Haben Phantsiereisen eine Funktion für das literarische Lernen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

25 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeines zu Phantasiereisen
2.1 Wesentliche Aspekte der Phantasiereisen
2.2 Zielsetzung der ausgewählten Phantasiereise
2.3 Die Phantasiereise „Ein schöner Augenblick“
2.4 Förderung der Sinneswahrnehmung

3. Die Bedeutung der rechten und linken Hemisphäre
3.1 Die Split-Brain-Forschung
3.2 Die rechte und linke Hemisphäre
3.2.1 Die linke Hemisphäre
3.2.3 Die rechte Hemisphäre
3.3 Das Zusammenwirken der Hemisphärenhälften

4. Imagination
4.1 Definition und Begriffsbestimmungen
4.2 Auffassungen bezüglich der Imagination
4.3 Spontane und geleitete Imagination
4.4 Die Verbindung von Sprache und Imagination

5. Das Literarische Lernen
5.1 Begriffsbestimmung
5.2 Literarität
5.3 Die Schnittfläche von ästhetischer Erfahrung und Schriftsprachlichkeit
5.4 Der Zusammenhang von literarischem Lernen und Imagination

6. Schluss

7. Literatur

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Zeichengebrauch im Erwerb: litrarisches Lernen“ wurde unter anderem auf den Text von Anja Wildemann „Das ist der Daumen…“ Kinderreime als intermediärer Raum ästhetischer und literaler Erfahrungen eingegangen. Angeregt durch diesen Text, entwickelte sich bei mir stärkeres Interesse mich mit dem Zusammenhang von Phantasiereisen und literarischem Lernen intensiver zu beschäftigen. Da ich Phantasiereisen als eine äußerst gute Methode des Kreativen Schreibens erachte, stellte sich mir die Frage inwieweit sie Funktionen für das literarische Lernen aufweisen.

Im Vorfeld ist zu beantworten, wie die Fragestellung bearbeitet bzw. untersucht werden könnte. Um diese Fragestellung zu klären, werden im ersten Teil meiner Arbeit die wesentlichen Aspekte von Phantasiereisen dargestellt. Da eine Vielzahl von Phantasiereisen angeboten wird, beschränke ich mich auf die ausführliche Darstellung einer Phantasiereise und beleuchte sie hinsichtlich der Lernziele und der zu erlangenden Fähigkeiten.

Da bei der ausgewählten Phantasiereise sehr stark die Funktion der rechten Hemisphäre berücksichtigt wird, gehe ich im nächsten Abschnitt auf die Hemisphärenforschung und auf die Funktionen der rechten und linken Hemisphäre ein.

Die Imagination spielt sowohl bei Phantasiereisen als auch für das literarische Lernen eine zentrale Rolle[1]. Deshalb wird im folgenden Kapitel zunächst eine Begriffsbestimmung formuliert. Im Anschluss daran versuche ich eine Verbindung zwischen Sprache und Imagination aufzuzeigen.

Der letzte Teil der Arbeit befasst sich mit dem literarischen Lernen, zuerst jedoch wird die Begriffsbestimmung geklärt. Da es u.a. durch Phantasiereisen zu einem Text zwischen Texten kommt gehe ich im weiteren Verlauf näher auf die Literarität ein. Im Anschluss daran, versuche ich die vier Perspektiven von Anja Wildemann auf die ausgewählte Phantasiereise zu beziehen, um herauszufinden ob eine Verbindung besteht.

2. Allgemeines zu Phantasiereisen

Dieses Kapitel stellt eine kurze Einführung in das Thema „ Phantasiereisen“ dar. Bevor eine intensive Auseinandersetzung mit der Imagination und dem literarischen Lernen erfolgt, wird in diesem Kapitel zu Beginn versucht den Begriff Phantasiereise zu erklären. Es ist zu betonen, dass die Phantasiereisen auf verschiedenen Gebieten durchleuchtet werden können. Um eine klare Eingrenzung zu schaffen, beziehe ich mich in der Arbeit auf Phantasiereisen, die aus dem Bereich des Kreativen Schreibens kommen. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird eine Phantasiereise aus diesem Bereich exemplarisch vorgestellt.

2.1 Wesentliche Aspekte der Phantasiereisen

Die Phantasiereise kommt aus der Gestaltpädagogik, man findet sie häufig in Verbindung mit dem Kreativen Schreiben. Sie ist eine von mehreren kreativen Schreibanlässen, die das Kind ganzheitlich ansprechen, seine Schreibfreude erhalten, Vorstellungsbilder aktivieren, seine Gestaltungskraft fordern und es zur Weiterarbeit an der eigenen Sprache und dem eigenen Text ermutigen soll. Die Phasen des Schreibprozesses werden zunächst unbewusst trainiert und später von den Kindern bewusster vollzogen (vgl. Böttcher, 1999, S. 45).

Durch die Phantasiereisen kommt es zu einem ganzheitlichen Lernen, Lernen mit allen Sinnen. Hier erfolgt Lernen unbewusst und deshalb effektiver. Diesem Lernen kann man sich nicht entziehen. Es wirkt entlastend und lockert den Unterricht auf. Durch den Einsatz ganzheitlicher Methoden, wird eine offene Schreibhaltung für verschiedene Lerngegenstände gefördert (vgl. Böttcher 1999, S. 21). Bei der Phantasiereise wird durch einen Impuls die Konzentration auf das innere Geschehen gelenkt. Im Anleitungstext der Reise sind vielfältige Formulierungen vorgegeben. Durch Meditation verinnerlicht das Kind die Situation leichter. Es wählt aus den gegebenen Informationen nur diejenigen aus, die ihm wirklich wichtig und erzählenswert erscheinen (vgl. Böttcher 1999, S. 67).

Das Verfahren der Phantasiereise wird in vier Phasen unterteilt: In der Expositionsphase geht es um die Wahrnehmung des eigenen Körpers, indem die

Augen geschlossen werden und man sich in meditativer Stille auf den Körper konzentriert. Es folgen die Übergangsphase, in der die Schüler von der Alltags- in die Vorstellungswelt treten, und die Imaginationsphase, die Vorstellungsübungen des Lehrers enthält. In der Rückkehrphase erfolgt die Rückkehr von der Vorstellungs- in die Alltagswelt. Die letzte Phase, die in der Gestalttherapie den mündlichen Erfahrungsaustausch beinhaltet, umfasst beim kreativen Schreiben als sog. ,,Schreibphase" die Niederschrift der Imagination. Das Auswerten kann aber auch über Malen und Erzählen erfolgen (vgl. Böttcher 1999, S.55).

Um eine optimale Durchführung einer Phantasiereise zu gewährleisten, ist eine vertrauensvolle Atmosphäre von besonderer Wichtigkeit. Nur so ist es möglich, die Kontrolle des Alltagsbewusstseins zu lösen und seinem unbewussten Geist mehr Freiraum zu lassen. Auch ist es nur in einer vertrauensvollen Atmosphäre möglich über die Ausflüge ins Reich der Imagination zu erzählen (vgl. Ehrlich/Vopel 1996, S.8).

Die Geschichte sollte einfach strukturiert sein, so dass es keiner Anstrengung bedarf, ihr zu folgen. Je lebhafter und spannender erzählt wird, desto aufmerksamer werden die Kinder zuhören. Es ist sicherlich von Vorteil, wenn die Kinder währenddessen die Augen schließen, um sich nicht ablenken zu lassen. Die ZuhörerInnen werden direkt angesprochen. Auf diese Weise wird es ihnen erleichtert, sich von der Alltagsrealität zu lösen und sich in das Reich der Phantasie zu begeben. Die Phantasiereisen geben einen thematischen Rahmen vor, der allerdings nicht zu eng gefasst, sondern genügend Platz für eigene Imaginationen lassen sollte. In seinen Gedanken schmückt das Kind die Geschichte mit eigenen Assoziationen aus und schafft sich in seinem Inneren seine phantastische Welt, in der es der Mittelpunkt ist. Man könnte diesen Vorgang als einen synthetischen charakterisieren, bei dem das Kind durch die Verknüpfung vieler kleiner unterschiedlicher Vorstellungen etwas Ganzes schafft. Anschließend werden die Kinder wieder in die Realität zurückgeholt. Sie öffnen die Augen und kehren gedanklich wieder zurück zur Realität, die nun so aussieht, dass die SchülerInnen mit vielen Ideen und Vorstellungen in der Klasse sitzen.

Da Kinder einen starken Miteilungsdrang haben, sollte der Lehrer oder die Lehrerin ihnen zunächst die Möglichkeit geben, ihren MitschülerInnen zu erzählen, was sie auf ihrer mentalen Reise alles erlebt haben. Hierbei wird deutlich werden, dass jedes Kind eine andere spannende Geschichte erfunden hat und sie zum Besten geben will.

2.2 Zielsetzung der ausgewählten Phantasiereise

Die von mir ausgewählte Phantasiereise habe ich dem Buch „Phantasiereisen Wege des Staunens, Übung für die rechte Hemisphäre“ von Miriam Ehrlich und Klaus W. Vopel entnommen.

Der dritte Band von “Wege des Staunens“ gleicht einem Mini-Lehrplan für den Gebrauch der eigenen Vorstellungskraft, Intuition und Phantasie.

Hier soll durch die Phantasiereisen das Imaginationsvermögen entwickelt werden, Kinder erhalten Zutrauen zur schöpferischen Kraft des eigenen Geistes, sie können die eigene Phantasie lenken oder ihr spontan freien Lauf lassen. Viele Kinder und Erwachsene haben früh abwertende Bemerkungen über ihre Phantasie gehört und benutzen sie mit schlechtem Gewissen. In Schule und Beruf wird hauptsächlich die linke Hemisphäre[2] in Anspruch genommen, die sich auf die verbale oder numerische Rationalität bezieht. Die rechte Hemisphäre, die sich auf ganzheitliche intuitiv-metaphorische Fähigkeit bezieht, scheint eher für Künstler oder Werbefachleuten bestimmt zu sein. Ehrlich/Vopel gehen davon aus, das Phantasiereisen das produktive Zusammenwirken beider Sphären des Geistes fördern, also Rationalität und Intention sowie den bewussten und unbewussten Geist. Selbstvertrauen und ein angenehmes Selbstbild kann leichter entwickelt werden, wenn die Phantasie benutzt wird und man sich auf die Unterstützung seines unbewussten Geistes verlassen kann. Man kann sich dadurch besser konzentrieren, flexibel handeln und Verantwortung zeigen (vgl. Ehrlich/Vopel, 1996, S.7f).

Da die Phantasie der Kinder durch die Reisen von Ehrlich und Vopel in Gang gesetzt werden, kann es im Anschluss daran zu Schreibprozessen kommen (vgl. Pommerin 1996, S.100).

2.3 Die Phantasiereise „Ein schöner Augenblick“

Die Phantasiereise „Ein schöner Augenblick“ wurde aus dem Buch “Phantasiereisen“ (Teil 3 der Reihe: Wege des Staunens, Übungen für die rechte Hemisphäre) von Miriam Ehrlich und Klaus W. Vopel entnommen.

Die Zielsetzung beinhaltet die volle Ausschöpfung der Imagination mit Hilfe aller Sinne. Diese Phantasiereise bezieht sich nicht nur auf das Sehen und Hören, sondern es werden noch andere Modalitäten hinzugezogen. Den Teilnehmern soll ein angenehmes Erlebnis vermittelt werden. Kehren sie aus ihrer Phantasie zurück, so tritt ein Gefühl der Ausgeruhtheit in ihnen auf. Die Teilnehmer sollen das Alter von zehn Jahren nicht unterschreiten.

Phantasiereise

„In unserer Phantasie können wir Bilder sehen und Worte hören. Wir können aber auch berühren, schmecken und riechen. Und wenn wir irgendwo sind, wo es uns nicht gefällt, wenn wir uns erschöpft und leer fühlen, können wir uns in unserer Phantasie eine angenehme und erfrischende Umgebung schaffen, indem wir alle Sinne benutzen. Nimm eine bequeme Position ein und schließe die Augen…

Stell dir irgendeinen Platz vor, an dem du dich stark, glücklich und behaglich gefühlt hast… Vielleicht fällt dir ein Aufenthalt im Gebirge oder an der See ein. Oder du erinnerst dich an eine besonders schöne und ruhige Zeit zu Hause. Wähle eine Situation aus, die besonders schön war, eine Gelegenheit, bei der du dich so richtig gut gefühlt hast…

Bemerke deine Umgebung – wenn du am Meer bist, bemerke die besondere Art des Uferstreifens, das Wasser, den Himmel. Wenn du im Gebirge bist, bemerke die Felsen, die Pflanzen, den Himmel. Wo immer du bist, bemerke alle Einzelheiten deiner Umgebung, wie das Licht auf dem Wasser tanzt, durch die Bäume oder Fenster fällt…Bemerke die Temperatur der Luft, die Festigkeit oder Weichheit des Bodens…

Bemerke, wie die Luft deine Haut berührt und wie sie sich dabei anfühlt…Spüre, wie sich der Untergrund für deinen Körper anfühlt, für deine Füße oder für deinen Rücken…Rieche die Düfte der Luft…den Salzgeruch von der See, das Aroma von der Erde oder Pflanzen oder den besonderen Geruch des Raumes oder des Hauses, indem du bist…Und was kannst du hören?...Bemerke die Geräusche von Wind und Wasser, das Rauschen der Blätter oder die Stimme der Vögel. Und wenn du in einem Haus bist, höre auf die typischen Geräusche dieses Platzes…

Erinnere dich, wie du dich damals gefühlt hast, die warme Schwere in Armen und Beinen, das leichte Auf und Ab deiner Brust beim Atmen…Und gestatte dir, die Erinnerung an diesen schönen Augenblick noch einmal zu erleben…(1Minute)

Nun komm mit deiner Aufmerksamkeit wieder hierher zurück und öffne die Augen…“ (vgl. Ehrlich/Vopel, 1996, S.23)

[...]


[1] In diesem Zusammenhang finde ich es erwähnenswert, das nach der Meinung der Phänomenologen Edmund Husserl und Jean-Paul Sartre die Begriffe Imagination und Phantasie als Synonyme zu verwenden, möglich ist (vgl. Rodari 1992, S.172).

[2] Die Bedeutung der rechten und linken Hemisphäre wird in Kapitel 3. dieser Arbeit näher behandelt.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Haben Phantsiereisen eine Funktion für das literarische Lernen?
Hochschule
Universität Kassel  (Uni Kassel)
Veranstaltung
Zeichengebrauch im Erwerb:literarisches Lernen
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V35516
ISBN (eBook)
9783638354097
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Haben, Phantsiereisen, Funktion, Lernen, Zeichengebrauch, Erwerb
Arbeit zitieren
Nicole Witzig (Autor), 2004, Haben Phantsiereisen eine Funktion für das literarische Lernen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35516

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