Die Laokoonepisode in Vergils "Aeneis" hat eine bedeutende Rolle im gesamten Werk inne, nimmt sie doch einen Großteil des zweiten Buches in Anspruch und besiegelt den Untergang Trojas endgültig. Als falsch gedeutetes prodigium hat Vergil an dieser Stelle geschickt das Problem der Darstellung der beiden Völker Griechen und Troer gelöst, denn wie sonst können die Griechen nicht hinterhältig und die Troer nicht als blind und einfältig dargestellt werden, als durch ein Götterzeichen, das falsch gedeutet wurde?
Trotz Laokoons Warnungen, rhetorischen Fragen und Ausrufen können und wollen die Troer nicht von ihrem Vorhaben, das Pferd in die Stadt zu ziehen, abweichen – geblendet von der sogenannten mens laeva, dass der Krieg nun endlich vorbei ist.
Doch wie ist Laokoons Warnrede aufgebaut? Inwieweit und warum stellt Vergil diese Episode ins Zentrum des zweiten Buches? Wie wird die Laokoonszene bei anderen Autoren dargestellt und weshalb nahm Vergil einige Veränderungen vor, die z.T. sogar zu Ungereimtheiten in dem sonst so geschliffenen Werk führen?
Die ausgewählte Szene wurde schon oft untersucht und interpretiert; es gibt so viele verschiedene Ansichten, weshalb Vergil die Laokoonszene schildert, wie er es tut und worin er bzw. Aeneas die Ursachen für den Untergang Trojas sah, dass auf den folgenden Seiten nur ein kurzer Abriss der vielfältigen Interpretationsansätze gezeigt und diskutiert werden kann.
Insbesondere soll hierbei auf die Ansichten in Erich Bethes „Vergilstudien“, Richard Heinzes „Virgils epische Technik“, Hermann Kleinknechts „Laokoon“ und John P. Lynchs „Loacoön and Sinon“ eingegangen werden; spiegeln sie doch alle sehr wichtige und oft gegensätzliche Positionen innerhalb der wissenschaftlichen Erörterung der Laokoonepisode wider.
Auch die Beziehung zwischen dem fatum und der mens laeva im Zusammenhang mit der Iliupersis soll Erwähnung finden; verleiht Vergil ihr doch in dieser Szene besonderes Gewicht.
Ist also das fatum der mens laeva übergeordnet oder spielen beide ihre Rolle in den Ursachen des Untergangs von Troja? Sieht Aeneas allein darin den Grund oder schiebt er es auf die List der Griechen? Inwieweit ist auch er, mythologischer Stammvater der Römer, schuld an diesem verhängnisvollen Irrtum?
All dies soll im Folgenden untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kontext und Übersetzung Verg. Aen. 2, 40-56
3. Analyse und textnahe Interpretation
3.1 V. 40-49 Warnrede des Laokoon
3.2 V. 50-56 Lanzenwurf und Aeneas Beurteilung dieser Episode
4. Allgemeine Interpretation der Textstelle
4.1 Intentionen für die Laokoonszene und deren Rolle im Gesamtwerk
4.2 Die Rolle des fatum, der mens laeva und Vergils stoischen Überzeugungen
4.3 Vergils Darstellung der Troer durch die Laokoonszene
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Laokoonepisode in Vergils Aeneis (Buch 2, V. 40-56) mit dem Ziel zu klären, warum Vergil diese Szene in dieser spezifischen Ausgestaltung in sein Werk integrierte und welche Funktion sie für die Entlastung der Troer sowie die Charakterisierung des Aeneas einnimmt.
- Strukturelle und rhetorische Analyse der Warnrede Laokoons
- Die Rolle der „mens laeva“ und des „fatum“ im Untergang Trojas
- Intertextuelle Bezüge zu Cato dem Älteren und der Figur des Idealrömers
- Vergleich der vergilischen Version mit anderen antiken Überlieferungen
- Die Funktion der Episode für die dramatische Komposition des Epos
Auszug aus dem Buch
3.1 V. 40-49 Warnrede des Laokoon
Nun wird also in der allgemeinen Diskussion und Verwirrung die Menge gespalten (V.39) und um der Ratlosigkeit Abhilfe zu schaffen, wird „durch einen derer, quorum melior sententia menti,“ Laokoon herbeigeholt, „damit er für ihre Partei den Ausschlag gebe.“ Eine nähere Einführung der Figur des Laokoon gibt es nicht, scheint er also bei Vergil ein Fürst wie Capys oder Thymoetes zu sein, so wird er später trotzdem als opferdarbringender Priester erwähnt (V. 201). Wie sehr der Fürst Laokoon in Aufruhr ist und wie plötzlich er die Menge während ihrer Beratung unterbricht, wird hier an mehreren Stellen bewiesen: Zum einen kommt der Fürst nicht allein – natürlich nicht, es ist ja ein Fürst - sondern Vergil stellt ihn sogleich ante omnis magna comitante caterva (V. 40) und lässt ihn auch nicht nur accurrit, sondern summa decurrit ab arce (V. 41), wie Heinze richtig bemerkt. Dass Bethe diese beiden Ausdrücke als eine Ungereimtheit ansieht, da er meint Laokoons Gefolge müsste schon längst bei dem Pferd versammelt sein und ihm auch das Herabeilen zum Strand widersprüchlich erscheint, halte ich nicht für haltbar, da das Gefolge eines Fürsten wohl kaum zur vulgus zu zählen ist, das sich dort versammelt hat.
Zum anderen beschreibt Vergil seinen Laokoon mithilfe einer Metapher als ardens (V. 41) und lässt ihn schon procul (V. 42) seine Warnrede beginnen. Auch Lynch sieht hierin einen Beweis dafür, dass Laokoon ein „man of surpassing energy“ ist und „so impatient that he begins his speech on the run“. Was für einen Eindruck ein herbeirennender Fürst, vor Aufregung glühend, auf das vulgus gemacht haben muss, der sich noch nicht einmal die Zeit nimmt, bei der Menge anzukommen, um seine Warnung auszusprechen, lässt sich leicht vorstellen und betont den Schwerpunkt, den Vergil hier auf der Person des Laokoon konzentriert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die zentrale Rolle der Laokoonepisode für den Untergang Trojas und stellt die Forschungsfragen bezüglich ihrer Bedeutung, literarischen Gestaltung und der damit verbundenen Interpretation von „mens laeva“ und „fatum“.
2. Kontext und Übersetzung Verg. Aen. 2, 40-56: Dieses Kapitel bettet die Textstelle in den Handlungsverlauf der Aeneis ein, liefert eine Übersetzung und unterteilt die Passage in die Warnrede und den Lanzenwurf.
3. Analyse und textnahe Interpretation: Hier erfolgt eine detaillierte Untersuchung der rhetorischen Mittel in Laokoons Rede sowie eine Analyse der dramatischen Zuspitzung durch den Lanzenwurf und die anschließende Reaktion der Troer.
4. Allgemeine Interpretation der Textstelle: Das Kapitel diskutiert die Intentionen Vergils, insbesondere die Entlastung der Troer und Aeneas, sowie das Zusammenspiel von göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Verblendung.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass die Laokoonepisode durch geschickte narrative Verknüpfungen und stilistische Mittel maßgeblich dazu dient, die Schuld der Troer am Untergang ihrer Stadt zu relativieren.
Schlüsselwörter
Vergil, Aeneis, Laokoon, Troja, fatum, mens laeva, Iliupersis, Aeneas, Rhetorik, Catos, Götterzeichen, Literaturwissenschaft, Interpretation, Epik, Antike
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Laokoonepisode im zweiten Buch der Aeneis von Vergil und untersucht deren erzählerische Funktion im Kontext des Untergangs von Troja.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die literarische Gestaltung der Laokoon-Rede, die psychologische Darstellung der Troer sowie die philosophische Bedeutung von fatum und mens laeva.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum Vergil diese spezifische Szene so ausführlich gestaltet hat und ob sie dazu dient, die Schuld der Troer und des Stammvaters Aeneas am Fall Trojas zu mindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Es wird eine textnahe Interpretation in Verbindung mit einem intertextuellen Vergleich (unter anderem mit antiken rhetorischen Stilen und anderen Versionen des Mythos) angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Warnrede Laokoons, eine Interpretation der dramatischen Handlung (Lanzenwurf) sowie eine Diskussion der übergeordneten theologischen und moralischen Fragen im Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wesentliche Begriffe sind Vergil, Aeneis, Laokoon, fatum, mens laeva und die Frage nach der Schuldfrage innerhalb der epischen Darstellung der Zerstörung Trojas.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Laokoon im Vergleich zu anderen antiken Autoren?
Die Arbeit zeigt auf, dass Vergil Laokoon als eine Art römische Identifikationsfigur gestaltet, die durch ihre Rhetorik und Tugendhaftigkeit das Verhalten des „Idealrömers“ widerspiegelt.
Welche Bedeutung kommt dem Lanzenwurf in der Interpretation zu?
Der Lanzenwurf wird als dramatischer Höhepunkt und als Moment gedeutet, in dem die Troer trotz deutlicher Warnsignale durch ihre „mens laeva“ (Verblendung) die Gelegenheit zur Rettung verpassen.
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- Marie Theres Wittmann (Author), 2016, Die Laokoonepisode in der "Aeneis" von Vergil, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355996