Soziale Systeme - Ein Einblick in die Systemtheorie Niklas Luhmanns


Hausarbeit, 2004

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die allgemeine Systemtheorie

3. Systemtheorie Niklas Luhmanns
3.1 Der funktional-strukturelle Aspekt
3.2 Der Autopoiesis-Begriff
3.3 Kommunikation – soziale und psychische Systeme
3.4 Beobachtung

4. Die Gesellschaftstheorie
4.1 Komplexität und Systemdifferenzierung
4.2 Funktionale Differenzierung
4.2.1 Beispiel: Wirtschaftssystem

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Soziologe Niklas Luhmann gilt als der deutsche Vertreter und Begründer der Systemtheorie. Er hat zahlreiche Forschungen nicht nur in der Soziologie, sondern auch in den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, in der Theologie, der Geschichtswissenschaft, Kommunikationswissenschaft und in der Literaturwissenschaft angeregt. Grund hierfür ist sein Anspruch, alle gesellschaftlichen Teilbereiche mit denselben Kategorien beschreiben zu wollen. Dadurch, dass er seine Theorie aus der Sicht verschiedenster Wissensgebiete zu untermauern versuchte, wollte er seine Theorie unanfechtbar machen, um eine Art Universaltheorie[1] daraus entstehen zu lassen.

Doch was genau beinhaltet seine Theorie der sozialen Systeme? – Niklas Luhmann hat in seinen vielen Werken im Laufe seiner „Karriere als Soziologe“ die Handlungstheorie von Talcott Parsons zum Großteil auf Eis gelegt und sie zu einer neuen, seiner so genannten Kommunikationstheorie sozialer Systeme, verändert.

Der frühe Luhmann war, wie auch Parsons, noch Handlungstheoretiker, doch nach gewaltiger Kritik an seiner Theorie Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts durch Jürgen Habermas, stellt er seine alten Ansichten um und seine aktuelle Kommunikationstheorie auf. In seinem aus dieser Umstellung der Theorien resultierenden Werk: „Soziale Systeme – Grundriß einer allgemeinen Theorie“ von 1984 stellt er seine neu entwickelte Theorie von sozialen Systemen dar. Er geht nun von Kommunikationen als kleinstem Element von Vergesellschaftungen aus.

Niklas Luhmanns veränderte Theorie basiert weiterhin, zumindest in ihren Grundzügen, auf der Theorie Talcott Parsons. Des weiteren knüpft er mit der Entwicklung seiner Theorie an das Konzept der beiden chilenischen Biologen und Neurophysiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela an, die schon in den sechziger und siebziger Jahren den Begriff der autopoietischen[2] Systeme einführten, um hiermit die Eigenarten der Organisation von Lebewesen zu beschreiben. Luhmann verwendet den Begriff der Autopoiesis als eine der Hauptgrundlagen seiner Theorie und überträgt sie von lebenden Systemen, wie es bei den beiden Biologen ausschließlich beabsichtigt war, auf jegliche soziale Systeme.

Genau genommen stellt Luhmann nicht nur eine, sondern zwei Theorien auf: zum einen die Theorie sozialer Systeme und zum anderen die darauf aufbauende Theorie der Gesellschaft, in der es um die Differenzierung zwischen den sozialen Systemen und deren Subsystemen unserer Gesellschaft geht.

Der Zugang zu seiner Theorie ist ungemein dadurch erschwert, dass Luhmann vielen Grundbegriffen eine neue Bedeutung zukommen lässt. Diese Tatsache führt dazu, dass man um einen seiner Begriffe zu erläutern, zwei weitere Begriffe gebrauchen muss, welche wiederum genauso erklärt werden müssen, wie der eigentlich zu erklärende Begriff. Es wird also offensichtlich, dass es für mich unmöglich ist, die komplette Luhmannsche Theorie, welche selbst er erst in einer Vielzahl von Werken zusammentragen konnte, im Rahmen dieser Hausarbeit en Detail darzustellen. Meine Arbeit soll also lediglich einen Einblick in die weit verzweigte Systemtheorie Niklas Luhmanns liefern und sich auf Neuerungen in Luhmanns Theorie im Vergleich zu vorherigen Systemtheorien konzentrieren.

2. Die allgemeine Systemtheorie

Um heraus zu finden, welche Aspekte der Luhmannschen Systemtheorie ausschließlich auf Niklas Luhmann zurück zu führen sind, stellt sich die Frage, aus welchen Gedanken und Überlegungen die Systemtheorie vor seiner Zeit bestand.

In der allgemeinen Systemtheorie vor Niklas Luhmann hat der Begriff des Systems die Bedeutung, eine Gesamtheit zu sein, deren Elemente in einer bestimmten Relation zueinander stehen. Es wird also nicht Bezug auf isolierte Elemente, sondern auf deren Relation zueinander genommen. Der Aspekt der Gesamtheit ist in dieser Hinsicht von großer Bedeutung. (Vgl. Kneer/ Nassehi, 2000: 19 f.)

Der Zoophysiologe Ludwig von Bertalanffy liefert mit seinen Unterscheidungen von organisierter und unorganisierter Komplexität[3] und von geschlossenen und offenen Systemen zwei weitere Basen der allgemeinen Systemtheorie. So heißt es sogar, „daß der wesentliche Gegenstand der Systemtheorie die Organisationsform der komplexen Wechselbeziehung zwischen einzelnen Elementen ist.“. (Kneer/ Nassehi, 2000: 21)

Eine Grundlage der Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Systemen ist die Erkenntnis, dass jedes System eine Grenze zu seiner Umwelt aufbaut. Das bedeutet, etwas ist entweder System oder aber die Umwelt des Systems. Geschlossenheit von Systemen zeichnet sich also durch eine vollkommen geschlossene Grenze vom System zu seiner Umwelt aus, durch welche keine Austauschprozesse zwischen System und Umwelt möglich sind. Offene Systeme sind demnach dem Austausch mit ihrer Umwelt befähigt und sind zusätzlich im Stande, ihre internen Relationen ihrer Elemente zueinander zu verändern. Ihre interne Organisation verändert sich im Falle von Veränderung ihrer Umwelt, im Gegenteil zu geschlossenen Systemen, so dass sie sich den neuen Bedingungen ihrer Umwelt „anpassen“. Hierbei ist es wichtig deutlich zu sagen, dass die Umwelt die offenen Systeme nicht steuert, sondern höchstens irritiert, so dass diese sich, durch ihre eigene Logik, verändern. Systeme organisieren sich also selbst, sowohl geschlossene, als auch offene.

An dieser Stelle dient die Begriffsexplikation der Autopoiesis aus Sicht der beiden Biologen Maturana und Varela, da diese, wie in der Einleitung erwähnt, einen Grundbaustein für die Systemtheorie Luhmanns liefert.

Unter autopoietischen Systemen verstehen diese beiden Autoren lebende, sich selbsterzeugende und selbsterhaltende Einheiten. Das bedeutet, dass diese Systeme die Komponenten und Bestandteile, aus denen sie bestehen, selbst herstellen und produzieren, indem sie ihre eigene Organisation fortlaufend selbst erzeugen (Rekursivität). Autopoietische Systeme sind organisatorisch geschlossen, zugleich sind diese aber auch materiell und energetisch offen. Das Prinzip dieser autopoietischen Systeme erläutern Maturana und Varela sehr anschaulich am Beispiel einer Zelle. Diese stellt auf molekularer Ebene ständig ihre Bestandteile wie Proteine, Nukleinsäuren usw., die sie zur Erhaltung ihrer Organisation benötigt, selbst her. Zudem grenzt sich die Zelle durch ihre Membran eindeutig von ihrer Umwelt ab. Es ist somit naheliegend, von einem geschlossenem System zu sprechen. Auf der anderen Seite steht die Zelle aber auch im Austausch von Materie und Energie mit ihrer Umwelt, wobei sie stets in der Lage ist, diesen nach ihren Bedürfnissen selbst zu regeln – somit ist die Zelle auch ein offenes System, das dennoch seine Geschlossenheit bewahrt. (Vgl. Kneer / Nassehi 2000: 47 f.)

Talcott Parsons´ Ansichten zur Theorie von Systemen ist in der Erklärung der allgemeinen Systemtheorie an dieser Stelle unmöglich zu übergehen. In seinen Augen handelt es sich um eine strukturell-funktionale Theorie[4]. Er, wie erwähnt ein Handlungstheoretiker, beschäftigt sich mit der Frage, wie menschliches Zusammenleben und die damit verbundene gesellschaftliche Ordnung möglich sind. Er findet eine „voluntaristische[5] Lösung des Problems sozialer Ordnung“. (Kneer/ Nassehi, 2000: 35) Gesellschaftliche Ordnung beruht in seinen Augen auf bestimmten, von der Gesellschaft angenommen Werten und Normen. Diese Werte und Normen steuern jegliche Handlungsabläufe und bilden die spezifischen Strukturen von Systemen.

Die strukturell-funktionale Theorie von Parsons setzt demnach „ soziale Systeme mit bestimmten Strukturen voraus und fragt nach den funktionalen Leistungen, die erbracht werden müssen, um den Fortbestand des sozialen Gebildes zu gewährleisten.“. (Kneer/ Nassehi, 2000: 36)

[...]


[1] Die Systemtheorie „reklamiert für sich selbst nie: Widerspiegelung der kompletten Realität des Gegenstandes. Auch nicht: Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Erkenntnis des Gegenstandes. Daher auch nicht: Ausschließlichkeit des Wahrheitsanspruchs im Verhältnis zu anderen, konkurrierenden Theorieunternehmungen. Wohl aber: Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne, daß sie als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte (wie zum Beispiel Schichtung und Mobilität, Besonderheiten der modernen Gesellschaft, Interaktionsmuster etc.).“ (Luhmann, 1984: 9)

[2] Autopoiesis: Der Begriff setzt sich zusammen aus den griech. Worten autos (= selbst) und poiein (= machen)

[3] Komplexität bezeichnet die Gesamtheit aller möglichen Ereignisse und Zustände; etwas ist komplex, wenn es mehr als einen Zustand annehmen kann.

Organisierte Komplexität: Einzelphänomene stehen in Wechselwirkung zueinander

Unorganisierte Komplexität: Einzelphänomene sind linear miteinander verkettet

[4] Die strukturell-funktionale Theorie stellt die Frage: Welche Struktur muss gegeben sein, damit die Funktion erfüllt ist, die den Bestand des Systems erhält?

[5] Voluntarismus: philosophische Lehre, die den Willen als Grundprinzip des Seins ansieht; demnach voluntaristisch: den Voluntarismus betreffend

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Details

Titel
Soziale Systeme - Ein Einblick in die Systemtheorie Niklas Luhmanns
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V35517
ISBN (eBook)
9783638354103
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein gut zu verstehender Einblick in Niklas Luhmanns Systemtheorie und in seine Gesellschaftstheorie: Kommunikation, Autopoiesis, Systemdifferenzierung, etc.
Schlagworte
Soziale, Systeme, Einblick, Systemtheorie, Niklas, Luhmanns
Arbeit zitieren
Miriam Pähler (Autor), 2004, Soziale Systeme - Ein Einblick in die Systemtheorie Niklas Luhmanns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35517

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