Mittelalterliche Hölle oder antiker Hades? Die Unterwelt in Veldekes "Eneasroman"

Zum Status der christlich-mittelalterlichen Hölle in Veldekes Poetik der Unterweltfahrt


Hausarbeit, 2016
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

A. Einleitende Betrachtung

B. Veldekes Unterweltfahrt - eine „interpretatio christiana“ der helle?
1. Das Höllenkonzept in religiöser und literarischer Tradition des 12. Jahrhunderts
2. Veldekes Poetik in der Unterweltfahrt
2.1 Der „artifex“ und sein Umgang mit der „materia“
2.2 Das „artificium“: Veldekes Unterwelt und ihre Topografie
2.3 Veldekes Unterwelt: mittelalterliche Hölle oder antiker Hades? - Funktionen von Eneas´ Katabasis im Kontext von Synkretismus und Künstleranspruch

C. Abschließende Betrachtung

D. Literaturverzeichnis

A. Einleitende Betrachtung

Die sogenannte Unterweltfahrt des Eneas´ in Heinrich von Veldekes ´Eneasroman´ aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mag auf den ersten Blick wie ein wüstes Sammelsurium unterschiedlichster kultureller, literarischer und religiöser Einflüsse anmuten: griechische Götter und eine skurrile Greisin, mittelalterliche Teufel und Oberteufel, Todesqualen und Sünder, ein furchterregender Höllenhund und geschundene Seelen und mittendrin Eneas, jener Held, der mit seinem Gefolge die von den Griechen bedrängte trojanische Heimat ver- ließ, um dem Willen der Götter Folge zu leisten und der in Italien den Grundstein für die künftige Weltmacht Rom zu setzen hat. Ebenjener Protagonist findet sich nunmehr in einer Unterwelt wieder, die von seiner Begleitung, der Sibylle, folgendermaßen beschrieben wird:

ich will dir sagen gewisse,/ Ênêas geselle,/ daz is diu rehte helle/ alsô dû gesehen maht./ dâ is immer inne naht,/ dâ ne wart nie tach.1

Diese Aussage der Sibylle bürgt ein vermeintliches Paradoxon in sich: Wie kann es sein, dass heidnische Figuren antiker Prägung scheinbar unbehelligt neben dem Konzept der christli- chen Hölle des Hochmittelalters existieren können? Angesichts dieses Spannungsfeldes stellt sich die Frage nach dem Status, dem der christlichen Hölle in Veldekes Poetik der Unterwelt- fahrt zukommt. Ist Veldekes Jenseitsreise im Sinne einer „interpretatio christiana“ der helle zu deuten?2Welche poetische Programmatik begleitet Veldekes Erzählen in diesem so ent- scheidenden Stadium des Romans? Welche Intentionen verfolgt Veldeke möglicherweise mit dieser Poetik? Oder pointiert gefragt: Veldekes Unterwelt - mittelalterliche Hölle oder anti- ker Hades? Die Beantwortung jener Fragen soll Gegenstand dieser Hausarbeit sein.

Hierfür wird einsteigend die religiöse und literarische Rezeption der christlichen Hölle im 12. Jahrhundert skizziert, um zu extrahieren, in welchem Rahmen Veldeke seine Unterwelt kon- zipierte und er möglicherweise geprägt wurde. Anschließend wird Veldekes Poetik im Kon- text mittelalterlichen Erzählens betrachtet und damit zusammenhängend zentrale Elemente dieses Erzählkonzepts erläutert, mit dem Ziel, diese Funktionslogik in der Unterweltepisode wiederzufinden und zu analysieren. Abschließend wird eine Hypothese darüber aufgestellt, welcher Intention diese Poetik folgt und welche Rolle dabei der christlichen Hölle zukommt.

B. Veldekes Unterweltfahrt - eine „interpretatio christiana“ der helle?

1. Das Höllenkonzept in religiöser und literarischer Tradition des 12. Jahrhunderts

Betrachtet man die Hölle des Mittelalters als eine Art Konzept, so ist von vornherein zu be- merken, dass man es mit einem mehr als vagen und fragilen Konstrukt zu tun hat, das zudem ständigen Modifizierungen unterlag, die einander mitunter sogar widersprachen. Die kultu- rellen Wurzeln der christlich-abendländischen Hölle des Mittelalters sind dabei spätestens im antiken Rom der späten Republik bzw. der frühen Kaiserzeit zu suchen, jener Zeit, in der Vergil (70 - 19 v.Chr.) seinen Nationalepos ´Aeneis´ schrieb, dessen beschriebene Totenwelt immensen geistigen Einfluss auf die frühe Kirche ausübte und trotz heidnischer Inhalte noch im Hochmittelalter in weiten Gelehrtenkreise rezipiert wurde. Theologisches Fundament des Höllenkonzepts bildete insbesondere die weitverbreitete ´Offenbarungen des Paulus´ (Visio Sancti Pauli) des 2. Jahrhunderts, in der (vermutlich) Paulus, Apostel und erster Papst der römisch-katholischen Kirche, das Jenseits in all seinen Freuden aber auch in seiner perfiden und sadistischen Abgründigkeit detailliert darstellt. Die religiöse Vorstellung der mittelalter- lichen Hölle war also nicht vorrangig biblisch, sondern vor allem apokrypher Natur, deren Konzept im Laufe des Früh- und Hochmittelalters mehrfach revidiert wurde. An einigen Bei- spielen soll die Dynamik der Höllenvorstellung demonstriert werden: Als Akteur wäre etwa Gregor der Große (um 540 bis 604 n. Chr.) zu nennen, der als Gregor I. auf dem Heiligen Stuhl saß und in seiner ´Moralia in Iob´ ein Zwei-Höllenkonzept propagiert, das den infernus in eine obere und eine untere Hölle gliedert, wobei in der letzteren die verdammten Seelen vom Teufel und dessen Dämonen unentwegt mit Strafe gequält werden. Dass die Hölle ein Ort endloser Qualen, ein Sterben ohne Tod ist, wurde auch von Papst Honorius (625- 638 n. Chr. im Amt) bestätigt, dessen Hölle - auf Bibelstellen gestützt - gleich sieben Höllen kennt. Darunter Orte, wo die sündigen Seelen mit Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Seuchen, Kriegen gemartert werden oder auch ihr jenseitiges Leben mit Menschen fristen müssen, die sie has- sen. Auch bei Hildegard von Bingen (1098-1179) erscheint die Hölle als eine Art Straflager auf Lebenszeit. Ein Benediktinermönch aus dem Kloster St. Germain mit dem Namen Haymo von Auxerre (um 878) verfasste einen Bibelkommentar zur Hölle und gab ihr Attribute, die bis heute unsere moderne Höllenauffassung prägen: ewiges Feuer, Rauch, Schwefelgeruch, totale Finsternis prägen den grausamen Alltag der armen Seelen, die in einer befestigten Stadt gefangen gehalten und gequält werden. In der theologischen Gelehrtenwelt bildete sich spätestens im frühen Hochmittelalter eine Differenzierung der Höllenstrafen aus, die sich nach der Höhe der irdischen Vergehen bemessen, so dass es Sünden gibt, die vergeb- bar, also abgebüßt werden können, und jene, die einen als Todsünde unwiederbringlich ins ewige Feuer katapultieren. Diese Trennlinie ist für das im 12. Jahrhundert aufkommende (wenn auch nicht neue, aber nunmehr dogmatische) Höllenverständnis von integraler Be- deutung, da sich an diesem Konzept in seiner Grundlogik bis heute wenig verändert hat. Das Ergebnis zahlreicher Kirchenversammlungen ist das drei- ,streng genommen sogar vier-, geteilte Jenseits mit einem Paradies, in das nur die Heiligen unmittelbar gelangen, einem Fegefeuer („Purgatorium“), als Ort der Läuterung und Reinigung von Sünden, mit dem Be- wusstsein, dass die Seelen nach ihrer Sündenbuße die Gnade Gottes im Paradies erlangen, einer Hölle, in der die ewig Verdammten bis zum „Jüngsten Gericht“ schmoren und einer Art Vorhölle (limbus), in der die ungetauften Kinder und die Figuren des Alten Testaments ihr Dasein fristen, wobei Vorhölle und Fegefeuer mitunter auch synonym verwendet wurden.3Trotz aller theologischer Gelehrsamkeit: das Höllenkonzept der Konzile und klösterlichen Schreibstuben stand in enger Kohärenz zur volkstümlichen Vorstellung, die insbesondere in der Visionsliteratur zum Vorschein kommt und zu einer regelrechten Jenseitseuphorie im 12. Jahrhundert führte und maßgeblich zur Verbreitung der strafenden Hölle im Volk führte. Bis ins 13. Jahrhunderte waren es Mönche, die im Traum oder in Ekstase außernatürliche Visio- nen erhielten, die eindringlich das Jenseits und explizit die Brutalität der Hölle beschrieben. Der Bußebegriff rückte zunehmend in den Fokus und mit ihm die Hölle als Strafort. Für den Volksglauben des 12. Jahrhunderts dürfte in diesem Zusammenhang die ´Visio Tnugdali´ von besonderer Relevanz sein. Jene Jenseitsvision wurde um 1150 von einem irischen Mönch namens Marcus im Auftrag der Gisila, einer Äbtissin des Regensburgers Nonnenkloster St. Paul, verfasst und gelangte innerhalb kürzester Zeit zu großer Popularität in West- und Mit- teleuropa, wovon insgesamt 43 Übersetzungen in 15 Sprachen -darunter auch einige deutsche Mundarten- zeugen. Ebenjene Vision handelt vom irischen Adligen Tnugdalus, der einem feudalen und oberflächlichen Lebensstil frönt und in einem Scheinzustand des Todes verfällt, um sich schließlich im Jenseits wiederzufinden. Ihm zur Seite steht ein Engel, der Tnugdalus durch den zweigeteilten infernus führt: die untere Hölle ist die Heimat der Teufel, in der die Seelen ewige Qualen erleiden müssen, in der oberen Hölle hingegen ist eine Läute- rung möglich, die letztlich ins Paradies führt. Tnugdalus muss diesen Weg, der wiederholt von Dämonen behindert wird, durchlaufen, wobei ihm der Engel helfend zur Seite steht und ein dialogisches Erzählverfahren zum Einsatz kommt, das dem Rezipienten die Hölle und ihre Bewohner mehr als plastisch wiedergibt. Letztlich erwacht der Adlige geläutert aus seinem Scheintod.4Die darin auftretende Erbauungs- und Bekehrungsabsicht sowie die Parallelen zu Vergils Unterwelt im ´Aeneis´ lassen sich nicht abstreiten und machten die ´Visio Tnugdali´ zu einem „Bestseller des Mittelalters“. Gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass auch Veldeke von diesem populären Werk gehört hat, es mitunter sogar rezipierte. Fest steht jedoch, dass Heinrich von Veldeke in einer Zeit wirkte, in der Jenseitsreisen großen Absatz fanden und jenes christliche Erzählmodell möglicherweise auch Zugang in Heinrichs Poetik fand.5

2. Veldekes Poetik in der Unterweltfahrt

2.1 Der „artifex“ und sein Umgang mit der „materia“

Um sich der Poetik in Veldekes Unterweltepisode zu näheren, kann es mitunter hilfreich sein, die aus der Geschichtswissenschaft stammende Methode der Quellenkritik selektiv zu verwenden, wobei insbesondere die Frage nach der Originalität, d.h. die Suche nach den Ursprüngen und Traditionen von Veldekes Erzählstoff, für die weitere Analyse aufschlussreich erscheint. Dabei möchte der Autor in den abschließenden Versen seines Romans (V. 13 505 bis 13 527) offenbar selbst die Antwort auf jene Frage geben:

wand als herz dâ gescriben vant,/ alsô hât herz vor gezogen,/ daz her anders niht hât gelogen,/ wand als herz an den bûchen las./ ob daz gelogen niene was,/ sô will her unscholdich sîn:/ als is ez welsch und latîn/ âne missewende.6

Der Autor behauptet in diesem Auszug, nur das wiederzugeben, was er bereits in lateinischen und französischen Texten vorgefunden hat. Veldeke betrachtet sich somit in erster Linie als eine Art Übersetzer, der Vergils ´Aeneis´ sowie den altfranzösischen Versroman ´Roman d'Énéas´ (um 1160) in deutscher Sprache wiedererzählt - nicht mehr und nicht weniger, so suggeriert es zumindest der Autor.

Doch trotz aller Beteuerungen Veldekes folgt dieser höfische Roman doch einer diffizileren Logik, einer ganz speziellen poetischen Programmatik, die für die mittelhochdeutsche Litera- tur bezeichnend ist. Franz Josef Worstbrock entwickelte diesbezüglich ein Modell, das den

[...]


1Heinrich von Veldeke: ´Eneasroman´. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Nuhochdeutsche übersetzt. Mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartscho ke. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2004, S. 192. Fortfolgend mit ´ER ´abgekürzt, hier: V. 3382- 3387. Veldekes Werk, das um 1170- 1188 entstanden ist, gilt als erster deutschsprachiger höfischer Roman des Mittelalters.

2 Hamm, Joachim: Das ´neu und anders Erzählen´ im ´Eneasroman´. In: Geert H.M. Claasens, Fritz Peter Knapp, Hartmut Kugler (Hg.), Redaktion Nils Borgmann: Historische und religiöse Erzählungen. GLMF IV. Berlin u.a. 2014, S. 105.

3Goetz, Hans Werner: Gott und die Welt. Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters. Teil I, Band 2: II. Die materielle Schöpfung: Kosmos und Welt, III. Die Welt als Heilsgeschehen. Berlin 2012, S.111- 131. In seinem 6. Kapitel „Infernus: Die Hölle im mittelalterlichen Weltbild“ gibt Goetz einen Überblick über die wichtigsten Zäsuren des Höllenkonzepts in Früh- und Hochmittelalter.

4Benz, Maximilian: Gesicht und Schrift. Die Erzählung von Jenseitsreisen in Antike und Mittelalter. Berlin 2013, S. 155-161. Das Werk ist eine Zusammenfassung von Benz´ Dissertationsschrift.

5Hamm, Joachim: Die Poetik des Übergangs. Erzählen von der Unterwelt im Eneasroman Heinrichs von Velde- ke. In: Joachim Hamm und Jörg Robert (Hg.): Unterwelten. Modelle und Transformation. Würzburg 2014, S. 120 f.

6 ER, V. 13 520 - 13 527 ( S. 754).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Mittelalterliche Hölle oder antiker Hades? Die Unterwelt in Veldekes "Eneasroman"
Untertitel
Zum Status der christlich-mittelalterlichen Hölle in Veldekes Poetik der Unterweltfahrt
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V354578
ISBN (eBook)
9783668412521
ISBN (Buch)
9783668412538
Dateigröße
940 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eneas, Veldeke, Eneasroman, Hölle
Arbeit zitieren
Alexander Koch (Autor), 2016, Mittelalterliche Hölle oder antiker Hades? Die Unterwelt in Veldekes "Eneasroman", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354578

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Mittelalterliche Hölle oder antiker Hades? Die Unterwelt in Veldekes "Eneasroman"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden