Die attische Polis. Eine Vorzeigedemokratie?

Elemente, Typologie und Grenzen antiker "demokratia"


Essay, 2015
8 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

A. Die attische Polis: Eine Vorzeigedemokratie?

Elemente, Typologie und Grenzen antiker demokratía

„[…] Mit Namen heißt sie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist, Volksherrschaft. […]“ (Auszug aus Perikles´ Gefallenenrede, um 431/430 v.Chr.)1

Dem einen gilt sie als Idealmodell einer gelungen Basisdemokratie, in der ein Gemeinwesen be- gründet wurde, das danach strebte, tugendhafte Bürger zu erziehen. Andere sehen in ihr nichts an- deres als ein Negativbeispiel für die Herrschaft des Pöbels, die weniger als zwei Jahrhunderte exis- tierte.2Am demokratischen Erbe des antiken Griechenlands scheiden sich die Geister und so stellt sich angesichts dieses Spannungsfeldes die Frage nach den Merkmalen und Grenzen des politischen Systems der attischen Polis. Oder anders formuliert: Wie demokratisch war das antike Athen?

Ausgehend von dieser Fragestellung werden im folgenden Essay die Elemente der attischen Vorstellung von demokratía am Beispiel der politischen Institutionen im klassischen Athen unter der Regierung Perikles´ (um 500 - 429 v. Chr.), das als „goldenes Zeitalter“ der attischen Demokratie betrachtet wird, extrahiert. Darauf aufbauend erfolgt eine Typologisierung des attischen Systems anhand von Wolfgang Merkels sechs Klassifikationskriterien, die abschließend Anstoß zu einer kritischen Auseinandersetzung mit jenen Maßstäben geben soll.3

In der Schule lernt man, dass sich der Begriff Demokratie aus den griechischen Wörtern dēmos, das Volk, und kratía, die Herrschaft, zusammensetzt. Demokratie heißt also so viel wie Volksherr- schaft. Ganz so einfach wie in dieser (Minimal-) Definition lässt sich die attische Vorstellung von demokratía dann doch nicht zusammenfassen. Den Begriff demokratía als Bezeichnung für ihr politisches System nutzten die Athener wahrscheinlich seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr., der, wie Perikles in seiner oft zitierten Gefallenenrede darlegte, eine Herrschaft beschreibt, die in den Händen einer Mehrheit liegt.4Nicht das gesamte Volk bestimmt für das gesamte Volk, son- dern eine als kompetent betrachtete Majorität trifft Entscheidungen, die gleichwohl für alle gelten. Kurzum: Die Mehrheit entscheidet für die Gesamtheit. Wer dieses Recht zur politischen Teilhabe genoss, war folglich Bestandteil des demokratischen Systems und war autorisiert, über die Angele- genheiten der Polis mitzubestimmen, wobei jede Stimme, unabhängig des sozio-ökonomischen Sta- tus´, gleichermaßen Gehör fand und Gewicht hatte. Dieses (neue) Selbstverständnis von Gleichbe rechtigung, die sogenannte isonomia, korrespondiert so eng mit der antiken Vorstellung von demokratía, dass sie mitunter synonym verwendet wurden. Wer also berechtigt war, am staatlichen Leben teilzunehmen, der war auch legitimiert, politisch gleichberechtigt zu partizipieren und galt auch vor dem Recht als gleich. Obwohl nun eine (eingeschränkte) Form politischer Gleichheit existierte, bestand die soziale Ungleichheit innerhalb der Polis unvermindert fort.5Wie manifestierten sich die eben skizzierten Vorstellungen von demokratía und isonomia konkret in der politischen Ordnung der attischen Polis? In der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr., dem Zeitalter des Perikles´, kristallisierten sich vier politische Institutionen heraus:

(1) Die Volksversammlung (ekklēsía) betrachtete sich als Versammlung jener, die das politische Bürgerrecht inne hatten. Sie war keine Repräsentation des Volkes, sondern stellt die Kerninstitution des direktdemokratischen Systems der attischen Polis dar, in der grundsätzlich jeder das gleiche Recht auf Rede (isegoria) hatte. Zu ihren Kompetenzen gehörten neben der Gesetzgebung und der Ausübung des Scherbengerichts (ostrakismos) auch Beschlüsse zu allen politischen Angelegenheiten. Die Abstimmung erfolgte per Handzeichen (cheirotonía). Die Teilnehmer der ekklēsía waren somit Antragsteller, Redner, Richter, Zuhörer und Stimmkörper in Personalunion.

(2) Der Rat der 500 (boulé) war die die Vertretung der 10 Phylen. Jede Phyle bestimmte per Los 50 Vertreter, die die Phyle für jeweils ein Jahr repräsentierten. Der Rat bereitete die Volksversammlung vor, kontrollierte die Amtsträger und die Staatsfinanzen, zudem überprüfte er die Qualifikation der Beamten vor ihrer Amtsausübung (z.B. Bürgerstatus, Wehrdienst etc., die sogenannte dokimasie) und leitete das Verfahren der euthynie , in dem der jeweilige Beamte am Ende seiner Amtszeit Rechenschaft über seine Amtshandlungen ablegen musste.

(3) Die Zahl der Ämter (archaí) innerhalb der attischen Polis war beträchtlich: man schätzt um die 700 v.a. kleine, kollegial ausgeführte Ämter, welche jährlich via Losverfahren besetzt wurden.

(4) Die Gerichte (dikastéria) stellen eine Form der Volks- bzw. Laiengerichte dar, in der knapp 6000 Richter nach den Gesetzen und Maximen der Polisordnung Recht sprachen. Jährlich wurden alle, die mit dem politischen Bürgerstatus ausgestattet und mindestens 30 Jahre alt waren, per Losmaschine auf die verschiedenen Gerichte verteilt, die sowohl über Privatklagen als auch über öffentliche Popularklagen durch Mehrheitsentscheide urteilten. Insgesamt setzte die attische Demokratie also ein hohes Maß an politischem Engagement bzw. „Tugend“ voraus.6

Misst man nun jene Institutionen bezüglich ihrer zentralen Herrschaftskriterien, so kann folgender Befund über das politische System des perikleischen Athen gefasst werden:

(1) Hinsichtlich ihrer Herrschaftslegitimation beriefen sich die Athener auf die Volkssouveräni- tät.7Doch der antike Volksbegriff ist nicht mit der modernen Vorstellung von Volk gleichzusetzen. Dem attischen Verständnis wird man gerechter, wenn man von der Souveränität der politischen Vollbürger spricht. Wer aber genoss dieses Privileg? „Zentrale Trennlinie“ war die Unterscheidung zwischen Bürger und Nichtbürger, die seit Perikles´ Bürgergesetz klar definiert war: Nur wessen Vater und Mutter bereits attischer Bürger war, konnte selbst Polisbürger sein. Im 5. Jahrhundert waren dies immerhin um die 60 000 Männer und Frauen von insgesamt knapp 200 000 Bewohnern Athens. Die Metöken („Mitbewohner“, dauerhaft wohnende Fremde) waren somit ebenso ausge- schlossen wie die Masse der Sklaven und Unfreien. Frauen konnten also mitunter den Bürgerstatus erlangen. Doch der entscheidende Unterschied war, dass nur Männer auch über die politischen Bür- gerrechte verfügen konnten. Wer neben seiner Herkunft nachweisen konnte, dass er seinen Militär- dienst (Ephebie) geleistet hat, was im Normalfall mit 20 Jahren der Fall war, konnte sich offiziell in die Bürgerliste eintragen lassen und an der Versammlung der ekklēsía teilnehmen, im Rat der 500 sitzen, ein Richteramt oder andere Ämter ausüben. Von einer Herrschaft der Mehrheit oder gar ei- ner Volksherrschaft kann dementsprechend nicht die Rede sein, sondern vielmehr von einer Herr- schaft der etwa 30 000 männlichen Vollbürger Athens, die rund 15 % der Bevölkerung darstellten. Mitunter fällt in diesem Kontext auch die Bezeichnung Patriarchat.

(2) Diese Erkenntnis ist sehr eng mit der zweiten Herrschaftskomponente verbunden, die ein interessantes Licht auf einen Herrschaftszugang wirft, der weit davon entfernt war, als offen oder universell zu gelten, da das attische System einen Großteil des erwachsenen Staatsvolkes von der Teilnahme an der Polisdemokratie ausschloss.

(3) Die Frage nach den politischen Entscheidungsträgern untersucht Merkels dritte Kategorie des Herrschaftsmonopols. Wie bereits erläutert, bestimmten die männlichen Vollbürger die politischen Angelegenheiten der Polis. Jeder hatte das Recht, seine Meinung in der ekklēsía, die auf dem Hügel Pnyx tagte, vorzutragen und darüber abzustimmen zu lassen. Was in der Theorie jedem ein Rede- recht zusprach, gestaltete sich in der Herrschaftspraxis mitunter anders, in der vor allem eine kleine Gruppe Redner, die rhétores, dominierte.8Im 5. Jahrhundert v. Chr. stellte diese in der Regel ver- mögende Elite die meisten Strategen, darunter auch Perikles. Die Gefahr, den Reden eines Dema- gogen zu verfallen, sollte durch die Popularklage, nach heutigen Maßstäben eine Form des Hoch- verratsprozesses, in der jeder aus der ekklēsía gegen einen anderen Teilnehmer den Verdacht der Polisgefährdung äußern und vor ein Gericht bringen konnte, gebannt werden. Zudem wurde durch den Sturz des Areopags (462/61 v. Chr.) die Macht des Adels stark beschnitten und das Startzeichen für eine „radikale“ Demokratie gesetzt, in der die Theten (Arbeiter, Händler, Ruderer usw.) die Mehrheit stellten, was wiederrum der ekklēsía den Ruf einer Pöbelversammlung bescherte. Die politische Teilnahme aller männlichen Vollbürger sollte zusätzlich durch die Einführung von Diäten garantiert werden, so dass auch die ärmeren Theten an der Volksversammlung teilnehmen konnten, was jedoch nicht heißt, dass von den gut 30 000 männlichen Bürgern allesamt an der Versammlung teilnahmen. Bei einer Zahl von mindestens 6000 Bürgern galt die Volksversammlung bereits als „Masse des Volkes“.9

(4) Eine Akkumulation der Macht in der attischen Polis wurde durch die Vielzahl der Ämter ebenso verhindert wie durch deren Annuität, ihrer Kollegialität und ihres Iterationsverbotes. Ebenso sorgte der Rat der 500 dafür, dass die Beamten im Sinne des Stadtstaates handelten, so dass von einer gegenseitigen institutionellen Kontrolle gesprochen werden kann. Des Weiteren konnte jeder Vollbürger durch die Popularklage selbst tätig werden, falls er die politische Ordnung gefährdet sah. Von einer Gewaltenteilung im neuzeitlichen Sinne Montesquieus kann im klassischen Athen indes keine Rede sein: So war die beratende ekklēsía nicht nur Legislativorgan, sondern sprach im Scherbengericht auch Recht aus, zudem stellte die Volksversammlung neben den Beamten, die in ihrem jeweiligen Amt die Gesetze vollzogen, auch die Richter der jeweiligen Gerichte. Eine Machtkonzentration wird im attischen Modell zumindest in ihrer Theorie nicht ermöglicht, so dass die Herrschaftsstruktur als pluralistisch charakterisiert werden kann.

(5) Die beiden letzten Kriterien beleuchten die rechtsstaatliche Verfasstheit eines politischen Systems. Der Aspekt des Herrschaftsanspruchs definiert das Verhältnis Staat-Bürger. A. Pabst bezeichnete die „Rechtsstaatlichkeit als wesentliches Element“ der attischen Demokratie10. Für die männlichen und weiblichen Vollbürger der Polis, die immerhin ein gutes Drittel der attischen Gesamtbevölkerung ausmachten, gab es verbindliche Gesetze, vor denen alle Bürger gleich waren (isonomia). Der staatliche Herrschaftsanspruch war zumindest den Bürgern gegenüber beschränkt. Anders sah es bei den Metöken und Sklaven aus, die von dieser Rechtssicherheit ausgeschlossen waren. Ebenso wenig kannte das attische Rechtssystem das Recht auf Opposition oder gar unveräußerlicher Menschenrechte. Die antike Gleichberechtigung beruhte auf der rechtlichen und politischen Gleichheit der Polisbürger nicht aber auf deren individuellen.11

(6) Wurden die staatlich zugesicherten Rechte auch tatsächlich eingehalten? Belege lassen sich insbesondere im Gerichtswesen wiederfinden: keine Anklage ohne gesetzlichen Tatbestand, Ge- setzmäßigkeit und Unparteilichkeit der Gerichte, das Recht auf Anhörung und Verteidigung oder das Verbot rückwirkender Strafgesetze stellen nur einige Elemente der attischen Rechtsstaatlichkeit, wie sie uns u.a. von Aischines oder Demosthenes überliefert wurden, dar. Trotz dieser rechtsstaat-

[...]


1Thuk. II 37,2 . Quellentext gefunden bei: Vorländer, Hans: Grundzüge der athenischen Demokratie. Artikel vom 6.1.2014. Nach: bpb. de (Stand: 25.10.2015). Vorländer gibt als Quelle: Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Hg. und übers. von Georg Peter Landmann, Düsseldorf/ Zürich 2002, S. 111 an.

2Nippel, Wilfried: Antike oder moderne Freiheit? Die Begründung der Demokratie in Athen und in der Neuzeit. Frankfurt am Main 2008, S. 11.

3Vgl. Merkel, Wolfgang: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung. Wiesbaden2 2010, S. 22-24. Auf den Seiten 22/23 erläuter Merkel seine Analysekategorien.

4 Pabst, Angela: Die athenische Demokratie. München 2003, S. 10 u. 17.

5Merkel, Systemtransformation, S. 27. Pabst, Athenische Demokratie, S. 38 f.

6 Piepenbrink, Karen: Das Altertum. In: Michael Erbe (Hg.): Grundkurs Geschichte. Stuttgart 2006, S. 74-80. In einer Phyle war die landschaftliche Region Attikas zu je einem Drittel (Trittyen: 1/3 Stadt-, 1/3 Küsten-, 1/3 Binnenlandbe- wohner) vertreten. Neben der geografischen fand so auch eine indirekte soziale Repräsentation der Polis statt. Das Stra- tegenamt, das auch von Perikles ausgeübt wurde, war das einzige Amt, das durch Wahl besetzt wurde. Die 10 Strategen hatten primär militärische Kompetenzen inne. Vorländer, Hans: Demokratie. Geschichte, Formen, Theorien. München 2 2010, S. 20-24.

7Die folgenden sechs Analysekategorien (S. 4ff.) beziehen sich auf: Merkel, Systemtransformation, S. 22-24.

8 Piepenbrink, Altertum, S. 80-82.

9Vorländer, Demokratie, S. 20f. Insbesondere Platon kritisierte die Demokratie als eine Herrschaft der Armen.

10Pabst, Athenische Demokratie, S. 78.

11 Vorländer, Demokratie, S. 33 f.

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Details

Titel
Die attische Polis. Eine Vorzeigedemokratie?
Untertitel
Elemente, Typologie und Grenzen antiker "demokratia"
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Seminar Politische Systeme im Vergleich
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V354575
ISBN (eBook)
9783668412422
ISBN (Buch)
9783668412439
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demokratie, Athen
Arbeit zitieren
Alexander Koch (Autor), 2015, Die attische Polis. Eine Vorzeigedemokratie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354575

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