Der Theodizeegedanke in Kleists "Das Erdbeben in Chili". Die beste aller möglichen Welten im Angesicht des Todes


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Theodizeedebatte
2.1 Der Theodizeebegriff nach Leibniz
2.2 Kleist und seine philosophische Krise

3 Kleists Das Erdbeben in Chili - eine Abrechnung mit dem Theodizeegedanken?
3.1 Wahlfreiheit und Schicksal
3.2 Gesellschaft zwischen Individualität und Allgemeinwohl
3.3 Gnädige Rettung und Strafgericht Gottes

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“1 Die Frage nach der Vereinbarkeit der Güte Gottes mit der menschlichen Erfahrung von Leid beschäftigt die Menschen durch alle Jahrhunderte hindurch. Das Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz verfasste 1710 seine philosophische Schrift „Essais de Théodicèe sur la bontè de Dieu, la libertè de l`homme et l`origine du mal“2, in der er der urmenschlichen Frage nach der Rechtfertigung Gottes im Angesicht des Übels nachging. Leibniz‘ Ideen fanden hohen Anklang, da es ihm gelang, das Verhältnis von Glauben und Vernunft - auch vor dem Hintergrund der damaligen Zeit der Aufklärung - ausgewogen zu reflektieren und, anders als zum Beispiel der französische Professor Pierre Bayle, nicht gegeneinander ausschloss.3 45 Jahre nach der Veröffentlichung der leibnizschen Theorien erschütterte eine verheerende Naturkatastrophe Europa: am 01. November 1755 zerstörte ein gewaltiges Erdbeben die portugiesische Hauptstadt Lissabon fast vollständig und riss rund 30.000 Menschen in den Tod. Die Katastrophe veranlasste Philosophen wie Voltaire, Rousseau und Kant die leibnizsche Theorie der besten aller möglichen Welten, die Gott in seiner Allmacht und Güte geschaffen hat, erneut kontrovers zu diskutieren.

Heinrich von Kleist verfasste 1807 seine Novelle Das Erdbeben von Chili, in dem er religiöse und metaphysische Diskussionen rund um die Sinnhaftigkeit bzw. Sinnlosigkeit von Übel wieder aufnahm. Dabei ließ er sich unter anderem von dem Lissaboner Erdbeben inspirieren.4 Kleist selbst litt unter einer philosophischen Erkenntniskrise, so dass er in seinem Werk viele Denksysteme aufgriff und die „ungeheure Wendung der Dinge“5 als wiederkehrendes Motiv zur Verdeutlichung der widersprüchlichen Elemente im menschlichen Dasein auf die Spitze trieb. Ledanff betont den besonderen Bezug von Kleists Erdbebennovelle auf die Theodizeedebatte: „bezieht sich doch hier die Sinnwidrigkeit, die „schreiende Willkür“ des Zufalls auf ein Naturphänomen, das stärker noch als alle Erscheinungen des moralischen Übels […] über Sinn und Sinnlosigkeit der (physischen) Beschaffenheit der Welt grübeln läßt und ausdrücklich die Frage nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit stellt.“6

In dieser Hausarbeit soll genau dieser Frage nachgegangen werden, inwieweit Kleist Elemente von Leibniz‘ Theodizeebegriff verwendet und wie diese umgesetzt werden. Nach dieser Einleitung sollen die Grundbegriffe der leibnizschen Philosophie erläutert werden. Außerdem wird Kleists philosophische Krise in ihren Grundzügen skizziert, so dass die Ausgangslage seiner Erzählung in die Diskussion miteinfließen kann. Das dritte Kapitel beinhaltet den Kern dieser Arbeit. Nun soll Kleists Novelle hinsichtlich dreier Gegensätze untersucht werden: Wahlfreiheit und Schicksal, Individualität und Allgemeinwohl sowie gnädige Rettung und Strafgericht Gottes. Diese drei Aspekte sollen bezüglich der Frage diskutiert werden, inwieweit sie im Kontrast oder im Einklang mit Leibniz‘ Theodizeebegriff stehen. Abschließen wird die Arbeit mit einem Fazit.

2 Die Theodizeedebatte

2.1 Der Theodizeebegriff nach Leibniz

Appel weist berechtigterweise darauf hin, dass die Kernthesen der leibnizschen Lehre nicht nur in einem Werk festzumachen sind, sondern zum Grundverständnis seiner Philosophie neben der Theodizee weitere seiner Werke hinzugezogen werden müssen.7 Grundlegend für Leibniz‘ Philosophie ist seine Monadenlehre. Demnach bestehe alles, was auf der Welt existiert, aus kleinsten, unteilbaren Einheiten (Monaden), die von dem Schöpfergott einzigartig geschaffen, programmiert sowie mit Kraft und der so genannten Perzeptionsfähigkeit ausgestattet sind.8 Jede Monade spiegelt das Universum wider. Leibniz unterscheidet zwischen Vielheiten wie zusammengesetzte Körper und einfachen Substanzen, die er Seele, Geister oder das Lebendige nennt.9 Auch wenn Monaden ewig bestehen und in sich geschlossen sind, streben sie nach Vervollkommnung und unterliegen einem dynamischen Prinzip. Ihre Existenz ist von einer Zielhaftigkeit geprägt, die sich auf Gott als Zentralmonade, als höchste Vernunft, ausrichtet. Der Mensch als Geistmonade - Leibniz unterscheidet zwischen verschiedenen Bewusstseinsformen (Stein vs. Tier), die eine unterschiedliche, stufenweise gestaltete Perzeptionsfähigkeit inne haben - ist Gott in seiner Vernunft- begabung ähnlich, wenn auch nicht gleich, und verfügt über Apperzeptionen, die ihn zu Reflexion und Bewusst befähigen.10

Leibniz geht zudem davon aus, dass Gott als harmonische Ordnung der Welt einen stabilen, in sich harmonischen Schöpfungsplan vorgegeben hat, in dem das Verhältnis der Monaden zueinander festgelegt ist. Dies ist unter dem Begriff der prästabilierten Harmonie bekannt geworden und bildet die Grundlage für Leibniz‘ bekannten Ausspruch der besten aller möglichen Welten. Ausgehend von der Annahme, dass Gott allgütig, allwissend und allmächtig ist -- kommt Leibniz zu dem Schluss: „er hat die möglichen Welten überdachte und die beste von allen erwählt.“11 Sein eigenes Wesen zwingt ihn dazu.12 Für alle Geschehnisse in der Welt liegt außerdem ein zureichender Grund vor, denn Gott als höchste Vernunft handelt nicht grundlos. Das Prinzip des Besten für die Abläufe der Welt sprechen für eine optimistische Ausrichtung, die die Frage nach den Übeln in der Welt teleologisch beantwortet. Leibniz unterscheidet dabei drei Formen des Übels: das metaphysische Übel (die Unvollkommenheit), das physische Übel (der Schmerz) und das moralische Übel (die Sünde).13 Keines der genannten Übel sei grundsätzlich verzichtbar, „da die Endlichkeit des Irdischen keine gottähnliche Perfektion zuläßt“.14 Gott ist dabei niemals Verursacher des Übels, vielmehr lässt er das Leid zu Gunsten höherer Ziele zu. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Freiheit des Menschen zu. Da sich die Vernunft des Menschen nur graduell von der göttlichen Vernunft unterscheidet, ist der Mensch so konstruiert, dass er sich entwickeln kann und - ausgehend von der Monadenlehre - nach Vervollkommnung strebt, also eine Wahlfreiheit in seinen Entscheidungen hat. Eine schlechte Wahl des Menschen ist demnach möglich. Mit diesem, wenn auch zerstörerischen, Potenzial ist der Mensch am besten konstruiert, denn die Freiheit besteht nur durch die Polarität zwischen Gut und Böse. Dieses selbstbewusste Menschenbild mit der Möglichkeit, eigene vernunftgeleitete Entscheidungen zu treffen, erfordert den Preis des Übels, womit der höhere Zweck des Leides gerechtfertigt wird. Die Ursache-Wirkungs-Verhältnisse des Weltgeschehens sind laut Leibniz demnach genauestens geregelt und zueinander in Beziehung gesetzt.15 Genau mit dieser Ursache-Wirkungs- Beziehung spielt Kleist in seiner Novelle, in dem er dieses vermeintliche Gleichgewicht immer wieder durcheinanderbringt.16

2.2 Kleist und seine philosophische Krise

Für Autoren wie Schneider steht fest, dass Kleist in seine Novelle seine eigeneweltanschauliche Krise miteingearbeitet hat, die mit der „Zerschmetterung des Bewußtseins“ einherging.17 Der junge Kleist orientierte sich anfangs, ganz vom Optimismus der Aufklärung gepackt18, stark an der eigenen moralischen Vervollkommnung, der eine teleologische Philosophie zugrunde liegt. Er beschäftigte sich im Laufe der Zeit stärker mit unterschiedlichen philosophischen Ansätzen wie denen von Kant und Fichte, die ihn 1801 in eine erkenntnistheoretische Krise stürzten und ihn zu der Ablehnung wissenschaftstheoretischer Texte veranlassten.19 Mit dem Zerbrechen aller Gewissheiten eines zweck- bzw. zielgerichteten Daseins, die unter anderem von Kants Erkenntniskritik ausgelöst wurde, sah sich Kleist einer neuen Orientierungslosigkeit ausgesetzt, denn der willkürliche und unberechenbare Zufall beherrsche das Dasein.20 Sein stark ausgeprägter Harmonieglaube mit der Vervollkommnung als höchstes Zweck der Schöpfung geriet ins Wanken: „Der zwischen der Konstruktion einer sinnvollen Schöpfung und der im eignen Inneren gefundenen Harmonie vermittelnde rote Faden ist verschwunden, und mit ihm der auf Innen- und Außenwelt bezogene Perfektibilitätsglaube.“21 Die Idee der Aufklärung umfasste die Vorstellung, durch freie Selbstbestimmung und Einsetzen des eigenen Verstandes das Schicksal selbst in der Hand zu haben. Kleist sah sich gezwungen, diesen optimistischen Ansatz gegen die pessimistische Weltsicht aufzugeben, dass der Mensch den unterschiedlichen Mechanismen ausgeliefert sei: „Was der Zusammenbruch des Kleistschen Weltbildes bewirkt, ist der unauflösliche Gegensatz zwischen dem menschlichen Drang zur Selbstbestimmung […] und dem sich logischer Analyse weitgehend verschließenden Getriebe der Welt, das den Verstand in seine Schranken weist.“22 Susanne Ledanff hebt Kleists grundlegende Fragestellung, auch hinsichtlich seiner Erdbebennovelle, explizit hervor: „Waltet ein gleiches Gesetz über die moralische wie über die physische Welt?“23. In seiner Novelle erzählt er die Geschichte eines gesellschaftlich-verurteilten Liebespaares, das von einer Katastrophe in die nächste stolpert und dabei lichtblickartig immer wieder paradiesische Zustände erlebt.24 Diese literarisch konstruierte „gebrechliche Einrichtung“25 der Welt ist gefärbt von Kleists persönlicher Erfahrung und betont die Rätsel Gottes, denen man die gesamte Lebenszeit ausgeliefert zu sein scheint. Seine Novelle ist durchzogen von gegensätzlichen Erklärungsmustern, denen sich im nächsten Kapitel gewidmet werden soll.

3 Kleists Das Erdbeben in Chili - eine Abrechnung mit dem Theodizeegedanken?

3.1 Wahlfreiheit und Schicksal

Der glückliche bzw. unglückliche Zufall ist ein Motiv, das sich durch die gesamte Novelle zieht und immer wieder gegeneinander ausgespielt wird. So ist es im zweiten Absatz einem „glücklichen Zufall“ zu verdanken, dass der Lehrer Jeronimo seine Geliebte Josephe trotz derer Verbannung ins Kloster schwängern kann, was jedoch mit Einsetzen der Geburt nicht nur für die „unglückliche Josephe“26 schwerwiegende Folgen hat. Es zeichnet sich bereits in den ersten Sätzen der Novelle ab, wie schnell sich die Bewertung einer Situation verändern kann. Für die beiden Sünder stehen die Strafen schnell fest: Gefängnis für Jeronimo, Enthauptung für Josephe. Dem vermeintlich unausweichlichem Schicksal ausgeliefert, das sie zusammengeführt, aber nicht zusammenleben lässt, beschloss Jeronimo „sich durch einen Strick, den ihm der Zufall gelassen hatte, den Tod zu geben.“27

[...]


1 Elberfelder Bibel 2006, Lk.15, 34.

2 Zu Deutsch: „Versuche in der Theodicee über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels“. Appel, Kurt: Kants Theodizeekritik. Eine Auseinandersetzung mit den Theodizeekonzeptionen von Leibniz und Kant. Frankfurt a.M.: Lang 2003. S.20.

3 Vgl. Appel 2003: S. 21.

4 Vgl. Wichmann, Thomas: Heinrich von Kleist. Stuttgart: Metzler 1988. S. 96 f.

5 Kleist, Heinrich von: Das Erdbeben von Chili. In: ders.: Sämtliche Werke und Briefe. Bd. 2. Hrsg. von Helmut Sembdner. München 1985. S.145. Im Folgenden zitiert mit der vorangestellten Sigle „KL“ und Seitenzahl.

6 Ledanff, Susanne: Kleist und die „beste aller Welten“. Das Erdbeben in Chili - gesehen im Spiegel der philosophischen und literarischen Stellungnahmen zur Theodizee im 18. Jahrhundert. In: Kleist-Jahrbuch (1986). S. 125 - 155. S. 127.

7 Vgl. Appel 2003: S. 21 f.

8 Vgl. Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Bd. 5: Rationalismus. Hrsg. von Rainer Specht. Stuttgart: Reclam 1979. S. 237.

9 Vgl. ebd. S. 236.

10 Ebd. S. 243.

11 Vgl. Leibniz, Gottfried Wilhelm: Die Theodizee von der Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels. In: ders.: Philosophische Schriften. Bd. 2.1 und 2.2. Hrsg. u. übers. von Wolfgang Herring. Darmstadt 1985. S. 384.

12 Vgl. Weber, Christoph: Vom Gottesgericht zur verhängnisvollen Natur. Darstellung und Bewältigung von Naturkatastrophen im 18. Jahrhundert. Hamburg: Meiner 2015. S. 81.

13 Vgl. Volpi, Franco (Hrsg.): Großes Werklexikon der Philosophie. 2.Bd. Stuttgart Kröner 2004. S. 896.

14 Ledanff 1986: S. 126.

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. ebd.: S. 152.

17 Schneider, Helmut J.: Der Zusammensturz des Allgemeinen. In: Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists „Das Erdbeben in Chili“. Hrsg. von David E. Wellbery. 4. Auflage. München: Beck 2001. S. 110 - 129.: S. 117.

18 Vgl. Brors, Claudia: Anspruch und Abbruch. Untersuchungen zu Heinrich von Kleists „sthetik des Rätselhaften. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002. S. 28.

19 Vgl. Ledanff 1986: S.133.

20 Vgl. Jeßing, Benedikt/ Köhnen, Ralph: Einführung in die neuere deutsche

Literaturwissenschaft. 3., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart: J.B. Metzler 2012. S.55.

21 Ledanff 1986: S. 143.

22 Marx, Stefanie: Beispiele des Beispiellosen. Heinrich von Kleists Erzählungen ohne Moral. Würzburg: Königshausen & Neumann 1994. S. 121.

23 Vgl. Ledanff 1986: S. 145.

24 Vgl. Wichman 1988: S. 101.

25 Ledanff 1986: S. 126.

26 KL: S.144.

27 Ebd.: S.145.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Theodizeegedanke in Kleists "Das Erdbeben in Chili". Die beste aller möglichen Welten im Angesicht des Todes
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V355897
ISBN (eBook)
9783668419254
ISBN (Buch)
9783668419261
Dateigröße
891 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theodizeegedanke, kleists, erdbeben, chili, welten, angesicht, todes
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Der Theodizeegedanke in Kleists "Das Erdbeben in Chili". Die beste aller möglichen Welten im Angesicht des Todes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355897

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