Die Person. Darstellung der sieben metaphysischen Dimensionen der menschlichen Person


Seminararbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Voraussetzungen

Plan

Mensch sein – Person sein

1. Die Autonomie im Sein: οὐσία, substatia, Wesen

2. Die Wahrheitssuche: νοῦς, intellectus, Verstand

3. Die Freundschaft, die zwischenmenschliche Beziehung, βούληση, Wille, Herz, Finalität, τέλος, Ziel

4. Die Tugend: φρόνησις, prudentia, Klugheit

5. Die Kunst, die Arbeit: ποιείν, facere

6. Der Leib, substantielle (grundlegende) Determination der Person

7. Die Transzendenz, die Offenheit der menschlichen Person, einer „erstPerson“ und der Unsterblichkeit gegenüber: die Religion

8. Konklusion

Literaturverzeichnis

Einleitung

Was bedeutet es, Person zu sein? Wenn man sagt, dass jeder Mensch eine Person ist, was ist damit gemeint? Fast jede Antwort auf diese Frage versucht eine gewisse Abhängigkeit zwischen sein und tun zu erklären . Person ist jemand, der selbst ist und aus sich selbst handelt. „Persona est sui iuris et alteri incommunicabilis“ (Die Person ist von eigenem Recht und gegenüber einem anderen unmitteilbar) heißt es im römischen Recht. Für Thomas von Aquin ist die Person niemals nur ein Teil eines Ganzen, sondern ein Ganzes in sich selbst. Kant zeigt, dass jede Person in sich selbst ein Ziel ist. Wo wir auch hinschauen, sehen wir Variationen von Unabhängigkeit, Autonomie, Selbstzugehörigkeit, Existenz um seiner selbst willen, seine eigene Innerlichkeit ausleben, aus sich selbst handeln, sich selbst bestimmen – alles Ausdrücke der Dimensionen des Selbstseins.

Voraussetzungen

Bevor wir die Person in ihren verschiedenen Dimensionen betrachten, lassen Sie mich kurz erklären, wie ich auf philosophischem Wege zu diesem Thema gekommen bin und wie ich es behandeln möchte. Aristoteles nennt die Metaphysik prima philosophia, erste Philosophie, nicht, weil man mit ihr beginnt, sondern weil es die Wichtigste, die Höchste ist. In der Scholastik endet die Metaphysik mit dem Problem des Einen und des Vielen und mündet in die Frage nach dem ersten Sein, in den sogenannten quinque viae.

Müsste die Metaphysik nicht das Problem der menschlichen Person betrachten, bevor sie sich der Frage des ersten Seins zuwendet? Während nämlich das Problem des Einen und des Vielen noch eine Eigenschaft des Seins betrifft, betrachtet das Problem der Person die Existenzweise des Menschen, das πώς.

Die Frage nach der ersten Determination des Seins, „was ist das Sein“, führt den Philosophen auf induktive Weise zur Entdeckung der οὐσία[1], als formelles Prinzip des Seins.

Wenn sich der Philosoph dann erneut fragt: „was ist das Sein“, nicht mehr auf formellem Niveau, sondern das Ziel betreffend, fragt er: „wofür, mit welchem Ziel ist das Sein?“ „Welches ist die Zielursache des Seins als solches?“ „Was ist der Sinn des Seins?“ Die Unterscheidung zwischen potentia (Möglichkeit, δύναμις) und actus (Verwirklichung ἐνέργεια) führt den Philosophen, wieder auf induktive Weise, zur Entdeckung des aktuellen (verwirklichten) Seins (ἐντελέχεια). Das Sein erfahren wir also einerseits durch die Quelle aller Determinationen, durch die οὐσία und durch die Akzidenzien, andererseits im Zustand von Verwirklichung und im Zustand von Potenz.

Plan

Am Ende der Metaphysik wollen wir den Menschen in seiner konkreten Existenzweise betrachten: den arbeitenden Menschen, den liebenden Menschen, den Menschen in der Zusammenarbeit mit anderen, den Menschen in der Welt, den Menschen unter den anderen Lebewesen und schließlich den Menschen, der existiert, der ist – wodurch er mit allen anderen Realitäten, die er erfahren und kennen kann, verbunden ist; zugleich unterscheidet er sich von jeder einzelnen und allen anderen Realitäten durch sein eigenes, individuelles, persönliches Sein. In der Metaphysik ist also die Philosophie der Person der Gipfel.

In dieser Arbeit wollen wir die sieben Dimensionen der menschlichen Person vorstellen:

- Die Autonomie im Sein
- Die Wahrheitssuche
- Die Freundschaft
- Die Tugend
- Die Kunst
- Der Leib
- Die Transzendenz

Da das Wachstum der Person fundamental in diesen sieben Bereichen geschieht, ist ihre Kenntnis eine Grundlage für jede pädagogische Tätigkeit. Natürliche würde es wenig Sinn machen, selbst auf Oberstufenniveau, direkt die Philosophie der Person zu unterrichten. Vielmehr muss sich der Pädagoge ihrer bewusst sein und die ihm anvertrauten Schüler entsprechend fördern.

Mensch sein – Person sein

Wer bin ich? Oder sollte ich besser fragen, was bin ich? Wenn wir etwas zum ersten Mal sehen, ist unsere erste Frage: „Was ist das?“ (τί ἐστί?). Mit dieser Frage versuchen wir zuerst zu kategorisieren, einzuordnen. Das erleben wir, wenn wir zum Beispiel im Ausland etwas zu essen bekommen, das wir nicht kennen. Was ist das? Пельмени (P elmeni). Der Name des Gerichts hilft uns meistens wenig weiter. Also versuchen wir es einer bekannten Speiseart unterzuordnen. Das ist wie Kärntner Kasnudeln, oder wie Tortellini, oder wie Maultaschen …

So ordnen wir vernunftbegabte Lebewesen der Kategorie Mensch zu. Diese Zuordnung ist geschichtlich und auch heute immer wieder an Grenzfälle gestoßen. Bedauernswerter Weise wurde und wird bestimmten Gruppierungen immer wieder die Menschenwürde aberkannt. Aber das ist nicht das primäre Thema dieser Arbeit.

Auf die Frage was?, die Frage nach dem Universalen, folgt die Frage nach dem Einzelnen. Wer bin ich? Wer bist du? Ich bin ein Mensch, du bist ein Mensch. Wir haben also etwas Fundamentales gemeinsam. Was unterscheidet uns?

An dieser Stelle ist es angebracht, die Definition der Person des Boëthius zu betrachten: „Persona est naturae rationalis individua substantia“[2]. Die rationale Natur haben wir also gemeinsam. Wir sind vernunftbegabt. Zugleich sind wir individuelle Substanzen. Jeder von uns steht als ein eigenes Selbst da. Ich kann sagen „Ich bin“.

1. Die Autonomie im Sein: οὐσία, substatia, Wesen

Nicht nur in ihrem Handeln ist die Person autonom. Sie existiert aus sich selbst, wird von einem Prinzip getragen, das macht, dass sie ist, was sie ist. Die οὐσία ist das formelle Prinzip des Seins, das in höchster Weise Seiende. οὐσία ist das weibliche substantivierte Partizip von εἶναι im Singular. Seiendheit wäre die entsprechende Form im Deutschen. Sie ist ein Erstes, etwas, das von nichts anderem ausgesagt wird und von dem alles andere ausgesagt wird.

Die Philosophie der Person betrachtet in besonderer Weise die Erfahrung des „ich bin“. Durch sie verstehe ich, dass mein Sein eine radikale Autonomie impliziert. Sicherlich muss sich der Philosoph die Frage stellen: Ist diese radikale Autonomie absolut, oder gibt es ein Sein, welches das Fundament dieser Autonomie darstellt? Es ist aber notwendig, dass ich die Erfahrung dieses „ich bin“ habe und damit die Erfahrung meiner Autonomie im Sein, als einziger, der dieses „ich bin“ entdecken kann.

Im „ich bin“ ist die οὐσία impliziert. Im „ich bin“ hab ich also eine konkrete Erfahrung der οὐσία, dem formellen Prinzip des Seins. Allerdings erfahre ich meine οὐσία nicht als formelles Prinzip meines Seins als solches, sondern in seiner eigenen Daseinsweise, seinem πώς. Der οὐσία eigen ist es, bestehen zu bleiben, durch sich selbst zu existieren (subsistere). Ich erfahre also meine substantielle, autonome Existenz als Quelle aller anderen Bestimmungen meines individuellen Seins. Formell gesehen ist die Erfahrung des „ich bin“ nicht das gleiche wie die Erfahrung meiner Seele. Meine Seele kann ich affektiv wahrnehmen, während ich mein „ich bin“ in einer intellektuellen, metaphysischen Erfahrung erlebe.

2. Die Wahrheitssuche: νοῦς, intellectus, Verstand

Alles, was ist, ist erkennbar. Primo […] in conceptione intellectus cadit ens. [3] Das erste, was in den Intellekt fällt, ist das Sein. Das Existenzurteil ist das fundamentalste Urteil, dessen wir fähig sind: Das ist, diese Realität existiert. Der nächste Schritt ist die Frage: Was ist das? Weiter fragen wir: Warum ist das? Woher kommt das? Woraus ist das? Wie ist das? Wofür ist das?

So ist der menschliche Geist immer auf der Suche. Nur die Wahrheit stillt seinen unendlichen Durst. Das „ich bin“, die menschliche Person ist fähig die Wahrheit zu suchen, zu erkennen. Ich bin Wahrheit suchend, wodurch ich entdecke, was den Geist meiner Person strukturiert. Diese Wahrheitssuche kann sich in meinem „ich bin“ auf sehr unterschiedliche Weise vollziehen. Aber das „ich bin Wahrheit suchend“, welches auf gewisse Weise meinen Geist finalisiert, betrifft vor allem die metaphysische Suche der existierenden Realität. In meinem „ich bin“ entdecke ich einen Wahrheitsappetit, ein radikales Verlangen nach Wahrheit. Dieses Verlangen ist eine essentielle Dimension meiner Person. Einer menschlichen Person, die nicht die Wahrheit sucht, fehlt etwas Fundamentales an ihrer eigenen Person. Die Auswirkungen dieses Mangels sind breit gefächert. Ein Mensch, der absichtlich nicht die Wahrheit sucht, kann sich als Person nicht voll entwickeln, weil die Wahrheit das Gut seines Intellekts ist. Der νοῦς ist auf die Wahrheit ausgerichtet. Wenn ich nicht die Wahrheit suche, wende ich mich von meinem essentiellen Gut ab.

[...]


[1] In der Philosophiegeschichte problematischer Weise mit substantia und im Deutschen oft mit Wesen übersetzt.

[2] Boëthius, De duabus naturis et una persona Christi C. 3. (individuelle Substanz rationaler Natur; Die Person ist die unteilbare (individuelle) Substanz rationaler (vernünftiger) Natur).

[3] ST I q. 5 a. 2 respondeo.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Person. Darstellung der sieben metaphysischen Dimensionen der menschlichen Person
Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule St. Pölten
Veranstaltung
Philosophisch und theologisch denken
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V354928
ISBN (eBook)
9783668410367
ISBN (Buch)
9783668410374
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Metaphysik, Personenbegriff, Theologie, sieben Dimensionen
Arbeit zitieren
Jonas Kislich (Autor), 2017, Die Person. Darstellung der sieben metaphysischen Dimensionen der menschlichen Person, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354928

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