Beratungsmodelle für die pädagogische Praxis


Hausarbeit, 2000

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen der Gesprächspsychotherapie
2.1 Einordnung des klientenzentrierten Ansatzes
2.2 Das Menschenbild
2.3 Der therapeutische Prozess
2.4 Die therapeutischen Grundhaltungen
2.5 Kritische Positionen zur Gesprächspsychotherapie

3 Pädagogisch-therapeutische Beratung
3.1 Grundlagen für pädagogisch-therapeutische Beratungskonzepte
3.2 Pädagogisch-therapeutische Gesprächsmodelle

4 Der pädagogisch-therapeutische Beratungsprozess
4.1 Das Beratungsziel
4.2 Stufen und Schritte der Beratung

5 Prinzipien der pädagogisch-therapeutischen Beratung
5.1 Systematisches Zuhören
5.2 Verbalisierung und einfühlendes Spiegeln
5.3 Abstraktion und Konkretion
5.4 Strukturierung des Beratungsgesprächs
5.5 Gefahren und Störungen im Gespräch

6 Beratungskonzepte in der pädagogischen Praxis
6.1 Attraktivität von pädagogisch-therapeutischen Beratungsansätzen
6.2 Anwendung von pädagogisch-therapeutischen Beratungsmodellen

1. Einleitung

Jede pädagogische Situation und Interaktion enthält die Aspekte der Vermittlung, der Diagnose und der Beratung in dem Sinne, dass mittels Sprache dem jeweils anderen geholfen bzw. dass bei ihm etwas bewirkt werden soll (Pallasch 1990). Das hierbei geforderte ‛schnelle' Handeln erschwert es dem Praktiker jedoch häufig, fachlich fundiert und planvoll-intentional zu beraten, zu entscheiden und zu handeln. So ist das berufliche Verhalten nicht selten Resultat einer subjektiven Alltagstheorie, welche die Eckpunkte des pädagogischen Vorgehens markiert, jedoch nur begrenzt verbalisierbar und somit überprüfbar ist. Eine theoriegeleitete Handlungskompetenz setzt vom Pädagogen dagegen ein hohes Maß an Auseinandersetzung mit der eigenen Person und der Erkundung der Theorie pädagogischer Beratung voraus.

In der vorliegenden Arbeit werden zentrale Grundsätze eines Beratungsansatzes aufgezeigt, welche den theoretischen Grundstock für das praktische Handeln bilden können. Letztendliches Ziel eines fachlich fundierten Beratungsverständnisses für die pädagogische Praxis ist, dem Pädagogen ein Instrument an die Hand geben, mit welchem er seine Handlungs-, und Entscheidungskompetenz im beruflichen Alltag erweitern und gleichzeitig theoretisch begründet vertreten kann. Die vorliegende Arbeit bezieht sich vor allem auf Beratungsansätze von Pallasch (1990), Weber (2000) sowie Egan (1996), welche gemeinsame theoretische Bezugspunkte (Gesprächspsychotherapie) für sich in Anspruch nehmen und sich durch ihre Praxisnähe in der (sozial-)pädagogischen Arbeit bereits bewährt haben.

2. Grundlagen der Gesprächspsychotherapie

Um dem Risiko einer ‛seelenlosen Technik' entgegenzuwirken, setzt die erfolgreiche Umsetzung eines Beratungsmodells im beruflichen Alltag sowohl die innere Akzeptanz seines Theoriegerüstes als auch die seines Menschenbildes voraus. Aus diesem Grund wird in den nachfolgenden Ausführungen zunächst auf einige wesentliche Aspekte der Gesprächspsychotherapie in dem Maße eingegangen, wie es für ein Verständnis der angeführten Beratungskonzepte notwendig erscheint[1].

2.1 Einordnung des klientenzentrierten Ansatzes

Aus der Kritik an der Psychoanalyse und dem Behaviorismus, den beiden lange Zeit vorherrschenden Denkmodellen, entwickelten sich etwa ab den 60er Jahren unter dem Oberbegriff ‛Humanistische Psychologie' verschiedene Ansätze, welche sich von den damaligen therapeutischen Vorgehensweisen zu distanzieren versuchten. Ausgehend von einem humanistischen Menschenbild entfalteten sie sich als sog. ‛Dritte Kraft' in Abgrenzung zu den vorherrschenden Denkmodellen mit ihrem positivistischen Wissenschaftsverständnis und ihrem analog zur naturwissenschaftlichen Denkweise verstandenen Menschenbild. Während die beiden etablierten Konzepte den Menschen entweder als ein im Wesentlichen durch innere triebhafte (Psychoanalyse) oder vornehmlich durch äußere verhaltensformende (Behaviorismus) Faktoren determiniertes Wesen betrachteten, richtete sich die Aufmerksamkeit der humanistischen Ansätze auf ein anderes Verständnis vom ‛Mensch'. Sie betonen ‛Aspekte wie Autonomie und soziale Interdependenz, Intentionalität und Sinnorientierung, Selbstverwirklichung sowie Ganzheit und Integrität' (Pallasch 1990, S. 18). Zu den bedeutendsten humanistischen Ansätzen im Bereich der Psychologie gehört sicherlich die Gesprächspsychotherapie, die von C.R. Rogers konzipiert wurde[2].

Die Gesprächspsychotherapie ist zunächst von C.R. Rogers entwickelt und immer wieder modifiziert worden. In den 40er Jahren wurde sie als nicht-direktive Beratung generiert. Im Gegensatz zur psychoanalytischen Vorgehensweise wird dem Klienten hierbei keine eindeutige linear-kausale Ursache-Wirkungsproblematik von Seiten des Therapeuten unterstellt, ‛die ihn in seiner Entfaltungs- und Befreiungsbemühung von vornherein definitiv einschränken würde' (Pallasch 1990, S. 19). Vielmehr ist es das Anliegen des ‛non-directive' Beraters, dem Klienten ein Setting zu bieten, in dem er sich sicher und geborgen fühlen sowie seine eigenen Entdeckungen machen und Entscheidungen treffen kann und somit frei von jedem Dirigismus ist.

In den 50er und 60er Jahren wurde der Ansatz von Rogers zur ‘Klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie’ erweitert. Die Aufgabe des Gesprächspsychotherapeuten besteht vor allem darin, dem ‛Klienten zu einer höheren Selbstwahrnehmung und Reflexion der eigenen Gefühlswelt zu verhelfen' (Pallasch 1990, S. 19). Hierfür wird die Realisierung der drei Basisvariablen in der therapeutischen Beziehung als notwendige und hinreichende Bedingung angesehen. Rogers (1990, S. 23) konkretisiert die drei Einstellungen, welche er aufgrund von Forschungsbefunden für den Erfolg einer Therapie für ausschlaggebend hält, als ‛1. die Echtheit oder Kongruenz des Therapeuten; 2. das vollständige und bedingungsfreie Akzeptieren des Klienten seitens des Therapeuten und 3. ein sensibles und präzises einfühlendes Verstehen des Klienten seitens des Therapeuten'. Im deutschsprachigen Raum wurde die Gesprächspsychotherapie vor allem durch das Ehepaar Tausch & Tausch (1973) vertreten und weiterentwickelt. Als Konsequenz aus den damals bereits formulierten Zweifeln, ob die drei Basisvariablen als hinreichend für einen therapeutischen Prozess zu betrachten sind, wurden seitdem durch die Integration von weiteren Therapievariablen die angenommenen ‛Defizite' der Gesprächstherapie auszugleichen versucht sowie zahlreiche Weiterentwicklungen konzipiert.

2.2 Das Menschenbild

Das Menschenbild der Gesprächspsychotherapie kann in verkürzter Form anhand von einigen zentralen Aspekten dargestellt werden. Prinzipiell geht dieser humanistische Ansatz von der Annahme aus, dass jedem Individuum ein Streben nach Unabhängigkeit, Eigenverantwortlichkeit, persönlicher Entfaltung und ganzheitlichem Wachstum innewohnt (Pallasch 1990, S. 197). Konkret bedeutet dies, dass jeder Mensch selbst erkennen kann, was für ihn am besten ist und er aus diesem Grunde für seine Selbstentfaltung keine Manipulation von außen benötigt. Diese grundsätzlich positive Sichtweise vom Menschen vertraut demnach darauf, dass jeder die Kompetenzen und die Energie besitzt, ‛sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten und die auftretenden Probleme und Schwierigkeiten konstruktiv zu bewältigen' (Pallasch 1990, S. 197). Das menschliche Wesen beschreibt Rogers anhand zweier Grundmodelle, in welchen er die Wahrnehmung und Verarbeitung von Erlebnissen und Erfahrungen erläutert.

- Selbstaktualisierungstendenz

Unter Selbstaktualisierungstendenz versteht Rogers das angeborene Streben jedes Menschen, sich in der aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Person und seinen Umweltbedingungen konstruktiv in Richtung auf Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit zu entfalten. Weiterhin wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch bestimmte Zielvorstellungen entfaltet und seinem Leben Sinn gibt. Diese ‛individuellen Orientierungen kann kein Außenstehender vollständig erschließen, sie müssen vom Individuum selbst erkannt und benannt werden (Pallasch 1990, S. 197).

- Selbstkonzept

Bereits von Geburt an entwickelt der Mensch eine Vorstellung von sich als Person. Dieses Selbstkonzept als das durch Erfahrungen gestaltete Bild, das ein Mensch von sich hat, bedeutet für das Individuum einen Orientierungspunkt, an welchem es sein Tun und Handeln ausrichtet. Auch wenn es nicht zu jedem Zeitpunkt im Leben aktiv wahrgenommen wird, ist das Selbstkonzept dem Bewusstsein prinzipiell zugänglich. Der skizzierten Aktualisierungstendenz entsprechend unterliegt dieses persönliche Konzept einem permanenten Wandel, innerhalb dessen es jedoch ‛in jedem Augenblick als Einheit vorhanden ist' (Pallasch 1990, S. 22). Weiterhin beinhaltet das Selbstkonzept die Tendenz, sich starr aufrecht zu erhalten. Als ständiger Bezugspunkt prägt es zudem die Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Person und der Umwelt und somit den internen Orientierungsrahmen, durch den sich die ‛ subjektive Realität ' eines Menschen entfaltet.

2.3 Der therapeutische Prozess

Aus den genannten Grundannahmen zum Menschenbild der Gesprächspsychotherapie ergeben sich bestimmte Vorstellungen zum Therapieprozess. Zunächst wird davon ausgegangen, dass dem einzelnen Menschen in der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität immer wieder Situationen begegnen, in welchen er an seine Grenzen stößt, sich mit seinen Gedanken ‛im Kreise dreht' und einfach nicht mehr weiter weiß. Solange alle Körper- und Sinneserfahrungen dem Bewusstsein zugänglich sind und sich problemlos in das Selbstkonzept integrieren lassen, befindet sich der Mensch in einem seelischen Gleichgewicht, einem Zustand, den Rogers als ‛fully functioning person' (Rogers 1990, S. 39) bezeichnet. Diese ‛ Kongruenz ' bedeutet, dass inneres Erleben (Fühlen) und Bewusstsein (kognitive Wahrnehmung) miteinander harmonieren und die Kommunikation des Individuums in sich widerspruchsfrei ist.

Schwierig wird es dagegen, wenn sich Probleme über längere Zeit manifestieren und sich entstandene Blockaden verfestigen. Da der Mensch die Tendenz hat, das ‛Vorhandene (und damit auch das Selbstkonzept) nicht kritisch zu überprüfen und starr aufrecht zu erhalten, kommt es häufig zu der Reaktion, dass das Individuum zentrale Erlebnisse nicht in sein Selbstkonzept integriert und sie möglicherweise verleugnet. Dies führt in der Regel zu einem seelischen Ungleichgewicht, einer Diskrepanz zwischen dem eigentlichen Erleben und dem bewussten Wahrnehmen. In diesem Zustand der Inkongruenz erlebt der Mensch dann psychische Spannungen, d.h. sein Verhalten, sein inneres Erleben und sein Bewusstsein widersprechen einander. Die ‛Blockade zwischen innerem Erleben und Bewusstsein, die darin besteht, dass Teile des gefühlsmäßigen Erlebens durch gelernte Verhaltensweisen verdrängt oder mit dem Kopf verarbeitet werden, führt in der Folge auch zu einer in sich widersprüchlichen Kommunikation' (Pallasch 1990, S. 199).

Ansatzpunkt therapeutischen Handelns ist demnach der vom Menschen wahrgenommene Zustand der Inkongruenz. Das seelische Gleichgewicht kann dann wieder hergestellt werden, wenn sich der Klient mit der von ihm erlebten Diskrepanz aktiv auseinandersetzt. Aus den skizzierten Grundsätzen der Gesprächspsychotherapie leiten sich konkrete Bedingungen des therapeutischen Prozesses ab, der dem Klienten dazu verhelfen soll, vom Zustand der Inkongruenz zu dem der Kongruenz zu gelangen.

Für das Therapeutenverhalten ergeben sich hieraus zentrale Grundsätze (vgl. Pallasch 1990, S. 197f.):

- Der Klient bietet während des Gesprächs kommunikative Äußerungen an, welche sich sowohl auf verbaler als auch auf non-verbaler Ebene erfassen lassen und das Produkt seiner aktiven Auseinandersetzung mit seinem Erleben und bewusstem Selbstkonzept darstellen. Gleichzeitig äußert er auf direktem oder indirektem Wege Gefühle als Ausdruck der subjektiven Bedeutung von Erfahrungen und Erlebnissen. Für diese ‛Botschaften' des Klienten muss der Therapeut sensibel sein.
- Während der Gesprächssituation muss die ‛ Selbstverantwortung als Ausdruck des Strebens nach persönlicher Weiterentwicklung berücksichtigt werden, so dass das therapeutische Vorgehen sich immer an der Person des Klienten ausrichten muss und nicht problem- oder methodenorientiert sein darf' (Pallasch 1990, S. 198).
- Weiterhin muss davon ausgegangen werden, dass jeder Klient ständig individuelle Lösungsversuche unternimmt und sinnvolle Lösungen entwickeln kann, um seine Diskrepanzen zu bewältigen. Die Hilfe einer therapeutischen Sitzung kann sich deshalb nur auf das Schaffen und Bereitstellen von günstigen, die subjektive Perspektive des Klienten fördernden Bedingungen und situativen Voraussetzungen beschränken.

Therapie in diesem Sinne ist demnach ein erfahrungsbezogenes, interaktives Handlungskonzept und kein externes Analyse- und Behandlungsverfahren des Therapeuten.

2.4 Die therapeutischen Grundhaltungen

Da die direkte persönliche Beziehung zwischen dem Therapeut und dem Klient als ausschlaggebend für den therapeutischen Prozess betrachtet wird, muss den drei Basisvariablen des Therapeuten (Kongruenz, Akzeptanz und Empathie) eine besondere Bedeutung zugeschrieben werden. Angelpunkt ist demnach die Vorstellung, dass eine überzeugende Vermittlung dieser Grundhaltungen die für den Erfolg der Therapie wichtigen, konstruktiven Veränderungen innerhalb der Persönlichkeit des Klienten bewirken. Therapie wird in diesem Sinne ‛nur als Sonderfall konstruktiver zwischenmenschlicher Beziehungen angesehen' (Pallasch 1990, S. 200). Um ein Klima zu schaffen, das es dem im Zustand der Inkongruenz befindlichen Individuum ermöglicht, die von ihm verzerrt symbolisierten bzw. verdrängten Erfahrungen wahrzunehmen und damit einhergehend sein Selbstkonzept zu verändern, müssen die folgenden drei Grundhaltungen vom Therapeuten realisiert werden.

- Kongruenz (Echtheit)

[...]


[1] Eine wissenschaftlich vollständige Darstellung einschließlich des philosophischen Hintergrundes und der zentralen Ansätze der Humanistischen Psychologie würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

[2] Als weitere zentrale humanistisch-orientierte Ansätze können in diesem Zusammenhang außerdem die Gestalttherapie (F. Perls), das Psychodrama (J. Morenos), die Bioenergetik (A. Lowen), die Logotherapie (V. Frankel) und die Themenzentrierte Interaktion (R. Cohn) genannt werden.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Beratungsmodelle für die pädagogische Praxis
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Fakultät Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Gesprächsführung
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V3549
ISBN (eBook)
9783638121927
ISBN (Buch)
9783656452751
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beratung, Gesprächsführung, klientenzentrierte Gesprächsführung, Rogers, Beratungskonzept
Arbeit zitieren
Ulrike Roppelt (Autor), 2000, Beratungsmodelle für die pädagogische Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3549

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