Politische Themen werden in den deutschen Medien zunehmend als märchenhafte, spektakuläre Soaps dargestellt. Dies bedeutet, dass die Ambivalenz der heutigen Welt und die komplexen Ereignisse in der Regel drastisch und ohne Rücksicht auf die Folgen vereinfacht werden. Die Protagonisten der wichtigen Ereignisse werden entweder zu den absolut Guten oder den absolut Bösen stilisiert. Auf dieser Weise wird aus der Berichterstattung das reine Märchenerzählen. Und nebenbei wird das Unwichtige, Nebensächliche und Banale, wie zum Beispiel die Sexualpraktiken von Fußballern oder Politikern als etwas gesellschaftlich Relevantes, Lebenswichtiges und von außerordentlicher Bedeutung für die Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, für die sogenannten unsere Werte dargestellt und in den politischen Sendungen endlos kommentiert und debattiert.
Mit der Vermischung von Politik, Klatsch und Spektakel entstehen die inhaltslosen Produkte, die die Affekte der Menschen anregen sollen und als Ziele allein die Quote und das Geldvermehren haben. Der Liebe zur Technik, der Geschwindigkeit des Internets und dem hordenhaften Charakter der sogenannten sozialen Netze wie facebook verdankten wir den Echtzeitjournalismus. Die seriöse, kluge und gut recherchierte Analyse von politischen Personen und Handlungen ist in den Medien kaum noch präsent. Das Märchen „Rotkäppchen“ liefert, so mein Eindruck, das ideale Muster für die modernen, superschnellen Berichterstatter. Die sogenannte Ukraine-Krise hingegen sei ein idealer Konflikt, in dem der böse Wolf und das gute Rotkäppchen schnell gefunden würden.
Inhaltsverzeichnis
1. Deutsches Nachkriegs-Rotkäppchen: Trümmerfrauen, vaterlose Kinder und der böse Wolf
2. Die „Weltspiegel“-Sonderausgabe: Wir haben den Wolf!
3. Die klar geteilte Medienwelt: Gute Ukrainer und böse Russen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht durch einen vergleichenden Ansatz, wie politische Berichterstattung in modernen Medien durch narrative Strukturen, die an klassische Märchen erinnern, vereinfacht und polarisiert wird. Dabei wird analysiert, wie komplexe geopolitische Konflikte wie die Ukraine-Krise durch die Stilisierung von Akteuren in Gut-Böse-Rollen dramatisiert werden.
- Mediale Inszenierung politischer Konflikte als "Märchen"
- Vergleich zwischen dem Märchenfilm "Rotkäppchen" (1954) und einer "Weltspiegel"-Sondersendung (2014)
- Strukturelle Analyse der Vereinfachung komplexer politischer Sachverhalte
- Rollenverteilung und Charakterisierung politischer Akteure (Wolf vs. Jäger)
- Rolle von Emotionalisierung und Angst in der Nachrichtenproduktion
Auszug aus dem Buch
Die „Weltspiegel“-Sonderausgabe: Wir haben den Wolf!
Am Anfang der Sendung stellt der Moderator Michael Strempel kurz die einigen Protagonisten und Themen vor. Zunächst wird der amerikanische Präsident Barack Obama als zögernder Jäger vorgestellt. Es folgen die reichen Russen bzw. Russinnen in Nizza, als aus Frankreich kommende Gefahr. Schließlich sehen wir die extremen Nationalisten in der Ukraine. Die beiden „Gruppierungen“, die der reichen Russinnen auf der Einkaufsstraße und die der Männer in Uniformen mit dem Totenkopf sind aus ähnlichen Perspektiven aufgenommen. Sie bewegen sich in die entgegen gesetzten Richtungen. Die Frauen kommen von links und die Extremisten von rechts in das Bild hinein. So entsteht der Eindruck, dass es sich scheinbar um die zwei etwa gleichgefährliche Gruppen handelt.
In der ersten Kurzreportage wird der gejagte Wolf, den russische Präsidenten Vladimir Putin, vorgestellt. Sehr schnell wird es klar, dass Putin unberechenbar sei, und dass er offenbar unter schweren Persönlichkeitsstörungen leide. Einer der Beweise dafür sei die Tatsache, dass das US Verteidigungsministerium den Putin nicht verstehen könne und dazu gezwungen sei, die Psychologen zu „bezahlen“ (!), die ihnen den unerklärbaren Putin erklären sollen. Aus der These der Unmöglichkeit des „Putin-Verstehens“ wird übrigens ein paar Tage später in den Medien die negativ besetzte Formulierung Russlandversteher hervorgebracht.
Zusammenfassung der Kapitel
Deutsches Nachkriegs-Rotkäppchen: Trümmerfrauen, vaterlose Kinder und der böse Wolf: Dieses Kapitel analysiert die filmische Adaption des Märchens "Rotkäppchen" von 1954 als ein Produkt seiner Zeit, das moralische Vorbilder in einer nachkriegsgeprägten Gesellschaft konstruiert.
Die „Weltspiegel“-Sonderausgabe: Wir haben den Wolf!: Hier wird die narrative Struktur der ARD-Sondersendung untersucht, in der politische Akteure wie Wladimir Putin und Barack Obama gezielt in märchenhafte Rollenbilder wie "böser Wolf" und "Jäger" eingeordnet werden.
Die klar geteilte Medienwelt: Gute Ukrainer und böse Russen: Das abschließende Kapitel synthetisiert den Vergleich zwischen dem Märchenfilm und der Berichterstattung und verdeutlicht die Mechanismen der Polarisierung und Emotionalisierung in den Medien.
Schlüsselwörter
Medienkritik, Politikberichterstattung, Märchenanalyse, Ukraine-Krise, Weltspiegel, Framing, Feindbildkonstruktion, Journalismus, Narrative, Inszenierung, Propaganda, politische Kommunikation, Russlandbild, Objektivität, Affektsteuerung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ähnlichkeiten zwischen der Struktur klassischer Märchen und der Art und Weise, wie politische Ereignisse, insbesondere die Ukraine-Krise, in den Medien dargestellt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Medienkritik, die mediale Inszenierung politischer Konflikte und die psychologischen Effekte der Vereinfachung komplexer Realitäten durch narrative Muster.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch die Übertragung von Märchen-Strukturen auf die politische Berichterstattung die Ambivalenz der Welt zugunsten einer simplen Gut-Böse-Erzählung ausgeblendet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Medienanalyse, bei der eine Filmquelle mit einer aktuellen Nachrichtensendung in Bezug auf ihre narrativen und formalen Gestaltungsmittel verglichen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die filmische Adaption von Rotkäppchen sowie die dramaturgische Aufbereitung der "Weltspiegel"-Sondersendung zur Krim-Krise, um die Rollenverteilung von Akteuren zu dekonstruieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mediale Inszenierung, Feindbildkonstruktion, Narrative, Politikberichterstattung und Affektsteuerung.
Wie wird Wladimir Putin in der untersuchten Sendung dargestellt?
Putin wird in der "Weltspiegel"-Sendung als "böser Wolf" stilisiert, dem Unberechenbarkeit und Persönlichkeitsstörungen zugeschrieben werden, wodurch er als eine existenzielle Gefahr für den Westen positioniert wird.
Welche Rolle spielt die Musik in der analysierten Berichterstattung?
Ähnlich wie in einem Spielfilm dient die musikalische Untermalung im "Weltspiegel" dazu, beim Zuschauer gezielt bestimmte Gefühle wie Angst oder Spannung zu erzeugen und die Wertung der gezeigten Bilder vorzugeben.
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- Tomislav Tomo Polic (Author), 2015, Politikberichterstattung als märchenhaftes Spektakel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354658