Schwärmerei und weibliche Vernunft? Geschlechtersemantik in Chrisoph Martin Wielands Dichtung "Musarion oder die Philosophie der Grazien"


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wandel der Geschlechtersemantik am Übergang zur Moderne
2.1. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft und die „negative Andrologie“
2.2. Interaktion und die integrierende Funktion des Weiblichen

3. Christoph Martin WielandsMusarion
3.1. Schwärmerei
3.2. Die Philosophie der Grazien und die weibliche Vernunft

4. Aufklärung, Frauenemanzipation und Geschlechtersemantik
4.1. Geschlechtersemantik der Sattelzeit beiMusarion.

5. Ein biographischer Bezug

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zu seinen Lebzeiten war er ein vielgelesener, gefeierter aber auch kritisierter Autor. Der Konflikt zwischen einer einschränkenden Gesellschaft und extremer Ideologien einerseits und der persönlichen Freiheit und Vernunft andererseits waren die Themen Christoph Martin Wielands (1733-1813). Er stand für Toleranz, einen europäischen Kulturbegriff und die Emanzipation der Frau, und wurde während des 19. Jahrhunderts, in Zeiten wachsendem Nationalismus, Rassismus und Prüderie, als undeutsch und unsittlich aus dem Kanon der Klassiker ausgeschlossen. Erst nach 1945 fand er wieder die Beachtung der Literaturwissenschaft.[1]

Thema dieser Arbeit ist Wielands VerserzählungMusarion oder die Philosophie der Grazien. Im Mittelpunkt stehen die handelnden Personen in ihrer Rolle als Männer und Frauen. Die Arbeit von Christoph Kucklick[2]soll dabei die Richtung weisen. Er hat die Geschlechtersemantik der Sattelzeit (ca. 1750-1830) erforscht, d.h. in welcher Weise über Männer und Frauen und ihre Natur gedacht, geschrieben und gesprochen wurde und welche Erwartungen die Gesellschaft an sie hatte. Seine Thesen werden im ersten Teil erläutert. Der zweite Teil befasst sich mit der Erzählung Wielands, seiner Vorstellung von der ‚Schwärmerei‘, die in der Erzählung als falsch verstandene Philosophie eine wichtige Rolle spielt und seiner Vorstellung eines gelingenden Lebens, personifiziert in Musarion und ihrer Philosophie der Grazien. Der dritte Teil versucht eine Antwort auf die Frage zu geben, ob und in welcher Form die zeitgenössische Geschlechtersemantik inMusarionzum Ausdruck kommt.

2. Wandel der Geschlechtersemantik am Übergang zur Moderne

Die Gender Studies, die sich der historischen Entwicklung des Verhältnisses von Männern und Frauen, den gegenseitigen Zuschreibungen und den gesellschaftlichen Rollenzuweisungen zuwenden, kommen in aller Regel zu dem Schluss, dass die schon seit Jahrhunderten bestehende Herrschaft des Mannes über die Frau in der Zeit zwischen 1750 und 1850 weiter gefestigt und ausgebaut worden sei. Vernunft sei ausschließlich eine Begabung des Mannes. Die Frau sei als Naturwesen von aller gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen und auf ihre Funktion als Hüterin des Hauses und Mutter der Kinder reduziert. ‚Mann‘ sei ein Synonym für ‚Mensch‘, die Frau eine menschliche Schwundform. Das Selbstbild des Mannes als perfekte Krone der Schöpfung führe notwendig zu einer Geschlechterhierarchie mit ihm selbst an der Spitze.[3]Christoph Kucklick[4]stellt diese Thesen in Frage. Er bemerkt für die Zeit um 1800, der Sattelzeit, einen Wandel der Bilder und Diskurse, die sich um Männlichkeit und Weiblichkeit drehen. In der vormodernen stratifizierten Gesellschaft hatte ein Geschlechterverhältnis, wie später in der Moderne, keine große Bedeutung. Wichtiger war der vorbestimmte Platz des Einzelnen in der Hierarchie der Gesellschaft. Eine ständeübergreifende Geschlechtsidentität war noch nicht denkbar. Konstituierend für die Ständegesellschaft war eine unangreifbare Spitze, die ein adeliger Mann, der Fürst, einnahm. Die Richtigkeit und Unbezweifelbarkeit dieser Gesellschaft wurde repräsentiert von der Würde, der Tugend und des Heldentums des Mannes an der Spitze. Diese hierarchische Gesellschaft wies der Frau zwangsläufig eine niedere Position an. Sie musste wegen ihrer Unzuverlässigkeit und Triebhaftigkeit vom Mann beherrscht werden.[5]

2.1. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft und die „negative Andrologie“

Das 18. Jhdt. entwickelte andere[6] Vorstellungen vom Mann. Die Natur des Mannes war jetzt potenziell gesellschaftsschädigend. Er galt als triebhaft, gewalttätig und egoistisch. Um ihn überhaupt sozial verträglich zu machen, bedurfte es der Erziehung durch die Frau. Während dieses Männerbild um 1750 erst in Spuren erscheint, ist es um 1800 bereits allgemein anerkannte Überzeugung[7]. Kucklick fragt bei seiner Untersuchung nicht nach der Macht. Er bestreitet nicht, dass Männer die wirtschaftliche und politische Macht besaßen. Er fragt aber stattdessen nach der Semantik, der Gesamtheit des Wissens und des vermeintlichen Wissens, der Stereotypen, Bilder und Vorurteile, dem herrschenden Diskurs darüber, was Männer und Frauen sind und sein sollen. Er verwendet für die Semantik des Männlichen den Begriff „Andrologie“[8].

Der Wandel der Geschlechtersemantik um 1800 geschieht weder zufällig noch wird er absichtlich durch wen auch immer herbeigeführt. Semantik ist abhängig von den grundlegenden Strukturen der Gesellschaft, die in dieser Zeit der entstehenden Moderne ebenfalls grundlegende Wandlungen erfahren. Niklas Luhmann erkennt zunehmende Komplexität als ein wesentliches Merkmal der modernen Gesellschaft, eine Komplexität, die ihre Ursache in ihrer zunehmenden Differenzierung gründet. Jedoch differenziert sich die Gesellschaft nicht beliebig, etwa in der Form einer immer weiter zunehmenden Verfeinerung der Strata der alten ständischen Gesellschaft. Die Differenzierung betrifft ihre Grundlage. Sie wandelt sich hin zu einer funktionalen Differenzierung[9]in Teilsysteme, die gleichberechtigt nebeneinander und unabhängig voneinander für ihren Bereich alleinige Geltung beanspruchen.[10]Es gibt kein System mehr, das allein über dem anderen steht, wie es in der vorausgegangenen stratifikatorischen Gesellschaft noch galt: Das Teilsystem Religion beherrschte die Semantik aller anderen Bereiche der Gesellschaft. In der Moderne ist es jetzt nicht mehr möglich, z.B. eine Aussage des Teilsystems Wissenschaft mit Mitteln der Religion zu widerlegen. Konnte sich das Individuum in der Vormoderne noch als ‚ganzer Mensch‘ an seinem Platz in der Gesellschaft wiederfinden, greifen die Funktionssysteme nur noch auf Teile des Individuums zurück. Im Teilsystem Wirtschaft ist der Mensch nur Ökonom, denkt und handelt ausschließlich in den Kategorien der Wirtschaft. Vergleichbares gilt für alle anderen Teilsysteme. Handelnde und Behandelte in diesen Systemen der Öffentlichkeit sind in aller Regel Männer. Sie genießen einerseits den Vorteil der Moderne, indem sie frei und selbstbestimmt die Möglichkeiten der Moderne nutzen konnten. Andererseits erfahren sie hier auch die Fragmentierung der Gesellschaft als Fragmentierung der eigenen Person und eine Fremdbestimmung ihres Lebens durch anonyme Mächte.[11]Die zunehmende Komplexität und Zwiespältigkeit der Bewertung der Moderne war auch den Zeitgenossen schon bewusst und konnte mit der Rolle des Mannes in der Gesellschaft in Beziehung gesetzt werden. So, wie sich die Moderne auf kein übergeordnetes System mehr bezog, war auch der Mann allein auf sich bezogen. Ohne irgendwelche schon von Gott oder der Natur vorgegebene Bestimmung ist der Mann leer und unbestimmt und muss sich aus sich selbst heraus definieren. Die fehlende moralische Verankerung und Zielsetzung macht den Mann anschlussfähig an die jeweils unterschiedlichen Anforderungen der Funktionssysteme.[12]Alte Vorstellungen vom wilden Waldmenschen, der als gefährliche Seite der Männlichkeit aber eine „Außenseiter-Männlichkeit“[13]repräsentierte, wurden ob der fehlenden inneren Moralität zum allgemein gültigen Begriff des männlichen Naturzustandes. Männlichkeit wurde zum Symbol für die als negativ erfahrenen Seiten der modernen Gesellschaft.

2.2. Interaktion und die integrierende Funktion des Weiblichen

Es gab jedoch auch einen ‚heilen‘ Bereich, in dem auch der Mann wieder seine Menschlichkeit erleben durfte. Es ist der Bereich der Interaktion, des direkten zwischenmenschlichen Kontakts, unbeeinflusst von den Funktionssystemen der Gesellschaft. Interaktion findet in der Geselligkeit statt. Ihre Orte sind z.B. die Salons, in denen Personen ohne Ansehen ihres Standes zusammentreffen und sich austauschen konnten. Der wichtigste Ort ist aber die Familie. In beiden Bereichen bestimmten Frauen Art und Weise der Kommunikation.[14]Weiblichkeit wurde so zum Symbol der Interaktion. Sie wurde zu der Instanz, die allein in der Lage war, aus einer scheinbar außerhalb der Gesellschaft stehenden Position diese mit Liebe, Zivilisation, Kultur und Wärme zu versorgen. In dieser „kalorischen Metaphorik“[15]wurde die Kälte des Technischen, Effizienten, der Anonymität und Gewalt der funktional differenzierten Gesellschaft mit dem Männlichen verbunden. Mit Hilfe der Symbolisierung von Gesellschaft und Interaktion durch Männlichkeit und Weiblichkeit konnte sich Gesellschaft um 1800 die Veränderungen durch die Moderne verständlich machen.

Der Wandel von der stratifikatorischen zur funktionell differenzierten Gesellschaft vollzog sich nicht innerhalb weniger Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts, wie es diese sehr kurze Darstellung vielleicht vermuten lassen kann. Tatsächlich war er bereits seit Beginn der Neuzeit im Gang. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war er aber so weit fortgeschritten, dass alte Semantiken dafür keine befriedigenden Erklärungen mehr anbieten konnten. Die Akteure der Funktionssysteme, Angehörige der entstehenden bürgerlichen Schicht[16], waren jetzt in der Lage, ihre Wertvorstellungen gegenüber dem Adel durchzusetzen, z.B. ersetzten Begriffe wie Respekt vor persönlicher Leistung die Ehrerbietung vor der Herkunft.[17]Auch wenn eine politische Teilhabe noch nicht erreicht wurde: Um 1800 hatte eine bürgerliche Schicht bereits die Diskurshoheit errungen. Auch Adelige mussten sich zunehmend bürgerlichen Konventionen unterordnen und z.B. die weiblichen Kommunikationsregeln in den Salons anerkennen, wenn sie dort verkehren wollten.

Männer können zu nützlichen und sozial verträglichen Mitgliedern der Gesellschaft werden, wenn sie sich in die Hände einer Frau begeben, also heiraten. Deswegen werden bestimmte Männer besonders kritisiert, da sie sich der Ehe entziehen. Kucklick identifiziert in der zeitgenössischen Literatur „de[n] Soldat, de[n] Geistliche[n], de[n] Hagestolz, de[n] Onanist, de[n] Philosoph, und de[n] Verführer.“[18]Für diese Arbeit ist besonders die Figur des Philosophen von Interesse. Um 1800 ist der Philosoph ein „Prototyp der Unmoral“[19]wegen „einer Vernunft, die er nicht kontrollieren kann.“[20].

[...]


[1]Vgl. Schaefer, S.1ff und Lautwein, S.11f.

[2]Kucklick, Die Geburt der negativen Andrologie.

[3]In diesem Absatz beziehe ich mich auf Kucklick, S. 13ff, wo er auch eine Auswahl gegenwärtiger genderwissenschaftlicher Literatur präsentiert.

[4]Kucklick: Das unmoralische Geschlecht.

[5]Vgl. ebd. S. 58f.

[6]Ebd. S. 26.

[7]Vgl. Kucklick S.12.

[8]Vgl. ebd. S. 26, Kucklicks Begriff der Semantik schließt an Luhmann an.

[9]Vgl. ebd. S. 28.

[10]Vgl. ebd. S. 212.

[11]Vgl. Kucklick S. 141f.

[12]Vgl. ebd. S. 66f.

[13]Ebd. S. 49.

[14]Vgl. Kucklick S. 219f.

[15] Ebd. S. 232.

[16]Die Frage, was eigentlich ein Bürger ist, kann an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Nur so viel: Bürgerlichkeit ist an selbst geschaffenen Besitz und Bildung gebunden. Das Bürgertum ist eine städtische Gruppe, zu der neben reichen Händlern und Industriellen auch freie Berufe, Richter, Professoren und Beamte gehörten. Ihr Anteil an der Bevölkerung lag bei ca. 5%. Vgl. Osterhammel, S. 1080 und 1086.

[17]Vgl. Ebd. S. 1085.

[18]Kucklick, S. 198.

[19]Ebd. S. 203.

[20]Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Schwärmerei und weibliche Vernunft? Geschlechtersemantik in Chrisoph Martin Wielands Dichtung "Musarion oder die Philosophie der Grazien"
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V355452
ISBN (eBook)
9783668413337
ISBN (Buch)
9783668413344
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musarion, Geschlechtersemantik, Gender, Klassik, Christoph Martin Wieland, Christoph Kucklick
Arbeit zitieren
Christian Neumann (Autor), 2016, Schwärmerei und weibliche Vernunft? Geschlechtersemantik in Chrisoph Martin Wielands Dichtung "Musarion oder die Philosophie der Grazien", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355452

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Schwärmerei und weibliche Vernunft? Geschlechtersemantik in Chrisoph Martin Wielands Dichtung "Musarion oder die Philosophie der Grazien"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden