Diese Abschlussarbeit möchte die Frage klären, wie es zu der sogenannten Ostpolitik Willy Brandts kam. Des Weiteren wirft sie einen Blick auf Brandts Politik in den drei von ihm bekleideten Ämtern. Hier soll der Frage nachgegangen werden, ob seine Politik zur Problematik der Ostpolitik eine Kontinuität, eine gemeinsame Tendenz aufweist.
Aufgrund des von Brandt kontinuierlich verfolgten Plans zur Ostpolitik, den er schon früh ausarbeitete und nur unwesentlich korrigierte, ist es möglich, Gemeinsamkeiten zwischen den Ämtern herauszuarbeiten. Demgemäß wird sich der Hauptteil dieser Arbeit mit der Beweisführung zur Belegung der These beschäftigen. Hierfür wird die Zeit zwischen den Jahren 1957 (Antritt als regierender Bürgermeister von Berlin) und 1974 (Rücktritt als Bundeskanzler) herangezogen. Exemplarisch sollen für jedes Amt ein oder mehrere Schlaglichter genauer untersucht werden. Für die Zeit als Bürgermeister ist seine Position zur Ostpolitik besonders am Berlin Ultimatum 1958, am Mauerbau 1961 und am Passierscheinabkommen von 1963 erkennbar, weswegen der Fokus hier auf diesen Jahren liegen wird. Da die grundlegende Ausarbeitung und Richtungsweisung der brandtschen Ostpolitik in seiner Berliner Zeit erarbeitet wurde, wird sich jenes Kapitel detaillierter mit den Geschehnissen befassen, als die darauffolgenden Kapitel. Die anschließende Aufgabe als Außenminister ist etwas schwieriger zu beleuchten, da Brandt diesen Posten nur zwei Jahre innehatte, weswegen das Hauptaugenmerk auf der Großen Koalition und dem einschneidenden Ereignis des Prager Frühling 1968 liegen wird. Nach der Bundestagswahl 1969 und seiner Ernennung zum Kanzler gibt es vielfältige Möglichkeiten seine Sicht der Ostpolitik zu untersuchen. Im Zentrum der Untersuchung sollen hier nun der Kniefall von Warschau, sowie die Ostverträge (Moskau / Warschau / Grundlagenvertrag) stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Brandts erste Gedanken zur Ostpolitik
3. „Berlin bleibt frei!“ - Willy Brandt als Bürgermeister von Berlin
3.1 Anfänge: Das Berlin Ultimatum 1958
3.2 Schock: Der Mauerbau 1961
3.3 Erklärung: Tutzing 1963
3.4 Erleichterung: Das Passierscheinabkommen 1963
4. Kabinett Kiesinger - Brandt als Außenminister
4.1 Revolution? Der Prager Frühling 1968
5. „Mehr Demokratie wagen“ - Brandt als Bundeskanzler
5.1 „Wandel durch Annäherung“: Die Ostverträge
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kontinuität von Willy Brandts Ostpolitik während seiner Amtszeiten als Regierender Bürgermeister von Berlin, als Außenminister und als Bundeskanzler. Ziel ist es, nachzuweisen, dass ein kontinuierlicher Plan zur Überwindung der Teilung durch Entspannung und Annäherung existierte, der durch verschiedene Krisen wie den Mauerbau oder den Prager Frühling zwar Rückschläge erlitt, jedoch in seinem Kern unverändert blieb.
- Die Rolle Berlins als "Hotspot" des Ost-West-Konflikts und Ausgangspunkt für Brandts Überlegungen.
- Die konzeptionelle Entwicklung der Begriffe "Koexistenz", "Transformation" und "Wandel durch Annäherung".
- Die Bedeutung zentraler Ereignisse wie das Berlin Ultimatum, der Mauerbau und der Prager Frühling.
- Die Analyse der Ostverträge als Meilensteine realpolitischer Wirkung.
- Der Stellenwert der menschlichen Dimension und Solidarität in der Außenpolitik.
Auszug aus dem Buch
3.2 Schock: Der Mauerbau 1961
1961 war für Brandt ein Schicksalsjahr, nicht nur aufgrund der Kanzlerkandidatur, welche er gegen Adenauer verlor, sondern auch durch den Bau der Mauer. Bekanntlich stand Berlin aufgrund dessen im Fokus der Weltöffentlichkeit und damit sicherlich auch ihr Bürgermeister.
Am 13. August 1961 begannen ostdeutsche Grenzsoldaten mit der Errichtung einer provisorischen Behelfsgrenze, welche in den folgenden 28 Jahren stufenweise immer weiter ausgebaut werden sollte. Die erste Konsequenz, die aus der Schließung der Grenzen resultierte, war, dass den DDR-Bürgern die Ausreise aus ihrem Teil Berlins untersagt wurde, was zur Folge hatte, dass keine Arbeitsverhältnisse mehr in Westberlin möglich waren. Folgerichtig kam es auch zu der Sperrung des öffentlichen Nahverkehrs, indem die direkten S- und U-Bahnlinien zwischen Ost- und Westberlin unterbrochen wurden. Daraus resultierte, dass auch die Besuche der Westbevölkerung im östlichen Teil erschwert waren, was aber nicht nur auf die Situation des Nahverkehrs zurückzuführen ist, sondern auch auf die Grenzkontrollen der Polizei. Der Zustand spitzte sich im weiteren Verlauf so weit zu, dass die westlichen Bewohner Berlins eine Aufenthaltsgenehmigung für den Osten brauchten. Diese Genehmigungen sollten durch östliche Behörden in Westberlin ausgestellt werden, was diese untersagten. Fazit des Ganzen: Besuche, auch verwandtschaftlicher Natur, waren nun nicht mehr möglich.
In Übereinstimmung mit der Forschungsliteratur kann der Bau der Mauer als Gipfel der Berlin-Krise gesehen, jedoch das Ultimatum allein nicht als Auslöser zur Grenzschließung 1961 herangezogen werden. Chruschtschow selbst sprach Anfang August 1961 noch von einer „offenen Stadt Berlin“.
Organisator und Urheber des Konzepts zum Bau einer Mauer war demzufolge nicht Chruschtschow persönlich, sondern der SED Vorsitzende Walter Ulbricht, welcher schon seit Beginn der 50er Jahre eine Abtrennung des östlichen Berlins vom kapitalistischem Westen forderte. Initiator war das SED Regime, dennoch konnte auch der sowjetische Staatschef Vorteile in der Trennung Berlins sehen. Um der Massenflucht aus dem kommunistischen Regime Herr zu werden, war es für Chruschtschow einfacher, Ulbricht eine Grenzmauer errichten zu lassen, als eine aggressive Konfrontationshaltung gegenüber den Westmächten an den Tag zu legen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Person Willy Brandt als "Weltbürger" ein und legt die Forschungsfrage zur Kontinuität seiner Ostpolitik über die drei verschiedenen Ämter hinweg fest.
2. Brandts erste Gedanken zur Ostpolitik: Dieses Kapitel beleuchtet Brandts Rückkehr nach dem Krieg und die Anfänge seiner ostpolitischen Überlegungen in den 1940er und 50er Jahren.
3. „Berlin bleibt frei!“ - Willy Brandt als Bürgermeister von Berlin: Hier werden die Berliner Jahre analysiert, mit Fokus auf das Berlin-Ultimatum, den Mauerbau, die Rede in Tutzing und das erste Passierscheinabkommen.
4. Kabinett Kiesinger - Brandt als Außenminister: Der Fokus liegt auf Brandts Wirken in der Großen Koalition und dem einschneidenden Ereignis des Prager Frühlings 1968.
5. „Mehr Demokratie wagen“ - Brandt als Bundeskanzler: Das Kapitel behandelt die Kanzlerschaft und den Abschluss der zentralen Ostverträge (Moskau, Warschau, Grundlagenvertrag) als realpolitische Umsetzung seiner Konzepte.
6. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert die Kontinuität von Brandts Politik und verweist auf die Bedeutung der "kleinen Schritte" und der menschlichen Solidarität als rote Fäden seiner Karriere.
Schlüsselwörter
Willy Brandt, Ostpolitik, Entspannungspolitik, Berlin, Mauerbau, Prager Frühling, Wandel durch Annäherung, Koexistenz, Transformation, Ostverträge, Bundeskanzler, Außenminister, Wiedervereinigung, Menschlichkeit, Frieden
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob Willy Brandts Ostpolitik über seine verschiedenen politischen Stationen hinweg einer konsistenten, kontinuierlichen Strategie folgte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Außenpolitik Brandts, das Verhältnis zum östlichen Block, die spezifische Situation Berlins sowie der politische Wandel von der Konfrontation zur Koexistenz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob Brandts Politik zur Problematik der Ostpolitik eine Kontinuität und eine gemeinsame Tendenz aufweist, trotz der Hürden und Rückschläge der Jahre 1957 bis 1974.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse von Primärquellen wie Reden, Interviews und Regierungserklärungen sowie der Auswertung einschlägiger historischer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert exemplarisch drei Ämter Brandts anhand ausgewählter Schlaglichter: die Berliner Zeit, die Zeit als Außenminister in der Großen Koalition und seine Kanzlerschaft mit den Ostverträgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Ostpolitik, Wandel durch Annäherung, Koexistenz, Transformation und die deutsch-deutsche Verständigung.
Welche Rolle spielte Egon Bahr für die Entwicklung der Ostpolitik?
Egon Bahr war als enger Vertrauter Brandts maßgeblich an der konzeptionellen Ausarbeitung beteiligt und prägte mit seiner Rede in Tutzing 1963 das zentrale Schlagwort "Wandel durch Annäherung".
Wie bewertet der Autor den Kniefall von Warschau?
Der Autor interpretiert den Kniefall als symbolträchtige Geste der Versöhnung, die im vollen Bewusstsein der deutschen Schuld und der Notwendigkeit einer neuen Ostpolitik erfolgte, unabhängig davon, ob sie im Vorfeld geplant war.
Wird die DDR-Politik als gescheitert angesehen?
Nein, der Autor betont, dass Brandt trotz Rückschlägen wie dem Mauerbau oder der Niederschlagung des Prager Frühlings nicht von seinem Kurs der Annäherung abwich, sondern lediglich Anpassungen vornahm.
- Arbeit zitieren
- Michael König (Autor:in), 2016, Willy Brandts Ostpolitik. Seine politischen Ämter (1957-1974), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355690