Englisch und Anglizismen in Quebec


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
28 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Umgang mit dem Englischen
2.1. Die Charte de la Langue Française
2.1.1. Französisch als die offizielle Sprache
2.1.2. Unterrichtssprache
2.1.3. Sprache auf Plakaten, Schildern und Aushängen
2.1.4. Arbeitssprache
2.2. Werden die Anglophonen sprachlich unterdrückt?
2.2.1. In der Verfassung festgeschriebene Rechte
2.2.2. Schulwesen
2.2.3. Die Rechte in der Administration
2.2.4. Sanitätswesen
2.2.5. Arbeitssprache

3. Anglizismen
3.1. Definition
3.2. Vorkommen und Frequenz von Anglizismen
3.3. Kurze Testreihe zum Vorkommen von Anglizismen
3.4. Aussprache von Anglizismen
3.5. Akzeptanz von Anglizismen
3.5.1. vom OLF
3.5.2. von den Sprechern
3.6. Typisierung von Anglizismen
3.6.1. Orthographische Anglizismen
3.6.2. Typographische Anglizismen
3.6.3. Lexikalische Anglizismen
3.6.4. Semantische Anglizismen
3.6.5. Morphologische Anglizismen
3.6.6. Kulturanglizismen
3.6.7. Syntagmatische Anglizismen
3.6.8. Syntaktische Anglizismen

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

6. Quellen im Internet

1. Einleitung

Die Diskussion um die Entstehung und Verbreitung von Anglizismen ist sicher nicht nur im Bezug auf die französische Sprache ein Thema. Auch die deutsche Sprache hat mit diesem Phänomen zu „kämpfen“ und sie steht nicht allein.

Die Provinz Québec befindet sich aber anders als Deutschland oder Frankreich in einer besonderen geographischen und sprachlichen Situation. Der anglophone Einfluss stammt nicht nur vom Nachbarland her, nein, Québec stellt sozusagen eine frankophone Insel in einem anglophonen Meer dar. Dementsprechend größer ist der Einfluss des Englischen, der auf das Französische in Québec einwirkt.

Obwohl mit der „Loi 101“, der „Charte de la Langue Française“, Québec seit 1977 offiziell zu einem einsprachig französischen Territorium erklärt worden ist, fordert die in der Provinz lebende anglophone Minderheit mehr sprachliche Rechte. Sie sieht sich von den Frankophonen unterdrückt.

Im ersten Teil meiner Hausarbeit möchte ich klären, wie in Québec mit dem Englischen umgegangen wird. Dazu werde ich exemplarisch auf einige Punkte in der „Charte de la Langue française“ eingehen und überprüfen, welche sprachlichen Rechte die Anglophonen haben und ob man von einer Unterdrückung tatsächlich sprechen kann. Ich stelle ebenso einige sprachliche Rechte der Anglophonen vor, um diskutieren zu können, ob sie benachteiligt werden, vor allem wenn man ihre Rechte als Minderheit in Québec mit den Rechten der frankophonen Minderheit außerhalb Québecs vergleicht.

Im zweiten Teil der Arbeit beschäftige ich mich mit den Anglizismen, die im Français québécois entstanden sind. Zunächst gehe ich auf ihre Frequenz und ihr Vorkommen ein, um zu prüfen, ob die Angst vor der Anglisierung des Français québécois begründet ist. Danach folgt ein Kapitel zur phonologischen Integration und Akzeptanz von Anglizismen. Werden die Anglizismen in erster Linie von den frankophonen Sprechern oder dem Office de la langue française (OLF) abgelehnt? Steht man den Anglizismen in Québec grundsätzlich negativ gegenüber oder gibt es Ausnahmen?

Die verschiedenen Typen von Anglizismen möchte ich daran im Anschluss vorstellen, denn zu den Anglizismen zählen nicht nur die einfach zu erkennenden lexikalischen, sondern gerade die strukturellen Anglizismen, welche oftmals noch nicht einmal von den frankophonen Sprechern als solche erkannt werden, sind eine genauere Betrachtung wert. Ich hoffe, mit dieser Arbeit einen verständlichen Überblick über den Sprachenstreit in Québec und den Einfluss der englischen Sprache auf das Français québécois geben zu können.

2. Der Umgang mit dem Englischen

2.1. Die Charte de la Langue française

Nach dem Wahlsieg der „Parti québécois“ im November 1976 fand eine deutliche Wende in der Sprachenpolitik Québecs statt. Québec wurde 1977 mit der „Loi 101“, der „Charte de la Langue française“ offiziell zu einem einsprachig französischen Territorium.

Bereits 1974 machte die „Loi sur la langue officielle“ das Französische zur offiziellen Sprache in Québec und verfügte zum Beispiel, dass auf öffentlichen Aushängen und Plakaten das Französische zu verwenden sei. Außerdem wurden Unternehmen dazu verpflichtet, Französierungsprogramme einzuführen und der Zugang zu englischsprachigen Schulen wurde von ausreichenden Sprachkenntnissen abhängig gemacht. Diese Bestimmungen der „Loi sur la langue officielle“ wurden in der „Charte de la Langue française“ noch verschärft. Es ist zwar eher ungewöhnlich, die Sprache der Mehrheit mit einem Gesetz zu schützen, doch gerade weil die Anglophonen im gesamten Kanada die Mehrheit bilden und der Status des Englischen gleich einer Minderheitensprache in Québec neu war, hielten die frankophonen Québécois dies für notwendig.

[...] on comprend dès lors comment naquit au Québec la volonté de protéger par une loi la langue de la majorité, ce qui est bien rare, avouons-le, et parfois même humiliant. Mais cette majorité québécoise est elle-même minoritaire dans l’ensemble canadien.[1]

Um die Durchführung der neuen Bestimmungen überprüfen und gewährleisten zu können, wurden drei Institutionen gegründet: das „Office de la langue française“, der „Conseil de la langue française“ und die „Commission de surveillance“.

Die Charte ist heute noch offiziell gültig, allerdings mussten im Laufe der Zeit mehrere Artikel geändert werden. Die heute gültige Version der Charte stammt von 1993.

2.1.1. Französisch als die offizielle Sprache

Der Artikel 1 der „Charte de la Langue Française“ verkündet, dass das Französische die offizielle Sprache Québecs ist.

Article 1: „Le Français est la langue officielle du Québec.“

Dieses Gesetz geht noch viel weiter als die vorhergehende Loi 22 aus der „Loi sur la langue officielle“ von 1974, da das Französische auf allen Gebieten erzwungen wird. Das Französische wird Sprache der Gesetzgebung, der Justiz, der Verwaltung, Arbeitssprache, Sprache der Wirtschaft und des Handels, Unterrichtssprache und die Sprache, die auf Plakaten zu verwenden ist, kurz, es wird die Sprache für alle, für alles, überall. „Bref, c’est la langue pour tous, pour tout, partout.“[2]

2.1.2. Unterrichtssprache

Laut Artikel 72 der Charte soll der Unterricht generell auf Französisch stattfinden.

Article 72: „L‘enseignement se donne en français dans les classes maternelles, dans les écoles primaires et secondaires sous réserve des exceptions prévues au présent chapitre“

Das Gesetz verhindert jedoch nicht einen Unterricht in englischer Sprache, wenn dieser

dazu dienen soll, das Erlernen der Sprache zu fördern. Kinder können auch

englischsprachigen Unterricht erhalten, wenn sie eine der folgenden Bedingungen erfüllen.

1. Vater oder Mutter haben englischsprachigen Unterricht in Kanada erhalten
2. die Kinder erhielten vor in Kraft treten des Gesetzes 1977 englischsprachigen Unterricht
3. Kinder haben ältere Geschwister, die englischsprachigen Unterricht erhalten haben

Kinder, die erhebliche Lernschwierigkeiten haben, können ebenfalls auf Antrag der Eltern eine englischsprachige Schule besuchen, ebenso wie deren jüngere Geschwister.

2.1.3. Sprache auf Plakaten, Schildern und Aushängen

Die Artikel 58-60 der Charte legen fest, dass Französisch die Sprache auf Plakaten, Schildern und Aushängen sein soll. Dieses Gesetz musste jedoch 1993 modifiziert werden.

Ursprünglich lautete das Gesetz folgendermaßen:

Article 58: „L’affichage et la publicité commerciale se font uniquement dans la langue officielle.“

Die modifizierte Version von 1993 lautet:

Article 58: „L’affichage public et la publicité commerciale doivent se faire en français. Ils peuvent également être faits à la fois en français et dans une autre langue pourvu que le français y figure de façon nettement prédominante.“

Es ist also durchaus eine andere Sprache auf Plakaten erlaubt, solange das Französische dominiert. Ebenfalls betroffen von diesem Gesetz sind die Straßenschilder in Québec, die bis heute ausschließlich in französischer Sprache sind.

2.1.4. Arbeitssprache

Die Artikel 41-50 der „Loi 101“ befassen sich mit der Arbeitssprache. Demnach werden Stellenangebote und Beförderungen in französischer Sprache verfasst, ebenso wie alle anderen Mitteilungen, die der Arbeitgeber seinen Angestellten zu machen hat. Betrifft eine Stellenanzeige einen Posten in der Verwaltung, muss die Anzeige in jedem Fall in einer französischsprachigen Zeitung erscheinen.

Es ist einem Arbeitgeber verboten, einen Mitarbeiter zu entlassen oder zu versetzen mit der Begründung, dass dieser nur Französisch und keine weitere Sprache spricht. Er darf auch nicht die Kenntnis einer weiteren Sprache für eine Stelle voraussetzen, wenn der Posten sie nicht unbedingt erfordert. Erfordert die Stelle nach Meinung des Arbeitgebers die Kenntnis einer Fremdsprache, muss dieser das sogar eventuell beim Office de la langue française beweisen können.

Article 46: „Il est interdit à un employeur d’exiger pour l’accès à un emploi ou à un poste la connaissance d’une langue autre que la langue officielle, à moins que l’accomplissement de la tâche ne nécessite la connaissance de cette autre langue.

Il incombe à l’employeur de prouver à la personne intéressée, à l’association de salariés intéressée ou, le cas échéant, à l’Office de la langue française que la connaissance de l’autre langue est nécessaire. L’Office de la langue française a compétence pour trancher le litige, le cas échéant.“

In der Realität sieht es jedoch immer noch so aus, dass 40% der Arbeitgeber in der Region um Montréal noch die englische Sprache für eine Stelle voraussetzen.[3]

2.2. Werden die Anglophonen sprachlich unterdrückt?

Als die nationalistische „Parti québécois“ 1976 an die Macht kam und die „Charte de la Langue française“ ein Jahr später verabschiedet wurde, haben viele Anglophone beschlossen, Québec eher zu verlassen, als sich mit dem neuen Status einer sprachlichen Minderheit abzufinden. Sicher sind viele auch aus wirtschaftlichen Gründen weggegangen, doch manche aus Protest. Jedenfalls stieg, wie aus Tabelle 1 ersichtlich wird, die Zahl der Anglophonen, die die Provinz verlassen haben, nach 1977 erheblich an.

Tabelle 1: Bilan migratoire

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Caldwell, Gary. 1994. La question du Québec anglais. Québec: Institut Québécois de recherche sur

la Culture

Während der Jahre, die der Billigung der „Loi 101“ folgten, startete die anglophone Presse eine heftige Revolte gegen die frankophone Mehrheit, so dass viele an die sprachliche Unterdrückung geglaubt haben. Viele Anglophone in Québec sind sogar davon überzeugt „la minorité la plus maltraitée au Canada“[4] zu sein.

Doch wie sehr werden die Anglophonen mit ihrer Sprache tatsächlich unterdrückt? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, möchte ich, nachdem ich in Kapitel 2.1. auf einige Punkte der Charte eingegangen bin, nun einige sprachliche Rechte der Anglophonen aufzeigen. Im Gegensatz zu den Anglophonen glauben die Frankophonen in Québec nämlich, dass die Anglophonen weit davon entfernt sind, verfolgt zu werden, sondern sogar sehr gut in Québec behandelt werden und über viele Rechte und Privilegien verfügen, was ihre Sprache betrifft.

Die Tatsache, dass die anglophone Minderheit in Québec immer auf die Unterstützung der englischsprachigen Mehrheit des Landes zählen kann, stellt einen wichtigen Trumpf dar, den wenige Minderheiten in der Welt besitzen.

Majoritaires partout ailleurs au Canada, les anglophones québécois acceptent mal leur statut de minoritaires; certains d’entre eux ont parfois tendance à chercher appui en dehors du Québc auprès de la majorité canadienne au lieu de s’associer résolument aux francophones.[5]

Sicher haben sie mit ihrer Sprache nicht die gleichen sprachlichen Rechte wie die Frankophonen, aber für eine Minderheit, auch wenn die Anglophonen diesen Status nicht akzeptieren wollen, sind es schon sehr viele. In seinem Bericht von 1984, sagte der Beauftragte für die offiziellen Sprachen Kanadas:

Si on met en parallèle les situations vécues par les Anglo-Québécois et leurs homologues francophones des autres provinces, on ne peut s‘empêcher de noter que les assises institutionelles des Anglo-Québécois ont tout, ou presque, pour faire envie à la plupart des minorités de langue française.[6]

2.2.1. In der Verfassung festgeschriebene Rechte

Im Gegensatz zu den meisten frankophonen Minderheiten verfügen die Anglo-Québécois über sprachliche Rechte, die in der Verfassung festgeschrieben sind, seit Québec in die Conféderation eingetreten ist.

Durch den Artikel 133 der „Loi constitutionelle“ aus dem Jahre 1867 ist das Englische in der Assemblée Nationale des Québec juristisch anerkannt. Die Gesetze der Assemblée Nationale müssen in französischer und in englischer Sprache verfasst werden.

Article 133: [...]l’usage de la langue française ou de la langue anglaise, dans les débats sera facultatif, mais dans la rédaction des régistres, procés-verbaux et journaux respectifs de ces chambres l’usage de ces deux langues sera obligatoire.[...]

Les lois du Parlement du Canada et de la Législature de Québec devront être imprimées et publiées dans ces deux langues.

[...]


[1] Plourde, Michel. 1985. p. 19

[2] www.tlfq.ulaval.ca/axl/amnord/quebecpollng.htm 03.07.2004

[3] Plourde, Michel. 1985. p. 27

[4] www.tlfq.ulaval.ca/axl/amnord/quebecdrtlng.htm 03.07.2004

[5] Plourde, Michel. p. 19

[6] Rapport annuel 1984, Ottawa, Approvisionnements et Services canada, 1985, p. 197

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Englisch und Anglizismen in Quebec
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Französisch in Nordamerika
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V35551
ISBN (eBook)
9783638354356
ISBN (Buch)
9783638653190
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Englisch, Anglizismen, Quebec, Französisch, Nordamerika
Arbeit zitieren
Vanessa Schweppe (Autor), 2004, Englisch und Anglizismen in Quebec, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35551

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