In meiner Untersuchung werde ich wie folgt vorgehen: Zunächst werde ich das allgemeine Konzept mittelalterlicher Enzyklopädik konturieren und Thomas‘ Liber de natura rerum als Beispiel dieser Gattung und Quellvorlage der beiden folgenden Werke einführen. Im Sinne eines chronologischen Verlaufs wird zunächst Hugos Renner, anschließend Konrads Buch der Natur ausführlich analysiert, wobei sowohl textimmanente Befunde als auch die Quellarbeit und Rezeptionsgeschichte zum Tragen kommen. Dabei werde ich mich sowohl auf die einschlägige Forschungsliteratur als auch auf die Primärtexte beziehen. In einem letzten Schritt werden die Gemeinsamkeiten und Differenzen der beiden Tierdarstellungen im oben beschriebenen Prozess des sich wandelnden Naturverständnisses verortet, sodass in der Zusammenfassung die kompakte Antwort auf die zentrale Frage gegeben werden kann, wie Hugo und Konrad als spätmittelalterliche Autoren jeweils mit dem tierkundlichen Stoff ihrer Vorlage verfahren.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung: Spätmittelalterliche Naturlehre vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Naturverständnisses
II. Hauptteil
1. Das mittelalterliche Naturverständnis unter dem Einfluss des Physiologus und der Naturenzyklopädien
2. Hugo von Trimberg, Renner
2.1 Rezeptionsgeschichte des Renner und Selbstverständnis des Autors
2.2 Gattungszuordnung zwischen Enzyklopädie und Predigt
2.3 Schöpfungsverständnis und Wissensstrukturierung
2.4 Quellengebundenheit und Autoritätentreue
2.5 Allegorische Naturdeutung nach dem sensus moralis
3. Konrad von Megenberg, Buch der Natur
3.1 Breitenwirkung und Leserschaft
3.2 Quellvorlage und Konrads Skepsis
3.3 Traditionelle Strukturierung des Wissens
3.4 Autoritätenberufung und Autoritätenkritik
3.5 Faktenbericht und innovative Allegorese
III. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen mittelalterlicher Autoritätengläubigkeit und allegorischer Naturdeutung im Vergleich zu aufkommenden Ansätzen neuzeitlich-kritischen Denkens. Analysiert werden hierbei die Tierdarstellungen in Hugos von Trimberg Renner (1300) und Konrads von Megenberg Buch der Natur (1350), wobei die zentrale Forschungsfrage darauf abzielt, wie beide Autoren mit dem tierkundlichen Stoff ihrer gemeinsamen Vorlage, dem Liber de natura rerum von Thomas von Cantimpré, verfahren.
- Vergleich der spätmittelalterlichen Naturlehre in Dichtung und Prosa
- Analyse der Autoritätenberufung und des Umgangs mit antiken Quellen
- Untersuchung der allegorischen Naturdeutung im Kontext moralischer Didaxe
- Herausarbeitung der methodischen Unterschiede in der Wissensvermittlung
- Identifikation von Ansätzen kritischen Forschergeistes und empirischer Beobachtung
Auszug aus dem Buch
3.2 Quellvorlage und Konrads Skepsis
„Alsô trag ich ain puoch / von latein in däutscheu wort, / daz hât Albertus maisterleich gsamnet von den alten. / gelust dich des, daz suoch: / ez ist von manger dingen hort, / diu uns gar wirdicleichen sint in der nâtûr behalten.“ (BdN, S. 2, 14 – 19)
Indem Konrad seinen Prolog mit diesen Worten beschließt, macht er zum einen deutlich, dass er das Buch der Natur als ‚Nachschlagewerk‘ verstanden wissen will. Zum anderen stellt er Albertus Magnus als seine primäre Quelle vor. Eine Quellenberufung dieser Art war im Mittelalter durchaus üblich. Allerdings bekommt Konrad im Lauf seiner Arbeit berechtigterweise Zweifel an Alberts Autorschaft:
„dar umb sprich ich Megenbergaer, daz ich zweifel, ob Albertus daz puoch hab gemacht ze latein, wan er in andern püechern verr anders redet von den sachen dan daz puoch redet, er hab ez dann gemacht in der jugent, ê er seinem aigen sin volgt, wan daz puoch, daz ich auz der latein in daz däutsch hân prâht, daz ist ain gesamnet dinch der alten maister, sam der maister selber bekent an dem ende des puochs.“ (BdN, S. 430, 5 – 13)
Die Skepsis gegenüber der Verfasserschaft seiner Vorlage entspringt also den inhaltlichen Widersprüchen, mit denen sich Konrad konfrontiert sieht. Ein Vergleich seiner Quelle mit anderen Texten von Albert bringt gegensätzliche Aussagen zutage, sodass er eine Verfasseridentität für unwahrscheinlich hält. Um diesen Befund zu erklären, bietet Konrad eine Lösungshypothese an: Es könnte sich bei der Vorlage um ein Jugendwerk des Meisters handeln.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Spätmittelalterliche Naturlehre vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Naturverständnisses: Die Einleitung beleuchtet den Übergang von typologisch-allegorischer Naturdeutung hin zu ersten Ansätzen naturwissenschaftlichen Denkens im Spätmittelalter.
II. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der theoretischen Grundlagen, gefolgt von einer detaillierten Untersuchung der Werke von Hugo von Trimberg und Konrad von Megenberg.
1. Das mittelalterliche Naturverständnis unter dem Einfluss des Physiologus und der Naturenzyklopädien: Dieses Kapitel erläutert die theologische Einbettung der Naturbetrachtung und die zentrale Bedeutung enzyklopädischer Kompendien wie Thomas von Cantimprés Liber de natura rerum.
2. Hugo von Trimberg, Renner: Hugo von Trimbergs Dichtung wird als moralisch-didaktisches Werk analysiert, das Predigtrhetorik mit enzyklopädischem Wissen verbindet.
2.1 Rezeptionsgeschichte des Renner und Selbstverständnis des Autors: Das Kapitel behandelt die Bedeutung des Werks als mittelalterlicher ‚Bestseller‘ und die Selbstinszenierung Hugos als Verkündiger und Mahner.
2.2 Gattungszuordnung zwischen Enzyklopädie und Predigt: Hier wird die hybride Form des Renner untersucht, die zwischen der Wissensanhäufung einer Enzyklopädie und der interaktiven Struktur einer Predigt oszilliert.
2.3 Schöpfungsverständnis und Wissensstrukturierung: Dieses Kapitel analysiert die am biblischen Schöpfungsbericht orientierte, hierarchische Anordnung der Tierlehre im Renner.
2.4 Quellengebundenheit und Autoritätentreue: Der Fokus liegt auf Hugos starker Abhängigkeit von seinen Quellen und seinem Versuch, die Glaubwürdigkeit durch antike Autoritäten zu stützen.
2.5 Allegorische Naturdeutung nach dem sensus moralis: Es wird dargelegt, wie Hugo deskriptive Fakten mittels allegorischer Auslegung konsequent für die moralische Belehrung des Lesers nutzt.
3. Konrad von Megenberg, Buch der Natur: Dieses Kapitel widmet sich dem Buch der Natur und dessen Rolle als systematisiertes, deutschsprachiges Kompendium des Wissens.
3.1 Breitenwirkung und Leserschaft: Die Analyse der weiten Verbreitung des Werks bei einer laikalen und geistlichen Leserschaft steht hier im Vordergrund.
3.2 Quellvorlage und Konrads Skepsis: Hier wird Konrads kritische Auseinandersetzung mit der Autorschaft seiner Vorlage und sein Misstrauen gegenüber tradierter Autorität thematisiert.
3.3 Traditionelle Strukturierung des Wissens: Dieses Kapitel beschreibt die Einordnung des Buch der Natur in die spätmittelalterliche Ordnung der ‚Seinsfülle‘ vom Schöpfer zum Geschöpf.
3.4 Autoritätenberufung und Autoritätenkritik: Es wird Konrads Balanceakt zwischen der Berufung auf ‚alte Meister‘ und der kritischen Hinterfragung von Faktenberichten bei eigenen Beobachtungen untersucht.
3.5 Faktenbericht und innovative Allegorese: Das abschließende Kapitel analysiert die Verbindung von systematischem Faktenwissen mit moralisch-politischer Allegorese in Konrads Werk.
III. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Ergebnisse und verortet beide Autoren als wichtige Bindeglieder zwischen mittelalterlicher Tradition und dem Aufkommen neuzeitlicher Wissenschaftlichkeit.
Schlüsselwörter
Spätmittelalter, Naturlehre, Enzyklopädie, Hugo von Trimberg, Renner, Konrad von Megenberg, Buch der Natur, Allegorese, Autoritätenberufung, Wissensstrukturierung, Theologie, Didaxe, Empirie, Thomas von Cantimpré, Naturverständnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das naturkundliche Wissen im Spätmittelalter anhand zweier bedeutender deutschsprachiger Texte, des Renner von Hugo von Trimberg und des Buch der Natur von Konrad von Megenberg, im Hinblick auf ihren Umgang mit Tradition und Autorität.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Rezeptionsgeschichte der Quellen, die Strukturierung von Weltwissen, das Verhältnis von theologischer Allegorese zu empirischer Beobachtung sowie die Entwicklung eines kritischen Forschergeistes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Verortung der beiden Autoren im historischen Übergangsprozess von der mittelalterlichen Autoritätengläubigkeit hin zu einem neuzeitlich geprägten, kritischen Wissenschaftsverständnis.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Untersuchung basiert auf dem vergleichenden Textvergleich (textimmanente Befunde), der Heranziehung der einschlägigen Forschungsliteratur sowie der kontextuellen Einbettung in die spätmittelalterliche Geistesgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in das Naturverständnis unter Einfluss des Physiologus, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Struktur, Quellen und Deutungsmuster im Renner und im Buch der Natur.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die wichtigsten Begriffe sind Naturlehre, Enzyklopädik, Allegorese, Autoritätenkritik, Schöpfungsverständnis, Didaxe und der Übergang von der Tradition zur Empirie.
Inwiefern unterscheidet sich Konrads Umgang mit Quellen von dem Hugos?
Während Hugo seine Quellen primär zur Bestätigung nutzt, zeigt Konrad eine kritische Distanz: Er hinterfragt die Autorschaft seiner Vorlage und korrigiert deskriptive Inhalte, wenn sie seinen eigenen Beobachtungen widersprechen.
Welche Rolle spielt die Allegorese in den beiden untersuchten Werken?
Bei beiden Autoren dient die Allegorese der moralischen Belehrung (sensus moralis). Während Hugo sie jedoch fast ausschließlich zur Predigtzwecken einsetzt, nutzt Konrad sie innovativ auch für politische Themen seiner Zeit, während er gleichzeitig mehr Raum für reine Faktenberichte lässt.
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- Anonym (Author), 2016, Die Tierkunde Hugos von Trimberg im "Renner" und Konrads von Megenberg im "Buch der Natur", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355649