Nova Atlantis und Leviathan - Ein Vergleich der Staatsideen von Francis Bacon und Thomas Hobbes


Hausarbeit, 2004
18 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Vorwort

3. Einleitung

4. Zeitgeschichtlicher Hintergrund
4.1 Ausgewählte Ereignisse im Leben von Francis Bacon
4.2 Ausgewählte Ereignisse im Leben von Thomas Hobbes

5. Der Begriff “Utopie”

6. Konzepte eines Staatsaufbaus
6.1 Nova Atlantis
6.1.1 Die Insel Bensalem
6.1.2 Das Haus Salomos
6.2 Leviathan
6.2.1 Vom (bürgerlichen) Staat
6.2.2 Vom kirchlichen Staat

7. Auswirkungen auf Staatsideal & -praxis
7.1 Die technokratische Gesellschaft
7.2 Der mechanische Staat

8. Schluss

9. Anmerkungen

10. Bibliographie

2. Vorwort

Im folgenden wird der Versuch unternommen, zwei Staatskonzepte aus dem England des 17. Jahrhunderts vergleichend zu präsentieren, nämlich diejenigen von Francis Bacon und Thomas Hobbes, wobei der Schwerpunkt auf dem ersteren liegen wird. Interessant hierbei ist vor allem die Tatsache, dass es sich bei den beiden Autoren einerseits um Zeitgenossen handelt und darüber hinaus Hobbes im Zeitraum von 1622-26 sogar als Bacons Sekretär tätig war, andererseits ihre Vorstellungen hinsichtlich eines erstrebenswerten Staates und aller damit verbundenen Gegebenheiten entgegengesetzter kaum sein könnten. Damit ist jedoch weniger eine unterschiedliche Zielsetzung, sondern vielmehr eine äußerst komplementäre Herangehensweise gemeint, da beide selbstverständlich durch die selbe Standardliteratur staatstheoretischer Abhandlungen seit Platons “Politeia” beeinflusst sind.

Auffallend ist des weiteren, dass Bacons Werk “Nova Atlantis” bzw. “Neu-Atlantis” nur als Fragment existiert, was vermutlich in seiner Absicht lag und wie es aus dem Vorwort eindeutig hervorgeht, da das Wesentliche geschrieben stehe und er sich wichtigeren Studien zu widmen gehabt hätte. Diese drehten sich vornehmlich um seine Tätigkeit als einer der bahnbrechenden Wegbereiter der empirischen Wissenschaft und eben in diesem Punkt erkennt man deutlich die fundamentale Differenz zu Hobbes als klarem Anhänger rationalistischer Forschungsansätze. Entsprechend befassen sich die anschließenden Passagen, aufbauend auf dieser methodischen “Kluft”, mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Ausgestaltung der beiden Bücher und der darin untersuchten Staatsideen.

Abschließend wird versucht, eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen und aufzuzeigen, inwieweit beide Autoren Einfluss auf aktuelle Entwicklungen nehmen konnten oder diese, wie im Falle Bacons, zumindest teilweise voraussahen.

3. Einleitung

Seit dem Beginn der “klassischen” Philosophie und der - damals wie heute untrennbar damit verbundenen - politischen Wissenschaft durchzieht ein nach wie vor andauernder Konflikt über den maßgeblichen Ausgangspunkt zur Erlangung von Erkenntnis die Geister der damit Befassten und teilt sie, überspitzt gesagt, in zwei Lager. Am geläufigsten und aussagekräftigsten ist wohl das Bild von Platon und Aristoteles, von denen der eine zum Himmel, der andere zur Erde zeigt, während sie nebeneinander wandeln. Wie bereits erwähnt, lassen sich in eben dieser grundverschiedenen Perspektive auch die beiden hier behandelten Werke verorten, d. h. Bacon und sein “Neu-Atlantis” am empirischen, Hobbes uns sein “Leviathan” am rationalen Ende dieses Kontinuums. Nichtsdestotrotz haben beide eine ähnliche Zielsetzung im Sinn, sei es das Streben nach dem Schönen, Wahren und Guten im Rahmen eines funktionierenden Staates, das edle Leben in der Gesellschaft oder die Errichtung eines goldenen Zeitalters; im Endeffekt handelt es sich dabei letztendlich um analoge Ergebnisse, besser gesagt, um die Schnittmenge unterschiedliche Aspekte ein und desselben Ideals. Um nun die “Wege” genauer unter die Lupe zu nehmen, die Bacon und Hobbes vorzeichnen um dieses Leitmotiv zu verfolgen, lohnt es sich einen kurzen Blick auf Epoche und Leben der Staatsmänner zu werfen.

4. Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Zu Zeiten Bacons und Hobbes kam es zu bewegenden Veränderungen in England bzw. Großbritannien ab 1603, da es durch die Krönung Jakob I., der als Jakob VI. bereits König von Schottland war, zur Personalunion beider Länder kam. So musste sich ein durch einen Krieg mit Frankreich gebeuteltes und wirtschaftlich geschwächtes England unter der Herrschaft Elisabeth I. (1559-1603) zunächst einmal erholen, was trotz darauffolgender Seeschlachten mit und einer Invasion durch Spanien, begründet auf der Auseinandersetzung um kolonialen Einfluss und einem anschließenden Aufstand in den besetzten irischen Gebieten gelang. Des weiteren konnte die anglikanische Kirche unter der Monarchin ihre Position und Unabhängigkeit vom Vatikan erneut und diesmal dauerhaft behaupten, nachdem während der vorhergehenden Regierung ihrer Halbschwester Maria I. der Katholizismus als Staatsreligion kurzzeitig wiederaufblühte. In den selben Zeitraum fällt auch die Gründung der Londoner Börse im Jahre 1566, die wesentlich zur Stabilisierung der Wirtschaftslage beitrug.

Infolge der Machtübernahme durch Jakob I. und seiner absolutistischen Herrschaftstendenzen bei der Amtsausübung, kam es zu einer Verschärfung der religiösen Spannungen, sowohl hinsichtlich des unterschwelligen Konfliktes zwischen Katholiken und Protestanten, als auch innerhalb der protestantischen Strömungen selbst, also den Presbyterianern, Anglikanern und Puritanern, die sich allesamt nicht mit seiner Auslegung der göttlichen Königsrechte anfreunden konnten. Aus dem selben Grund fühlte sich auch das Parlament in seinen Rechten beschnitten, womit insgesamt ein großes Potential an Unzufriedenheit im Land erzeugt wurde, welches die folgenden Ereignisse entscheidend begünstigte. Einen Hinweis auf die vorherrschende Stimmung liefert der vereitelte Anschlag Guy Fawkes, der im Rahmen seines “Gunpowder Plot” Westminster Abbey und die Houses of Parliament mitsamt Insassen in die Luft sprengen wollte.

Mit dem Tode Jakobs I. im Jahre 1625, übernahm sein Sohn Karl I. die Thronfolge und trat auch sonst, nämlich in Sachen Staatsführung, ganz in die “gottähnlichen” Fußstapfen seines Vaters, ja verbreiterte diese gar, indem er 1629, ein Jahr nach Oliver Cromwells Wahl in das House of Commons, das Parlament auflöste und diesen Zustand bis 1640 aufrechterhielt. Vorher jedoch ermöglichte er noch das Inkrafttreten der “Petition of Rights”, eine leichte Machtbeschränkung für den König, in punkto Steuererhebungen und willkürlicher Verhaftungen, die außerdem als Schritt in Richtung moderner Verfassungen angesehen werden kann. Eben diese Einschränkung zwang ihn zur Wiedereinberufung des Parlaments, um eine Bewilligung von Geldmitteln zur Niederschlagung von Erhebungen im wiederholt rebellischen Schottland und Irland zu erreichen. Letzteres aber scheiterte an dessen Widerstand, wodurch sich so langsam eine Spaltung in Royalisten und oppositionelle Kräfte abzeichnete. Der Versuch schließlich, die königsuntreue Partei 1642 zu zerschlagen, mündete in die Aufstellung zweier verfeindeter Armeen, mit dem Resultat, das der englische Part eines zwar am dreißigjährigen Krieg weitestgehend unbeteiligten, aber von inneren Unruhen zerrissenen Großbritanniens, nun auch noch in die Wirren eines Bürgerkrieges stürzte. Durchsetzen konnten sich letztendlich die “Roundheads”, wie sich die Oppositionellen jetzt nannten, allerdings dauerte es ein Jahrzehnt, bis die Ruhe im ganzen geographischen Vereinigten Königreich hergestellt war, das jetzt eigentlich “Commonwealth” hieß und bei dem es sich um eine parlamentarische Republik handelte. Diese wiederum war jedoch nur von kurzer Dauer, denn bereits ein Jahr später übernahm der Kriegsheld Cromwell die Militärdiktatur als “Lord Protector”. Nach seinem Tod 1658 und einem zweijährigen Intermezzo seines Sohnes Richard, restaurierte Karl II., der Sohn Karls I. die Monarchie, die gefestigten parlamentarischen Strukturen in ihrer gesteigerten Machtfülle blieben nichtsdestotrotz erhalten. Abschließend erwähnt sei noch die Pest 1664/65 und “der große Brand von London” 1666, zwei Ereignisse, die zu Lebzeiten Hobbes stattfanden.1

4.1 Ausgewählte Ereignisse im Leben von Francis Bacon

Geboren am 22. Januar 1561 in London als Sohn von Sir Nicolas Bacon, dem Großsiegelbewahrer von Elisabeth I., war Francis für eine politische Karriere nahezu prädestiniert. Entsprechend liest sich dann auch seine Laufbahn: 1617 Lordsiegelbewahrer, 1618 Lordkanzler und Baron von Verulam 1618 und 1620 schließlich Viscount von St. Albans. Im gleichen Jahr allerdings setzen Korruptionsvorwürfe seinem Staatsdienst ein abruptes Ende, merkwürdig hierbei erschient aber Bacons Kritik an “Doppelverdienern” in der “Nova Atlantis”, was einen zu der Mutmaßung verleiten könnte, er sei aufgrund seiner aufklärerischen Einstellung unbequem geworden und man hätte ihn daher aus politischen Gründen geschasst. Seine Begnadigung durch Jakob I. erhärtet diesen Verdacht eher noch. Dass er sich als Folge gezwungenermaßen aber leidenschaftlich der Wissenschaft widmet, kommt nicht nur deutlich in seinem hier untersuchten Werk zum Tragen, vor allem seine anderen Werke wie z.B. “Instauratio magna” und “Novum Organum scientiarum” stellen Grundstein und enorme Bereicherung gegenwärtiger Wissenschaftstheorie zugleich dar, eben aufgrund seiner Formulierung des Empirismus, der Erlangung von Erkenntnis durch Erfahrung.2

Auf der anderen Seite wird Bacon gern mit Geheimbünden wie Freimaurern u. ä. in Verbindung gebracht. So hat er wohl den Rang eines “Imperators” bei den Rosenkreuzern bekleidet, einer Organisation die Bestandteil eines jahrtausendealten Wissenschaftsordens sein soll, der bis auf die Pythagoräer zurückzugehen scheint, wobei die Spuren der Ursprünge seiner Kenntnisse sich bei den Hohepriestern Altägyptens, den Brahmanen Altindiens und anderen antiken Hochkulturen verlieren.3 Inwieweit derartige Weltverschwörungstheorien zutreffen oder nicht, kann natürlich nicht so ohne weiteres geklärt werden, klar hingegen ist, dass das von Bacon in seinem 1638 erschienenem Buch verarbeitete Motiv des versunkenen Atlantis sehr gut in diesen mythologisch-mystischen Komplex hineinpasst. Wenn man diese “Schiene” weiter verfolgt, ließe sich auch annehmen, dass der fragmentarische Charakter der “Nova Atlantis” auf der Tatsache basiert, nicht zuviel zu enthüllen, da seine Zeit noch nicht reif dafür war, getreu seinem Motto: “Wissen ist Macht.” Am 9. April 1626 stirbt er in Highgate.

4.2 Ausgewählte Ereignisse im Leben von Thomas Hobbes

Am 5. April 1588 kam Thomas in Westport zur Welt. Nach einem obligatorischen Studium in Oxford, erhielt Hobbes eine Anstellung als Hauslehrer bei der angesehenen Familie Cavendish. In den folgenden Jahren unternahm er zahlreiche Reisen in Europa und knüpfte dabei Kontakte zur intellektuellen Elite seiner Zeit, als herausragendstes Beispiel Galileo Galilei, mit denen er Zeit seines Lebens einen intensiven wissenschaftlichen Diskurs pflegte und dies vor allem in späteren Jahren, da er sich aufgrund seiner vermeintlich atheistischen Einstellung massiven Attacken ausgesetzt sah. Eben jene bis heute kontroversen Ansichten, zwangen ihn vor Ausbruch des Bürgerkrieges dazu, nach Frankreich auszuwandern; obwohl zwar tendenziell Anhänger der Royalisten, wurde er auch von diesen mit Misstrauen und Skepsis betrachtet und so blieb im nichts anderes als den Ausweg aus diesem “heißen Pflaster” im Exil zu suchen, was ihm wegen seinem Standpunkt jedoch nur teilweise gelang, denn er sollte den Rest seines Lebens zwischen den geistigen Fronten seiner Ära verbringen.

Vorerst jedoch musste er nach seiner Veröffentlichung des “Leviathan” 1651 aufs Neue fliehen, diesmal von Frankreich nach England.

[...]


1 www.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Englands

2 vgl. Heinisch, Klaus J; a.a.O., S. 226-228

3 Doucet, Friedrich W.; a. a. O., S. 261-262

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Nova Atlantis und Leviathan - Ein Vergleich der Staatsideen von Francis Bacon und Thomas Hobbes
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Grundkurs: Einführung in die politische Theorie
Note
Gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V35498
ISBN (eBook)
9783638353922
ISBN (Buch)
9783638789981
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein bündiger Überblick über zwei wesentliche Staatsmodelle der Politik, die entgegengesetzter kaum sein könnten und gerade dadurch interessante Fragen über den "richtigen" Staat aufwerfen. Zeitgeschichtlicher Hintergrund und eine knappe Inhaltszusammenfassung der beiden Werke bilden den Rahmen für den Versuch, einen relevanten Bezug zu aktueller Staatsverfassungsproblematik im weitesten Sinne herzustellen.
Schlagworte
Nova, Atlantis, Leviathan, Vergleich, Staatsideen, Francis, Bacon, Thomas, Hobbes, Grundkurs, Einführung, Theorie, Realismus, Utopie
Arbeit zitieren
Oliver Köller (Autor), 2004, Nova Atlantis und Leviathan - Ein Vergleich der Staatsideen von Francis Bacon und Thomas Hobbes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35498

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