Einführung einer Männerquote in Kindertagesstätten? Gender Mainstreaming in Kindertageseinrichtungen


Essay, 2015

8 Seiten, Note: 1

Sarah G. (Autor)


Leseprobe

Vor kurzem sprach ich mit einigen KommilitonInnen über unsere Vorstellungen bzw.

Wünsche bezüglich eines Berufes nach dem Bildungswissenschaftsstudium. Daraufhin fragte ich einen Kommilitonen „Was machst du, wenn du direkt nach dem Studium keinen Job findest?“ Daraufhin antwortete er: „Ich studiere etwas im sozialen Bereich und ich finde da doch immer etwas als Mann. Männer sind schließlich gefragt im pädagogischen Bereich!“.

Ich kann mich noch wage an meine Kindheit erinnern, in der die einzigen männlichen Personen bei uns zu Hause mein Bruder, mein Vater und im Kindergarten sowie später in der Volksschule der Hausmeister waren. Meine Kindheit war somit sehr weiblich geprägt, aber damit bin ich in keiner Ausnahmesituation groß geworden. Kindertagesstätten sind vor allem weiblich geprägte Räume. Männer in diesen Institutionen sind Mangelware und könnten dabei doch so viel zur Erziehung und Bildung im frühen Kindesalter und speziell zu geschlechtssensibler Pädagogik etwas beitragen. Im Rahmen der geschlechtersensiblen Pädagogik rückt unter Anderem das Konzept „Gender Mainstreaming“ in den Vordergrund.

Doch was bedeutet „Gender Mainstreaming“ überhaupt? Gender Mainstreaming bedeutet übersetzt: "Das soziale Geschlecht in den Hauptstrom bringen" (Rohrmann 2005a, 1). Mit dieser Formulierung ist gemeint, dass geschlechtsbezogene Fragen nicht mehr als Spezialthema behandelt, sondern in der ganzen Breite des Alltagshandelns berücksichtigt werden sollen. Der Begriff bezeichnet den Prozess und die Vorgehensweise, die Geschlechterperspektive in die Gesamtpolitik mit aufzunehmen - so die Interministerielle Arbeitsgruppe Gender Mainstreaming (IMAG GM). Mit gemeint ist dabei das allgemeine Ziel einer tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern. Was ist aber mit Gleichstellung gemeint? Seit 1996 ist Gender Mainstreaming durch die EU-Verträge (Artikel 2 und 3) und durch die Charta der Grundrechte der Europäischen Union (Artikel 23 Nr. 1) zur Durchsetzung von Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern in allen EU-Mitgliedsstaaten verbindlich. Zielrichtung dabei ist, Gender Mainstreaming auf allen Aktionsfeldern zu berücksichtigen. (Vgl. IMAG GM)

Die Gender Mainstreaming-Strategie wird in Österreich bei allen politischen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen berücksichtigt. Etwaige geschlechtsspezifische Folgen werden abgeschätzt. Das Themenspektrum ist enorm: es reicht von einer gerechteren Verteilung der Einkommen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, einer faireren Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit über gleiche Bildungschancen, Gender-Medizin bis hin zu einer nicht geschlechterstereotypen Berufswahl. (Vgl. IMAG GM) Wieso ist dennoch der Frauenanteil in den Berufen der Frühkinderziehung so hoch wenn, wenn doch eine nicht geschlechterstereotype Berufswahl unterstützt bzw. umgesetzt werden soll?

Bis Ende der neunziger Jahre wird „Geschlecht“ in österreichischen Kindertageseinrichtungen lediglich im Rahmen eines Verständnisses von Gender Mainstreaming betrachtet, bei der es um die Geschlechtsrollenentwicklung der Kinder und weniger um die geschlechtliche Zusammensetzung des Personals ging. In den letzten Jahren ist allerdings insbesondere medial ein verstärktes Interesse an der Thematik „Männer im Kindergarten“ festzustellen. In vielen Tageszeitungen, Zeitschriften und Rundfunkmeldungen wird ein Mangel an männlichem Personal festgestellt und diskutiert. (Vgl. Koch 2011) Aufgrund dessen, dass in Kindergärten Frauen überrepräsentiert sind, stellt sich nun die Frage ob eine Männerquote für den Bereich Früherziehung/Kindergarten eine zu überdenkende Möglichkeit ist?

Die Anzahl jener Männer, die als Kindergartenpädagoge arbeiten, ist weltweit erschreckend gering. Insbesondere in Österreich finden sich nur ganz wenige Männer in diesen Berufen. Im Jahr 2013 waren es nur 1,4% der Beschäftigten (Statistik Austria 2013). Die ersten Lebensjahre eines Kindes sind vor allem frauendominiert, was sich auch in der Gestaltung der Kindergartenräume wiederspiegelt. Man könnte meinen, Männer machen sich rar. So sind laut Rendtorff (2011) es immer noch meistens die Frauen, die zu Hause bleiben und sich in den ersten Jahren um die Kinder kümmern. Dann kommen sie in den Kindergarten und dort gibt es wieder kaum männliche Bezugspersonen. So wird den Kindern schon frühzeitig ein Rollenbild vermittelt, in dem der Mann der Versorger ist und die Frau sich um die Erziehung kümmert. Die traditionellen Geschlechterrollen und -bilder führen immer noch dazu, dass Männer in Kindergärten die Ausnahme sind und somit es männliche Erzieher als Vorbilder - in den Einrichtungen wie in der Familie- fehlen. Denn würden Burschen den Vater bei der Hausarbeit als etwas Alltägliches erleben, falle die Entscheidung bei ihrer Berufswahl eher auf Betreuungs- oder Erziehungsarbeit.

Für eine Beschäftigung von Männern in Kindertagesstätten gibt es somit eine ganze Reihe von guten Gründen. Männer bringen frischen Wind ins Team und haben Interessen und Sichtweisen, die in Kindertagesstätten oft zu wenig berücksichtigt werden. Manche jungen- und männertypische Interessen und Bedürfnisse kommen im normalen Kindergarten-Alltag zu kurz, da viele Frauen nur wenig darauf eingehen. Raufen und Toben, sich für Handwerkliches und Technik begeistern, Klettern und körperliche Grenzen austesten: Das alles können Frauen zwar prinzipiell auch, aber nach Rohrmann (2005a) haben sie dazu einfach keine Lust.

Manche schwierigen Verhaltensweisen von Jungen hängen damit zusammen, dass sie beweisen wollen, wie "männlich" sie sind - wobei sie viel zu wenig darüber wissen, wie Männer wirklich sind, nämlich durchaus nicht immer stark, überlegen, erfolgreich und ohne Angst, so Rentdtorff (2011). Um das herauszufinden, bräuchten sie mehr Männer in ihrem Alltag, mit denen sie die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und Verhaltensweisen erleben könnten. Kinder orientieren sich allerdings nicht nur an Vorbildern des eigenen Geschlechts. Jungen grenzen sich laut Rohrmann (2005b) zwar auf ihrer Suche nach Männlichkeit manchmal sehr von Frauen und allem "Weiblichen" ab, aber sie übernehmen auch Sichtweisen ihrer Mütter und anderer Frauen und möchten von ihnen geliebt und bewundert werden. Umgekehrt brauchen auch Mädchen Männer. Sie werden selbstbewusster, wenn sie von ihren Vätern und anderen Männern ernstgenommen und unterstützt werden. Schließlich können Jungen und Mädchen einen partnerschaftlichen Umgang, in dem Frauen und Männer einander mit Wertschätzung und Respekt begegnen, nur dann erleben, wenn es in ihrem Alltag auch Männer und Frauen gibt.

Sich selbst mit der eigene Annahme: „Ich behandle aber alle Mädchen und Jungen gleich! Wozu brauchen wir also männliche Mitarbeiter?“ zufrieden zu geben, ist falsch. Denn auch Rendtorff (2011) meint, dass Mädchen und Jungen schon mit unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen in den Kindergarten kommen und somit auch verschiedene Bedürfnisse haben. Das Jungs im Spiel oft aggressiver sind als Mädchen könnte damit zusammenhängen, dass sie beweisen wollen, wie männlich sie sind. Woher sollen sie auch wissen, dass Männer nicht immer nur „stark, überlegen, erfolgreich und ohne Angst“ sind, dass Männer auch Gefühle zeigen können und dies auch tun, wenn keine Männer da sind, die als Vorbilder dienen

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Einführung einer Männerquote in Kindertagesstätten? Gender Mainstreaming in Kindertageseinrichtungen
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V354783
ISBN (eBook)
9783668408166
ISBN (Buch)
9783668408173
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Kindertagesstätte, Kita, Gender Mainstreaming
Arbeit zitieren
Sarah G. (Autor), 2015, Einführung einer Männerquote in Kindertagesstätten? Gender Mainstreaming in Kindertageseinrichtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354783

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