Freiheit und Unfreiheit in Goethes "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand"


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Motiv der Freiheit im Sturm und Drang

3 Götz, der Freiheitskämpfer
3.1 Götz als personifizierte Freiheit
3.2 Grenzen von Götz‘ Freiheit

4 Weislingen und seine (Un)freiheit

5 Freiheit und Verantwortung des Gegenpaares im Vergleich

6 Schluss

7 Bibliographie

1 Einleitung

Freiheit - einer jener Begriffe, der sowohl für das Individuum als auch für ganze Gesellschaften von elementarer Bedeutung ist und doch so viel Deutungsraum offen lässt. In der deutschen Verfassung ist Freiheit, man denke an Glaubens-, Presse- oder Meinungsfreiheit,1 ein geschützter Wert, auch wenn um die Umsetzung und die Grenzen dieser Freiheit, die in der deutschen Nationalhymne immerhin in einem Atemzug mit Einigkeit und Recht genannt wird, immer wieder neu gerungen werden muss. Wie frei ist der Mensch wirklich? Vertreter der Theologie, Philosophie, Psychologie sowie Künste jeder Art haben sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte mit dieser Frage auseinandergesetzt.

In Johann Wolfgang Goethes Drama um die historische Figur Götz von Berlichingen ist die Freiheit des Individuums innerhalb einer sich wandelnden und fordernden Gesellschaft zentral. Goethe selbst hat sich mit seinem Drama an Götz‘ Autobiographie orientiert, allerdings die Freiheit besessen, „nderungen der Handlung zum Beispiel durch Einführung zusätzlicher Personen vorzunehmen.2 Auch in der Form des Dramas schlug Goethe neue Wege ein und löste, dem Einfluss Shakespeares nachfolgend, die klassische Einheit von Ort, Zeit und Handlung im Drama auf.3 Dem freien Reichsritter Götz, über den gesagt wird: „Er ist das Muster eines Ritters, tapfer und edel in seiner Freiheit, gelassen und treu im Unglück“4, tritt im Drama sein einstiger Freund und nun Gegenspieler Adelbert von Weislingen entgegen, der wiederum diesem Muster nicht so recht entsprechen will. Götz verkörpert Tugenden wie Souveränität und Unabhängigkeit, während Weislingen eher als Getriebener durch die Geschichte stolpert. Das Drama weist allerdings einige Passagen auf, in denen diese vermeintlich klare Gegensätzlichkeit von Freiheit und Unfreiheit, personifiziert und gegenüber gestellt durch Götz und Weislingen, aufgebrochen wird. In dieser Arbeit soll der These nachgegangen werden, inwieweit Götz in seinem vehementen Streben nach Freiheit genauso unfrei ist wie Weislingen. Nach einer Einordnung des Motivs der Freiheit in die Epoche des Sturm und Drang folgt eine Ausdeutung der beiden Figuren. Anschließend soll das Gegenpaar verglichen und die Betrachtung auf den Aspekt der Verantwortung erweitert werden. Die Arbeit endet mit einem abschließenden Fazit.

2 Das Motiv der Freiheit im Sturm und Drang

Mit der Bewegung des Sturm und Drang reagierten junge Autoren wie Goethe, Herder und Lenz in den 1770er Jahren auf die Betonung der Vernunft in der Aufklärung oder dem Rationalismus,5 indem sie neue Freiheit im Denken, Fühlen und Handeln forderten. Rötzer fasst die Absicht der Bewegung wie folgt zusammen: „Die jungen Autoren […] forderten das Recht auf Gefühle ein. Sie stellten sich nicht gegen die ordnende Kraft der Vernunft, sondern nur gegen die Ausschließlichkeit eines rein vernunftorientierten Handelns; denn der Mensch als Ganzes werde von der Vernunft und von seinen Gefühlen geleitet.“6 Freiheit stellte demnach ein Ideal dar, denn der freie Mensch lebt, handelt und fühlt leidenschaftlich und ganzheitlich mit Kopf und Herz. Dem Motiv der Freiheit im Sinne des Auslebens von Leidenschaften steht das Motiv der Verantwortung entgegen, denn die Vertreter des Sturm und Drang waren keinesfalls anti-aufklärerisch, worauf auch Jeßing/Köhnen hinweisen.7 Laut Rainer Nägele ist gerade Goethes Götz ein Ideal, das die Werte des Sturm und Drang in sich vereint.8

Nagla El-Dandoush, die sich mit Leidenschaft und Vernunft im Drama des Sturm und Drang auseinander gesetzt hat, stellt fest, dass empfindungs- und vernunftorientierte Handlungen oftmals ineinander greifen und somit Konflikte entstehen, die die zentrale Thematik im Drama des Sturm und Drang ausmachen.9 Dabei betont sie insbesondere das Konfliktpotenzial zwischen individueller Freiheit und dem Anspruch der Gesellschaft, das für das Drama im Sturm und Drang ein Kernproblem darstellt.10 Sie hält fest: „Das Ausspielen einer Leidenschaft wider die andere oder die Erweckung gewisser Leidenschaften ist ein beliebtes Motiv der Sturm-und-Drang- Dramatik.“11 Wie dieses Ausspielen der Leidenschaften in Goethes Götz thematisiert wurde, ist im Folgenden darzulegen.

3 Götz, der Freiheitskämpfer

3.1 Götz als personifizierte Freiheit

Die ersten Informationen zu der Person Götz werden im Drama nicht durch ihn selbst vermittelt, sondern erfolgen durch die Beschreibung anderer, genau genommen anhand von Aussprüchen der Bauern, die ihn als rechtschaffenden Herrn bezeichnen,12 was auch Nägele benennt.13 Götz‘ guter Ruf eilt ihm voraus, worauf der Leser oder Zuschauer des Stücks von Beginn an hingewiesen wird. Die Bewunderung und Achtung für Götz‘ Rechtschaffenheit und Fairness zieht sich durch das ganze Stück, sei es vom Kaiser direkt, anderen Rittern oder dem einfachen Volk.14 Diese Rechtschaffenheit sorgt auch dafür, dass der Kaiser ihm im aufkommenden Konflikt Nachsicht gewährt.15

Götz‘ Dasein als freier Ritter wird bereits im ersten Akt mit dem Auftreten von Bruder Martin beschrieben. Bruder Martin macht mit seiner Begeisterung für Götz und dessen Lebensweise, gerade auch in Abgrenzung zu seiner eigenen als Mönch, den Kontrast zwischen Freiheit und Unfreiheit, Ritter und Geistlicher, sehr deutlich. Beinahe romantisiert Martin die Freiheit des Ritters16, worauf Götz interessanterweise eher zurückhaltend reagiert. Geradezu demütig bleibt er bei Martins Lobreden und verzichtet darauf, sich in dieser Anerkennung zu weiden. Götz‘ Freiheit besteht womöglich auch darin, dass er sich seiner Person, seiner Identität als freier Ritter, sicher ist und die Anerkennung und Bewunderung anderer nicht nötig hat. Er äußert hingegen sogar Mitgefühl für Martin und dessen Gebundenheit, die er selbst in der Form vermutlich nicht kennt: "Er dauert mich! Das Gefühl seines Standes frisst ihm das Herz."17

Neben Götz‘ Rechtschaffenheit ist ebenso sein Freiheitsdrang allgemein bekannt. Als über ihn die Reichsacht verhängt und ein Heer für seine Festnahme ausgesandt wird, machen sich die Reiter keine Illusion, dass die Festsetzung dieses Freigeistes schwierig wird.18 Seine Unabhängigkeit, auf der Ebene der Körperlichkeit im Sinne des Entkommens einer Gefangennahme,19 als auch auf der mentalen Ebene als frei entscheidender Mensch mit klaren Prinzipien, will Götz um jeden Preis verteidigen. Im Gespräch mit seinem Verbündeten und späteren Schwager Sickingen erklärt er zum Beispiel, wie er die Anweisungen eines Pfalzgrafen ablehnte, weil er „Herr von seinen Handlungen“ sein will und muss, weil diese Freiheit im Entscheiden für ihn das Ritterdasein ausmacht.20 Er lebt von der Freiheit, seine Angelegenheiten und Kämpfe selbst zu regeln, womit er sich klar auf das traditionelle Faustrecht bezieht.21 Sein Festhalten an seinen tief verinnerlichten Prinzipien wird ebenso deutlich, als der gefangene Götz in Heilbronn der Urfehde abschwören soll. Götz hat mit dem Schwur die

Möglichkeit, frei zu kommen und die Konflikte zu beenden. Er denkt aber auf Grund zweier Punkte nicht daran: zum einen wird ihm keine Auskunft über Verbleib und Wohlbefinden seiner Mitkämpfer zu erteilt, zum anderen beinhaltet der Schwur das Eingeständnis, Götz hätte gegen den Kaiser rebelliert, was er grundsätzlich anders sieht. Götz könnte hier einlenken und frei kommen - sein Verständnis von Freiheit beinhaltet jedoch, keinen Verrat an seinen Kameraden oder seinen Prinzipien zu begehen und Verantwortung zu übernehmen, selbst wenn das seine derzeitige Freiheit einschränkt.22 Seine Freiheit ist jedoch stark an Handlungsfähigkeit geknüpft. Als er zurückgezogen auf seiner Burg verweilen muss, leidet er unter dem Müßiggang und der Untätigkeit.23 Zu Götz‘ Freiheit gehört Aktivität, räumliche Weite und Selbstwirksamkeit. Dabei beansprucht er Freiheit nicht nur für sich. Sein ganzes Handeln ist von der Maxime geprägt, dass der Mensch frei ist und unabhängig bleiben muss. Dies wird nicht nur darin deutlich, wie loyal und wertschätzend er mit seinen Untergebenen umgeht.24 El-Dandoush weist hier auf eine neue Art von Führerschaft hin, die Götz verkörpert.25 Er gesteht auch seinem Gegenspieler Weislingen bei dessen Gefangennahme am Beginn des Dramas Respekt zu. Statt als Gefangenen behandelt er Weislingen als freien Mann26 und weist ihn sogar auf seinen eigenen Freiheitsanspruch hin, was bei Weislingen ein erstes Umdenken bewirkt. Peter Michelsen sieht darin Götz‘ Größe, dass er in seiner eigenen freien Identität, seiner eigenen gefundenen Rolle so gefestigt ist, dass er auf Machtspiele gegenüber vermeintlich Schwächeren verzichten kann. Dabei bezieht er sich auf Weislingens Ausspruch: „So gewiss ist der allein glücklich und groß, der weder zu herrschen noch zu gehorchen braucht um etwas zu sein.“27 Michelsen formuliert das so:

„Der Begriff der Größe wird hier nicht verwendet im Sinne eines Verhältnisses des einen zu einem anderen, Kleineren (die also beide aneinander gemessen werden), sondern im Sinne des Sich-selbst- genug-Seins, der Unvergleichbarkeit. „Groß“ ist Götz - glücklich und groß heißt es sogar in einer für Goethe höchst bezeichnenden und ihn auszeichnenden Verbindung -, weil er mit den anderen nicht in Beziehung tritt, weder in eine der Herrschaft noch in eine der Knechtschaft, sondern selbstständig ist. Götz‘ Größe ist also seine Freiheit.“28

Diese Freiheit ist jedoch hart umkämpft: „Es wird einem sauer gemacht, das bisschen Leben und Freiheit.“29 El- Dandoush weist hier auf die annähernde Gleichstellung von Leben und Freiheit hin.30 Götz hat eine Ahnung, dass eine neue Zeit anbrechen und seine Lebensphilosophie in Frage gestellt werden wird.31 Inwiefern unter diesen Umständen seine Freiheit eingeschränkt ist, soll das folgende Kapitel zeigen.

3.2 Grenzen von Götz‘ Freiheit

Inwieweit Götz‘ Verhalten von einem freien Willen oder aber auch von einem inneren Zwang gesteuert wird, ist im Drama selbst an einer Stelle sehr treffend illustriert.32 In einem Gespräch zwischen Götz‘ Frau Elisabeth, seiner Schwester Maria und seinem Sohn Carl fragt dieser: „Aber muss dann der Papa ausreisten, wenn’s so gefährlich ist?“, worauf Marias Antwort den Willen betont („Es ist sein guter Wille so.“), Elisabeth hingegen die tief verinnerlichte, zwingende Pflicht hervorhebt („Wohl muss er lieber Carl.“).33 Für Götz sind Gelübde heilig, sie stecken für ihn einen Handlungsrahmen ab, in dem er sich frei bewegen kann, der allerdings auch Grenzen und Verpflichtungen aufweist. Er benennt dies selbst recht klar, als er einen Grund bekommt, die Fehde mit den Bambergern wieder aufzunehmen („mir ist gar recht dass sie angefangen haben"34 ). Auch Weislingen ist sich dessen Michelsen, Peter: Goethes „Götz“: Geschichte dramatisiert? In: Goethe-Jahrbuch 110 (1993). S. 41-60. S.48.

[...]


1 Vgl. Art. 4 und Art.5 GG

2 Vgl. Rötzer, Hans Gerd: Literarische Texte verstehen und interpretieren. Band IV: Dramen. München: Manz 1996. S. 31.

3 Vgl. Landfester, Ulrike: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Ein Schauspiel. In: Kindlers Literatur Lexikon. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Band 6. 3.,völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler 2009. S. 334 - 336. S. 334.

4 Hier und im Folgenden wird Goethes Götz nach der Fassung von 1773 zitiert. Goethe, Johann Wolfgang: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Ein Schauspiel. Stuttgart: Reclam 2002. S. 96, 19 ff. Im Folgenden zitiert mit der vorangestellten Sigle „GÖ“ und Seiten- und Zeilenzahl.

5 Vgl. Jeßing, Benedikt/ Köhnen, Ralph: Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. 3., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart: J.B. Metzler 2012. S.35.

6 Rötzer 1996: S. 28.

7 Vgl, Jeßing/Köhnen 2012: S. 35.

8 Vgl. Nägele, Rainer: Johann Wolfgang Goethe: Götz von Berlichingen. In: Interpretationen. Dramen des Sturm und Drang. Erweiterte Ausgabe. Stuttgart: Reclam 1997, S. 7 - 31. S.11.

9 Vgl. El-Dandoush, Nagla: Leidenschaft und Vernunft im Drama des Sturm und Drang. Dramatische als soziale Rollen. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004. S. 27.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.: S. 77.

12 Vgl. GÖ: S.5, Z. 30.

13 Vgl. Nägele 1997: S.15.

14 Vgl. GÖ: S. 58, Z. 30 f./ S. 60, Z. 26 ff.

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. ebd.: S. 11, Z.11.

17 Vgl. ebd.: S. 12, Z. 28 f.

18 Vgl. ebd.: S. 60, Z. 21 ff.

19 Vgl. ebd.: S. 62, Z. 3.

20 Vgl. ebd.: S. 62, Z. 23 ff.

21 Vgl. Landfester 2009: S.335.

22 Vgl. GÖ: S. 87, Z. 18 ff.

23 Vgl. ebd.: S. 95, Z. 26 ff.

24 Vgl. ebd.: S. 65, Z. 33 f./ S. 87, Z. 1 f.

25 Vgl. El-Dandoush 2004: S. 72.

26 Vgl. GÖ: S. 18, Z. 26 ff.

27 Ebd.: S. 34, Z. 35 ff.

28 Michelsen, Peter: Goethes „Götz“: Geschichte dramatisiert? In: Goethe-Jahrbuch 110 (1993). S. 41-60. S.48.

29 GÖ: S. 7, Z. 28 f.

30 Vgl. El-Dandoush 2004: S. 69.

31 Vgl. GÖ: S. 9, Z. 17 ff.

32 Vgl. Nägele 1997: S.16.

33 GÖ: S. 16, Z. 1 ff.

34 GÖ: S. 41, Z. 10 f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Freiheit und Unfreiheit in Goethes "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V355805
ISBN (eBook)
9783668419179
ISBN (Buch)
9783668419186
Dateigröße
787 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freiheit, Goethe
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Freiheit und Unfreiheit in Goethes "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355805

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