Das Karussell von Rainer Maria Rilke

Gedichtinterpretation


Rezension / Literaturbericht, 2017
5 Seiten, Note: 2,00

Leseprobe

Übungsaufsatz- „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke

Fangen spielen. Dies ist und bleibt wahrscheinlich immer eine der Lieblingsbeschäftigungen von Kindern. Sie rennen einander hinterher, stundenlang und ohne Ziel. Schreiend und lachend verfolgt ein Kind ein anderes, nur um im Anschluss selbst wegzurennen. Es stört sie nicht, dass es regnet, sie hinfallen oder stolpern. Für diese jungen Menschen zählt nur die Freude im Jetzt und hier. So spielen die Kinder unbeschwert auf den Straßen, Zuhause oder im Park und vergessen die Welt um sich. Dabei stehen ihre Eltern nur daneben und beobachten das für sie unsinnige Spiel. Der Spaß den ihre Töchter und Söhne haben, können sie nicht mehr verstehen. Stattdessen diskutieren die Erwachsenen lieber über die trockenen Themen des Alltags, wie Politik und Arbeitsleben. Die Sichtweise auf die Dinge der Welt und das Leben unterscheidet sich also deutlich von der Auffassung der Kinder. Auch das Gedicht „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke beschäftigt sich mit diesem Thema. Für das lyrische Ich in diesem Gedicht, welches eindeutig der Gruppe der Erwachsenen zuzuordnen ist, gilt die Kindheit als unwiederbringbar und verschwendete Zeit.

„Das Karussell“ handelt von eben diesem Erwachsenen, der ein Karussell im Jardin du Luxembourg beobachtet, auf dem Kinder sich die Zeit vertreiben um Spaß zu haben.

Es ist in 7 Strophen aufgeteilt, zu je unterschiedlicher Versanzahl. Die erste Strophe besteht aus acht Versen und die zweite und dritte Strophe aus jeweils drei Versen. Auf die vierte Strophe, einem Einzeiler, folgt eine Strophe, die sich aus vier Versen zusammensetzt. Nach dem sechsten Abschnitt, der erneut ein Einzeiler ist, endet das Gedicht mit einer aus sieben Versen bestehenden Strophe.

In der 1. Strophe beobachtet das lyrische Ich zuerst die Gesamtsituation von weiter weg. Als Außenstehender sieht es die Drehung des Karussells und erkennt aber dann schon einzelne Tiere auf diesem, wie einen Löwen oder einen weißen Elefanten. Zudem beschreibt er auch die Mimik der Tiere, was darauf hindeutet, dass das Karussell erst langsam anfährt.

Die 2. Strophe, welche die Verse 9-11 umfasst, beschreibt nun ein Mädchen auf einem Hirsch. Auch dieses wird detailliert dargelegt, jedoch ohne ihre Gesichtsausdrücke. Folglich besitzt das Karussell nun eine höhere Geschwindigkeit. Ebenfalls befindet sich ein freudiger, aufgeregter Junge auf einem Löwen, was in der 3. Strophe erwähnt wird.

In der 4. Strophe sieht der Beobachter erneut den weißen Elefanten. Daraus lässt sich schließen, dass sich das Karussell eine Runde gedreht hat.

Des Weiteren befinden sich auch schon etwas ältere Mädchen auf Pferden des Karussells. Diese schauen zum lyrischen Ich herüber (Strophe 5). Nun ist das Karussell deutlich schneller als zuvor, da keine wirklichen Details mehr beschrieben werden.

Danach erkennt man in dem zweiten Einzeiler wieder den weißen Elefanten.

Die letzte Strophe beschreibt das Ende der Fahrt und die Gedanken, die der Erwachsene beim Beobachten dieses Karussells hat. Das Fahren mit dem Karussell hat für ihn kein Ziel. Es handelt sich lediglich um verschwendete Zeit für ein Spiel.

Das gesamte Gedicht spiegelt die Eindrücke und Reflexionen des lyrischen-Ichs wider. Es handelt sich also um einen Monolog. Somit hat es keinen wirklichen Adressaten, sondern vermittelt lediglich einen Einblick auf das Innere des Beobachters und dessen Blick auf das Karussell. So wird zuerst allgemein die Situation im Jardin du Luxembourg beschrieben und im Anschluss detailliert das Karussell selbst, wohingegen am Ende des Gedichts das Bild des Karussells verschwimmt und die Gedanken des lyrischen Ichs aufgezeigt werden.

Das Karussell soll in diesem Gedicht die Kindheit symbolisieren, da sowohl eine Karussellfahrt in den Augen der Kinder, als auch die Kindheit aus der Sicht eines Erwachsenen schnell vergeht. Jedoch können Erwachsene die kindliche Freude nicht mehr nachvollziehen. Auch sprachlich lässt sich diese Symbolik des Karussells und seine Veränderung, bezogen auf die Geschwindigkeit, erkennen.

So wird die Kreisbewegung des Karussells durch verschiedene sprachliche Mittel verdeutlicht. Zum einen werden viele Verse miteinander verknüpft, indem die Sätze nicht am Ende einer Zeile enden, sondern erst in der Nächsten. Diese Enjambements sind vor allem in der ersten Hälfte des Gedichts zu finden (Vgl. Vers 1-3, 10-11, 12-13). Dadurch entsteht ein fließender Übergang von Vers zu Vers, der die einheitliche Drehung des Karussells symbolisiert. Zudem erkennt man auch an der Anzahl der Verse die Geschwindigkeit und die kreisende Bewegung. Die erste Strophe besteht noch aus acht Versen, wobei im letzten erst der „weiße Elefant“ am Beobachter vorbeikommt. Im Anschluss sind es schon nur noch sechs Verse bis der Elefant erneut auftaucht und somit also eine Runde der Karussellfahrt vorbei ist. Dieser Abstand zwischen den Elefanten verkürzt sich noch weiter bis auf vier Verse, sodass das Tier im 20. Vers schon wiederauftaucht. Das mehrmalige nennen und sehen dieses Objekts deutet also auf die fließende Kreisbewegung des Karussells hin, welche jedoch immer schneller wird, da der Abstand zwischen den Elefanten sich immer weiter verringert. So fährt es in der ersten Strophe noch sehr langsam, wohingegen es zur fünften Strophe des Gedichts bereits eine hohe Geschwindigkeit besitzt. Diese Änderung lässt sich auch an der Wortwahl, die Rainer Maria Rilke hier verwendet hat, erkennen. Im oberen Teil des Gedichts sind viele langgesprochene Vokale, Umlaute bzw. Diphthonge vorzufinden. Das lyrische-Ich spricht von „einem Dach und seinem Schatten“ (V. 1) und einem bösen roten Löwen (Vgl. V. 7). So ist der Leser dazu gezwungen die Wörter langsam auszusprechen, um den Sinn des Gedichts zu verstehen. Durch diese Art der Verwendung von Wörtern und ihren Vokalen lässt sich auch erkennen zu welchem Zeitpunkt das Karussell die Höchstgeschwindigkeit erreicht hat. Dies geschieht also zu Beginn der letzten Strophe. Die Wortwahl ist meist einsilbig und kurz. Es werden die Farben beschrieben: „Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet“ (V. 23). Diese Aufzählung ist kurz und prägnant, sodass der Leser weiß, auf dem Karussell lässt sich nicht viel mehr erkennen als die ineinander verschwimmenden Farben. Als Kontrast dazu stehen die letzten Verse. Dort sind die meisten Wörter mehrsilbig und erneut mit langgesprochenen Vokalen. Beispielsweise ist das Lächeln eines der Kinder auf dem Karussell „ein seliges, das blendet und verschwendet“ (V. 26). Dieser Gebrauch der Worte deutet auf das Ende der Fahrt hin und somit auf die immer langsamer werdende Drehgeschwindigkeit. Ganz am Ende des letzten Verses des Gesamten Gedichts befinden sich drei Punkte. Dies weist auf die erneuten Fahrten hin die noch kommen werden. Das Karussell wird sich jeden Tag mehrmals in Bewegung setzen mit lachenden Kindern darauf und jedes Mal aufs Neue fährt es langsam an, wird dann immer schneller und bleibt schließlich irgendwann stehen. Das lyrische Ich bezeichnet dies als ein „atemlose[s] blinde[s] Spiel“ (V. 27) ohne Ziel (Vgl. V. 22). Durch diese Personifikation wird deutlich, wie tief die Kinder in die Karussellfahrt eingetaucht sind. Sie sind in ihrer eigenen neuen Welt, nur mit den Tieren des Karussells auf denen sie reiten. Der Beobachter versteht als Erwachsener nicht, wie Kinder, wie beispielsweise der Junge auf dem Löwen (Vgl. V. 12 f.), so viel Freude und Aufregung empfinden können, obwohl die Fahrt auf dem Karussell doch so sinnlos erscheint. Der Bezug zu seiner eigenen Kindheit ist völlig verloren gegangen, da es sich nicht in die Sichtweise der Kinder auf dem Karussell hereinversetzen kann, trotz seiner eigenen Erfahrungen und Erlebnisse als Kind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Das Karussell von Rainer Maria Rilke
Untertitel
Gedichtinterpretation
Note
2,00
Autor
Jahr
2017
Seiten
5
Katalognummer
V355457
ISBN (eBook)
9783668431782
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gedicht, Rilke, Karussell
Arbeit zitieren
Christina Schmidt (Autor), 2017, Das Karussell von Rainer Maria Rilke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355457

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