteinander vereinbar sind, insbesondere vor dem Hintergrund eines endlichen Planeten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die historische Evolution des Fortschrittsparadigmas, die Verknüpfung von Fortschritt mit ökonomischem Wachstum sowie die kritische Reflexion zeitgenössischer Nachhaltigkeitsdiskurse.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der zentralen Frage nach, ob Fortschritt und Nachhaltigkeit zwingend ein Widerspruch sind oder ob eine neue, nachhaltige Fortschrittsvision jenseits des reinen quantitativen Wachstums möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf der Aufarbeitung historischer Ideengeschichte, ökonomischer Theorien sowie einer kritischen Diskursanalyse entwicklungspolitischer Konzepte basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Entstehung des modernen Fortschrittsbegriffs, die historische Entwicklung der Nachhaltigkeitsdebatte und die konkrete Gegenüberstellung von "Green Growth" und Postwachstumsansätzen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören das Fortschrittsparadigma, die Steady-State-Ökonomie, das anthropozentrische Weltbild der Renaissance und das indigene Prinzip des Buen Vivir.
Wie bewertet die Arbeit das Konzept des "Grünen Wachstums"?
Die Arbeit ordnet das Grüne Wachstum als einen optimistischen Ansatz ein, der zwar politisch dominant ist, jedoch von der Postwachstumsbewegung aufgrund der ungeklärten ökologischen Entkoppelung grundlegend kritisiert wird.
Was schlägt die Arbeit als "Fortschritt neu denken" konkret vor?
Die Arbeit plädiert dafür, Wohlstand nicht mehr als bloße Ansammlung materieller Güter zu definieren, sondern als eine Ausweitung menschlicher Befähigungen ("Capabilities"), die ein selbstbestimmtes Leben in Würde ermöglichen, ohne künftige Generationen zu beeinträchtigen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2016, Sind Fortschritt und Nachhaltigkeit vereinbar? Kunsthistorische und philosophische Überlegungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354468