Institutionen- und Verhaltensökonomik. Wirtschaftsethische Untersuchungen


Essay, 2016

5 Seiten, Note: 4.5

Anonym


Leseprobe

Normkonforme Institutionen durch die Verhaltensökonomik

Ökonomische Anreize und Moral

10. Juli 2016

In der Ökonomik gibt es zwei sich widersprechende wissenschaftliche Ansätze. Während die Neoklassische Seite argumentiert, dass Abweichungen vom Standardmodel des homo oeconomicus nur Ausnahmen sind und als Fehler zu betrachten sind, welche man zu beheben hat, argumentieren die Verhaltensökonomen, dass eben diese Abweichungen Teil des menschlichen Verhaltens sind und die Realität besser beschrieben würde, wenn diese in die Modelle implementiert werden.

Die Verhaltensökonomik stellt das Neoklassische Modell des rationalen homo oeconomicus grundsätzlich infrage und implementiert soziale Normen in ihre Modelle. Die Ergebnisse der Verhaltensökonomik zeigen, dass Unternehmen moralische Verantwortung übernehmen müssen, damit Institutionen auf sämtlichen Ebenen normkonform sein können, wodurch erst moralische mit ökonomischen Zielen vereinbar werden.

Bei dem Versuch eine wirtschaftsethische Theorie auszugestalten ist es unausweichlich sich auf die Verhaltensökonomik zu beziehen. Wie Luhmann (2008) argumentiert, ist die Wirtschaft ein Funktionssystem mit eigenen Werten wie zum Beispiel Gewinn. Diese Codierung ist frei von Moral. Erst die Verhaltensökonomik verbindet das neoklassische, moralfreie Modell, welches die Wirtschaft zu beschreiben versucht, mit moralischen Werten, da diese soziale Normen in die Modelle implementiert.

Im Gegensatz zum Tier besitzt der Mensch die kognitiven sowie emotionalen Fähig- keiten für soziale Normen. (Fehr and Fischbacher, 2004) Gleichzeitig folgert zum Bei- spiel Homann (2015) aus den Ergebnissen der Verhaltensökonomik, dass der Mensch kognitiven sowie sozialen Zwängen unterworfen ist, wodurch seine Freiheit, Autonomie beziehungsweise Souveränität beschränkt ist. Dadurch wird auch die Annahme des mo- ralfreien, rational handelnden homo oeconomicus infrage gestellt. Wie Mullainathan and Thaler (2015) argumentieren ist weder der Markt noch die Evolution im Stande diese Ausprägungen von Irrationalität auszulöschen. Weiter können Lernprozesse zu teuer sein, so dass die Konvergenz zu einem Gleichgewicht , insbsondere in einem dynami- schen Umfeld, sehr lange dauern kann.

Die begrenzte Rationalität des Menschen äussert sich in limitierten kognitiven Fä- higkeiten, begrenzter Willensstärke sowie in einem begrenzten Selbstinteresse. Daraus resultieren soziale Normen, wie zum Beispiel Dana et al. (2006) im Diktator-Spiel zei- gen, hat der Mensch eine Fairness-präferenz, weil ihm soziales Ansehen wichtiger als sein monetärer Gewinn ist. Fehr and Fischbacher (2004) zeigen in einem Third-party Bestra- fungsexperiment1, dass Bestrafungen nicht selbstinteressiert sein müssen, was bedeutet, dass Kooperation auf sozialen Normen wie Reziprozität, Gleichheit oder Fairness basiert.

Die Institutionenökonomik implementiert die Erkenntnisse der Verhaltensökonomik in ihr Modell, indem sie die sozialen Normen in Form von Sozialkapital miteinbezieht. Dieses Sozialkapital schliesst die Lücken der formalen Rahmenbedingungen, da weder formale Regeln noch die Rationalität menschlichen Verhaltens vollkommen sind. (Fu- rubotn and Richter, 2010) Homann (2013) zählt zu unvollständigen Verträgen im kon- kreten, dass Leistungen und Gegenleistungen nicht definierbar sind, die Verträge nicht durchsetzbar sind, sowie die Betroffenen nicht bestimmt werden können.

In diesen Fällen besteht eine Form von Marktversagens. Die Transaktionskosten sind in diesen Fällen zu hoch, um diese Verträge durchzusetzen. Es wird dann keine Pareto- effizienz erreicht. Coase (1960) erklärt mittels der Transaktionskostentheorie, dass in Fällen wo der Markt mit höheren Transaktionskosten operiert als die administrativen Kosten einer hierarchischen Struktur, Unternehmen effizienter diese ökonomischen Akti- vitäten tätigen können. Diese Transaktionen werden dann von Unternehmen übernom- men. Hingegen wenn der Markt die tieferen Transaktionskosten als Unternehmen hat, werden ökonomische Aktivitäten über den Markt getätigt. Wiederum gibt es Situatio- nen, wo der Staat Kostenvorteile aufweist gegenüber Unternehmen und dem Markt. Hier lohnen sich staatliche Regulierungen.

Wo ökonomische mit moralischen Anreizen übereinstimmen, besteht keine Notwendigkeit in den Markt zu intervenieren. Sofern diese jedoch miteinander in Konflikt stehen, lassen sich wie Homann (2013) empfiehlt, die Handlungsbedingungen so ändern, dass die moralischen Ziele durch staatliche Intervention mit den ökonomischen Zielen anreizkompatibel werden. Bereits Thomas Hobbes legitimierte eine soziale Ordnung in diesen Fällen als Schutz vor Ausnützung in Form von Vertragsbruch durch die Furcht vor dem Leviathan. (Kunze, 2010) Dies funktioniert aber nur, wo der Staat diese Gesetze aufgrund seiner Kostenstrukturen glaubhaft durchsetzen kann.

Wie Heath (2014) erklärt, gibt es gewisse Situationen, wo die Kosten, um solche Ex- ternalitäten zu beseitigen, selbst für den Staat zu hoch sind oder wo er keine rechtliche Autorität hat. In diesem Fall müsste eine Institution geschaffen werden, welche die Au- torität besitzt, wie institutionelle Arrangements auf supranationaler Ebene. (Homann, 2013) Sofern dies nicht erreicht oder wiederum nicht kosteneffizient ist, müssen ökonomi- sche Akteure moralische Selbstverpflichtung übernehmen. Die Moral ergänzt dann das Gesetz, wo dieses nicht durchsetzbar ist. Die Unvollständigkeit von Institutionen erfor- dert daher zwingend eine Form der Selbstdurchsetzung durch informelle Regeln. (Heath, 2014)

Da sich informelle Regeln in einem dynamischen Umfeld verändern können, müssen die formellen Rahmenbedingungen flexibel gestaltet werden. Die formalen Institutio- nen dienen somit als äusserer Rahmen, in die im Laufe der Zeit eine informelle Hülle hineinwächst. Die Institution ist dann stabil, wenn es auch unter Änderungen der in- formellen Regeln zu einem neuen Gleichgewicht unter Beibehaltung der alten formellen Regeln kommt und diese sich unter den informellen Regeln nicht mehr weiter verändern. (Heath, 2014)

Als ökonomische Akteure kommen die Unternehmen oder die Individuen infrage. Ho- mann (2015) argumentiert, dass moralische Kollektivprobleme nicht individualmoralisch zu lösen sind. Da Organisationen langsamer denken als Individuen, welche meist intuitiv entscheiden, können Unternehmen Fehler besser vermeiden. Auch Heath (2014) unter- stützt dieses Argument, indem er sagt, dass die Individuen die Erlaubnis haben ihr Selbstinteresse zu maximieren, da dies die beste Art ist, effiziente Preise zu erhalten, damit Märkte räumen.

Die Unternehmensethik hat als Ziel, Unternehmen davon abzuhalten, Vorteile aus jenen verbliebenen Marktunvollkommenheiten zu ziehen. (Heath, 2014) Homann (2013) sieht die Lösung ganz im Sinne der Institutionenökonomik, welche eigenständiges moralisches Verhalten als Sozialkapital sieht. Soziale Normen wie Fairness, Integrität und Vertrauen sollen die systematische Unvollständigkeit von Verträgen kompensieren und Unsicherheiten abbauen, wodurch Transaktionskosten gesenkt werden können. Dieses Sozialkapital muss erneut in wechselseitiger Abhängigkeit geschaffen werden, damit beide Seiten ein Disziplinierungspotenzial haben.

Diese Sicht des Corporate Social Responsibility (CSR) erweitert die instrumentellen CSR Ansätze wie die von Friedman (1970), welche nur CSR Aktivitäten vorsehen, wenn diese einen positiven Effekt auf das Kerngeschäft haben und so dem langfristigen Un- ternehmenszweck dienen.(Garriga and Melé, 2004) Vielmehr befinden wir uns in einer sozialen Marktwirtschaft nach Homann (2013), wo die Unternehmen die Aufgabe haben die gesellschaftliche Wohlfahrt zu steigern. Er sieht insbesondere die international tä- tigen Unternehmen als Lösung, da diese das Kapital, sowie das Know-how haben wie gesellschaftliche Wertschöpfungsprozesse effizient zu gestalten sind. (persönliches Ge- spräch 02.06.2016)

Der verfolgte CSR Ansatz differenziert sich von den ethischen Ansätzen, da er Moral instrumentalisiert. Im Sinne politischer CSR Ansätze spricht er Unternehmen aufgrund ihrer sozialen Macht auch soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu. Anderer- seits müssen Unternehmen im Sinne der integrativen Ansätze auch die soziale Nachfrage bedienen, um Legitimität, Akzeptanz und Prestige der Unternehmung in der Gesellschaft zu erhalten. Dies heisst, die Unternehmen müssen sich in die Gestaltung der Rahmen- bedingungen miteinbringen. (Garriga and Melé, 2004) Homann (persönliches Gespräch 02.06.2016) nennt dies die Handlungs-, Diskurs- und Ordnungsverantwortung der Unternehmen.

Unternehmen können ihre moralischen Werte auf verschiedene Arten vertreten. Sie können sich durch ihr moralisches Verhalten von der Konkurrenz differenzieren, wodurch sie neue moralische Standards setzen. Andererseits haben sie die Möglichkeit, Einfluss auf Institutionen zu nehmen, um die Handlungsbedingungen zu ändern oder sie können zu informellen Sanktionsmöglichkeiten greifen und so die Konkurrenz zur Selbstbindung zwingen. (Homann, 2013)

In einer wertepluralistischen Welt können dann die als produktiv bewiesenen moralischen Werte in einem langandauernden Prozess in Kooperation weiterverbreitet und übernommen werden. Dadurch lässt sich langfristig die Übernahme von moralischer Verantwortung durch Unternehmen legitimieren. (Homann, 2013)

Die Unternehmen selbst müssen diese Werte, die sie nach aussen vertreten, auch inner- halb der Unternehmung durchsetzen. Die sozialen Normen innerhalb der Unternehmung müssen durch moralisches Verhalten der Mitarbeiter gestützt werden. Diese sozialen Nor- men können genauso wie auf staatlicher Ebene unterlaufen werden, da die Governance- Strukturen als Institution wiederum unvollständig sind. Nach Heath (2014) gelten für die Beziehungen innerhalb der Unternehmungen nicht nur Effizienzargumente, da diese in einem kooperativen Verhältnis stehen, wodurch diese äusserst komplex und kontext- abhängig sind.

Auch wenn ein Grossteil der Kooperation durch gesetzliche Durchsetzung funktioniert, müssen diese Gesetze durch soziale Normen gestützt werden, wie Fehr and Fischbacher (2004) gezeigt haben. Daher ist die Aufgabe der Unternehmen letztlich die Individualmoral der Mitarbeiter mit den Normen der Unternehmung vereinbar zu machen. Da die Individualmoral oft nicht mit jenen der Marktwirtschaft übereinstimmt, wie Homann (2015) erklärt, muss die Unternehmung die moralischen Werte der Mitarbeiter mittels Anreizen2 formen. Erst dadurch können normkonforme Institutionen erreicht werden, die es schaffen ökonomische mit moralischen Zielen zu vereinbaren.

Literatur

Coase, R. H. (1960). The problem of social cost. The Journal of Law & Economics, 3:1-44.

Dana, J., Weber, R. A., and Kuang, J. X. (2006). Exploiting moral wiggle room: experi- ments demonstrating an illusory preference for fairness. Economic Theory, 33(1):67- 80.

Fehr, E. and Fischbacher, U. (2004). Social norms and human cooperation. Trends in Cognitive Sciences, 8(4):185-190.

Friedman, M. (1970). The social responsibility of business is to increase its profits. In Corporate Ethics and Corporate Governance, pages 173-178. Springer Science Business Media.

Furubotn, E. G. and Richter, R. (2010). Neue Institutionenokonomik: Eine Einfuhrung Und Kritische Wurdigung (Neue Okonomische Grundrisse) (German Edition). Mohr Siebeck GmbH & Co. K.

Garriga, E. and Melé, D. (2004). Corporate social responsibility theories: Mapping the territory. Journal of Business Ethics, 53(1/2):51-71.

Heath, J. (2014). Morality, Competition, and the Firm: The Market Failures Approach to Business Ethics. Oxford University Press.

Homann, K. (2013). Einführung in die Wirtschaftsethik. Lit-Verl.Münster, 3., überarb. Aufl.

Homann, K. (2015). Das können des moralischen sollens : Die ökonomische problematik. Ethica, Jg. 23:243-259.

Kunze, A. (2010). Thomas Hobbes’ Leviathan - Zur Konzeption der Gleichheit und ihrer Konsequenzen für den Adel (German Edition). GRIN Verlag.

Luhmann, N. (2008). Die Moral der Gesellschaft (suhrkamp taschenbuch wissenschaft). suhrkamp taschenbuch wissenschaft.

Mullainathan, S. and Thaler, R. H. (2015). Behavioral economics. In International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences, pages 437-442. Elsevier BV.

Thaler, R. H. and Sunstein, C. R. (2008). Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness. Yale University Press.

[...]


1 Ein Third-party Bestrafungsexperiment ist ein öffentliche Güter Spiel mit zwei Spielern, die ein Gefangenendilemma Spiel spielen und einer dritten Person, welche das Verhalten der anderen beobachtet und die Möglichkeit hat, die anderen zu bestrafen.

2 Wir verwenden den weiten Anreizbegriff, welcher auch nicht-ökonomische Formen von Anreizen wie Nudging enthält (siehe Thaler and Sunstein (2008))

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Institutionen- und Verhaltensökonomik. Wirtschaftsethische Untersuchungen
Hochschule
Universität Zürich
Note
4.5
Jahr
2016
Seiten
5
Katalognummer
V354659
ISBN (eBook)
9783668407060
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neoklassische Theorie, Verhaltensökonomik, Wirtschaftsethik, homo oeconomicus
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Institutionen- und Verhaltensökonomik. Wirtschaftsethische Untersuchungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354659

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