Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode und seine Rolle als Vizekanzler unter Otto von Bismarck 1878 bis 1881


Examensarbeit, 2014
53 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Forschungsmethode und Kommentierung der verwendeten Quellen sowie Literatur
1.3. Forschungsstand

2. Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode
2.1. Die Herkunft, Kindheit und Jugend des Erbgrafen Otto
2.2. Militärischer und politischer Werdegang bis 1867
2.3. Die Grafschaft Wernigerode: Ausdehnung sowie wirtschaftliche Bedeutung und soziale Verhältnisse

3. Zum politischen Wirken des Grafen Stolberg-Wernigerode im Norddeutschen Bund und im kaiserlichen Deutschland
3.1. Politische Auseinandersetzungen im Deutschen Kaiserreich in der Ära Bismarck ..
3.2. „Auf Bismarcks Vorschlag“- der politische Werdegangs Graf Otto zu Stolberg- Wernigerode von 1867 bis 1878
3.3. Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode und seine Rolle als Vizekanzler unter Bismarck

4. Das Zerwürfnis mit Bismarck und das Ende der politischen Karriere Stolberg- Wernigerodes

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis
6.1. Ungedruckte Quellen
6.2. Gedruckte Quellen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Harz ist reich an Mythen und Sagen. Zahlreiche Schlösser ragen aus den Wäldern des Mittelgebirges, die die romantischen Fantasien beflügeln. Eines davon fällt besonders auf: das Schloss Wernigerode. Seine Silhouette sieht man schon vom weiten. Doch dieses Schloss erstrahlt noch nicht immer in dieser Form. Ab 1862 wurde es von Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode nach seinen Vorstellungen umgebaut und erhielt sein heutiges Äußeres. Fürst Otto war nicht nur ein erfolgreicher Bauherr. Auch seine politische Karriere ist bemerkenswert. In der folgenden Arbeit wird auf die Rolle des Fürsten Otto zu Stolberg-Wernigerode als Vizekanzler unter Bismarck in den Jahren von 1878 bis 1881 eingegangen.

Anfangs werden die genutzten Quellen sowie die gebrauchte Literatur kommentiert und die Forschungsmethode erläutert. Der Forschungsstand wird im Anschluss daran kurz angerissen. Um das Wirken des Grafen und späteren Fürsten Otto zu Stolberg- Wernigerode zu verstehen, folgen darauf Ausführungen zur Kindheit, Jugend, Schul- und Studienzeit des jungen Grafen. Sein militärischer und politischer Werdegang bis zum Jahr 1867 werden dann genauer betrachtet. Auch von der Grafschaft Wernigerode mit den geografischen Ausmaßen, der wirtschaftlichen Bedeutung sowie den sozialen Verhältnissen wird ein Überblick gegeben. Der eigentliche Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Wirken des Grafen zu Stolberg-Wernigerode im Norddeutschen Bund und dem Deutschen Kaiserreich. Dafür werden bestimmt ausgewählte politische Auseinandersetzungen allgemein erläutert. Der politische Werdegang des Grafen Stolberg- Wernigerode von 1867 bis 1878 wird dann mit der Einwirkung Bismarcks und den allgemeinen Faktoren in Bezug gesetzt. Hierbei wird schnell auffallen, dass der politische Aufstieg durch einen Zuspruch Bismarcks zu erklären ist. Danach kommen wir explizit zum Höhepunkt seiner politischen Laufbahn, der Vizekanzlerschaft unter Bismarck von 1878 bis 1881. Mit der Entlassung Fürst Otto aus der Vizekanzlerschaft gibt es einen Bruch mit Bismarck. Die Ursachen für diesen werden im Anschluss erläutert. Hierbei wird auch ein Ausblick auf das weitere Leben des Fürsten Otto und die Entwicklungen im deutschen Kaiserreich gegeben.

1.1. Fragestellung

In der folgenden Arbeit werden wir uns genauer mit der Frage beschäftigen, wie Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode zu Bismarcks Stellvertreter werden konnte und welche Rolle sein Amt im Deutschen Kaiserreich spielte. Es wird auch geklärt inwiefern sein Charakter und sein Wesen einem modernen Adligen entsprach, der sich der Industrilaisierung anpasste. Auch der Einfluss seiner Erziehung im Kindheits und Jugendalter wird geklärt. Welche Gründe es für das Zerwürfnis mit Bismarck gab, steht als nächste Frage im Raum.

1.2. Forschungsmethode und Kommentierung der verwendeten Quellen sowie Literatur

In der Erarbeitungszeit dieser Arbeit merkte ich schnell, dass ich zu diesem spezifischen Thema kaum Quellen und Literatur in Rostock finden würde. Als erstes erkundigte ich mich welche Archive und weitere Stellen mir zu Hilfe stehen würden. Das Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt hat eine Zweigstelle in Wernigerode. Hier fand ich viele Quellen, die sich mit Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode befassen. Der Nachlass von Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode befindet sich in der Obhut des Archives. Darunter befinden sich unteranderen der Schriftverkehr zwischen Stolberg-Wernigerode und Bismarck. Die Quellen sind alle sehr gut sortiert und können nach Anmeldung eingesehen werden. Drei Mal beschäftigte ich mich mit den historischen Quellen vor Ort. Bei der Übersetzung mancher hatte ich Hilfe von Wolfgang und Franziska Lips. Dr. Christian Juraneck, der Leiter des Schlossmuseum Wernigerode, gab mir ebenfalls zahlreiche Literaturempfehlungen und wies mich auf weitere Literatur Standorte hin. An der Technischen Universität Braunschweig konnte ich viele Bücher zum Thema ausleihen. Auch das Archiv der TU Braunschweig schrieb ich an. In ihrer Obhut befindet sich der Nachlass von Prof. Dr. Heinrich Heffter. Dieser ist leider nur zu einem Teil aufgearbeitet und war nicht für mich zugänglich.

Dr. Konrad Breitenborn verfasste zahlreiche Bücher zu Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode. Dank seiner Mühen sind einige Quellen sowie die Memoarien StolbergWernigerodes gedruckt zu erhalten.

Zu den politischen Auseinandersetzungen im Deutschen Kaiserreich selbst gibt es eine Fülle an Literatur.

1.3. Forschungsstand

Conrad Breitenborn hat sich intensiv mit der Person Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode auseinander gesetzt. Schon zu DDR-Zeiten befasste er sich mit seiner Person und dessen Rolle im deutschen Kaiserreich. Seine Werke führen zu einem umfassenden Überblick. Prof. Dr. Heinrich Heffter beschäftigte sich intensiv mit der Biographie von Fürst Otto zu Stolberberg-Wernigerode. Er war der Hofchronist der der Familie Stolberg-Wernigerode. Nach seinem Tod wurde der ein erster Teil der Biographie veröffentlicht. Ein zweiter Teil ist nur als Materialsammlung vorhanden, da der einmalige Schreibstil von Heffter nicht fortgesetzt werden kann. Dieser Teil befindet sich im Archiv der Technischen Universität Braunschweig und ist leider zu großen Teilen noch nicht aufgearbeitet. Er besteht aus zahlreichen Notizen von Heffter, die aktuell leider nicht einsichtbar sind. Das Archiv ist aber bemüht, dies bald möglich zu machen.

An der Universität Hildesheim schrieb Kathrin Schröder im Jahre 2006 ihre Diplomarbeit. Sie befasste sich mit dem Einfluss von Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode auf die Sozialgesetzgebung.

Dr. Christian Juraneck ist Leiter des Schossmuseums in Wernigerode und forscht immer weiter nach der Bedeutung Wernigerodes im Deutschen Kaiserreich.

Die Forschungen zur Geschichte des Deutschen Kaiserreichs sind sehr vielfältig und spalten sich vor allem bei der Bedeutung der Reichsgründung in mehrere Richtungen auf. Dies ist aber für unsere Fragestellung nicht relevant.

2. Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode

In den folgenden Abschnitten der Arbeit ist zu klären, wie Graf Otto zu Stolberg- Wernigerode aufwuchs. Anfangs werden Kindheit und Jugend erläutert. Dabei wird schnell bewusst, wie sich der Charakter des jungen Grafen entwickelt hat. Dies ist enorm wichtig um sein späteres politisches Verständnis zu verstehen. Danach werden auf seine Militärzeit und seine ersten politischen Gehversuchen bis zum Jahre 1867 eingegangen. Hier knüpfte er erste Kontakte, die ihm später noch hilfreich sein werden. Das Ende des Kapitels analysiert die Voraussetzungen und die Umgebungsbedingungen der Grafschaft Wernigerode. Die wirtschaftliche Bedeutung und die sozialen Verhältnisse zeigen auf, wie sich die Grafschaft vor und während der Regentschaft Ottos entwickelt hat.

2.1. Die Herkunft, Kindheit und Jugend des Erbgrafen Otto

Als erstes ist hier kurz auf einen familiengeschichtlichen Hintergrund einzugehen. 1429 starb der letzte Wernigeröder Graf. Seit diesem Zeitpunkt saßen auf der Wernigeröder Burg, die bereits im 12. Jahrhundert[1] erbaut wurde, die Stolberger Grafen. Ihr Wappentier, der schwarze Hirsch mit goldenen Federn, und das Forellenpaar der Wernigeröder sind seit dem in einem Wappen vereinigt. Der Doppelname „Stolberg-Wernigerode“ lässt sich ebenfalls aus dieser Erbfolge ableiten.[2] 1645 wurde eine weitere Erbteilung zwischen den Stolberger Brüdern Graf Heinrich Ernst und Graf Johann Martin beschlossen. Hiermit entstanden die ältere Linie Stolberg-Wernigerode und die jüngere Linie Stolberg-Stolberg. Diese bestanden nun unabhängig voneinander. Der älteren Linie wurden die Grafschaft Wernigerode und die obere Grafschaft Hohnstein zugesprochen. Die jüngere Linie bekam die untere Grafschaft Hohnstein zugeteilt. Diese Linie teilte sich im Jahr 1706 noch einmal in die Linien Stolberg-Stolberg und Stolberg-Roßla.[3]

Am 30. Oktober 1837 wurde Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode auf dem Schloss Gendern in Oberhessen geboren. Er war das dritte Kind des Erbgrafen Hermann zu StolbergWernigerode und dessen Gemahlin Emma, die eine geborene zu Erbach- Fürstenau war. Hermann zu Stolberg-Wernigerode teilte die Geburt seines Sohnes seinem Vater und dessen Großvater, dem Grafen Heinrich, mit folgenden Worten mit:

Lobet und preiset mit mir Gott den Herrn, da er großes an uns gethan hat! Meine liebe Emma ist gestern an dem 20. Nachts 11 ½ Uhr von einem Sohn entbunden wurden. […] Wir beabsichtigen ihn Otto zu nennen.[4]

Im Schloss Gendern verwaltete Erbgraf Hermann zu Stolberg-Wernigerode den dortigen stolbergischen Besitz seit 1832. Im Jahr 1838 zog die Erbgrafenfamilie nach Wernigerode. Dies geschah da Hermann seinen Vater Heinrich bei der Leitung des Hausbesitzes unterstützen und sich auf seine Regierungstätigkeit vorbereiten sollte. Der Wohnsitz der Erbgrafenfamilie wechselte zu den Jahreszeiten. Im Sommer bewohnten sie den Marienhof in Ilsenburg und im Winter das Wernigeröder Schloss.[5]

Otto war als zweiter Sohn nicht der erste in der Erbfolge. Dies änderte sich aber durch frühe Schicksalsschläge schnell. Sein älterer Bruder Albrecht starb 1841 an Scharlach. Wenige Wochen später starb sein Vater Heinrich mit 39 Jahren an „nervöse[m] Schleimfieber“[6]. Somit war Otto kaum vier Jahre alt als er an die Spitze der Erbfolge geriet.

Obwohl Otto seinen Vater so zeitig als „Erzieher“[7] verloren hatte, ähnelten seine Charakterzüge diesem sehr.

In seinem Wesen ist das väterliche Erbe am deutlichsten, das Feste, geradlinige, Solide und Tüchtige, der nüchtern-sachliche Verstand, die Neigung und Fähigkeit zum stetigen und planvollen Schaffen im angestammten Lebenskreis, das ausgeprägt Talent des Verwaltens und Organisierens, […] ferner das Verhaltene, Herbe und Spröde, ja Gehemmte im Sichäußern.[8]

Otto nahm sich seinen Vater in jeglicher Hinsicht zum Vorbild, man könnte sogar sagen, dass dieses für ihn zum „Leitstern“[9] geworden war.

Mit seiner Mutter Emma lebten Otto und seine Schwester Eleonore nach dem Tod des Vaters auf dem Marienhof in Ilsenburg, welcher nun der Witwensitz der Erbgräfin war. Seine Mutter war eine „weiche Natur“[10] und sehr oft krank. Nachdem Tod ihres Gatten zog sie sich immer mehr zurück. Der junge Erbgraf wuchs mit zwei Extremen auf: auf der einen Seite reiste Gräfin Emma mit den Kindern ab und zu zu ihrem Vater nach Fürstenau oder nach Gendern. Dies war eine ganz andere Welt. Sie schien im Vergleich zu Wernigerode „verstaubt, schlaff, bizarr, ja wunderlich, aber von liebenswürdiger Menschlichkeit und einer großen Zahl junger Menschen“[11] zu sein. Gerade weil Otto anfangs seinen verstorbenen Bruder sehr vermisste, war dies eine gelungene Abwechslung. Auf der anderen Seite stand sein Großvater, welcher sehr konservativ war. Bei ihm auf dem Schloss Wernigerode ging es sehr „steif und eintönig“ zu. Trotzdem hatte Ottos Großvater Heinrich in Wernigerode seinen höchsten Respekt und „größte Verehrung“.[12] Otto beschreibt ihn in seinen Lebenserinnerungen, als eine „in hohem Grade ehrenwerte, ganz auf das practische gerichtete, durchaus nüchterne Natur“.[13] Dabei war Graf Heinrich sehr wohlwollend aber eigensinnig und war es nicht gewohnt, Widerspruch zu akzeptieren. Zu seinen Enkelkindern soll er immer gütig gewesen sein. Hierbei hat er ihnen aber nichts durchgehen lassen. Otto beschreibt, dass Verweise, welche „Gegenstand lebhaftester Besorgnis“[14] waren, in Heinrichs Schreibzimmer erteilt wurden.

Bei der Kindererziehung vertraute Erbgräfin Emma nur „hochfrommen“[15] Erzieherinnen. Zunächst war dies Elisa von Möllendorff. Diese hatte sehr starken Einfluss auf die Entwicklung von Eleonore. Otto erhielt im Jahr 1848 einen eigenen Hauslehrer. Der Kandidat Ahrendts kam aus der theologischen Schule Tholucks. Otto beschreibt Ahrendts als einen liebenswürdigen Mann, den er schnell in sein Herz geschlossen hatte.[16] Ahrendts brachte ihm ein „geregelte[s] und disciplinierte[s] Leben“[17] bei. Trotzdem lehnte Otto schon früh den Religionsunterricht ab. Die immer wiederkehrende Aufforderung, seine Gefühle nach außen zu kehren, bewirkte bei Otto, dass er sich immer mehr verschloss.[18]

Dieser Widerstand wurde vor allem durch den pietistischen Eifer, „der dem Knaben ständig Gewissensplage und Sündenbekenntnisse zumutete“[19], gehegt. Im selben Jahr ging Ahrendts wieder, da er Fräulein Möllendorff heiratete und eine pastorale Laufbahn einschlug. Die gräfliche Familie beschloss nun, dass Otto eine öffentliche Schule besuchen sollte.

Ottos Großvater Heinrich kümmerte sich nach diesem Beschluss um seine schulische Ausbildung, da er große Hoffnungen in seinem Nachfolger hegte. 1850 begann seine schulische Ausbildung in der privaten Erziehungsanstalt des preußischen Regierungsrates Eilers in Freiimfelde bei Halle. Dort fühlte sich Otto nicht sehr wohl. In Briefen an seine Mutter schreibt er von einer „Sauwirthschaft“[20]. Zu Ostern 1851 wechselte Otto wegen des rüden Umgangs, der mangelnden Unterrichtsorganisation und der unzureichenden Fachkompetenz der Lehrer auf das königlich-preußische Gymnasium in Duisburg. Dieses Gymnasium hatte den gleichen christlichen Standpunkt wie jenes in Freiimfelde. Es war aber politisch nicht so konservativ und etwas freier.[21] Duisburg war zu dieser Zeit eine Industriestadt und eine „ganz neue Umwelt“[22] für den jungen Erbgrafen. Otto selbst beschreibt, dass er teilweise wie ein „ausländisches Wunderthier“[23] angestarrt wurde. Trotzdem lebte er sich schnell ein und hatte nicht nur Kontakt zu seinen Vettern und Bastian, dem Hauslehrer, der Nachfolger von Ahrendts war.[24] Eine feste Freundschaft pflegte er zu Theodor Voigt. Dieser war Sohn eines Geistlichen aus der Nähe von Aachen und galt als „Haupt-Intimus“[25] Ottos. Zu einer anderen „Clique“[26] adliger Schüler fühlte sich Otto nicht sehr hingezogen, da diese schon „große Herren spielen wollten“.[27] Gerade weil er sich früh und viel mit „bürgerlichen Elementen“[28] befasste, kann man aus seiner Schulzeit schon sein späteres Engagement beispielsweise für die Arbeiter ableiten. Er selbst sagt, dass seine Schulzeit in Duisburg „nicht werthlos“[29] für seine ganze Entwicklung gewesen sei und er sei dadurch vor einer frühen „Excliusivität“[30] bewahrt worden. Seine Schullaufbahn verlief relativ „normal“, obwohl er zwischen Unter- und Ober-Tertia einmal sitzen blieb. Dies packte aber seinen Ehrgeiz und er holte seinen Platz innerhalb von einem halben Jahr wieder ein. Danach beendete er 1856 seine Schullaufbahn, ohne sich durch besondere „Mangelhaftigkeit oder hervorragende Leistungen“[31] auszuzeichnen, mit dem Abitur. Zum Abschluss seiner Schulzeit hielt er die Abschiedsrede im Rahmen der feierliche „Abiturientenentlassungsfeier“[32] in Duisburg.

Da der Erbgraf Otto zum Zeitpunkt des Todes des Grafen Heinrichs am 16. Februar 1854 noch nicht volljährig war, wurde sein Onkel Botho zu seinem Vormund bestimmt. Dieser war der jüngere Bruder des Erbgrafen Hermann und übernahm vorerst die Wenigeröder Regierungsgeschäfte. Der verstorbene Graf Heinrich bestimmte Botho noch zu Lebzeiten mit einer königlichen Genehmigung zu Ottos Hauptvormund, damit dieser bis zu „21 Jahren großjährig“[33] werden konnte. Graf Botho nahm seine Aufgabe sehr ernst und kümmerte sich um die Belange der Grafschaft und seines Mündels, dabei war er aber gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Neuerungen gegenüber skeptisch eingestellt. Diese Einstellung wird das Verhältnis zwischen ihm und seinem Neffen im Laufe der Geschichte immer wieder belasten.[34] Neben Botho wurden Wilhelm Stolberg als Lehnsvormund und Friedrich aus Peterswaldau als Obmann eingesetzt. Die Erziehung Ottos unterlag weiterhin seiner Mutter.[35]

Von 1856 bis 1858 studierte Otto an den Universitäten in Göttingen und Heidelberg Rechtswissenschaft, Nationalökonomie und Geschichte. Zu seinem Studienanfang in Göttingen wurde ihm „Lieutenant“[36] Streccius vom 17ten Infanterie-Regiment als Begleiter zur Seite gestellt. Dieser diente zuvor als Erzieher am „Cadetten-Corps“[37] und war hochmusikalisch, sehr sprachbegabt und hatte ein reges Interesse sich wissenschaftlich weiterzubilden. Außerdem wusste er sehr gut mit dem jungen Erbgrafen Otto umzugehen.[38] Otto beschreibt die Art des Umgangs in seinen Memoarien als sehr positiv. So wusste Streccius ihn im „geeigneten Augenblick“[39] zu leiten, ohne ihn zu sehr in seinen Freiheiten zu begrenzen und einzuengen. Die Göttinger Universität galt als sehr „solide und zum Fleiße“[40] anregend und wurde stets vom Adel bevorzugt. In den ersten Jahren seines Studiums umgab er sich vorwiegend mit Mitgliedern des Hochadels und umging die Göttinger Corps.[41] Sein hauptsächlicher Umgang bestand aus den beiden hessischen Prinzen Ludwig und Heinrich sowie dem Prinzen Georg von Schwarzburg- Rudolstadt. Diese nahmen später die regierenden Posten ihrer Herzog- und Fürstentümer ein. Andere Göttinger Bekanntschaften hielt Otto förmlicher. Dies lag wahrscheinlich auch daran, dass Otto und die hessischen Prinzen anfangs unzertrennlich schienen und diese mit sehr viel Respekt betrachtet wurden.[42] Später kamen neben seinen Vettern, welche auch in Göttingen studierten, andere zahlreiche Bekanntschaften dazu. Diese Bekanntschaften befanden sich aber ebenfalls in höher gestellten Bevölkerungsschichten.[43] Während seiner Studienzeit konnte er auch zahlreiche Kontakte zu studierenden Standesgenossen knüpfen. Ebenso in die Gesellschaften und auf Bälle von Professoren und Göttinger Honoratioren sowie hoher Beamter wurde Otto eingeladen. Otto beschreibt sich selbst als fleißigen Hörer von Vorlesungen. Sein besonderes Interesse lag beim Staatsrecht und der Geschichte. Für die „Jurisprudenz“[44], welche sein hauptsächliches Lernziel darstellen sollte, brachte er nur wenig Aufmerksamkeit auf. Der Historiker Georg Waitz, der Staatsrechtler Ludwig Aegidi sowie der Agrarhistoriker und Nationalökonom Georg Hanssen[45] waren Professoren an der Universität Göttingen und prägten den jungen Adligen am meisten.[46] Im Frühjahr 1858 gingen Otto und Streccius für das Sommersemester nach Heidelberg. Streccius bemerkte, dass sein Schützling zu dieser Zeit schon wesentlich „sicherer und unbefangener“ in seinem Auftreten geworden und dies eine Folge des zahlreichen Umgangs mit den Menschen in Göttingen war. An der Universität Heidelberg trat nun der Besuch von Lehrveranstaltungen in den Hintergrund und er besuchte als Conkneipant[47] des „exklusiven Studentenkorps Saxoborussia“[48] mit Streccius zahlreiche Kneipenabende.[49] Ausflüge in den Schwarzwald und in die Schweiz genoss Otto sehr. Immer mehr festigte sich sein Charakter. Auch dies beschreibt Streccius der Erbgräfin Emma. Hierbei betont er Ottos eigene Art, „allmählich und unmerklich die ihm nicht zusagenden Elemente von sich zu entfernen“.[50] In Heidelberg schloss er auch eine Freundschaft, die ihm in der Bismarckzeit noch einmal politisch nützlich sein würde. Der spätere Botschafter Joseph Maria von Radowitz war Senior des feudalen Bonner Corps Borussia und lernte Otto zu einem Stiftungsfest der Saxoborussen kennen. Ende des Jahres 1858 kehrte Streccius zum Militärdienst zurück, und für Otto begann ebenfalls ein neuer Lebensabschnitt. Es ist zu bemerken, dass Otto aus seiner Studienzeit „das volle Bewusstsein seines Herrentums entfaltet“[51] hat. Der Umgang mit hochadligen Altersgenossen hat ihm gezeigt, dass seine Stellung eine höhere in der Bevölkerung ist. Heffter und Breitenborn beschreiben dies beide als Ottos Erkenntnis, dass er sich weit von einer Großzahl seiner Mitmenschen heraushob und somit sich selbst als den Standesherren sehen konnte. In dieser Rolle wurde ihm bewusst, dass er sich den souveränen Fürsten „sozial […] ebenbürtig“[52] fühlen konnte. Ebenso konnte er „[m]anches an geistigem Rüstzeug“[53] für seine spätere politische Laufbahn aus seinem Studium mitnehmen.

Seine Kindheit sowie Schul- und Studienzeit prägen und vervollständigen den Charakter des jungen Erbgrafen und enden mit seinem Regierungsantritt, welcher der nächste entscheidende Schritt in seinem Leben war.

2.2. Militärischer und politischer Werdegang bis 1867

Als Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode am 30. Oktober 1858 volljährig wurde, trat er die Erbfolge seines Großvaters an. Dieser war wie bereits erwähnt 1854 verstorben. Die Wernigeröder huldigten Jahrhunderte hindurch den „jeweils neu regierenden Grafen als ihren Landesherren“[54] in einer sehr feierlichen Weise. Außerdem waren die Feierlichkeiten zu Ottos Regierungsantritt der Ausdruck seines ausgeprägten Selbstbewusstseins als Standesherr. Dies spiegelte sich im Stil der Proklamation und der selbstbewusst adressierten Notifikation sowie der Huldigungszeremonie wider. Mit seinem Regierungsantritt brachte er sein Standes-und Rangbewusstsein zum Ausdruck. [55] So schrieb er in einer eigenhändig verfassten Proklamation an die Wernigeröder Bevölkerung, dass er nun seine Regierungsgeschäfte selbst übernehme und seine „Unterthanen“[56] gnädigst grüße. Des Weiteren lobt er die Regentschaft seines Großvaters und die Übergangszeit seines Onkels Botho.[57] Auch dem preußischen König sowie dem hessischen Großherzog zeigte er schriftlich an, dass er die „Regentschaft in Wernigerode“[58] übernommen hatte. Dem König von Hannover zeigt er den Teil des Amtes Hohnstein an, das in den Besitz seines Hauses fiel. Der Oberpräsident der Provinz Sachsen bekam ebenso eine gesonderte Anzeige, da dieser die „unmittelbare Staatsaufsicht“[59] über die Grafschaft inne hatte. Weitere Benachrichtigungen wurden an andere Souveräne und deutsche Standesherren gesendet. Außerdem dachte Otto daran zu diesem Anlass „stolbergische Goldmünzen“[60] prägen zulassen, so wie es sein Großvater 1824 ebenfalls getan hatte. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt er, dass er sich durch die Anteilnahme der Bevölkerung „sehr gehoben fühlte“[61]. Sein Regierungsantritt könnte man als „altväterisch“[62] bezeichnen. Die Huldigungsfeier hatte sich stets in Etappen abgespielt.. Diese orientierten sich wesentlich an der „Geschlossenheit der landwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Grafschaft Wernigerode“.[63] Diese erstreckte sich vom Schloss Wernigerode über die gleichnamige Stadt und kleinere Dörfer bis hin zu den Berg- und Hüttenleuten sowie Waldarbeitern. In früheren Zeiten wurde der Einzug des neuen Regenten groß gefeiert. Der Graf hielt förmlich Einzug in die Stadt, bei dem ihm Bürger und Bauern entgegengeritten kamen.

[...]


[1] Vgl. Juranek, Christian: Schloss Wernigerode. Halle an der Saale. 1999. S. 8.

[2] Vgl. Breitenborn, Konrad: Die Lebenserinnerungen des Fürsten Otto zu Stolberg-Wernigerode. Wernigerode. 1996. S. III f.

[3] Ebd. S. IV.

[4] Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg, Standort Wernigerode (im Folgenden: LHASA, MD, H Stolberg-Wernigerode), J Anh. Nr. 338 Bl. 1.

[5] Vgl. Wendlik, Steffen: Otto Fürst zu Stolberg-Wernigerode (1837-1896)- Standesherr, Politiker und Unternehmer. Hrsg. in Fürst zu Stolberg-Wernigerode, Philipp, Fürst zu Stolberg-Stolberg, Jost-Christian: Stolberg 1210-2010: Zu achthundertjährigen Geschichte des Geschlechts. S. 249.

[6] Ebd.

[7]Heffter. S. 179.

[8] Heffter, S. 179.

[9] Heffter, S. 179.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Breitenborn: Erinnerungen. S. 5.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Heffter, S. 179.

[16] Vgl. Breitenborn: Erinnerungen. S. 12.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Heffter, S. 179.

[19] Ebd.

[20] LHASA, MD, H Stolberg-Wernigerode, Nachlass Otto Nr. 101 Bl. 22.

[21] Vgl. Heffter. S. 180.

[22] Ebd.

[23] Breitenborn. Lebenserinnerungen. S. 25.

[24] Vgl. Heffter. S. 181.

[25] Breitenborn. Lebenserinnerungen. S. 30.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Breitenborn. Lebenserinnerungen. S. 30.

[31] Ebd. S. 29.

[32] Wendlik. S. 250.

[33] Breitenborn. Lebenserinnerungen. S. 34.

[34] Wendlik. S.250.

[35] Vgl. Breitenborn. Lebenserinnerungen. S. 34.

[36] Ebd. S. 36.

[37] Ebd.

[38] Vgl. Heffter. S.183.

[39] Breitenborn. Lebenserinnerungen. S. 36.

[40] Breitenborn. Lebenserinnerungen. S. 36.

[41]Vgl. Heffter. S. 183.

[42] Vgl. ebd. S. 184.

[43] Vgl. Breitenborn. Lebenserinnerungen. S. 37.

[44] Heffter. S. 184. Anderer Begriff für Rechtwissenschaften bzw. Jura.

[45] Vgl. Backhaus, Alexander: Entwicklung der Landwirtschaft auf den gräflich Stolberg-wernigerödischen Domänen. Hrsg. Conrad, Joh.: Sammlung nationalökonomischer und statistischer Abhandlungen des staatwissenschaftlichen Seminars zu Halle a.d.S.. 1888. S. 2.

[46] Vgl. Wendlik, Steffen: Otto Fürst zu Stolberg-Wernigerode (1837-1896)- Standesherr, Politiker und Unternehmer. Hrsg. in Fürst zu Stolberg-Wernigerode, Philipp, Fürst zu Stolberg-Stolberg, Jost-Christian: Stolberg 1210-2010: Zu achthundertjährigen Geschichte des Geschlechts. S. 250.

[47] Ein Conkneipant ist ein Mitglied einer Studentenverbindung, das aus Satzungsgründen kein Vollmitglied sein kann

[48] Wendlik, Steffen: Otto Fürst zu Stolberg-Wernigerode (1837-1896)- Standesherr, Politiker und Unternehmer. Hrsg. in Fürst zu Stolberg-Wernigerode, Philipp, Fürst zu Stolberg-Stolberg, Jost-Christian: Stolberg 1210-2010: Zu achthundertjährigen Geschichte des Geschlechts. S. 251.

[49] Vgl. ebd.

[50] Heffter. S. 185.

[51] Ebd.

[52] Ebd.

[53] Ebd.

[54] Heffter. S. 185.

[55] Vgl. Wendlik, Steffen: Otto Fürst zu Stolberg-Wernigerode (1837-1896)- Standesherr, Politiker und Unternehmer. Hrsg. in Fürst zu Stolberg-Wernigerode, Philipp, Fürst zu Stolberg-Stolberg, Jost-Christian: Stolberg 1210-2010: Zu achthundertjährigen Geschichte des Geschlechts. S. 254.

[56] Heffter. S. 186f

[57] Vgl. Heffter. S.186 f.

[58] Ebd. S. 187.

[59] Ebd.

[60] Ebd.

[61] Breitenborn. Lebenserinnerungen. S.43.

[62] Heffter. S. 186.

[63] Ebd. S. 188.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode und seine Rolle als Vizekanzler unter Otto von Bismarck 1878 bis 1881
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
53
Katalognummer
V354764
ISBN (eBook)
9783668439757
ISBN (Buch)
9783668439764
Dateigröße
797 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bismarck, Otto, Otto von Bismarck, Stolberg, Wernigerode, Deutsches Kaiserreich, Kaiser Wilhelm, deutsche Außenpolitik, Ungarn, Andrássy, Sozialistengesetze, Sozialgesetz, Reichskanzler
Arbeit zitieren
Franziska Schulzki (Autor), 2014, Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode und seine Rolle als Vizekanzler unter Otto von Bismarck 1878 bis 1881, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354764

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