Die bisherige Definition von Pflegebedürftigkeit ist in der Fachwelt und bei den Betroffenen in der Kritik. Ob eine Pflegebedürftigkeit vorliegt ist im bisherigen Verfahren abhängig von der Ermittlung des minutengenauen Zeitaufwands für die pflegerische Versorgung durch Laien. Wird in den für die Pflegebedürftigkeit relevanten Aspekten (Körperpflege, Ernährung, Mobili- tät und hauswirtschaftliche Versorgung) ein zeitlicher Hilfebedarf von wochendurchschnittlich 90 Minuten, wobei 45 Minuten auf die Grundpflege (Körperpflege, Ernährung und Mobilität) anfallen müssen, ermittelt, so ist die Person bisher als pflegebedürftig anzusehen.
Dieses Vorgehen bei der Feststellung von Pflegebedürftigkeit war von Anfang an umstritten. Von Seiten der Pflegewissenschaft ist der Begriff aufgrund seiner sehr verrichtungsbezogenen und körperbezogenen Einseitigkeit als zu eng betrachtet. Pflegewissenschaftlich betrachtet wird Pflegebedürftigkeit als ein Hilfebedarf in Bezug auf ein differenziertes Menschenbild gesehen. Verstärkt hat diese Kritik zudem die Entwicklung der Pflegetheorien in den letzten 20 Jahren, in denen sich die Pflege verstärkt als akademische Wissenschaft wahrnimmt.
Dieses Verfahren hat einen sehr großen Einfluss auf die heutige Pflege und deren methodischen Grundlagen. So orientieren sich Pflegeplanung und Pflegedokumentation stark an den Verrichtungen. Dieser somatisch geprägte Pflegebedürftigkeitsbegriff führte durch den starken Verrichtungsbezug dazu, dass Menschen mit körperlichem Hilfebedarf gegenüber kognitiv und psychisch beeinträchtigten Menschen tendenziell bevorzugt wurden. Zudem ist der Begriff sehr defizitorientiert und nach derzeitigem pflegewissenschaftlichem Wissen nicht ausreichend pflegefachlich fundiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Hintergrund
2 Gesetzlicher Rahmen
3 Neues Begutachtungsassessment (NBA)
Themenmodul 1 – Mobilität
Themenmodul 2 – Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
Themenmodul 3 – Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
Themenmodul 4 – Selbstversorgung
Themenmodul 5 – Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen und Belastungen
Themenmodul 6 – Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte
Ergebnis der Begutachtung
Erhebung weiterer versorgungsrelevanter Informationen
4 Was ändert sich im Rahmen des Qualitätsmanagements?
Pflegegradmanagement
Dokumentation
5 Kritik
Zielsetzung & Themen
Dieses Schulungsskript erläutert das neue Begutachtungsassessment (NBA), das mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz eingeführt wurde, um die Pflegebedürftigkeit stärker an der individuellen Selbstständigkeit auszurichten statt an verrichtungsbezogenen Zeitvorgaben.
- Grundlagen und gesetzliche Rahmenbedingungen des NBA
- Strukturierung der acht Themenmodule zur Begutachtung
- Gewichtung der verschiedenen Module bei der Pflegegradermittlung
- Methodische Aspekte der Punkterhebung und Bewertung
- Konsequenzen für das Qualitätsmanagement und die Pflegedokumentation
Auszug aus dem Buch
1 Hintergrund
Die bisherige Definition von Pflegebedürftigkeit ist in der Fachwelt und bei den Betroffenen in der Kritik. Ob eine Pflegebedürftigkeit vorliegt ist im bisherigen Verfahren abhängig von der Ermittlung des minutengenauen Zeitaufwands für die pflegerische Versorgung durch Laien. Wird in den für die Pflegebedürftigkeit relevanten Aspekten (Körperpflege, Ernährung, Mobilität und hauswirtschaftliche Versorgung) ein zeitlicher Hilfebedarf von wochendurchschnittlich 90 Minuten, wobei 45 Minuten auf die Grundpflege (Körperpflege, Ernährung und Mobilität) anfallen müssen, ermittelt, so ist die Person bisher als pflegebedürftig anzusehen.
Dieses Vorgehen bei der Feststellung von Pflegebedürftigkeit war von Anfang an umstritten. Von Seiten der Pflegewissenschaft ist der Begriff aufgrund seiner sehr verrichtungsbezogenen und körperbezogenen Einseitigkeit als zu eng betrachtet. Pflegewissenschaftlich betrachtet wird Pflegebedürftigkeit als ein Hilfebedarf in Bezug auf ein differenziertes Menschenbild gesehen. Verstärkt hat diese Kritik zudem die Entwicklung der Pflegetheorien in den letzten 20 Jahren, in denen sich die Pflege verstärkt als akademische Wissenschaft wahrnimmt.
Dieses Verfahren hat einen sehr großen Einfluss auf die heutige Pflege und deren methodischen Grundlagen. So orientieren sich Pflegeplanung und Pflegedokumentation stark an den Verrichtungen.
Dieser somatisch geprägte Pflegebedürftigkeitsbegriff führte durch den starken Verrichtungsbezug dazu, dass Menschen mit körperlichem Hilfebedarf gegenüber kognitiv und psychisch beeinträchtigten Menschen tendenziell bevorzugt wurden. Zudem ist der Begriff sehr defizitorientiert und nach derzeitigem pflegewissenschaftlichem Wissen nicht ausreichend pflegefachlich fundiert (Richter, 2016).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Hintergrund: Das Kapitel analysiert die Kritik am bisherigen, verrichtungsbezogenen Pflegebedürftigkeitsbegriff und die Notwendigkeit einer pflegefachlichen Neuausrichtung.
2 Gesetzlicher Rahmen: Es wird die gesetzliche Basis des SGB XI erläutert und die grundlegende Definition der Pflegebedürftigkeit nach dem zweiten Pflegestärkungsgesetz vorgestellt.
3 Neues Begutachtungsassessment (NBA): Das Kernkapitel beschreibt die Module des NBA, deren Gewichtung sowie die methodische Durchführung der Begutachtung.
4 Was ändert sich im Rahmen des Qualitätsmanagements?: Das Kapitel behandelt die Auswirkungen auf das Pflegegradmanagement und stellt neue Anforderungen an eine moderne Pflegedokumentation dar.
5 Kritik: Hier werden fachliche Herausforderungen und wissenschaftliche Mängel des neuen Begutachtungsverfahrens kritisch hinterfragt.
Schlüsselwörter
Neues Begutachtungsassessment, NBA, Pflegebedürftigkeit, Pflegestärkungsgesetz, Pflegegrad, Selbstständigkeit, Pflegedokumentation, Qualitätsmanagement, Themenmodule, Begutachtung, Pflegewissenschaft, Assessment, Hilfebedarf, Pflegetheorien, SGB XI
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Skript grundlegend?
Das Skript bietet eine fundierte Einführung in das „Neue Begutachtungsassessment“ (NBA), welches die Grundlage für die Bestimmung des Pflegegrades darstellt.
Welche zentralen Themenbereiche deckt die Arbeit ab?
Die Arbeit behandelt die gesetzlichen Grundlagen, die acht spezifischen Themenmodule der Begutachtung, die Punktesystematik sowie die Auswirkungen auf das Qualitätsmanagement in Pflegeeinrichtungen.
Was ist das primäre Ziel der neuen Begutachtung?
Das primäre Ziel ist es, den Grad der Selbstständigkeit einer Person zu erfassen, anstatt lediglich verrichtungsbezogene Zeitwerte für die Pflege zu ermitteln.
Welche wissenschaftliche Methodik liegt dem NBA zugrunde?
Das NBA nutzt ein modulares Bewertungsverfahren, das die Einschränkungen der Selbstständigkeit in verschiedenen Lebensbereichen durch ein gewichtetes Punktesystem quantifiziert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil erläutert jedes einzelne Themenmodul (von Mobilität bis Haushaltsführung) und deren spezifische Kriterien sowie die Überführung der Punkte in den entsprechenden Pflegegrad.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diesen Ansatz?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Pflegegrad, Selbstständigkeit, Modulbewertung, verrichtungsunabhängige Begutachtung und Qualitätssicherung.
Warum wird der Fokus von der "Zeit" zur "Selbstständigkeit" verschoben?
Der Fokus wurde verschoben, um Menschen mit kognitiven oder psychischen Einschränkungen im Vergleich zu rein körperlich beeinträchtigten Personen gerechter zu beurteilen, da der alte Begriff als zu defizitorientiert und verrichtungsbezogen galt.
Welche Rolle spielt das Pflegestärkungsgesetz für die Dokumentation?
Das Gesetz erfordert einen Perspektivwechsel weg von der bürokratischen Nachweise einzelner Verrichtungen hin zu einer an der individuellen Pflegebedürftigkeit orientierten Dokumentationsstrategie.
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- Martin M. Müller (Author), 2016, Neues Begutachtungsassessment (NBA). Ein Schulungsskript, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355446