Die Darstellung von Gefühlen in Heinrich Heines "Buch der Lieder"


Masterarbeit, 2015

89 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Danksagung

Einleitung

1. Zur deutschen Romantik

2. Begriffsbestimmung
2.1. Gefühl und Emotion
2.2. Traum
2.3. Erinnerung vs. Gedächtnis

3. Heinrich Heine: Leben und Werk
3.1. Biografie
3.2. Werk

4. Zur Darstellung der Gefühle im Werk
4.1. „Traumbilder“
4.2. „Lieder“
4.3. „Romanzen“
4.4. „Sonette“
4.5. „Lyrisches Intermezzo“
4.6. „Die Heimkehr“
4.7. „Aus der Harzreise“
4.8. „Die Nordsee“

5. Traum und Erinnerung im Werk

6. Wirkungsästhetik

7. Abschließende Gedanken

8. Literaturverzeichnis
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur

Widmung

Diese Masterarbeit widme ich:

-meinem Vater Falfa Koulonga Koumana,

-meiner Mutter Kokod é a Adjoa, m ö gen beide in dieser Arbeit die Frucht ihrer Anstrengungen finden,

-meiner Tante Banatome Amah,

-meinen Geschwistern f ü r ihre vielseitige, moralische und finanzielle Hilfe,

-und allen, die mir in irgendeiner Weise geholfen haben.

Danksagung

Die vorliegende Masterarbeit ist das Ergebnis jahrelanger Bemühungen und Forschungen und würde ohne die Unterstützung und Ratschläge einiger Personen nicht in der jetzigen Form zustandekommen. Hiermit möchte ich diesen Personen meinen aufrichtigen Dank aussprechen.

Vorerst richtet sich mein achtungsvoller Dank an Herrn Prof. Dr. Oloukpona-Yinnon, der mir Dokumente, Ratschläge und Anweisungen zu dieser Arbeit gegeben und mich vom Anfang bis zum Ende betreut hat. Besonders bedanke ich mich bei ihm für seine Bereitschaft und Geduld während dieser Forschungsarbeit.

Frau Dr. Obikoli Assemboni auch bin ich zum aufrichtigen Dank verpflichtet, weil sie mir Anweisungen und Dokumente über dieses Forschungsgebiet gegeben hat. Herrn Yigbe danke ich auch für die wissenschaftliche Mitarbeit.

Mein besonderer Dank geht an Herrn Hans Schneider für das sorgfältige Korrekturlesen dieser vorliegenden Masterarbeit.

Ich bedanke mich bei allen Dozenten der Deutschabteilung der Université de Lomé für meine akademische Ausbildung.

Vor allem möchte ich meinen Kollegen im Masterstudiengang und allen Mitgliedern der Forschungsgruppe artELI für ihre kritischen Anregungen während meines Vortrags bedanken. Meinen Eltern, die mich finanziell und moralisch unterstützt haben, bin ich einen aufrichtigen Dank verpflichtet.

Bei meinen Geschwistern bedanke ich mich für ihre Unterstützung während meiner Studienzeit und dabei vergesse ich nicht meinen Bruder Badidiga und seine Frau Nathalie, meinen Onkel Simplice und meine Vettern Idahoma und Simtado.

„Last but not least“ danke ich meinem jüngeren Bruder Yédina, der mir eine Kraft- und Begeisterungsquelle für diese Arbeit ist. Möge diese Arbeit als ein Sprungbrett für ihn gelten.

Einleitung

In der vorliegenden Untersuchung möchte ich Gedichte aus der deutschen Romantik analysieren und interpretieren. Es handelt sich um Gedichte, die Heinrich Heines Buch der Lieder1 entnommen sind. Im Werk geht es hauptsächlich um Gefühle. Die meisten Gefühle, die häufig im Gedichtband vorkommen, sind unter anderen die Angst, der Ärger, der Kummer, die Traurigkeit sowie das romantische Liebesgefühl. Im Buch der Lieder fungiert die Liebe als Traumbild und Lieblingsvorstellung. Das romantische Ich strebt nach der Lieblingsperson und deren Bild. Somit wächst das Liebesgefühl andauernd, und es wird geliebt, und hofft meist, geliebt zu werden. Die inständige Bitte um Liebe und die öfters aussichtslose Hoffnung darauf lässt die Liebessehnsucht stets einsetzen. Aus diesem Grund erscheint dieses Gefühl der Sehnsucht als ein Leitmotiv von Heinrich Heines romantischer Dichtung.

Aber was nützt es von romantischer Liebessehnsucht zu sprechen, während die meisten Forscher heutzutage in anderen Forschungsbereichen arbeiten? Die Frage lohnt sich insofern, als die neuere Literaturwissenschaft auf Themen eingeht, die mit der interkulturellen Kommunikation, den postkolonialen Ansätzen, mit der Globalisierung und der Entwicklung und mit der Migrationsliteratur einhergehen. Warum nun die Rede von Gefühl um diese Jahrhundertwende, wo sich alle Forschungsvorhaben und Bemühungen auf die Entwicklung und Globalisierung hin zielen?

Die Auseinandersetzung mit Emotionen wird oft in der Literatur vernachlässigt, obwohl Emotionen in der Romantik und in der Gegenwartsliteratur eine immer wichtigere Rolle zukommt. Die „Emotion“-Forschung hat aber große Fortschritte auf anderen Gebieten erfahren. In ihrem Werk Die Rolle von Emotionen als Mediatoren zwischen Markenimage und Markenst ä rke versucht Christine Knackfuß zu beweisen, dass die Emotionen viele menschliche Haltungen und Stellungnahmen dem Anderen gegenüber anstiften. Vor allem weist Knackfuß auf den Einfluss und die Bedeutung der Gefühle im Marketing hin. Gefühle kennzeichnen unsere Handlung dem Anderen gegenüber und ‚,signalisieren einer Person, ob ein Sachverhalt oder Einzelgegenstand als gut oder schlecht einzuschätzen ist, und motivieren in Abhängigkeit ihrer Intensität zum Handeln“ (Knackfuß 2010: 2). Die Gewalttaten und die Verbrechen zum Beispiel, die jeden Tag auf der ganzen Welt verübt werden, gehen von den Gefühlen aus und diese vorliegende Arbeit liegt dieser sprachlichen Kundgabe der Emotionen in den zwischenmenschlichen Lebensbeziehungen zugrunde. Die Emotionen bewegen zu Entscheidungen und zum Verhalten. Deshalb werden sie in der Literatur thematisiert. Die Lebensübergänge sind, laut Verena Kast, „mit viel Emotionen verbunden: Ärger, Hoffnung, Angst, Freude und andere mehr. Sie sind verbunden mit Konflikten mit Mitmenschen - und sie erlauben es, eine neue Passung zwischen sich selbst und den Mitmenschen, aber auch zwischen der bewussten Haltung und Entwicklungsnotwendigkeit zu finden“ (Kast 2010: 12). Daher unsere Motivation, an dieses Thema heranzugehen, um zu erforschen, wie sie in Heinrich Heines Werk vorkommen, denn die Entwicklung und die Globalisierung, von denen es heute die Rede ist, kreisen sich um den Menschen, und besonders um seine Entscheidungen und sein Verhalten seiner Umwelt und Mitwelt gegenüber.

Es soll hier auch trotzdem eingeleuchtet werden, dass die vorliegende Masterarbeit über Heinrich Heines Buch der Lieder nicht die erste ist. Dementsprechend sollen andere erwähnt werden.

Die einen Reflexionen über Heines Werk werden auf das Frauenbild konzentriert und legen mehr Wert auf seine Beziehungen zu einigen Frauen, wie Mathilde, seine Nichte, und sowie auf den Einfluss der Mutter auf den Werdegang des Knaben. Dabei wird das Buch von Edda Ziegler Heinrich Heine. Der Dichter und die Frauen (2005) herangezogen . Darin heißt es: „Das große M prägt Heines Frauenbeziehungen“ (Ziegler 2005: 7). In der Tat vermerkt die Verfasserin: „M wie Mathilde, das ist Augustine Crescence Mirat, die französische Lebensgefährtin; M wie Mouche, das ist Elise Krinitz, die letzte Liebe des todkranken Dichters“ (Ziegler 2005: 7).

Die anderen Auseinandersetzungen mit dem Buch der Lieder legen mehr Wert eher auf die ästhetischen Aspekte von Heines Lyrik. Viele Literaturkritiker sehen ihn in dieser Hinsicht als einen Wegbereiter der Moderne an. Der Münchner Literaturwissenschaftler Götz Großklaus vertritt diesen Standpunkt in seiner 2013 erschienenen Monographie Heinrich Heine- Der Dichter der Modernit ä t. Wieder andere befassen sich mit seinem Engagement im „Jungen Deutschland“ und im Vormärz. Aber wie gesagt, setzt sich diese Untersuchung zum Ziel, die Darstellung von geschilderten Gefühlen in seinem Frühwerk ans Tageslicht zu bringen.

Mein Interesse für dieses Thema wurde in der Tat durch die Bemerkung geweckt, dass Heinrich Heine Gefühle, wie Liebe, Traurigkeit und Leiden darstellt, die jedoch nicht der wahren erlebten Liebe oder Trauer bzw. dem Leiden entsprechen, sondern eher als eine Sehnsucht danach klingen. Diese Sehnsucht lässt sich im Endeffekt als das unstillbare Gefühl herausstellen. Das menschliche Leben läuft zwischen dieser andauernden Sehnsucht nach Gewünschtem bzw. Begehrtem und der Realität ab. Der Mensch irrt lebenslang in diese Zerrissenheit und lebt dazwischen. Dieses zerrissene Leben kommt im Werk zum Ausdruck. Es entsteht dadurch ein Kontrast zwischen genießender und utopischer Liebe bzw. utopischem und realem Leiden und diesen Kontrast möchte ich herausarbeiten. Besonders möchte ich untersuchen, wie sich dieser Kontrast erweist. Wie werden die Gefühle dargestellt? Welches sind die romantischen Bilder, die in den ausgewählten Gedichten gezeichnet werden und wie wirken diese Bilder auf den Leser? Dabei wird erforscht, ob diese Gedichte pure Schwärmerei oder inneres Leben eines erregten und zugleich beunruhigenden Ichs sind?

Das eine Interesse der vorliegenden Untersuchung ist herauszuarbeiten, welche Gefühle in diesen lyrischen Texten ausgedrückt werden, denn „die eine Funktion von Literatur ist es, Emotionen zu vermitteln: sie zu ihrem Thema zu machen, auszudrücken und im Leser hervorzurufen“ (Winko 2003: 3). Von dieser Prämisse geht die vorliegende Arbeit aus. Das andere Interesse der Forschung liegt der Wirkung der ausgewählten lyrischen Gedichte zugrunde. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf die Wirkung der Gedichte auf den Leser gerichtet. Da hier im Lyrikkontext Heinrich Heines seine Gedichte meist als Lieder hervortreten, wird der Frage nachgegangen, ob diese Lieder Erinnerungen oder Begehren sind: Geht es um Erinnerungen an das Verlorene oder Begehrte oder nur um einen Ausdruck einer Besessenheit des Verlorenen und Begehrten? Vermitteln diese romantischen Gedichte wahre erlebte unstillbare Gefühle oder stellen sie nur den Eindruck der Emotion dar, in den sich einer versetzt bzw. in dem er sich befindet, wenn er etwas genießt, verliert oder noch gern haben möchte? Die Fragestellungen stützen sich auf die These, dass die Literaturwissenschaft als Ausdruck und Spiegel des Erlebten, des Fehlenden und zugleich Verlorenen auftaucht, und Heines Gedichte erweisen sich als ein poetisches Ausdruckmittel, um die erlebten Emotionen loszuwerden.

Um mich mit all diesen Fragen auseinanderzusetzen, möchte ich, die Bedeutung und Rolle der Erinnerung und des Traumes im Gedichtband allgemein recherchieren und sie an Beispielen zu veranschaulichen. Der Grund dafür liegt darin, dass der Dichter in mehreren Gedichten auf diese Begriffe immer wieder zurückgreift, wie „Mir träumte wieder der alte Traum“, „Mir träumte einst von wildem Liebesglühn“ und „ Ich habe im Traum geweinet“. Da mehrere Fachbereiche sich mit der „Emotion-Forschung“ beschäftigen, wie Mathematik, Medizin, Psychologie, Wirtschaftswesen und die Literaturwissenschaft2, taucht das Thema noch aktuell auf und regt Motivationen an.

Zur Untersuchung der oben genannten Fragen wird die Darstellung von Gefühlen zunächst allgemein durchgeführt, und dann an Beispielanalysen von Gedichten jeweils veranschaulicht. Der werkimmanente Ansatz des New Criticism wird zur Untersuchung angewandt. Da die vorliegende Forschung hauptsächlich eine Gedichtinterpretation ist, eignet sich dieser literaturtheoretische Ansatz gut, denn „die Analyse des New Criticism richtet sich auf Erscheinungen, wie Mehrdeutigkeit, Paradoxie, Ironie, Wortspiel oder rhetorische Figuren. […] Lyrik eignet sich für diese Auffassung von Literaturbetrachtung besonders, da hier eine Reihe von gattungsspezifischen Merkmalen, wie Reim, Metrum und rhetorische Figuren den geschlossenen Charakter unterstreichen“ (Ansgar/Vera Nünning 2010: 19f). Die Literaturwissenschaftler, die diese Richtung vertreten haben, sind William K. Wimstatt (1907- 1975), Allen Tate (1899-1979) und J. C. Ranson (1888-1974). Wolfgang Kayser vertrat auch diesen Standpunkt, als er im Vorwort seines Werkes Das sprachliche Kunstwerk schrieb: „Eine Dichtung lebt und entsteht nicht als Abglanz von irgendetwas anderem, sondern als in sich geschlossenes sprachliches Gefüge“ (Kayser 1992: 5).

Aber nicht umstritten bleibt dieser Ansatz. Tatsächlich wurde der werkimmanente Ansatz von den rezeptionsästhetischen und biografischen Ansätzen angeprangert. Am Ende jeder Gedichtdeutung wird versucht, die Wirkung auf den Leser herauszuarbeiten: Die Frage hier richtet sich nicht auf das „Wie-wird -das-Gesagte-formuliert“, sondern eher auf die Frage „Wie wirkt das Gesagte auf den Leser?”

Somit lässt sich die Arbeit in sieben Teile eingliedern. Der erste Teil befasst sich mit einem Überblick über die deutsche Romantik. Anschließend werden auf einige stichhaltige Punkte eingegangen, wie die Phasen der deutschen Romantik, ihre Grundmotive und die 2 Die Doktorarbeit von Frank Meyer zum Beispiel ist zur Erlangung des Doktorgrades der MathematischNaturwissenschaftlichen Fakultät. Auch ist das Buch von Christine Knackfuß aus dem wirtschaftlichen Fachbereich (Marketing) Kennzeichen der romantischen Lyrik sowie die Hauptvertreter und deren Werke. Ein wichtiger Nachdruck soll Heinrich Heines Werk verliehen werden, denn er selber wird in der Literaturgeschichte oft als kein echter Romantiker wahrgenommen. Im zweiten Teil werden die Begriffe bestimmt, die im Zusammenhang mit der Studie stehen. Der dritte Teil hingegen kommt auf Heinrich Heines Leben und Werk zurück. Dabei wird kurz auf seinen Einfluss und Beitrag zur Erhaltung des deutschen Volksliedes eingegangen. Der vierte und zugleich umfangreichste Teil handelt weitgehend von der Darstellung von Emotionen im Werk mit einschlägigen Veranschaulichungen an den ausgewählten Gedichten. Der fünfte Teil versucht, die Funktion und die Bedeutung der Traumsymbolik in Heines Lyrikband und besonders hiermit in der Darstellung zu beweisen. Dabei wird die Beziehungen zwischen Traum und Erinnerung in der Darstellungsstrategie explizit gemacht. Unsere Arbeit wendet sich im sechsten Teil der Wirkungsästhetik zu, und meine abschließenden Gedanken und meine eigene Stellung zur ganzen Arbeit bilden den letzten Teil aus.

1. Zur deutschen Romantik

Das Thema „die Darstellung von Gefühlen in Heinrich Heines Buch der Lieder “ weist auf die deutsche Romantik hin. Daher wollen wir kurz auf den Begriff „Romantik“ eingehen, und uns dann mit der Untersuchung auseinandersetzen. Eigentlich wird ein kurzer Überblick über diese literarische Epoche gemacht, indem versucht wird, ihre Grundmotive, ihre Merkmale und ihre Hauptvertreter herauszuarbeiten. Literaturgeschichtlich kommt die Romantik nach der Klassik, und steht im Gegensatz zu ihr. Ihr geht es lediglich um ein tiefes Gefühl, das das lyrische Ich sehr prägt. Es handelt sich vielmehr um das Innere, Johann Gottlieb Fichte (1762í1814) drückt den Kerngedanken der Dichtung der Romantik folgendermaßen aus: „Kehre deinen Blick von allem, was dich umgibt, ab und in dein Inneres ist die erste Forderung, welche die Philosophie an ihre Lehrlinge tut. Es ist von nichts, was außer dir ist, die Rede, sondern lediglich von dir selbst“3. Die Romantik ist, diesem Zitat zufolge, eine gefühlsbetonte literarische europäische Bewegung. Dabei entwickelten die romantischen Künstler einen unstillbaren Hang zum Traum und wagten sogar den Weg ins Unmögliche, ins Irreale. Die Romantik kennzeichnet sich durch das Wunderbare und Scheinbare, das Gefühlsbetonte und Träumerische. Die Grundmotive der romantischen Poesie sind unter anderen die Progressive Universalpoesie, die Sehnsucht und die Ironie. Diese Motive wurden in drei literarischen Zentren verarbeitet.

Die Frühromantik, auch Jenaer Romantik (1794-1805) genannt, wurde von Autoren, wie den Brüdern Schlegel, Novalis, Ludwig Tieck und Clemens Brentano, einem der Herausgeber des Buches Des Knaben Wunderhorn, getragen. Zentrale Themen ihrer Dichtung war die Rückbesinnung auf das mittelalterliche Dichtungsmotiv und die Auseinandersetzung mit der französischen Revolution. In der zweiten Phase (1806-1815) befassten sich die Heidelberger Romantiker, um die Gebrüder Grimm herum, mit Stoffen in Bezug auf den Befreiungskrieg, auf die Volkspoesie. Dort kamen die ersten Beschäftigungen und Überlegungen über die Verfassung des Deutschen W ö rterbuches auf, die aber ihren Vorläufern posthum erschien. Viele Spätromantiker kehrten zum katholischen Glauben zurück oder konvertierten, darunter auch Heinrich Heine, der am 28. Juni, nach seinem juristischen Examen, zum Christentum evangelischer Konfession bekehrte. Heinrich Heines Buch der Lieder, das 1827 erstmals verlegt wurde, und das die Primärliteratur unserer Untersuchung ausmacht, lässt sich somit der Spätromantik zuordnen. Da die Erstveröffentlichung des Buch der Lieder gegen Ende der deutschen Romantik liegt, wird Heine von manchen Kritikern zum „entlaufenen Romantiker“4 abgestempelt.

2. Begriffsbestimmung

2.1. Gefühl und Emotion

Der Begriff Gefühl taucht in der Alltagssprache auf. Das Gefühl ist eine immanente körperliche Wahrnehmung, die bewusst ist. Die deutsche Psychotherapeutin Doris Wolf vermerkt, dass „Gefühl das, was man mithilfe der Nerven (des Tastensinns) am Körper verspürt, wie zum Beispiel ein Gefühl der/von Kälte, Wärme oder Nässe haben, verspüren“5. Gefühle sind Wahrnehmungen der Außenwelt und deren Kundgabe. Ein Gefühl ist auch das, was man in seinem Inneren empfindet. Damit ist festzuhalten, dass Gefühl eng mit Empfindung und Wahrnehmung verbunden ist. Es handelt sich um den erlebten Aspekt des subjektiven Fühlens, dabei resultiert eine Spontaneität der Gefühle, denn sie kommen auf einmal und zerfließen auch so rasch. Dem Fühlenden sind zum Beispiel die Wärme und Angst überlegen und die bloße Feststellung erweist sich als eine Art Hingabe und zugleich Hinnahme des Gefühlten. Die Gefühle beeinflussen unser Denken und Handeln, denn sie werden bloß festgestellt und auf-und hingenommen. Richard David Precht setzt Akzent darauf, indem er sagt: „Moralische Werte sind niemals gefühlsneutral“ (Precht 2007: 76). Später auch vermerkt er sogar: „Gedanken sind somit emotional gefärbt“ (Ders: 77).

Daher kommen wir zum Begriff Emotion, denn Gefühl und Emotion werden gleichbedeutend in der vorliegenden Studie verwendet. Trotzdem bestehen Unterschiede. Der wichtige Unterschied ist, dass Gefühle nicht bewertet werden, wohingegen Emotionen als eine Beurteilung und Bewertung, dessen was gefühlt wird, auftreten. Demzufolge geht das Gefühl der Emotion voraus. In diesem Sinne bedeutet Gefühl so viel wie Emotion, denn „Emotion ist die umfassende Bezeichnung für den inneren Aspekt des Erlebens. Es handelt sich um seelische Erregung, die aber nicht unbedingt bewusst zur Kenntnis genommen wird“ (Galliker 2009: 11). Ohne Gefühl wäre eine Emotion daher unvorstellbar, denn beim Gefühl „handelt es sich um einen Aspekt der Emotion“ (Ders.: ebd.). Schließlich lässt es sich festgehalten, dass ein Gefühl eine bewusste Erregung ist, es ist auch ein Teil der Emotion, die nicht unbedingt bewusst ist.

Da hier das Gefühl und die Emotion aufeinanderfolgen und das Gefühl als Ausgangpunkt der Emotion und die Emotion als dessen Zielpunkt zueinander funktionieren, möchten wir beide Begriffe eher gleichbedeutend in der vorliegenden Studie anwenden. Das Gefühl tritt als Ursache einer Emotion auf, und die Emotion stellt sich als eine Folge des Gefühls heraus. Das Ziel unserer Forschung arbeitet auf die Auswertung beider Begriffe hin. Flüchtig wird der Ausdruck Gefühl verwendet, aber häufig wird der Begriff Emotion zur Analyse und Interpretation herangezogen, denn im Werk erscheint ein Gefühl vorübergehend und zerfließt rasch und erzeugt zugleich die langwirkende Emotion beim Ich-Erzähler. Damit wird der Emotion viel Platz im Buch der Lieder eingeräumt.

2.2. Traum

Wenn vom Traum die Rede ist, wird meist an den Schlaf gedacht. Der Traum erscheint somit erst beim Schlafen und nicht im Erwachen. Metzler Lexikon Literatur (Weimar 2007: 676f) definiert der Traum wie folgend:

In der Literaturwissenschaft wird Traum zum Motiv oder Strukturelement literarischer Texte (…) Die Literaturwissenschaft befasst sich mit dem Traum als Gegenstand literarischer Darstellung: Erzählte oder erwähnte Träume erscheinen in Texten nahezu aller Gattungen; sie können unterschiedliche Funktionen übernehmen (…) Der Traum wird auch als poetologisches Prinzip, vor allem in der Romantik und Surrealismus

Zudem wird dem Traum eine andere Konnotation zugesprochen. In der romantischen Dichtung kommt der Traum als Einbildungskraft, Wunsch und Lieblingsvorstellungen vor, und diese Tatsache liegt auch ihren Grundmotiven und Merkmalen zugrunde. Der Traum taucht in dieser Dichtung als ein Ausdruck oder als eine Vorstellung dieses Wunsches, dieser Sehnsucht auf. Der Traum wird hierzu zum Motiv und zugleich Ausdrucksmittel dieses Motivs im literarischen und vor allem hier im romantischen Umfeld verwendet. Die romantische Sehnsucht stellt sich als Traum heraus, dieser Traum verkörpert das Gefühlte, das Fehlende bzw. Begehrte und Verlorene, das diese Sehnsucht ausmacht. Es ist eine Sehnsucht nach Begehrendem und Verlorengegangenem, kurz nach Gefühlen.

2. 3. Erinnerung vs. Gedächtnis

In der Problematik der vorliegenden Studie gewinnt die Traumsymbolik an größerer Bedeutung. Dabei wird diese Traumsymbolik in Bezug auf die Erinnerung erforscht. Daher soll der Begriff „Erinnerung“ näher erklärt werden. Die Erinnerung ist das, was erinnert wird. Der Begriff, wird stets mit dem Gedächtnis verwechselt. Darum werden hier beide voneinander unterschieden. „Die Erinnerung ist eine kognitiv-psychische Konstruktion, die bewusst werden muss und dann sprachlich formuliert werden kann“ (Weimar 2007: 403). Damit kann festgehalten werden, dass die Erinnerung als ein Akt der Konstruktion des Erlebten ist. Sie wird nicht bloß und spontan festgestellt, sondern verfährt durch die Modalität der Aktualisierung: „Was dürfen wir nicht vergessen? Bewahre und gedenke!“ (Assmann 2005: 30).

Das Gedächtnis hingegen ist „eine im Körper verteilte neuronale Funktion und es ist nicht an einem bestimmten Ort im Gedächtnis lokalisiert“ (Weimar 2007: 467). Bei der Erinnerung geht es um Sprachkompetenz, um dem Erlebten einen Sinn zu verleihen. Sie verbindet somit Erlebtes und Erzähltes, und in ihrer Beziehung zum Gedächtnis trägt sie zur Erhaltung und zum Weitergeben individueller wie gesellschaftlicher Identität bei. Es geht um „eine Vergangenheit, die noch immer gegenwärtig ist“ (Schulze/François 2009: 12). Die Erinnerung erweist sich demzufolge als gegenwärtige Vergangenheit und diese Vergegenwärtigung des Vergangenen und Miterlebten wird zumeist in Heinrich Heines Buch der Lieder konzipiert. Das Vergangene und Beigewohnte werden im Werk weitgehend durch den Traum und die Erinnerung als Dichtung rekonstruiert, wobei die Tatsachen wieder von neuem beleben, der mexikanische Literaturwissenschaftler Sergio Ugalde vermerkt: „Die Literatur ist in diesem Sinne ein bevorzugter Kanal der Erinnerung“ (Ugalde in: Ette/Asholt 2010: 177). Der große Teil des Werkes bewegt sich zwischen dem Traum und dessen Erinnerung, der Vergangenheit und der Zukunft und beide arbeiten auf dasselbe Ziel hinaus, nämlich das gelebte Leben ja das Vergangene wieder herzustellen und zugleich zu bewahren.

Die Dichtung lebt und taucht als Erinnerungsakt auf, und schwankt zwischen Vergangenheit und Zukunft, denn „wir sind, was wir geworden sind und in unseren Erinnerungen erkennen wir, wer wir sind, was wir sein wollen und worin wir uns von andern unterscheiden“ (Schulze/François 2009: 13). Die Erinnerung ist auch eine poetische Verdrängung, eine Konstruktion des Erbes, eine Rekonstruktion von sich selbst, um sich der Zukunft oder der übriggebliebenen Zeit zuzuwenden. Diesen Begriffsbestimmungen zufolge hat der Mensch keine Gegenwart, insoweit als er nur zwischen Vergangenheit und Zukunft pendelt, und der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche stellt dazu fest: „Die Deutschen sind von vorgestern und von übermorgen, sie haben noch kein Heute“ (zitiert in: Schulze und Francois 2009: 11). Die Erinnerung schätzt das Vergangene ein und plant die Zukunft vor, indem sie das Misslungene verbessert. Im literarischen Kontext und im individuellen Leben kann die Erinnerung als eine Spurensuche, Spurenverwischung oder noch Spurenhinterlassung betrachtet werden und die Literatur tritt daher als „Quelle kulturellen Wissens“ auf (Nünning in: Ette/Asholt 2010: 145). Somit bildet die Erinnerung die Identität aus, und konstruiert oder rekonstruiert sie, dadurch erweist sie ihre Bedeutung für das Leben, denn „nur aus dem Leben kann erinnert werden“ (Ugalde in: Densel: 170)

3. Heinrich Heine: Leben und Werk

3. 1. Biografie

„Harry...Heinrich...Henri...Heine. Deutscher, Jude, Europ ä er6. So wird oft der Autor des Buch der Lieder genannt. Wie Kontroverse auf seinem Namen liegen, so liegen auch welche auf seinem Geburtsdatum. Wahrscheinlich kam Heinrich Christian Heine am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf zur Welt. Sein Geburtsdatum wie seine eigene Person und Schriften lösen Debatten ständig aus. Diesen Streit um den Lyriker verleihen Dietmar Goltschnigg und Harmut Steinecke einen Nachdruck, indem sie ironisch behaupten: „Jedem sein Heine“(Goltschnigg/Steinecke 2011: 8). Heine begann seinen Schulbesuch im Franziskaner Kloster in Düsseldorf, und schloss sie am 25. Mai 1825 mit dem Jurastudium ab. Seine ersten poetischen Begeisterungen kamen zuerst in Hamburgs W ä chter heraus; 1827 wurde die erste Version des Buch der Lieder veröffentlicht und bildete zugleich den literarischen ersten Ruhm des Dichters zumal mit dem Gedicht „Ein Traum, gar seltsam schauerlich, erschreckte und ergötzte mich“.

Trotzdem musste Heine von Deutschland nach Frankreich wegen aufkeimenden Hassgefühls aussiedeln. Bis zu seinem Lebensende am Samstag, den 17. Februar 1856, hat er zwischen Deutschland und Frankreich, Judentum und Christentum, Universalismus und Individualismus fortgelebt. Es ist fast ein zerrissenes Leben. Als Jude lag Voreingenommenheit auf ihm, aber er hat nie rassistische Züge aufgewiesen, im Gegenteil erstrebte er politische, wirtschaftliche Freiheit und eine Verbesserung der Lebensverhältnisse. Daher setzte er sich für eine friedliche Revolution, eine Revolution durch Worte, ein. Obwohl er die damalige soziale und politische Lage Deutschlands kritisierte, besann er oft auf es, wie im Gedicht „Nachtgedanken“. Neben den Leidens-und Trauergedichten hat er auch Lust und 6 Dies ist der Nebentitel eines Buches über die Forschungen in Heinrich Heines Schriften, das von Dietmar Goltschnigg, Peter Revers und Charlotte Grollegg-Edler in Berlin 2008 herauskam.

Frohsinn und hinzu edelmütige Gefühle in seinem Werk erwiesen. Der Universalismus, den er in seinem Werk verbreitet und die Sanftmut seiner Lyrik, ließ sogar die NSDAP seine Gedichte als Schultexte mit der Schrift „unbekannter Autor bzw. Verfasser“ (Steinecke 2008: 65) aufnehmen. Sein politisches, soziales Engagement und sein hartes Auftreten gegen den Rassenunterschied ließ ihn als einen der Vorläufer der Bekanntmachung der Menschenrechte und der Gleichberechtigung zwischen den Menschen im Buch der Lieder behaupten: „Alle Menschen gleichgeboren/sind ein adliges Geschlecht“.

3.2. Werk

Wie entwickelte sich Heines Begeisterung nach dem Erscheinen des Buch der Lieder ? Heines Frühwerk steht in der romantischen Tradition. Aber als Spätromantiker schwärmt er sich bereits von dem Biedermeier, dem Vormärz und dem Jungen Deutschland. In der Epoche des Biedermeier veröffentlichte er Deutschland ein Winterm ä rchen. Zwischen 1830í1846 wird viel herausgegeben. 1834 kamen Zur Geschichte der neueren sch ö nen Literatur in Deutschland, gefolgt von Franz ö sische Maler, Gedichte, Aus den Memoiren des Herrn Schnabelwopski heraus. Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Fr ü hlingslieder wurden 1838 veröffentlicht und zwei Jahre darauf wurden Florentinische N ä chte, Elementargeister sowie Ü ber die franz ö sische B ü hne verlegt.

Aber das Wesentliche seiner Lyrik besteht besonders in ihrer Hinwendung zum Lied. Heines Lyrikband taucht als ein Liederbuch auf. Hiermit werden die systematische Anwendung vom Volkslied und dessen poetische konkrete Materialisierung ans Tageslicht gebracht. Es gibt Lieder für alle Situationen des menschlichen Lebens: Trauerlieder, Festlieder, Wiegenlieder zum Beispiel. Dementsprechend wird sogar im Werk ein Teil mit „Lieder“ betitelt. Der Dichter ist sich dieser Tatsache bewusst, und daher versucht er in seiner poetischen Wiedergabe des Gefühlten, der Emotion die Melodie anzupassen. Georg Krückemeyer (Krückemeyer 2006: 9) bezeichnet das Wesen der Dichtung folgendermaßen:

Gedichte sind eine Kunstform und Ausdruck der Gefühle von Menschen in ihren jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Situationen. Gedichte zeigen Gefühle der Freude, des Glücks, aber auch der Not, der Krankheit und des Todes. Gedichte sind Wegweiser und sie mahnen zur Reflexion. Sie geben die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Zuerst ist die Anwendung volkstümlicher Instrumente in der Darstellung von Emotionen weitgehend und verstreut anzutreffen, wie „Weise, Zither“. Die poetische Sprache bedient sich einer eingängigen und schlichten Form mit der Benutzung von Wörtern, die in den damaligen Alltagsdialekten häufiger vorkamen, wie „Maid, Mädchen, Spinnerin und Muhme“. Im Buch der Lieder werden die meisten Verse auf eine sangbare Melodie verfasst, die Verseklänge wechseln bald steigend, bald fallend ab. Heinrich Heine spiegelt in seinen jambischen und trochäischen Versen das Volksleben und Landleben mit der Thematisierung von Liebe und Tod, Treue und Abschied mit den verschiedenen Tönen und Landschaften sowie Jahres-wie Tageszeiten. Die Gedichte gehen zumeist aus diesem Landleben hervor. Die abwechslungsreiche Sangbarkeit seiner Gedichte führte damals zu ihrer wiederholten Vertonung von Robert Schumann und Franz Schubert, wie „Die Lorelei“ und „Leise zieht durch mein Gemüt“. Alisa Diering stellt fest, dass „die Lorelei nicht nur ein uraltes Märchen ist, sondern vor allem ein bekanntes Volkslied“7, denn das „Lorelei-Motiv“ wird auch von Clemens Brentano („Zu Bacharach am Rheine“) verarbeitet. Heines Werk tritt als ein Kennzeichen dieses Volksliedes mit einer romantischen gefühlsbetonten Stimmung und Lebhaftigkeit der Gedichte auf, denn „am geeignetsten sind Jamben und Trochäus bei lebhafteren Empfindungen“ (Kellen 1911: 314). Das ganze Werk reicht von Alliterationen und Assonanzen, die auch von einem großen Belang für die Sangbarkeit sind. Beide lassen durch ihre Senkung und Hebung ein Wechselspiel zwischen Gedichtetem und Abklingendem entstehen. Als romantische Lyrik sind Heines Texte und deren Verständnis mit der Musik eng verbunden. Sie formieren ein Ganzes und die Töne und Klänge vermitteln zum Beispiel die Stimmung und den Grad der Emotion und deren Wesen, wie der im Wort gelegte Sinn. Die Emotionen und die Lieder gehen einher, und auf dieser Lyrik wird Heines Ruhm beruhen. Nun aber kommt die Argumentation zur Sache. Welche und wie werden Emotionen im Buch der Lieder der Leserschaft dargestellt?

4. Zur Darstellung der Gefühle im Werk

4.1. „Traumbilder“

Heinrich Heines Buch der Lieder zerfällt in fünf Kapitel. Das erste Kapitel wird „Junge Leiden“ betitelt und enthält vier Teile nämlich „Traumbilder“, „Lieder“, „Romanzen“ und „Sonette“. Die Gedichte in diesem ersten Kapitel wurden im Zeitraum zwischen 1815-1816 verfasst und werden hier in vier Abteilungen zusammengesetzt8. Daher gehen wir direkt auf die jeweiligen Teile bei der Untersuchung ein. Der Teil „Traumbilder“, erster Teil, besteht aus Gedichten mit dem Begriff „Traum“, der als Leitmotiv neben den meisten Begriffen, wie Liebe, Leid, Schmerz und Sehnsucht fungiert, die die dargestellten Emotionen ausmachen. Die drei ersten Gedichte zum Beispiel beginnen jeweils mit „Mir träumte einst von wildem Liebesglühn“, „Ein Traum, gar seltsam schauerlich ergötze und erschreckte mich“ und „Im nächtigen Traum hab ich mich selbst geschaut“. In diesem Teil Heines Werk geht es hauptsächlich um Träume, die Emotionen sind. Die Gefühle werden hier durch die Erinnerung dargestellt. Das Geträumte ist trotzdem lange „einst“ verschwunden, wie die Liebesgegenstände und-bilder. Das, wonach vom lyrischen Ich gesehnt wird, geschieht im Traum, daher spiegeln sich das Gefühlte und das Gesehnte im Traum ab, und diese damaligen Träume werden jetzt verdichtet. Hier geht es nicht um Empfindendes oder Fühlendes, sondern vom Gefühlten und Ersehnten. Die geträumten Gefühle werden durch die Dichtung aktualisiert, es ist fast ein Erinnern an das Geschehene.

Unterstrichen werden sollte, dass die meisten Liebesgeschichten im Kapitel „Traumbilder“ mit einem fröhlichen Eingang und mit einem ängstlichen Ende dargestellt werden. Am Anfang erfreut sich das Ich einer Freude und Wollust, geht aber mit einer Angst und seinem Schaudern in einem trochäischen Chor hinunter. Das Liebesende ist meist tragisch und traurig und Heinrich Heine bedient sich eines Stilmittels, das entweder die Trauer oder die Zufriedenheit je nachdem in Rücksicht nimmt. Dadurch entsteht ein emotioneller Schock, wie „Ein Traum, gar seltsam schauerlich/ergötze und erschreckte mich“ (S. 75). Es lässt postulieren, dass Heine auf die alte romantische Elegie wieder zurückgreift.

Auch bringen die geschilderten Emotionen eine Außen- und eine Innenwelt zur Sprache. Sie stellen dem Scheinbaren und Trügerischen das Abgründige entgegen. Das Innenleben wird dem Außenleben entgegengestellt und daraufhin deutet die Gegensätze „inwendig aber war es jämmerlich, nichtsnutzig/jedoch von außen voller Würdigkeit“ (S. 79) an. Das, was im Traum passiert, ist entweder vom romantischen Ich empfunden oder es wird erstrebt. Es entsteht also eine gewisse Brücke zwischen Realität und deren Übertragung bzw. deren Konstruktion durch die Modalität des Erinnerns als Traumbilder. Daher wird in der vorliegenden Studie das eine Hauptaugenmerk auf die Frage gelenkt, ob es um echte Gefühle geht oder um deren Vergegenwärtigung, um deren Erinnerung und Darstellung als Verdichtung der erlebten und erstrebten Gefühle. Der Name der Geliebten wird auch nicht in diesem Teil angegeben; sie trägt nur Substantive, wie „schöne Maid“, „wunderholde Blume“, „Liebchen“ und „Braut“ als Namen. Es ist ein Beweis, dass der Geliebte von einer Liebe träumt oder sich danach sehnt, und diese Liebe bleibt eine Sehnsucht, denn er erkennt die Geliebte, wie diese Verse dieser Tatsache Rechnung trägt nicht: „Ich beugte mich und sagte: Sind sie Braut?/Ei! Ei! So gratulier ich, meine Beste!“ (S. 79). Es besteht auch einen Gegensatz in der Darstellung, denn das Ich steht mitten zwischen „einst“, „längst“ und „nun“, „jetzt“.

Es könnte vorausgesetzt werden, dass der Sprecher eine Ruckschau hält, die in das gelebte Leben hineinführt oder zurückbringt, und das Dahinsehen in das lebende gegenwärtige Leben also ein Hin und wieder Her. Das sich erinnernde und zugleich miterlebende Ich führt ein Dazwischenleben, wobei der Traum die Stellung des Überganges übernimmt. Welche Bedeutung kann dem Traum hier beigemessen werden? Ein Übergang oder eine Brücke? Eine Erinnerung? Oder noch schlechthin das Gefühlte?

Um mich mit allen diesen Fragen auseinanderzusetzen, wende ich mich der Gedichtinterpretation zu. Mit Rücksicht auf unsere Vorgehensweise kommen wir zur Veranschaulichung der dargestellten Emotion am Gedicht „Mir träumte einst von wildem Liebesglühn“. Die erste Gedichtanalyse konzentriert sich auf dieses erste Gedicht des Buch der Lieder und zugleich der „Jungen Leiden“ bzw. der „Traumbilder“. Hier der Wortlaut des Gedichtes:

Mir träumte einst von wildem Liebesglühn

Von hübschen Locken, Myrten und Reseden, Von süßen Lippen und von bitterer Rede, Von düsterer Lieder düsteren Melodien.

Verblichen und verweht sind längst die Träume, Verweht ist gar mein liebstes Traumgebilde! Geblieben ist mir nur, was glutenwild Ich einst gegossen hab in weiche Reime.

Du bliebest, verwaistes Lied! Verweh jetzt auch, Und such das Traumbild, das mir längst entschwunden, Und grüß es mir, wenn du es aufgefunden- Dem luftigen Schatten send ich luftgen Hauch. Heinrich Heines „Traumbilder“ ist ein Zyklus von zehn Gedichten im Buch der Lieder, und befasst sich mit der Liebesgeschichte eines jungen lyrischen Ich-Sprechers. Bereits bietet uns im Eingang der erste Vers die Tür zur Traumwelt an, der dafür stehende ausdrückliche Hinweis darauf ist das Verb „träumte“, das in der ersten Zeile häufiger auftritt. Zuerst soll vermerkt werden, dass von den zehn Gedichten, die diesen ersten Gedichtzyklus ausbilden, vier Gedichte mit dem Leitmotiv des Traumes (1. 2. 3. und 6. Gedicht) beginnen.

Tatsächlich geht es hier um ein dreistrophiges Gedicht mit einem umarmenden Reimschema. Die Melodie beginnt mit einem innigen i-Klang in „mir“ und geht über strahlenden ,,a, e und o“-Klang auf dunklen u-Klang hinunter. Das Gedicht bietet hier eine gemischte Melodie je nach der Stimmung des lyrischen Ichs. Das Ich steht in diesem Gedicht im Vordergrund „Ichfixiert“ (vgl. Lott: 1996). Das Prinzip der „Dialogizität“ taucht hier nicht auf, und Bachtin spricht eher vom Prinzip der „Monologizität“ in lyrischen Werken (vgl. Bachtin 1979). Diese Ich-Form ist als Symbol der romantischen Dichtung mit der Liebe im Mittelpunkt, und daher unser Interesse, ob es auch da um die Liebe geht.

Der Anfangvers hebt zwei Tatsachen nämlich den Traum durch „träumte“ und die Vergangenheit durch „einst“ hervor. Das lyrische Ich träumt von einer glühenden Liebe, die ihm ungezähmt bleibt, und führt den Leser in die Kinderjahre zurück. Die Adverbien „einst“ und „längst“ verweisen auf die Vergangenheit und bekräftigen den Erinnerungscharakter der Erzählung sowie der Ausdruck „mir träumte“, der von einem erinnernden Traum vermuten lässt. Die erste Strophe schildert diese alte Liebe, die einmal schön und zart und bunt ist „süße Lippen“, „hübsche, Locken, Myrten und Resede“, und einmal traurig „bittere Rede“ und „düsterer Lieder“ auftaucht. In der zweiten Strophe geht es um das Entschwundene und das Gebliebene. Die letzte Strophe schildert eher das Gebliebene und einen Wunsch und ein Begehren nach Vergangenem. Das Gebliebene ist hier sein aktueller Zustand und es kann angenommen werden, dass es sich hier um ein Ergebnis der Erinnerung handelt.

Das geträumte „wilde Liebesglühn“ hier im jambischen Rhythmus kann vom Ich nicht beherrscht sein, deswegen ist er wild, etwa ungezähmt und die drei darauffolgenden Verse der ersten Strophe beschreiben diese Liebe. Diese Verse sind durch eine anaphorische Wiederholung „von“ des Gefühlten gekennzeichnet, und besonders in einem vorwiegenden jambischen lebhaften Rhythmus, der dem Gedicht eine romantische Grundstimmung und Melodie verleiht. Heine ruft durch diese Verse einige Sinnesorgane beim Leser hervor; einige Verse entwickeln den Fühl- und Tastensinn, wie im „von hübschen Locken, Myrten und Resede“ oder noch den Hör- und Geschmackssinn in „bittrer Rede“ und die Sehkraft und zugleich den Hörsinn „von düsterer Lieder düsteren Melodien“. Die Verse sind zum Sehen, Hören und Fühlen verfasst worden. Der poetische Gegensatz „süß“ und „bitter“ bringt den ich-bezogenen Stimmungskontrast zum Ausdruck. Das Erlebte und Gebliebene werden hier dargestellt. Beide sind eine dichterische Konstruktion des Ersehnten und Verpassten. Dabei fungiert in diesem Gedicht die Erinnerung als ein Gefühl und zugleich eine Emotion, die das Vergangene loszuwerden versucht, indem das Ich es in der Dichtung verdrängt. Die Erinnerung rekonstruiert die alten vergangenen Gefühle, und stellt sie wieder her bzw. weist dem Gefühlten einen Sinn zu. Was wird eigentlich im Werk geträumt und wie wird es in den anderen Gedichten dargestellt?

4.2. „Lieder“

Die Wortlaute des zu analysierenden Gedichtes:

Morgen steh ich auf und frage:

Kommt feins Liebchen heut? Abend sink ich hin und klage: Ausblieb sie auch heut.

In der Nacht mit meinem Kummer Lieg ich schlaflos, wach;

Träumend, wie im halben Schlummer, Wandle ich bei Tag.

Das Gedicht in diesem Teil, das hier den Stoff der vorliegenden Studie ausmacht, ist dem zweiten Teil „Lieder“ entnommen. Wie viele von Heines Gedichten trägt es keinen Titel. Da unsere Vorgehensweise eben darin besteht, die Darstellung von Gefühlen im jeweiligen Teil allgemein zu untersuchen, dann an einem Gedicht zu veranschaulichen, setzen wir uns vor allem mit der Darstellung im Teil „Lieder“ auseinander.

Es handelt sich um den zweiten Teil der „Jungen Leiden“, das „Lieder“ genannt wird und aus neun Gedichten besteht, wobei sich unser Interesse auf das Gedicht „Morgen steh ich auf und frage“ richtet.

Das vorherige Gedicht schildert ein lyrisches Ich, das „immer nach einer Blume wunderhold“ (S. 94) strebt. Dieses starke Wollen poetisiert die fortwährende Sehnsucht und schlägt sich im steigenden Vers „ich möcht sie nur einmal umfangen“ (ebd.) nieder. Noch stärker ist die Emotion in „Feins Liebchen, liebst du mich?“ (ebd.) Dieser Endvers stellt eine unbeantwortete Frage an die Geliebte, und der Eingang im ersten Gedicht dieses Teils vermittelt den Eindruck eine Antwort anzugeben oder nährt die Hoffnung auf eine zufriedenstellende Antwort. Aber was geschieht bereits am Anfangsgedicht? Darauf kommen wir mit der Interpretation des ersten Gedichts zurück.

Trotzdem soll vermerkt werden, dass die Antwort hier der Kummer ist, und dieser Liebeskummer veranlasst beim Ich ein Hin und Her nach seiner Geliebten. Das zweite Gedicht erregt beim lyrischen Sprecher Unruhe wegen des irrigen Wartens, denn „die Stunden sind aber ein faules Volk“. Im dritten Gedicht geht man vom Kummer über Unzufriedenheit bis zum Leid, denn man stößt auf einen grambefangenen Liebhaber. Das beschriebene leidtragende Herz schweift in das „alte Träumen“ zurück, und es könnte zudem angestrichen werden, dass die Erinnerung an das Geträumte (hier Liebe) im Endvers des Teils „Traumbilder“, den jetzigen Leidenszustand des Ichs verursachen lässt. Das Ich entblößt sich etwa durch das „lyrische Nennen“ (vgl. Lott 1996) im Höhepunkt des Ausdrucks des Leides „dass, ich mit heißem Blute/meine Schmerzen niederschreib“, und es wird sogar vermerkt: „Heinrich Heine blieb stets ein Außenseiter, als Dichter der den Mut fand, `Ich´ zu sagen“ (Scholl 2007: 77). Diese berühmte Strophe Heines lässt die schmerzlichen Emotionen kulminieren und macht mit der biblischen Andeutung „von der Schlange im Paradies“ und „Du brauchst beides, Flamm und Tod“ ein Schuldgefühl aus. Die gesehene und gern gewünschte Geliebte ruft glühende Liebe hervor, wobei die unerwiderte Liebe eher Leid und Todessucht hervorruft. Das lyrische Ich steht mittendrin in voller Zerrissenheit zwischen einem Liebesdrang und langem Gram, das es „ins kühle Grab“ stürzen lässt. Dem inständigen Bitten um Liebe wartet eine lange Enttäuschung entgegen, die aus dem kummervollen Ich todessüchtig macht. Der Tod taucht als Ruhe auf, und der schmerztragende Ich-Sprecher sieht sie als eine Lösung und Erlösung an; er strebt nach Erleichterung, denn „mit dem Tod endet jedes menschliches Märchen“ und vor allem hier stellt sich das besagte Märchen als Schicksal des lyrischen Ichs heraus.

[...]


1 Zur Entstehung dieser Schrift, vgl. Holtzhauer/Klingenberg 1976: 444: „Im Jahre 1827 erschien im Verlag Hoffmann & Campe in Hamburg das `Buch der Lieder´, eine Sammlung lyrischer Texte. Heinrich Heine hatte sie aus seinen bis dahin in verschiedenen Zeitschriften erschienenen Gedichten ausgewählt und kunstvoll zusammengestellt. Dreizehn große Auflagen erreichte dieses Buch zu seinen Lebzeiten. Der durch manche vorangegangene Probe seiner Kunst begründete Ruf als einer der größten Dichter seiner Zeit festigte sich durch das Buch endgültig. […] Der Dichter schrieb zum `Buch der Lieder´ an einen Bekannten: `Einige Freunde dringen darauf, dass ich eine auserlesene Gedichtsammlung, chronologisch streng geordnet und streng gewählt, herausgeben soll, und glauben, dass sie ebenso populär wie die Bürgersche, Goethesche, Uhlandsche usw. werden soll. Diese Einschätzung wurde vollauf bestätigt. Heines Ruhm als lyrischer Dichter näherte sich bald dem Goethes. Als revolutionären, politischen Dichter kannte das bürgerliche Deutschland, wie seine späteren Gedichte zeigten, keinen größeren.“

2 Die Doktorarbeit von Frank Meyer zum Beispiel ist zur Erlangung des Doktorgrades der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Auch ist das Buch von Christine Knackfuß aus dem wirtschaftlichenFachbereich (Marketing)

3 Johann Gottlieb, Fichte: Einleitung zur Philosophie: URL: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Fichte,+Johann+Gottlieb/Erste+Einleitung+in+die+Wissenschaftslehre/Einl eitung Zugriff am 10. 05. 2014 um 9Uhr.

4 Rolf, Hosfeld: Heinrich Heine die Erfindung des europäischen Intellektuellen URl: http://www.randomhouse.de/Buch/Heinrich-Heine-Die-Erfindung-des-europaeischen-Intellektuellen- Biographie/Rolf-Hosfeld/e385828.rhd. Abgefragt am 10.10. 2013 um 12 Uhr.

5 Doris, Wolf: Emotion und Gefühle URL: Http://www.doriswolf.de Zugriff am 17. 07. 2015 um 12Uhr.

6 Dies ist der Nebentitel eines Buches über die Forschungen in Heinrich Heines Schriften, das von Dietmar Goltschnigg, Peter Revers und Charlotte Grollegg-Edler in Berlin 2008 herauskam.

7 Hans Peter, Kraus: „Das Lorelei-Motiv“, URL: http://www.lyrikmond.de/gedicht-340.php Zugegriffen am 15. 07. 2014 um 10 Uhr.

8 Die Gedichte im Kapitel „Junge Leiden“ wurden zwischen 1815-1816/1820 verfasst; das „Lyrische Intermezzo“ zwischen 1821-1822 verfasst; die „Heimkehr“ wurde zwischen 1824-1826 verfasst, „Aus der Harzreise“ und „Die Nordsee“ wurden im Jahre 1824 verfasst.

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung von Gefühlen in Heinrich Heines "Buch der Lieder"
Hochschule
Université de Lomé (anc. Université du Bénin)  (Faculte des lettres et sciences humaines (flesh), departement d’Allemand)
Autor
Jahr
2015
Seiten
89
Katalognummer
V355373
ISBN (eBook)
9783668426962
ISBN (Buch)
9783668426979
Dateigröße
1413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, gefühlen, heinrich, heines, buch, lieder
Arbeit zitieren
Baguèlma Falfa (Autor), 2015, Die Darstellung von Gefühlen in Heinrich Heines "Buch der Lieder", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355373

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Darstellung von Gefühlen in Heinrich Heines "Buch der Lieder"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden