Griechen und Fremde. Antisemitismus und Alteritätserfahrungen

Unter besonderer Berücksichtigung des Kontakts zwischen Griechen und Juden im Spiegel der Großen Kolonisation


Seminararbeit, 2014

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Griechen und Fremde – ein kulturwissenschaftlicher Ansatz
2.1 Das Eigene und das Fremde – Kulturwissenschaftliche Grundlagen
2.2 Griechen und die Definition ihrer Selbst im Spiegel der Großen Kolonisation
2.3 Alteritätserfahrung/-kontakte im Zeitalter der griechischen Kolonisation

3. Griechen und Juden unter dem Blickwinkel des Antisemitismus
3.1 Arbeitsdefinition (antiker) Antisemitismus
3.2 Analyse und Interpretation antisemitischer Tendenzen im Kulturkontakt der Griechen mit den „Anderen“
3.2.1 Religiöse Aspekte

4. Zusammenfassung

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Im der folgenden Hausarbeit, die im Wintersemester 2013/2014 entstand, soll das Verhältnis von Griechen und Juden in postkolonialer Zeit unter der Grundlage griechischer Alteritätserfahrungen in der Epoche der Kolonisation untersucht werden. Die Arbeit entstand im Seminar „Die Griechische Kolonisation“ im Wahlbereich der Geistes- und Sozialwissenschaften und fußt, ausgehend von dem Bild der Griechen zu Zeit der Kolonisation, auf einem kulturwissenschaftlichen Ansatz, den Jan Assmann und Meinhard Schuster theoretisch untermauern soll und der in dieser Arbeit zu Beginn einen großen Raum einnehmen wird. Ausgehend von antiken Quellen soll im ersten Teil dargestellt werden, wie sich Griechen in ihrem Selbstbild definieren. Inwiefern dient die dort erfahrene Alteritätserfahrung zur Absteckung von festen Grenzen im eigenen kulturellen Verständnis und was macht sie mit den sprichwörtlich „Anderen“? Diese Selbstzuschreibung dient später als Grundlage für die Betrachtung des Verhältnis von Griechen und Juden in postkolonialer Zeit.

Es folgt der Hauptteil, der sich mit dem Begriff des Antisemitismus auseinandersetzt. Hier wird eine Arbeitsdefinition zu ermitteln sein, da nicht alle Merkmale des heutigen Antisemitismus für antike Verhältnisse zu übernehmen sein werden. Was macht das Bild des Juden konkret aus und wie konnten Stereotype für die eigene Handlung der Hellenen operationalisiert werden, bzw. gibt es überhaupt überlieferte Merkmale oder entscheiden sich die Griechen von Fall zu Fall für eine Fremdzuschreibung je nach politischer Situation?

Prof. Dr. Jürgen Malitz und Martin Hengel bietet mit ihren Ausführungen zu Juden im Spiegel des Kontakts des Judentums mit dem Hellenen den fachlichen Rahmen für die Interpretation der Quellen in der sich anschließenden Analyse des Materials. Die bei ihnen zu findenden Quellen Hekataios von Abdera und Manethos bilden hierfür den Kanon der Überlieferung der ersten Zeugnisse und bilden das erste schriftliche Belegmaterial des Zusammentreffens von Griechen und Juden in antiker Zeit und müssen noch um Theophrast erweitert werden. Hier wird es die oberste Maßgabe sein, sich auf Malitz Darstellung zu stützen und weitere Erklärungsansätze zu liefern, die über dessen Analyse hinausgehen und weiterhin fachlich durch die Sekundärliteratur untermauert werden.

Den Abschluss der Arbeit bildet das Resümee und die Zusammenfassung der Ergebnisse der Betrachtung. Es schließt sich das Quellen- Literaturverzeichnis sowie die Eigenständigkeitserklärung an.

2. Griechen und Fremde – ein kulturwissenschaftlicher Ansatz

2.1 Das Eigene und das Fremde – Kulturwissenschaftliche Grundlagen

Im Folgenden soll kurz thematisiert werden, was kulturwissenschaftlich als Identität begriffen wird. Die Definition des Begriffs der Identität als Trennlinie von Eigen- und Fremdheit ist von vorderster Bedeutung für das Verständnis bipolarer Ansichten im Selbstverständnis zwischen Völkern, bzw. Volksgruppen. Dabei gilt es zwei Bereiche zu berücksichtigen: Zum einen die Selbstzuschreibung der Identität in Abgrenzung und zum anderen - damit logisch verbunden – die Begegnung mit dem Fremden, bzw. dem was vom eigenen Kulturkreis als Fremd definiert wird.

Nun soll im Fokus der Betrachtung die Rolle der Identität stehen. Auch hier müssen Fragen an den Bereich herangetragen werden. Was macht Identität aus, wie setzt sie sich zusammen und was soll überhaupt als selbige gelten? Dabei bezieht sich diese Arbeit vor allem auf die Schriften Assmanns und die Ausführungen Meinhard Schusters, die im Folgenden Gegenstand der Ausführungen sein sollen.

Wenn hierbei von Identität gesprochen wird, soll nicht von der Identität in familiären Banden, sondern in Konzepten im Sinne der Assmann'schen „Enge“ und den „weiten Zugehörigkeitshorizonten“ gedacht werden. Also stehen hier nationale Erscheinungen und Konstrukte im Zentrum der Betrachtung. Es interessiert, wie diese sich in Abgrenzung, von der noch zu sprechen sein wird, voneinander unterscheiden. Hier ist nicht die Abstammung, Verwandtschaft oder Vereinszugehörigkeit entscheidend, sondern es werden „im Großhorizont der Ethnie, Nation oder Religion“ andere Faktoren entscheidend, die eben diese Zusammengehörigkeit definieren. So nennt Assmann mit Fokus auf die Griechen als Definitionsmerkmale von Identität neben „der Sprache [...] die gemeinsamen Heiligtümer und Riten und die gleichgerichteten Sitten. [Zusammengefasst lässt sich sagen: (C.L.)] Dieses Zugehörigkeitsbewußtsein stützt sich also auf Gemeinsamkeiten der Abstammung, Sprache, Religion und Lebensform als Brennpunkten und Generatoren von identität. Was in dieser Aufzählung fehlt, sind die politische Einheit und das gemeinsame Territorium.“ Die hier erwähnte politische Einheit wird noch von großer Bedeutung sein, wenn im Verlauf der Arbeit auf die Probleme im Rahmen des Antisemitismus der Griechen eingegangen wird.

Festzuhalten bleibt, dass sich Identität über die oben genannten Generatoren (Merkmale) als gemeinsame/ kulturelle Identität auf folgende Bereiche erstreckt:

- Abstammung
- Sprache
- Religion
- Lebensform
- Territorium

Diese Generatoren, die Assmann aufzählt, werden im Folgenden als Messlatte für den antiken griechischen Antisemitismus heranzuziehen und über die Quellen auszulegen sein. Zusammenfassend bleibt die eigene Identität ein Merkmal, welches in Zusammenhang mit der Fremdheit einer anderen Kultur genau jene distinktive Wirkung entfacht.

Wenn von eben dieser Distinktion gesprochen werden soll, muss man sich zuallererst klar machen, was unter Fremdheit verstanden werden soll. Meinhard Schuster versteht

„das Fremdsein […] [als (C.L.)] eine Grundkategorie unserer Lebenserfahrung und unseres erworbenen Wissens. Auch mit ihrer Hilfe gliedern wir, bewußt und unbewußt, die uns umgebende Welt in ihrer Beziehung zu uns, bestimmen wir umgekehrt unseren Standort und unsere Möglichkeiten im Verhältnis zu den verschiedenen Teilen dieser Welt in abgestufter Form: mit manchem fühlen wir uns vertraut, anderes kennen wir ein wenig, weiteres ist uns völlig fremd.“

Dieses Denken in Abstufungen von bekannt über weniger bekannt hin zu totaler Fremdheit erscheint im Wesentlichen aufgeklärt und bietet Schattierungen an, die nicht in der Dichotomie Eigen – Fremd unterscheidet. Genau hier liegt das Spannungsfeld zwischer heutiger und vergangener Sichtweise begründet. Wie Schuster weiter festhält, „hat sich gerade dort, wie wir alle wissen, als dominierendes ethnisches Konzept nicht die Vorstellung egalitäer Vielfalt, sondern der Gegensatz zwischen Grieche und Barbaren herausgebildet. Das damals etablierte duale Menschheitsschema hat unsere eigene Vorstellung von den „Fremden“ mehr als zwei Jahrtausende lang geprägt […] Dem Begriffspaar Hellenen-Barbaren folgten in der Auseinandersetzung des Abendlands mit den Völkern ringsum die Begriffspaare Christen-Heiden, Zivilisierte-Wilde, [usw (C.L.)]“

Betrachtet man die Einheit im Inneren, wie sie Assmann feststellt mit der Distinktion, also der Fremdheit im Vergleich zur eigenen Identität in Wechselwirkung, lässt sich feststellen, dass „gesteigerte Einheit nach innen […] zweifellos die Grenze nach außen [verstärkt (C.L)] […] [und (C.L.)] umgekehrt führt gesteigerte Distinktion nach außen unweigerlich zu gesteigerter Einheit im Inneren. Nichts schweißt enger zusammen als die Abschottung gegen eine feindliche Umwelt. Das beste Mittel gegen innenpolitische [und außenpolitische (C.L.] Schwierigkeiten ist eine aggressive Außenpolitik.“

Distinktion, also die verstärkte Wahrnehmung der eigenen Identität vor dem Spiegel von Abstammung, Sprache, Religion und den anderen Generatoren verstärkt also das Gemeinschaftsgefühl und steht darüber hinaus als Mittel zur Bekämpfung innenpolitischer Spannungen. Was Assmann hier aber vergisst ist, dass diese auch außenpolitische Wirkung entfalten kann, was für die hier nachzuvollziehende Untersuchung noch von Belang sein wird. In diesem Zusammenhang ist noch kurz auf Gehlen hinzuweisen, der von einer limitischen Struktur der Kultur spricht. Er weißt darauf hin, dass diese nicht nur durch Boden und Abstammung geprägt ist, sondern einzelne Generatoren auch durchaus die stärkere Bedeutung erfahren können.

„Eine Grenze ist offensichtlich vorhanden, sie muß aber nicht (jedenfalls nicht in der Hauptsache) durch den 'Boden' markiert werden. Sie bestimmt sich vielmehr durch den Menschen selbst, der zum Träger von 'Grenzzeichen' wird. Diese Grenze markiert sich durch […] Schmuck, Tracht, Sprache, Küche, Lebenshaltung, in Summa als 'Kultur' als Sachbesitz, Überlieferungen, Mythen usw.“

Vergewissern wir uns der Zusammensetzung und Durchmischung der griechischen Kultur zum Beispiel im Kontakt während der Kolonisation. So ist die Sprache oftmals das verbindende Merkmal und Zvi Yavetz stellt in seinem Werk zur Judenfeindschaft in der Antike dar, dass selbst kosmopolitische Juden eine griechische Bildung hatten und demzufolge der Sprache mächtig war. Einen weiteren Punkt, den Gehlen anspricht ist der Mythos. Hier muss der Rekurs auf die Sprache als Bindeglied jedoch leicht zurückgenommen werden, da sich „die Gemeinschaft der „Hellenen“ manifestierte […] in einer bestimmten Kultur und den damit verbundenen politischen Einrichtungen wie gemeinsamen Spielen und überregionalen Heiligtümern. Stärker als das Band der gemeinsamen Sprache, die erst aus verschiedenen Dialekten in einem langen Werdeprozess zusammenwachsen mußte, war das gemeinsame aristokratische Vorbild der Helden des homerischen Epos. Die Erfahrungen des Freiheitskampfes gegen die Perser stärkte das Zusammengehörigkeits- und Überlegenheitsgefühl, das Bild des Barbaren wurde negative verzerrt. Sie galten als ungebildet, ja tierisch, fremdenfeindlich, despotisch und sklavenhaft, abergläubisch, grausam, feige und treulos. Dieser Negativkatalog läßt sich leicht vermehren.Wenn später Cicero Syrer und Juden als Völker bezeichnet, „die zur Sklaverei“ geboren sind, […] Titus von den Juden behauptet, sie hätten „gelernt Sklaven zu sein“ [...]

Wenn hier die Sprache als Element leicht niedriger bewertet wird, so bietet sich doch aufgrund des Erwachsens einer Sprache aus den verschiedenen Dialekten eine Identifikationsfigur, die nicht zu vernachlässigen ist, wie es Martin Hengel tut. Auch die Bedeutung des Mythos erscheint vor diesem Hintergrund wichtig, obwohl der Mythos zwar hauptsächlich mündlich tradiert worden ist, jedoch auch die Schriftlichkeit für die Überlieferung nicht zu unterschätzen ist. Nichtsdestotrotz weist Hengel auf die daraus erwachsene Beziehung zu den Fremden, hier Barbaren genannt hin. Diese soll es in den folgenden Abschnitte zu beleuchten gelten.

2.2 Griechen und die Definition ihrer Selbst im Spiegel der Großen Kolonisation

Wenn hierbei von der Bedeutung des Mythos gesprochen wird, muss auch an dieser Stelle auf das Selbstbild der Griechen, was sich ja an diesem misst eingegangen werden. Doch zuallererst muss gezeigt werden, was unter der Großen Kolonisation verstanden wird. Unter der griechischen Kolonisation versteht man im Allgemeinen drei Etappen einer Expansionsbewegung, die durch verschiedenste Motive (Landknappheit, Politische Spannungen innerhalb der Polis, wirtschaftlichen Interessen, etc.) geleitet wurden. Eine erste „Zeit der Wanderungen“ nennt Theresa Miller und bezieht sich damit auf die dorischen Wanderbewegungen der Äoler und Ioner vom 11. bis 9. Jahrhundert, die die griechischen Stämme über die Ägäis zur kleinasiatischen Küste führten. Diese sind aber weniger als Kolonisation anzusehen, sondern bilden eine Art Vorstufe zur Großen griechischen Kolonisation. Die beiden folgenden Kolonisationsschübe bilden die eigentlich als 'Kolonisation' zu bezeichnenden Vorgänge. Erstere beginnt um 800 v. Chr. und wird bis ca. 500 v. Chr. datiert. Häufig wird auch von der Metapher „Frösche um einen Teich“ geredet, da sich diese Kolonisationsbewegung in alle Himmelsrichtungen vollzog und Koloniebildungen an verschiedenen Orten und Kontinenten zu vermelden sind. Zweitere setzt mit Alexander dem Großen an und wird, so Miller, von dessen Nachfolgern fortgeführt. Der Fokus liegt hier vor allem auf dem Perserreich und hier sind auch die Zusammenstöße mit Juden zu vermerken, weshalb sich der Blick auf diese Kolonisationsbewegung im weiteren Verlauf konzentrieren wird. Die Große Kolonisation sollte daher nur kurz umrissen werden und die Basis für die spätere Interpretation bieten. Daher werden im folgenden Kapitel einige Modi des Aufeinandertreffens der Kulturen aus eben dieser Etappe zur Veranschaulichung herangezogen, aber nicht weiter auf die Große Kolonisation eingegangen.

Wenn man von Griechen und ihrer Selbst sprechen will, führt Jürgen Malitz an, dass man von einem gegliederten Gemeinschaftswesen her denken muss. Es ist nicht so, dass alle Griechen gleich gewesen wären. Vielmehr ist es der Umstand, dass die Gesellschaft in neben Bürgern mit Rechten und Metöken sowie Sklaven unterschieden wurde. Weiterhin führt Malitz an, dass „der Begriff des "Fremden" in der griechischen Welt könnte natürlich noch viel breiter aufgefaßt werden. "Fremd" war für die Griechen einer einzelnen Polis keineswegs nur jeder Ausländer, dem man die ferne Herkunft schon an der Nasenspitze ansah, sondern auch jeder, der nicht vollberechtigt zum Bürgerverband gehörte. Ein selbstbewußter athenischer Bürger ließ nicht so leicht einen Zugereisten als wirklich angekommen gelten. Gastfreundliche Integration und Abgrenzung ergänzten sich gegenseitig; die differenzierten Vorschriften des athenischen Fremdenrechts können sowohl das eine wie das andere beleuchten.“

Hier wird herausgestellt, dass es nicht nur die Dichotomie Fremd – Eigen gibt, sondern durchaus auch impliziert wird, dass es gastfreundliche Interaktion gegeben hat, wenn diese auch nicht als der Normalfall angesehen wurden konnte. Weiterhin wird „Gerade die attische Demokratie war kein günstiger Nährboden für die Verbrüderung aller Griechen, sondern ein System, das die Besserstellung der eigenen Bürger gegenüber den Ansprüchen von Fremden energisch verteidigte. Das athenische Bürgerrechtsgesetz von 451, mit dem die Nachkommen aus Verbindungen athenischer Bürger mit Frauen ausserathenischer Herkunft ihres Bürgerrechts und damit auch ihrer demokratischen Privilegien in Form der Alimentierung verlustig gingen, zeigt deutlich, wie wenig den "Einheimischen" daran gelegen war, die "Fremdheit" der Fremden aufzuheben.“

Das System der „Eigenheit“ ist im 5. Jh. v. Chr. bereits klar entwickelt und rechtlich ausdifferenziert. Dies bezeugt auch Klaus-Dieter Eichler, der proklamiert: „Mit der Konstituierung und Festigung der antiken Stadtstaaten vom 6-8. Jahrhundert v.u.Z. Auf dem griechischen Festland, an der Westküste Kleinasiens und in Unteritalien bildetetn sich vor allem in der politischen Sprache Bezeichnungen heraus, die die neue gewachsene Identität der Griechen (Hellenen) gegenüber anderen sozialen Gruppen, Völkern, kurz den Nichtgriechen zum Ausdruck bringen sollten. In ihnen artikulierte sich das Bewußtsein über die Besonderheit und Originalität der poliaden Siedlungsstrukturen.“

Es ist jedoch keineswegs so, dass man vor dem Hintergrund dieser Ausführungen von einem geeinten Griechenland sprechen könnte. Die genannten Generatoren trugen mit Sicherheit dazu bei, die Abgrenzung von Griechen zu Fremden schärfer zu ziehen. Aber innerhalb der Griechen gab es weiterhin Spannungen (Vgl. Kämpfe der Spartaner gegen Argos). Die panhellenischen Bestrebungen formierten sich erst weithin später gegen Ende der Großen Kolonisation, Orakelsprüche und Olympische Spiele sind eher kurze Episoden der allgemeinen Verständigung und des Zusammenkommens der Griechen aus verschiedensten Schichten und Herkünften.

Um den Bogen zum Mythos zu schlagen, soll noch kurz auf dessen Wirkung eingegangen werden. Cancik, der im Handbuch relionswissenschaftlicher Grundbegriffe Assmann zitiert, bietet aufgrund der Offenheit des Begriffs 'Mythos' an, diesen in verschiedenen Aspekten zu betrachten, die jeweils eigene Funktion besitzen. Für die kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Mentalitätsbildern (wie eben diesem von Eigenheit und Fremdheit) erscheint es sinnvoll, von einem alltagsmythologischem Zugang zum Mythos zu sprechen, der die Sichtweise des Mythos als wahre Begebenheit und damit dessen welterklärender oder auf bestimmte Handlungen bezogene legitimierende Funktion bietet. Auch kosmologische Mythen finden in der Welt der Griechen Platz und sind untrennbar mit der polytheistischen Auffassung des Glaubens der Griechen verbunden.

Die Epen des Homer dürften also immens zur Konstitution eines gemeinschaftlichen Bildes beigetragen haben. Zum einen bieten sie überindividuelle Identifikation zum anderen befrieden sie innenpolitische Spannungen durch eine übergeordnete Kultur, bzw. kulturelles Leitbild, welches sich durch die Heldensagen in den communis opinio niederschlägt: „Tapferkeit, Treu und Glauben, Klugheit, Geschicklichkeit, Aufrichtigkeit, Freiheitsliebe und Patriotismus“. Nichtsdestotrotz kann das Verhältnis der verschiedenen griechischen Stämme und Städte untereinander nicht als durchweg geeint, sondern überaus differenziert betrachtet werden. Gleiches gilt in zunehmender Weise für das Verhältnis zu nativ Fremden innerhalb der griechischen Gemeinschaft.

2.3 Alteritätserfahrung/-kontakte im Zeitalter der griechischen Kolonisation

Dass diese Dichotomie durchaus nicht so fest steht, wie in den Gesetzen vermerkt ist, lässt sich leicht am Beispiel einiger Kolonienbildungen und im Kontakt mit der indigenen Bevölkerung nachweisen. Natürlich muss man hier in verschiedene Formen des Kontakts differenzieren. Zum einen gab es kämpferische Auseinandersetzungen, zum anderen aber auch das Nebeneinander, jedoch auch die Verbindung von Kolonisatoren und der nativen Bevölkerung.

Es gilt also hier die verschiedenen Arten des Kontakts kurz für die hier nachzuvollziehende Analyse zu beleuchten. Betrachten wir doch zuallererst das Beispiel Kyrenaikas im heutigen Lybien.

André Laronde stellt fest, dass es zu kriegerischen Auseinandersetzungen im Kontakt zwischen griechischen Kolonisatoren und einheimischer Bevölkerung gekommen ist. Dabei ist für unsere Zwecke nebensächlich, wann und wie oft es es zu diesen Auseinandersetzungen gekommen ist. Im weiteren stellt Laronde fest, dass es weiterhin zu Spannungen in der Region kam, die bis ins 2. nachchristliche Jahrhundert andauern. Weiterhin führt der Autor, im Hinblick auf die Sichtung der Quellen um Diodorus und Herodot an, dass es durchaus auch Vermischung der Gruppen gab. Die Trennung in Fremde – Nichtfremde scheint so gesehen nicht alleingültig zu sein, selbst für die Region, die ja eigentlich durch feindschaftliche Auseinandersetzung geprägt zu sein scheint.

Dies führt zur zweiten Form des Kontakts, dem des Nebeneinander. Die benannte Trennung in Freund und Feind lässt sich schwerlich aufrecht erhalten, wenn es schwierig wird, die Trennlinie zwischen Fremdheit und Eigenheit zu bestimmen. Im Konkreten muss die Frage lauten: Was ist fremder? Diese Zuschreibung kennt ja bereits die griechische Polis, wenn es um die Metöken geht. Was für den freundschaftlichen Kontakt und das Nebeneinander spricht, lässt sich in der Interpretation Larondes finden: „It follows then that antagonism existed more between sedentary and nomadic populations than between Greeks and non-Greeks, or farmers and shepherds.“

Weiterhin besteht hier das Bedürfnis diese erlebte Fremdheit festzuhalten, sodass sie auch längere Zeit und kriegerische Auseinandersetzung überlebt.

Ebenso lässt sich vermerken, dass „it is much more likely that these sites were inhabited by a mixed population, partly Greek-Speaking, partly Libyan. How could a line be drawn between Greek colonists, Hellenized Libyans, and Libyans who had kept their own language, since these differences would not have prevented them from sharing an identical life-style?“

Impliziert wird hier, dass es durchaus neben dem Miteinander auch kulturelle Kontakte gab, die nicht getrennt verliefen, auch wenn dies der Autor nicht explizit macht. Die übergeordnete Lebensform und teilweise Durchdringung in der Sprache müssen hierfür als mögliche Form des Kontakts der eventuellen Vermischung, auf jeden fall aber für das sichere Nebeneinander ohne feindliche Kontakte gelten. Gleiches vermeldet auch Tsetskhkladze, wenn er den Schwarzmeerraum betrachtet.

Eine deutlich getrenntere Form des Nebeneinanders stellt Malitz via Zitation Strabons im Falle des spanischen Emporions dar.

Den letzten Fall, nämlich den der Vermischung, findet sich Beleg bei Malitz. Jedoch ist dieser durchaus zwiespältig zu sehen. Ist es im Falle des oben dargestellten Kontakts in Libyens wohl zu Vermischungen von indigener und griechischer Bevölkerung auf unfeindlichem Weg gekommen, so ist auch die Vermischung auf feindlichem Weg eine Variante, die ohne weiteres vorgekommen ist. „Die ersten Siedler kamen gewöhnlich ohne weibliche Begleitung. Wenn überhaupt Frauen von Anfang an dabei waren, so nahmen sie wohl in erster Linie religiöse Funktionen als Priesterinnen wahr. Nur bei Phokaia wird ausdrücklich die Beteiligung von Frauen erwähnt. Die Mehrzahl der frühen Siedler wird also nicht so ohne weiteres die Möglichkeit gehabt haben, eine Familie zu gründen. Die wenigen Nachrichten über diese Frage sind selbstverständlich nicht von der wünschenswerten Klarheit. Es ist umstritten, ob die von Herodot tradierte Nachricht über die Frauen der ersten Milesier repräsentativ ist für die Frühphase der Kolonisation“

Was bleibt ist die Quelle an sich:

„And for those who came from the very town hall of Athens and think they are the best born of the Ionians, these did not bring wives with them to their settlements, but married Carian women whose parents they had put to death. For this slaughter, these woman made a custom and bound themselves by oath (and enjoined it on their daughters) that no one would sit at table with her husband or call him by his name, because the men had married them after slaying their fathers and husbands and sons. This happened at Miletus.“

Hier wird klar genannt, dass keine Frauen bei der Besiedlung präsent waren, jedoch die native Bevölkerung den eigenen Bedürfnissen „angepasst“ wird. Das Verhältnis wird also wie Herodot hier beschreibt, ein hochgradig negativ besetztes Verhältnis sein, dass sich in der Unterwerfung der einheimischen Frauen gegenüber den griechischen Kolonisatoren ausdrückt, die aber durch eigens initiierte Riten erinnert wird (Eidesschwur und tradierte Weitergabe an die Töchter).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Griechen und Fremde. Antisemitismus und Alteritätserfahrungen
Untertitel
Unter besonderer Berücksichtigung des Kontakts zwischen Griechen und Juden im Spiegel der Großen Kolonisation
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die Griechische Kolonisation
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V354705
ISBN (eBook)
9783668407343
ISBN (Buch)
9783668407350
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
griechische kolonisation, antike, uni leipzig, luther, antisemitismus, yavetz, griechen, fremde, alteritätserfahrung, juden, kulturgeschichte
Arbeit zitieren
Christian Luther (Autor), 2014, Griechen und Fremde. Antisemitismus und Alteritätserfahrungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354705

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