Körper- und bewegungsbasierte Verfahren finden in der therapeutischen und pädagogischen Begleitung stets mehr Beachtung. Aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen gibt es vermehrt Studien und Evidenzen, welche die Wirksamkeit dieser Verfahren belegen.
Im Strafvollzug spielen körper- und bewegungsbasierte Methoden bislang eine untergeordnete Rolle. Infolgedessen werden die Effekte und Wirkprozesse dieser Maßnahmen mit Straftätern in den wissenschaftlichen Diskursen wenig diskutiert. Um diese Forschungslücke zu schließen, richtet sich 'Bewegung im Vollzug' auf die schulenübergreifende Darstellung und Analyse von körper- und bewegungsbasierten Interventionen innerhalb des Strafvollzugs mit männlichen Inhaftierten. Diese Forschungsarbeit gliedert sich in 4 Teilstudien, die einen Überblick über den Einsatz, die Effekte, die Wirkprozesse gibt und methodologische Fragestellungen hinsichtlich der Erhebung von körper- und bewegungsbasierten Verfahren erörtert.
Inhaltsverzeichnis
A. EINLEITUNG
B. THEORETISCHE EINORDNUNG
1. Gegebenheiten des Strafvollzugs und die Implikationen für körper- und bewegungsbasierte Interventionen
1.1. Der Strafvollzug im Spannungsfeld von Sicherung und Resozialisierung
1.2. Varianten begleitender Maßnahmen im Vollzug
1.3. Effektivität von Behandlungsmaßnahmen im Vollzug
1.4. Klientenspezifische Voraussetzungen
1.5. Institutionelle Voraussetzungen
1.6. Zusammenfassung
2. Ursprung und Bedingungen von körper- und bewegungsbasierten Interventionen
2.1. Genese
2.2. Theoretische Fundierung von körper- und bewegungsbasierten Interventionen
2.2.1. Die Perspektive der Neurowissenschaften
2.2.2. Die Perspektive des Embodiments
2.2.3. Die Perspektive der Leibphänomenologie
2.2.4. Die Perspektive der Körperpsychotherapie und der Tanz- und Bewegungstherapie
2.3. Zusammenfassung
C. EMPIRIE
1. Methoden und Forschungsprozess
1.1. Fokussierung des Forschungsgegenstandes
1.2. Teilstudien und Forschungsperspektiven
1.3. Methodische Einordnung
2. Körper- und bewegungsbasierte Interventionen im Vollzug
2.1. Einführung in Teilstudie 1
2.2. Methodisches Vorgehen
2.3. Ablauf der Studie
2.4. Zusammenfassung der Ergebnisse
2.4.1. Ergebnisse der Einzelstudien
2.4.2. Ergebnisse in Bezug zu den Effekten
2.5. Diskussion
2.6. Limitationen
2.7. Zusammenfassung
3. Effekte von körper- bewegungsbasierten Interventionen am Beispiel des Anti-Gewalt-Training (AGT) von e|m|o processing®
3.1. Einführung in Teilstudie 2
3.2. Das Anti-Aggressions-Training (AAT) als Maßnahme im Vollzug
3.3. Das Anti-Gewalt-Training (AGT) von e|m|o processing®
3.3.1. Trainingsmethoden und Umsetzung
3.4. Methodisches Vorgehen
3.4.1. Kontextuelle Gegebenheiten und ihr Einfluss auf den Forschungsprozess
3.4.2. Methodologische Überlegungen
3.5. Messinstrumente
3.6. Ablauf der Evaluationsstudie
3.7. Ergebnisse
3.7.1. Stichprobe
3.7.2. Ergebnisse im Detail
3.8. Diskussion
3.9. Limitationen
3.10. Zusammenfassung
4. Beurteilung von Bewegungsbeobachtungsverfahren innerhalb empirischer Studien
4.1. Einführung in Teilstudie 3
4.1.1. Forschungsinteresse und Fragestellung
4.2. Instrumente der Bewegungsbeobachtung - Einführung in den Untersuchungsgegenstand
4.2.1. Laban Bewegungsanalyse (LBA)
4.2.2. Movement Pattern Analysis (MPA) und das ActionProfile (AP)
4.2.3. Movement Psychodiagnostic Inventory (MPI)
4.2.4. Kestenberg Movement Profile (KMP)
4.3. Methodisches Vorgehen
4.4. Ergebnisse
4.4.1. Ergebnisse in Bezug auf den Kontext der Studien
4.4.2. Ergebnisse in Bezug zu Forschungsfrage 1
4.4.3. Ergebnisse in Bezug zu Forschungsfrage 2
4.5. Diskussion
4.6. Limitationen
4.7. Zusammenfassung
5. Wirkprozesse von körper- und bewegungsbasierten Interventionen im Strafvollzug
5.1. Einführung in Teilstudie 4
5.2. Methodisches Vorgehen
5.2.1. Forschungsrelevante Vorannahmen
5.2.2. Methodologische Überlegungen
5.2.3. Datenmaterial
5.2.4. Ablauf der Auswertung
5.3. Ergebnisse
5.3.1. Ergebnisse Forschungsfrage 1 – Wirkprozesse von körper- und bewegungsbasierten Interventionen
5.3.2. Ergebnisse Forschungsfrage 2 – Ausrichtungen von körper- und bewegungsbasierten Interventionen
5.4. Diskussion
5.4.1. Implikationen für den Strafvollzug
5.4.2. Implikationen für die praktische Arbeit mit körper- und bewegungsbasierten Interventionen im Strafvollzug
5.5. Limitationen
5.6. Zusammenfassung
D. DISKUSSION
1. Diskussion der Ergebnisse
1.1. Grundlegende Diskussion der Ergebnisse
1.2. Körper- und bewegungsbasierte Interventionen im Kontext des Strafvollzugs
1.3. Die Konstruktion von Veränderung im Strafvollzug ihre Implikation für körper- und bewegungsbasierte Interventionen
1.4. Die Konstruktion des Körpers im Vollzug und ihre Implikation für körper- und bewegungsbasierte Interventionen
1.5. Die Verortung körper- und bewegungsbasierter Interventionen innerhalb resozialisierender Maßnahmen
1.6. Die Evaluation von körper- und bewegungsbasierten Interventionen
2. Limitationen und Desidarate
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Forschungslücke hinsichtlich körper- und bewegungsbasierter Interventionen im Strafvollzug bei männlichen Inhaftierten zu schließen. Durch eine Mixed-Methods-Studie wird ein umfassendes Bild über Einsatzmöglichkeiten, Effekte und Wirkprozesse dieser Maßnahmen entwickelt, um deren Potenzial für die Resozialisierung zu analysieren.
- Strukturelle Bedingungen des Strafvollzugs und deren Einfluss auf körper- und bewegungsbasierte Ansätze
- Theoretische Fundierung und Genese körperorientierter Interventionsformen
- Empirische Untersuchung der Effekte des Anti-Gewalt-Trainings (AGT)
- Methodische Analyse und Validierung von Bewegungsbeobachtungsverfahren
- Rekonstruktion der Wirkprozesse und Ausrichtungen in der praktischen Anwendung
Auszug aus dem Buch
Die Perspektive der Neurowissenschaften
Aus der Sicht der Neurowissenschaften, die u.a. das innerphysische Zusammenspiel von neuronalen Prozessen, Wahrnehmung und Verhalten erforschen, sind Körper und Bewegungsprozesse hinsichtlich verschiedener Aspekte relevant.
Laut Hüther (vgl., 2006: 91-95) erfolgen neuronale Festlegungen auf der Basis früher körperlicher Erfahrungen, welche in der Folge die individuellen Wahrnehmungs und Handlungsmuster bestimmen. Nur über neue körperliche, taktile oder sensomotorische Signale ist es möglich, alternative neuronale Verschaltungen herzustellen und damit andere Handlungskompetenzen zu entwickeln. An anderer Stelle legt Hüther noch eine engere Verbindung zwischen körperlichen Prozessen und Verhaltensmuster:
„Körperliche Haltungen sind in der körperlichen Struktur verankerte („embodied“) Erfahrungen. Diese Haltungen sind es, die die Wahrnehmung von und in der Welt und das eigene Handeln bestimmen“ (ebd., 2011: 70).
Vor dem Hintergrund körperlicher Erfahrungen beschreibt Bauer den direkten Zusammenhang zwischen körperlichen und neuronalen Prozessen: Verletzungen oder Traumata verändern hirnphysiologische Strukturen. Sie werden im Körper gespeichert und bestimmen zukünftige Verhaltensmuster der Klienten (vgl. ebd., 2011: 79).
Das Zusammenspiel zwischen körperlichen und inneren Vorgängen wurde durch die Entdeckung der Spiegelneurone untermauert und um eine intersubjektive Dimension erweitert. Gallese und Rizzolatti konnten 1996 in Tierversuchen die Existenz der Spiegelneuronen nachweisen. Sie werden in der gemeinsamen Bewegung aktiviert und ermöglichen, dass die Bewegung des anderen nacherlebt und reproduziert werden kann. Auch bereits in der Beobachtung der Bewegung eines anderen werden neuronale Vorgänge stimuliert, d.h. über Bewegung stellt sich auf neuronaler Ebene Resonanz, Verbindung und in der Folge eventuell das ‚Verstehen des anderen’ ein (vgl. Gallese & Sinigaglia, 2011: 133-136; Gallese, 2003: 173 -174; Gallese et al. 2003: 323-337)
Diese in körperlichen Vorgängen verwurzelte neuronale Einstimmungsmöglichkeit nutzen körper- und bewegungsbasierte Interventionen in gemeinsamen Bewegungsdialogen:
„In der Ko-Regulation kommunizieren die Gehirne von Therapeutin und Patientin über kinästhetische, akustische, taktile und visuelle Spiegelungsprozesse miteinander. Auf diese Weise werden neue Elemente des affektiven und motorischen Repertoires ausgebildet und führen langfristig zur Kompetenz der Selbstregulation“ (Eberhard-Kächele, 2009: 251).
Zusammenfassung der Kapitel
Gegebenheiten des Strafvollzugs und die Implikationen für körper- und bewegungsbasierte Interventionen: Analyse der strukturellen Bedingungen im Strafvollzug, die als Kontext für körperbasierte Maßnahmen dienen.
Ursprung und Bedingungen von körper- und bewegungsbasierten Interventionen: Theoretische Herleitung und wissenschaftliche Fundierung durch Neurowissenschaften, Embodiment und Körperpsychotherapie.
Methoden und Forschungsprozess: Darstellung des Mixed-Methods-Designs, das in vier Teilstudien die Wirksamkeit und Wirkweise körperorientierter Interventionen untersucht.
Körper- und bewegungsbasierte Interventionen im Vollzug: Systematische Übersichtsarbeit zur Erfassung des Status quo und der dokumentierten Effekte in der Literatur.
Effekte von körper- bewegungsbasierten Interventionen am Beispiel des Anti-Gewalt-Training (AGT) von e|m|o processing®: Kontrollierte Evaluationsstudie zur Wirksamkeit des speziellen Trainingsansatzes im Strafvollzug.
Beurteilung von Bewegungsbeobachtungsverfahren innerhalb empirischer Studien: Kritische Analyse geeigneter Instrumente zur Erfassung von Bewegungsprozessen.
Wirkprozesse von körper- und bewegungsbasierten Interventionen im Strafvollzug: Hermeneutisch-rekonstruktive Analyse der zugrundeliegenden Wirkungsweisen und Ausrichtungen.
DISKUSSION: Synthese der Ergebnisse, Reflexion der Limitationen und Implikationen für die praktische Resozialisierungsarbeit.
Schlüsselwörter
Strafvollzug, Körperpsychotherapie, Bewegungsinterventionen, Resozialisierung, Anti-Gewalt-Training, Embodiment, Bewegungsbeobachtung, Laban Bewegungsanalyse, Wirkprozesse, Gewaltprävention, Kestenberg Movement Profile, Körperwahrnehmung, Männliche Straftäter, Mixed-Methods, Psychomotorik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einsatz, die Effekte und die Wirkprozesse von körper- und bewegungsbasierten Interventionen in der Arbeit mit männlichen Straftätern im Strafvollzug.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Resozialisierung im Strafvollzug, theoretische Grundlagen der Körperpsychotherapie, Bewegungsbeobachtungsmethoden und die empirische Evaluation von Gewaltpräventionstrainings.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis über Einsatzmöglichkeiten und Wirkungsweisen körperorientierter Verfahren zu gewinnen, um deren Relevanz für die Praxis im Strafvollzug wissenschaftlich zu fundieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Studie verwendet ein Mixed-Methods-Design, das systematische Literaturübersichten, kontrollierte Evaluationsstudien mit quantitativen Messungen sowie eine rekonstruktiv-hermeneutische Analyse beinhaltet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Einordnungen (Embodiment, Neurowissenschaften, Phänomenologie) und einen empirischen Teil, der Teilstudien zu Effekten und Wirkprozessen präsentiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Strafvollzug, Resozialisierung, Körpertherapie, Bewegungsanalyse, Anti-Gewalt-Training und körperorientierte Interventionen sind die maßgeblichen Begriffe.
Wie wird das "Anti-Gewalt-Training (AGT) nach e|m|o processing®" wissenschaftlich evaluiert?
Das Training wird durch ein kontrolliertes Pre/Post-Test-Design evaluiert, bei dem neben standardisierten Fragebögen auch Bewegungsbeobachtungen (KMP) und qualitative Fokusgruppengespräche zum Einsatz kommen.
Welche Rolle spielen Bewegungsbeobachtungsinstrumente?
Sie dienen als methodisches Werkzeug, um die komplexen, oft unbewussten körperlichen Prozesse während der Interventionen objektivierbar und analysierbar zu machen.
Was schließt der Autor aus seiner hermeneutisch-rekonstruktiven Analyse?
Der Autor schließt, dass körper- und bewegungsbasierte Interventionen komplexe Wirkprozesse initiieren, die als "methodisches Handeln" verstanden werden können und direkt an der Schnittstelle von Verhalten, Emotion und Selbstverständnis wirken.
- Arbeit zitieren
- Fabian Chyle (Autor:in), 2016, Bewegung im Vollzug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354836