Juristensprache verständlich machen

Was alle angeht, sollte von allen verstanden werden


Fachbuch, 2017

125 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Verständlich formulieren statt Juristensprech
Der aufgeklärte, mündige Bürger – eine Fiktion?

1 Sprache allgemein
Sprache: Angeboren oder erlernt?
Leichte Sprache – auch für Juristen?
Leichte Sprache – für wen?
Idee
Regeln
Wer schreibt bereits in Leichter Sprache?
Netzwerk Bremen
Wochenzeitung DAS PARLAMENT
Internetauftritt Dr. Anton Hofreiter in leichter Sprache
Die Präsenz der Bundesgerichte in „Leichter Sprache“
Sprachgefühl und Sprachgebrauch
Gespür für das richtige Wort
Woher die Unverständlichkeit rührt
Beispiel Formular-Arbeitsvertrag – Recht ist Sprache
Bauhaus-Sprachstil
Von der Wissenschaft lernen
Bauchentscheidungen
Intuition beruht auf Erfahrungswissen
Das Bauchgefühl: Wie es funktioniert
Faustregeln (Heuristik)
Das evolvierte Gehirn
Intuitive Urteile
Emotionen
Hirnforschung: Spiegelneurone
Sind Gefühle authentisch?
Körpersprache
Selbstdarstellung

2 Die Sprache der Juristen
Die Sprache in Urteilen
Sprache ist nicht logisch
Rechtsbeugung (mit Sprachkritik)
Beispiel: Bereitschaftsdienst - Zwei Urteile (mit Kommentar)
Die Sprache in Gesetzen (mit Verbesserungsvorschlägen)
Grundrechte, Asylrecht
Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) - Beispiele
Schwarzfahren = Beförderungserschleichung?
Billiges Ermessen – Beispiel Bonusanspruch
BGB § 626 Fristlose Kündigung aus wichtigem Grund
Straßenverkehrsordnung
Beispiel: Aus dem Bundeserziehungsgeldgesetz:
Beispiel: Kündigungsschutzgesetz

3 An der Sprache scheitern – Beispiel Arbeitszeugnisse
Wie es anfing
Rechtsanspruch BGB
Grundsätze: Wahrheit und Wohlwollen
Was bedeutet Wohlwollen?
Wahrheit geht vor Wohlwollen – ein Widerspruch
Wohlwollen abschaffen?
Widersprüchliche Rechtsprechung
Zeugnissprache
Es gibt keine eigenständige Zeugnissprache
Zeugniscode = Zufriedenheitsskala
Änderung des Zeugnisrechts - § 109 Gewerbeordnung
Zeugnispraxis
Verdeckte und doppelbödige Formulierungen
Reihefolgetechnik, Negationstechnik, Leerstellentechnik
Leistungsbeurteilung nach Schulnoten – Beispiel
Beurteilung des Arbeitsverhaltens (früher „Führung“)
Zusammenfassende Beurteilung: Urteil Bundesarbeitsgericht
Urteil Bundesarbeitsgericht (mit Sprachkritik)
Beurteilungssystem
Bedeutung der Endnote
Vorauswahl in der Praxis
Sprachgebrauch in Arbeitszeugnissen
Wenn Verben nicht passen
Adjektive (stehende Beiwörter)
Papierdeutsch
Der aufgeblasene Stil
Sprachlich missglückt
Anschaulich formuliert (Aus Originalzeugnissen):
Fazit: Gesetzlicher Zeugnisanspruch war ein Fehler

4 Korrekt und verständlich formulieren – wie geht das?
Was heißt verständlich formulieren?
Knappheit
Mehr Verben, weniger Substantive
Falsche Adjektive
In Bildern sprechen
Indikativ und Konjunktiv (mit Beispielen)
Unterscheidung Konjunktiv I und II, Würde-Form
Verständlichkeitskonzept – Von Wissenschaftlern entwickelt
Was ist Verständlichkeit?

5 Vom Recht auf verständliche Gesetze und Entscheidungen
Was man über die Juristenausbildung wissen sollte
Leitbild: Die Befähigung zum Richteramt
Die Ausbildung
Verständlichkeit als Bürgerrecht? Pro und Kontra
Von der Unverständlichkeit des Rechts
Juristendeutsch: Handwerkszeug oder Herrschaftsmittel?
Sprachzucht ist ein Beitrag zur Demokratie
Hans Magnus Enzensberger: Von den Vorzügen der Unverständlichkeit
Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus (Artikel 20 Grundgesetz)
Begriffserklärung
Vom Bürgerrecht auf verständliche Gesetze und Urteile
Beispiel Schweiz: Die Eugen-Huber-Regel
Situation in Deutschland - Beispiele
Beispiele gelungener Verständlichkeit
Forderungen aus der Sicht der Bürger
Rolf Wassermann: Plädoyer für mehr Verständlichkeit
Reicht Verständlichkeit?
Der aufgeklärte, mündige Bürger – eine Fiktion?
Was ist Aufklärung?
Das demokratische Recht
Die Juristensprache ist etwas, das überwunden werden muss

6 Anhang

Test Sprachgefühl
Übungen Sprachgebrauch
Übung 1: Anwaltstexte
Übung 2: Streichen Sie die überflüssigen Wörter
Übung 3: Gefühle und Sprache – Synonyme finden
Übung 4:
Lösungen Test und Übungen
Test Sprachgefühl
Übung 1: Vorschläge Anwaltstexte
Übung 2: Überflüssige Wörter streichen
Übung 3: Synonyme finden
Übung 4: Gegensätze
Urteil Bundesarbeitsgericht – Leistungsverweigerung (Originaltext mit Sprachkritik)

Literatur

Vorwort

Wir haben in unserem Sprachraum nur eine Sprache, nämlich Deutsch, unsere Muttersprache. Juristen haben keinen Anspruch auf eine eigene Sprache, genau so wenig wie Politiker, Wissenschaftler und Manager. Für alle gilt, sich verständlich auszudrücken.

Richter sprechen von "wahren Tatsachen", als gäbe es auch falsche. Sie schreiben Sätze wie "Die Revision des Klägers ist unbegründet", obwohl der Kläger gute Gründe hat.

Auch Kompliziertes lässt sich in einfachen Sätzen ausdrücken. Der Bürger ist der Souverän. Er hat Anspruch auf verständliches Deutsch. Doch die Realität ist eine andere. Juristen verhunzen die Sprache. Statt „Vernehmung“ reden sie von „Einvernahme“. Die hohen Richter beim Verfassungsgericht in Karlsruhe sprechen in ihrem „Eckkneipen-Urteil von „getränkegeprägter Kleingastronomie.“

Die Bibel der Juristen ist das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), formuliert im 19. Jahrhundert in einer abstrakten und inzwischen antiquierten Sprache. Wer, außer Juristen, weiß, was „Billiges Ermessen“ bedeutet? Bei „Beförderungserschleichung“ ahnt man immerhin, was gemeint sein könnte, nämlich Schwarzfahren.

Der Rechtswissenschaftler Helmut Köhler behauptet in seiner Einleitung zum Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB, dtv-Augabe), dass die Texte im BGB nur für Juristen bestimmt seien. Dabei regelt das BGB, was alle Bürger angeht, wie Kauf, Miete, Verträge, Ehe, Erbe usw. Verstehen müssen die Bürger das nicht. Dahinter steckt ein antiquiertes Menschenbild. Untertanen haben zu gehorchen.

Verständlich formulieren statt Juristensprech

Die Gretchenfrage lautet: Wie soll man formulieren? Klar, knapp und verständlich. Das ist leicht gesagt, aber was heißt das genau? In diesem Buch will der Autor Juristen auf die Sprünge helfen. Viele haben es schon in der Juristenausbildung verlernt, sich klar und verständlich auszudrücken. Es soll auch Juristen geben, die das unverständliche Juristendeutsch als Privileg ansehen, um sich von anderen zu unterscheiden.

Hier werden juristische Texte (Gesetze, Urteile, Verträge, Anwaltsschreiben) unter die Lupe genommen. Mit Beispielen und Übungen erfahren die Leser, wie man Juristendeutsch in eine klare Sprache verwandelt, und zwar im „Bauhaus-Sprachstil“, (Wortschöpfung des Autors) in Anlehnung an den Bauhaus-Stil in der Architektur: Einfach, klar und schnörkellos. Zudem wird das „Verständlichkeitskonzept“ der Kommunikations-Wissenschaftler Reinhard Tausch, Friedemann Schulz von Thun und Inghard Langer vorgestellt.

Die Juristensprache, der juristische Stil muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden.

Der aufgeklärte, mündige Bürger – eine Fiktion?

Trotz der Ansätze und Vorschläge in den letzten Jahrzehnten hat sich an der Unverständlichkeit bei Gesetzen und Entscheidungen nichts verändert. Es muss sich grundsätzlich etwas ändern. Ideen und Vorschläge wie sie bei Symposien diskutiert werden, sind Denkanstöße, aber keine Lösungen. Es muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen. Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus, heißt es im Grundgesetz. Gesetze lassen sich auch verständlich formulieren (Beispiel Schweiz).

Ein Jurist bringt es auf den Punkt, worum es geht. Rolf Wassermann, ehemaliger Präsident des Oberlandesgerichts Braunschweig, hat auf einem Kolloquium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt 1981 einen Vortrag gehalten unter dem Titel: „Sprachliche Probleme in der Praxis von Rechtsetzung, Rechtspflege und Verwaltung“ (kurz: „Rechtsapparat“ - siehe auch Literaturverzeichnis). Hier ein Auszug:

Analysiert man die Gründe für die Diskrepanz zwischen dem, was sein sollte, und dem, was tatsächlich ist, so stößt man unweigerlich auf Schwierigkeiten in der wechselseitigen Verständigung. Jede Strategie, die darauf abzielt, Recht, Justiz und Verwaltung der Diskretion der Fachjuristen zu entreißen und zu einem realen Angebot für alle Bürger zu machen, ist daher darauf verwiesen, die Kommunikation zwischen dem Rechtsapparat und dem Bürger als Zentralproblem zu begreifen. (...) Nur dann, wenn die Verständigung zwischen Rechtsapparat und Bürger, zwischen Juristen und Nichtjuristen befriedigend gelöst wird, kann man hoffen, dass jene Zielsetzungen, die die Rechts- und Verwaltungspolitik mit Stichworten wie „Soziales Recht, Bürgerfreundliche Rechtspflege, Bürgernahe Verwaltung umschreibt, nicht Absichtserklärungen bleiben, sondern verwirklicht werden.

1 Sprache allgemein

Sprache: Angeboren oder erlernt?

Der amerikanische Linguist Noam Chomsky vertritt die Ansicht, dass es universelle Gemeinsamkeiten zwischen allen Sprachen gibt. Er macht ein angeborenes Sprachvermögen dafür verantwortlich, das bei allen Menschen auf denselben Prinzipien beruht. Der Sprachforscher Joseph Greenberg dagegen setzt keine genetisch festgelegte „Universalgrammatik“ voraus, sondern eine „universelle Wortordnung“: Demnach bestimmen allgemeine Mechanismen der Sprachverarbeitung im Gehirn die Reihenfolge von Wörtern und Satzteilen. Die neuen Ergebnisse der Sprachforscher widersprechen beiden Ansichten, wie Stephen Levison: Unsere Studie deutet daraufhin, dass die kulturelle Entwicklung sehr viel stärker beeinflusst, wie sich eine Sprache entwickelt, als universelle Regeln. Die Sprachstruktur ist also offenbar weniger biologisch festgelegt, sondern wird von ihrer Abstammung geprägt.

Die Neurowissenschaftlerin Angela Frederice vom Max-Planck-Institut in Leipzig vertritt in Anlehnung an Noam Chomsky die Auffassung, dass im menschlichen Gehirn eine angeborene Universalgrammatik festgeschrieben sei, genauer gesagt die Fähigkeit, ein solches Regelsystem zu lernen. Diese bislang unbewiesene These sei durch etliche Indizien gestützt. Die Leipziger Forscher haben ihre Studien auf Kinder ausgeweitet und konnten dabei beobachten, wie sich die richtige grammatische Struktur nach und nach entwickelt. Erste Untersuchungen brachten erstaunliche Ergebnisse. Die Gehirne von Fünfjährigen konnten bereits die korrekte grammatische Struktur eines Satzes bestimmen. Das junge Gehirn vollendet offenbar im achten Lebensjahr seine grammatische Entwicklung. Offenbar lernen wir Sprechen wie Schwimmen oder Rad fahren. Das Erlernte läuft dann unbewusst ab.

Leichte Sprache – auch für Juristen?

Leichte Sprache – für wen?

Im Internet kann man unter www.leichtesprache.org lesen, für wen die Leichte Sprache eine Hilfe ist. Zum Beispiel für „Menschen, die nicht so gut Deutsch sprechen.“ Aha! Also für die meisten von uns, auch für Juristen.

Bisher kannten wir nur gutes und schlechtes, richtiges oder falsches Deutsch, aber auch verständliches Deutsch und Geschwurbel. Endlich wird es für alle leichter. Die Weihnachtsgeschichte hört sich jetzt so an:

Gabriel: Maria, du bekommst bald ein Kind .

Maria: Wie kann ich ein Kind bekommen? Ich schlafe doch nicht mit Josef.

Gabriel: Das Kind ist nicht von Josef. Das Kind ist von Gott.

Leicht gesagt! Es könnte auch eine Erleuchtung sein.

Idee

Es begann in Oregon, USA. Dort hat man einen Verein gegründet, um Menschen mit Lernschwierigkeiten zu helfen. Der Name: PEOPLE FIRST. Inzwischen gibt es solche Gruppen auch in Deutschland, die sich im „Netzwerk Leichte Sprache“ organisiert haben.

Es gibt auch Unterstützung von offizieller Stelle: Von der Konferenz der Arbeits- und Sozialminister der Bundesländer. Sie bezieht sich auf die UN-Behindertenrechtskon-vention von 2006, wo es um die Verwirklichung des Ziels einer inklusiven Gesellschaft geht. Dort heißt es im Artikel 24:

Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass Menschen mit Behinderungen ohneDiskrim inierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen haben. Zu diesem Zweck stellen die Vertragsstaaten sicher, dass für Menschen mit Behinderungen angemessene Vorkehrungen getroffen werden.

Die Arbeits- und Sozialminister der Länder sind der Auffassung, dass die Verbreitung der Leichten Sprache dazu beitrage und setzen sich deshalb für die Verbreitung ein. Womöglich wird der Weg frei, mit der Beherrschung der Leichtsprache einmal Minister zu werden.

Was ist Leichte Sprache? Haben wir es mit der deutschen Version des Pidgin-Englisch zu tun? Nein. Unter Pidgin-Englisch versteht man eine Sprache mit englischem Grundwortschatz und vereinfachter Struktur sowie Elementen einheimischer Sprachen, wie etwa Westafrika und Melanesien (www.enzyk/lokal/42134). Leichte Sprache ist eine künstliche Sprache, die vom Grundsatz ausgeht: Normales Deutsch ist schweres Deutsch. Leichte Sprache, so die deutschen Sprachschöpfer, helfe Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit der Krankheit Demenz und für Menschen, die nicht so gut Deutsch können.

Das träfe geschätzt auf die meisten Deutschen zu.

Regeln

Benutzen Sie positive Sprache

Schlecht: Peter ist nicht krank.

Gut: Peter ist gesund.

Benutzen Sie einen einfachen Satz-Bau

Schlecht: Zusammen fahren wir in Urlaub

Gut: Wir fahren zusammen in Urlaub

Vermeiden Sie den Genetiv

Schlecht: Das Haus des Lehrers

Gut: Das Haus von dem Lehrer

Vermeiden Sie den Konjunktiv

Den Konjunktiv erkennt man an diesen Wörtern: hätte, könnte, müsste, sollte, wäre, würde.

Schlecht: Morgen könnte es regnen.

Gut: Morgen regnet es vielleicht.

Benutzen Sie bekannte Wörter

Schlecht: Workshop

Gut: Arbeits-Gruppe (man beachte die Rechtschreibung!)

Schlecht sind außerdem lange Sätze, Passivkonstruktionen, Negationen,

Fremdwörter, Fachwörter.

Wer schreibt bereits in Leichter Sprache?

Netzwerk Bremen

Das Netzwerk in Bremen fängt mit „Fußball“ an. Gibt es Wichtigeres? Schließlich sind wir Weltmeister! Zusammen mit dem Bundesligaverein Werder Bremen haben die Netzwerker eine Fußballfibel in Leichter Sprache verfasst. Hand aufs Herz: Kennen Sie die Abseits-Regel? In der Fußballfibel der Leichten Sprache wird es erklärt. Nehmen wir an, Rot spielt gegen Schwarz. Der Torwart ist der letzte Spieler der roten Mannschaft. Abseits bedeutet: Schwarz spielt den Ball nach vorne. Der Ball kommt zu einem anderen Spieler von Schwarz. Wenn dieser Spieler von Schwarz näher am Tor steht als der vorletzte Spieler von Rot, dann steht er im Abseits. Es kommt auf den Moment an, wenn der Spieler den Ball spielt und nicht, wann der andere Spieler den Ball bekommt.

Die 48 Seiten der Fußballfibel hier:(http://www.lebenshilfe-bremen.de/files/Fussball-Regeln_in_Leichter_Sprache.pdf)

Wenn alle Texte so verständlich formuliert wären, dann gäbe es keinen Grund für eine Leichte Sprache. Doch das meiste ist in der Kindersprache formuliert. Zum Beispiel:

- Meistens spielt man Fußball mit dem Fuß
- Wer gewinnt das Spiel: Die Mannschaft, die mehr Tore schießt.
- „Das Ziel vom Fußballspiel: Der Ball muss ins Tor.

Wochenzeitung DAS PARLAMENT

„Das Parlament“ fügt der üblichen Wochenausgabe eine Beilage in leichter Sprache bei. Eine Art Sättigungsbeilage. In dieser Beilage stehen Sätze wie diese:

- Bundes-Tag ist der Name für eine Gruppe von Menschen, die in diesem Haus arbeiten. Die Menschen in dieser Gruppe nennt man auch Abgeordnete. Es gibt 631 Abgeordnete. Es sind Frauen und Männer.
- Die Abgeordneten dürfen für alle anderen Menschen in Deutschland Entscheidungen treffen. Eine wichtige Aufgabe vom Bundes-Tag ist die Wahl vom Bundestag.

Internetauftritt Dr. Anton Hofreiter in leichter Sprache

Mein Name ist Toni Hofreiter. Ich bin Politiker von den Grünen. Viele Leute haben bei der letzten Wahl die Grünen und mich gewählt. Deshalb sitze ich jetzt im Deutschen Bundestag. Im Bundestag bin ich der Vorsitzende von allen Grünen Abgeordneten. Dort werden wichtige Entscheidungen getroffen. Meine Ziele sind:

Ich möchte, dass es gerecht zugeht. Und ich möchte die Umwelt schützen. Tiere und Pflanzen sollen nicht aussterben. Sauberes Wasser, reine Luft, gesunde Lebensmittel soll es auch in Zukunft geben. Damit auch unsere Kinder in vielen Jahren gut leben können...

Abgeordnete wollen eben gewählt werden, warum nicht auch von Leichtsprachlern?

Auch Kommunen bieten Texte auf ihren Internetseiten in leichter Sprache an, wie zum Beispiel Bremen, Hamburg, die Stadt Köln. Bei der Stadt Köln gibt es auch Informationen über „Soziale Leistungen für Ausländer“ und eine Erläuterung zum „Asyl-Bewerber-Leistungs-Gesetz“. Ob Asyl-Bewerber das alles verstehen, trotz leichter Sprache, darf bezweifelt werden.

Das ist alles gut gemeint, aber mit der Leichtsprache lernt man nicht richtig sprechen und schreiben.

Die Präsenz der Bundesgerichte in „Leichter Sprache“

Sie gehen mit der Zeit: Das Bundesverfassungsgericht, der Bundesgerichtshof, das Bundessozialgericht, das Bundesfinanzgericht und das Bundesarbeitsgericht. Hier ein Auszug der Internetpräsenz des Bundessozialgerichts. Das Schriftbild wurde beibehalten:

Beispiel: Bundes-Sozial-Gericht

Das Bundes-Sozial-Gericht ist ein Revisions-Gericht.

Das heißt:

Man geht nur dann zum Bundes-Sozial-Gericht, wenn man vorher bei einem Landes-Sozial-Gericht war.

In Deutschland gibt es 69 Sozial-Gerichte.

Für jedes Bundes-Land gibt es ein Landes-Sozial-Gericht.

Das Landes-Sozial-Gericht ist für das Bundes-Land zuständig.

- Man geht immer zuerst zu dem Sozial-Gericht in seiner Nähe. Das Sozial-Gericht entscheidet dann.

Das nennt man auch: Das Gericht fällt ein Urteil.

- Wenn man mit dem Urteil nicht einverstanden ist, dann kann man das sagen.

Man sagt auch: Man geht in Berufung.

Das macht man bei dem Landes-Sozial-Gericht.

- Das Landes-Sozial-Gericht prüft den Fall noch mal.

Das Landes-Sozial-Gericht fällt ein Urteil.

Das Landes-Sozial-Gericht sagt auch: Bei dem Urteil ist eine Revision zugelassen.

Revision heißt: Wenn man mit dem Urteil nicht einverstanden ist, dann kann man zum Bundes-Sozial-Gericht gehen.

Manchmal hat das Landes-Sozial-Gericht die Revision nicht zugelassen. Dann kann man trotzdem zum Bundes-Sozial-Gericht gehen. Man muss dann eine Nicht-Zulassungs-Beschwerde einlegen.

Das Bundes-Sozial-Gericht prüft:

- Hat das Landes-Sozial-Gericht richtig entschieden?
- Oder hat das Landes-Sozial-Gericht einen Fehler gemacht?
- Hat sich das Landes-Sozial-Gericht an die Gesetze gehalten.

Die Urteile vom Bundes-Sozial-Gericht sind wichtig für die anderen Gerichte in Deutschland.

Die anderen Sozial-Gerichte sollen sich an das Urteil von dem Bundes-Sozial-Gericht halten.

Wann kann man beim Bundes-Sozial-Gericht klagen?

Nicht alle Menschen können einfach zum Bundes-Sozial-Gericht gehen.

Es reicht nicht aus, wenn man sagt: Das Urteil vom Landes-Sozial-Gericht war falsch.

Dafür gibt es Regeln.

Zum Beispiel:

- Das Landes-Sozial-Gericht muss sagen: Mit diesem Urteil kann man in die Revision gehen.
- Die Sache muss wichtig sein für ganz Deutschland. Nicht nur für eine Person.
- Das Urteil vom Landes-Sozial-Gericht passt nicht zu den Entscheidungen von den anderen wichtigen Gerichten.
- Das Sozial-Gericht hat einen schweren Fehler gemacht. Das nennt man einen Verfahrens-Fehler.

Dann kann man zum Bundes-Sozial-Gericht gehen. Das Bundes-Sozial-Gericht prüft dann den Fall.

Wie viel Geld muss man für einen Prozess beim Gericht bezahlen?

Die Bürger müssen meistens kein Geld an das Sozial-Gericht bezahlen. Aber manchmal kostet das Gericht auch Geld. Zum Beispiel, wenn es nicht um eine Person geht. Sondern, wenn es um ein Amt geht.

Dazu kommen aber noch mehr Kosten. Zum Beispiel

- Das Geld für einen Anwalt oder eine Anwältin. Das Geld muss jeder selbst bezahlen.

Fazit: Das versteht jeder, oder?

Sprachgefühl und Sprachgebrauch

Wir wissen alle, was Gefühle sind. Freude, Trauer, Wut, Begeisterung. Aber was ist gemeint mit dem Wort „Sprachgefühl“? Ein Gefühl dafür haben, was in einer Sprache richtig oder falsch ist? Ja. Aber braucht man dazu überhaupt „Gefühl“ oder kann man das lernen wie Mathematik oder Geografie?

Gespür für das richtige Wort

Es muss um mehr gehen als um korrektes Deutsch, wenn wir vom Sprachgefühl reden. Das hat etwas zu tun mit dem Gespür für das richtige Wort und den Satzbau, wie man etwas verständlich, knapp und anschaulich ausdrückt. Wir können unser Sprachgefühl entwickeln und schärfen.

Richtiges, grammatikalisch einwandfreies Deutsch zu schreiben, lernen wir in der Schule. Doch korrekt zu schreiben ist noch kein guter Stil.

Will ein Unternehmen etwas erreichen, muss das, was erreicht werden soll, also die Unternehmensziele, denjenigen, die an ihrer Erreichung arbeiten, bekannt sein.

Dieser Satz eines Personalmanagers ist von der Grammatik her korrekt: Was der Schreiber ausdrücken wollte, ist sehr umständlich formuliert, mit zu vielen Worten. Das hätte man kürzer und zeitsparender sagen können: Die Mitarbeiter müssen die Unternehmensziele kennen.

Sprachliches Wissen ist Erfahrungswissen. Grammatik ist Wer ein gutes Sprachgefühl besitzt, der weiß intuitiv, was in einer Sprache richtig oder falsch ist. Sprachgebrauch ist Erfahrung. Das Sprachgefühl ist ein Bauchgefühl. Es ist umso ausgeprägter, je mehr Erfahrung jemand auf dem Gebiet „Sprache“ besitzt.

Haben Sie ein gutes Sprachgefühl? Der folgende Satz ist grammatikalisch nicht zu beanstanden. Aber das Sprachgefühl sagt einem: Irgend etwas stimmt nicht. Was ist das? Der Satz lautet:

Eine faire Behandlung steht im Einklang mit den üblichen Gepflogenheiten.

Die Antwort ist dann einfacher, wenn man die Frage präziser formuliert: Welches Wort ist überflüssig? „üblichen“. Sie traben, fliegen und stolpern durch die Texte, die weißen Schimmel, schwarzen Raben, kleinen Zwerge, großen Riesen und die alten Greise. Die Wohnung wird neu renoviert, und nach der heißen Thermalquelle wollen wir eine Zukunftsprognose abgeben. Wir planen im Voraus, sprechen von anderen Alternativen, eigenhändiger Unterschrift und Rückantwort.

Woher die Unverständlichkeit rührt

Woher kommt es, dass unsere Alltagssprache, die für jeden anderen Zweck so bequem zu gebrauchen ist, in Verträgen und Testamenten dunkel und unverständlich wird? Woher, dass einer, der sich in allem, was er sonst sagt und schreibt, klar auszudrücken weiß, in diesen Dingen keine Worte findet, seinen Willen kundzutun, die nicht zweifelhaft und widersprüchlich wirken? Kommt es nicht daher, dass die Fürsten dieser Kunst es sich besonders angelegen sein ließen, hierfür feierlich-formelle Wörter auszuwählen und gekünstelte Sätze zu drechseln, wobei sie so lange jede Silbe abgewogen und jede kleinste Kombinationsmöglichkeit peinlichst genau durchgeprüft haben, bis sich in diese Unzahl zu Floskeln zerstückelter Redefiguren verwickelten und verstrickten, aus denen sich nun keinerlei verständliche Regeln und Vorschrift mehr ableiten lässt. Alles, was man zu Staubkörnern zerkleinert, wird zur formlosen Masse.

Das schrieb Montaigne im 16. Jahrhundert. (Essais, drittes Buch: Über die Erfahrung)

Kann ein mündiger Bürger in einem demokratischen Rechtsstaat nicht erwarten, dass Gesetzestexte, Gerichtsurteile und Verträge in einer klaren, auch für den Laien verständlichen Sprache formuliert werden?

Beispiel Formular-Arbeitsvertrag – Recht ist Sprache

§ 1 Beginn des Arbeitsverhältnisses, Tätigkeit

1. Der Mitarbeiter tritt am 1. April 2016 als Buchhalter in die Dienste der Firma ein.
2. Der Mitarbeiter verpflichtet sich, alle ihm übertragenen Aufgaben sorgfältig auszuführen und auch andere als die vorgesehenen Aufgaben zu übernehmen.
3. Der Arbeitgeber kann dem Mitarbeiter auch mit einer anderen Arbeit als der oben bezeichneten oder auch in dem weiteren Betrieb des Arbeitgebers betrauen, die seiner Eignung und Befähigung entspricht.

§ 2 Probezeit, Kündigung

1. Der Arbeitsvertrag ist unbefristet. Für die Dauer von sechs Monaten wird das Arbeitsverhältnis zur Probe abgeschlossen. Innerhalb der Probezeit kann das Arbeitsverhältnis mit einer Frist von 14 Tagen unbeschadet des Rechtes zur fristlosen Kündigung gekündigt werden.
2. Nach Ablauf der Probezeit kann das Arbeitsverhältnis nach den jeweils gültigen gesetzlichen Fristen gekündigt werden.
3. Die ordentliche Kündigung muss schriftlich erfolgen. Der Arbeitgeber ist berechtigt, den Mitarbeiter bis zum Ablauf der Kündigungsfrist freizustellen.

§ 3 Arbeitszeit

1. Die regelmäßige Arbeitszeit beträgt durchschnittlich 40 Stunden pro Woche.
2. Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit richten sich nach der Betriebsüblichkeit.
3. Der Arbeitgeber kann nach betrieblichen Erfordernissen Mehrarbeit anordnen.

§ 4 Vergütung

1. Der Mitarbeiter erhält ein monatliches Bruttogehalt von EUR 2.800.
2. Soweit Zulagen oder Gratifikationen gezahlt werden, erkennt der Mitarbeiter an, dass diese freiwillig gezahlt werden und auch hierauf nach wiederholter Zahlung kein Rechtsanspruch erwächst.
3. Mehrarbeitstunden sind mit dem Gehalt abgegolten.

§ 5 Arbeitsverhinderung

1. Im Krankheitsfalle wird der Arbeitslohn nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz fortgezahlt.
2. Der Mitarbeiter zeigt jede Arbeitsverhinderung bis spätestens 8.00 Uhr des ersten Fehltages beim unmittelbaren Vorgesetzten an.
3. Im Falle der Erkrankung muss vor Ablauf des 3. Kalendertages eine ärztliche Bescheinigung über die Dauer der Erkrankung vorgelegt werden.

§ 6 Urlaub

1. Der Mitarbeiter kann 24 Arbeitstage Erholungsurlaub im Kalenderjahr beanspruchen.
2. Der Urlaub wird nach den betrieblichen Erfordernissen und dem Urlaubsplan vom Arbeitgeber genehmigt.

§ 7 Nebentätigkeit

Der Mitarbeiter darf eine Nebentätigkeit nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung der Firma übernehmen.

§ 8 Verfallfristen

1. Alle Ansprüche aus diesem Arbeitsverhältnis müssen von den Vertragsparteien mit einer Frist von drei Monaten ab ihrer Fälligkeit schriftlich angezeigt werden.
2. Reagieren die Vertragsparteien nicht oder lehnen sie ab, so muss innerhalb von sechs Monaten ab Fälligkeit Klage erhoben werden.

§ 9 Schlussbestimmungen

1. Mündliche Nebenabreden und Vertragsänderungen werden erst rechtsgültig, wenn sie schriftlich vereinbart werden.
2. Sollten sich einzelne Klauseln dieses Vertrages als unwirksam erweisen, so bleiben die übrigen Bestimmungen des Vertrages gültig.
3. Gerichtsstand für alle Streitigkeiten, die sich aus dem Arbeitsverhältnis ergeben, ist Hamburg.
4. Anwendbar ist ausschließlich deutsches Recht.

Hamburg, den 14. Februar 2016, Unterschriften

Korrekturen

ZU § 1:

2. „Der Mitarbeiter verpflichtet sich, alle ihm übertragenen Aufgaben sorgfältig auszuführen und auch andere als die vorgesehenen Aufgaben zu übernehmen.“

Der erste Teil („sorgfältig auszuführen“) ist überflüssig, weil es sich aus dem Arbeitsvertrag ergibt. „Andere Aufgaben“ zu übernehmen, ist nicht präzise formuliert. Wer als Buchhalter eingestellt worden ist, muss nicht unbedingt Aufgaben im Einkauf übernehmen. Hier ist die Frage, was zumutbar ist bzw. was die Vertragsparteien gemeint haben.

Zu § 2:

1. ... den jeweils gültigen gesetzlichen Fristen“. Welche sonst? Die nicht mehr gültigen?

Zu § 3:

„1. Die regelmäßige Arbeitszeit beträgt durchschnittlich .39 Stunden.“

Im Durchschnitt bedeutet: Mal mehr, mal weniger. Man bezieht sich in diesem Arbeitsvertrag weder auf eine Betriebsvereinbarung noch auf einen Tarifvertrag. Bei diesem Vertrag weiß man nicht, wann die Mehrarbeit beginnt.

Zu § 4:

„Mehrarbeitsstunden sind mit dem Gehalt abgegolten.“

Buchhalter sind in der Regel Tarifangestellte. Da hier offenbar keine Tarifbindung besteht, kann die Firma zwar die Höhe des Gehalts frei vereinbaren, aber die Vergütung oder Freizeitausgleich für Mehrarbeit nicht ausschließen. Eine Vereinbarung, dass Mehrarbeit mit dem Gehalt abgegolten ist, wäre nur für außertarifliche Angestellte zulässig und auch nur dann, wenn sie mindestens 15% über dem höchsten Tarifgehalt verdienen. Das gilt analog auch dann, wenn kein Tarifgehalt angewendet wird. Streiten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer vor Gericht, wird als Richtgröße der Tarifvertrag zum Vergleich herangezogen, der bei Tarifbindung gelten würde.

Zu § 5:

Man kann vereinbaren, dass sich der Arbeitnehmer bis 8.00 Uhr beim Arbeitgeber melden muss. Eine rechtliche Wirkung hat das nicht. Wer gerade Urlaub in der Sahara macht und dort entführt wird, kann den Termin nicht einhalten. Im Gesetz steht „unverzüglich“. Das heißt: So schnell es geht. Das kann auch Tage, Wochen oder Monate dauern.

Zu § 7:

Wer eine Nebenbeschäftigung aufnehmen will, braucht keine Genehmigung seines Arbeitgebers. Der Arbeitnehmer schuldet dem Arbeitgeber seine Arbeitskraft nur für die vereinbarte Arbeitzeit. Man kann deshalb lediglich vereinbaren, dass der Arbeitgeber vor Aufnahme einer Nebenbeschäftigung zu informieren ist. Der Arbeitgeber kann eine Nebenbeschäftigung nur dann verbieten, wenn sie sich negativ auf seine Hauptbeschäftigung auswirkt (z.B. Schlafen am Arbeitsplatz) oder der Mitarbeiter für die Konkurrenz arbeitet.

Bauhaus-Sprachstil

Flachdach oder Leuchte? Beide sind Erfindungen von Bauhaus. Durch seine Botschaft von der Einfachheit der Architektur-Idee erweckte Bauhaus den Eindruck, jedermanns Sache zu sein. Harmonische Raumgestaltung und abstrakte Linie erzeugen die Stromlinienförmigkeit. Man hat ständig den Eindruck, das Wesentliche zu sehen. Bauhaus lebt! (Bauhaus-Archiv Walter Gropius, Berlin)

Das Bauhaus-Prinzip entspricht dem Klarheitsprinzip im Sprachgebrauch. Mehr noch. Der Bauhaus-Sprachstil ist nüchtern, schnörkellos, asketisch, minimalistisch, schlank und verständlich, wie der originäre Bauhaus-Stil. (Wortschöpfung des Autors)

Mit „Leichter Sprache“ hat das nicht viel zu tun. Bauhaus ist Kunst, Leichte Sprache ist schlechtes Deutsch.

Von der Wissenschaft lernen

Entscheidungen – Gefühle nicht ausblenden

Auch Richter sind Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit Verstand und Gefühlen, mit Stärken und Schwächen. Sie sind dem Gesetz verpflichtet, können sich irren und zu falschen Schlussfolgerungen kommen. Gleichwohl gehen sie streng logisch bei der Urteilsfindung vor. Spielen Emotionen wirklich keine Rolle? Die Rede ist nicht von Mitleid mit den Angeklagten und Opfern. Aber kann ein Richter mit Einfühlungsvermögen nicht auch den Motiven eines Täters auf die Spur kommen? Ist eine Entscheidung immer nur rational? Auch Richter können von der Wissenschaft lernen, insbesondere von der Emotions- und Intuitionsforschung?

Der amerikanische Hirnforscher Antonio Damasio weist nach, dass Intuition eine biologische Grundlage hat. Er hat Hirngeschädigte mit einer Gruppe normaler Versuchspersonen verglichen. Den Hirngeschädigten mangelte es an Intuition, einer emotionalen Reaktion auf die antizipierten Konsequenzen guter und schlechter Entscheidungen (Decartes´Irrtum, 1998).

In einem Interview (Gehirn&Geist 1/2007) erläutert Damasio seine Grundposition:

Decartes` Position, wonach Körper und Geist vollkommen getrennte Substanzen darstellen, halte ich für falsch. Körper und Geist sind für mich unterschiedliche Aspekte bestimmter biologischer Prozesse. Ähnliche Ansichten zum Leib-Seele-Problem vertrat nur wenige Jahre nach Decartes der Philosoph Spinoza: „Der Gegenstand der Idee, die den menschlichen Geist ausmacht, ist der Körper.“

Damit nahm Spinoza Erkenntnisse der modernen Neurobiologie vorweg.

Für Richter lautet die Frage: Wie kann man das Wissen der Hirnforschung für Entscheidungen nutzen?

Der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel (Zum Entscheiden geboren, 2008) unterscheidet drei Formen des Wissens. Neben dem sprachlichen und bildlichen Wissen nennt er das „intuitive Wissen“ oder das „stumme Wissen“, das sprachlich nicht verfügbar, aber deshalb nicht irrational sei, sondern mit einer eigenen Logik. Das intuitive Wissen, so Pöppel, funktioniere um so besser, „je reicher die Arbeitsplattform unseres Geistes ist, die mit Wissen aus frühesten Zeiten ausgestattet wird.“

Bauchentscheidungen

Der Psychologe Gerd Gigerenzer hat am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung viele Jahre über Intuition geforscht und seine Ergebnisse in dem Buch „Bauchentscheidungen“ in einer verständlichen Sprache veröffentlicht. Er schreibt, dass ein Großteil unseres geistigen Lebens sich unbewusst vollziehe und auf Prozessen beruhe, die nichts mit Logik zu tun haben. Er spricht von Bauchgefühlen, Intuitionen und der „Intelligenz des Unbewussten: Ohne zu denken wissen wir, welche Regel in welcher Situation vermutlich funktioniert.“

Intelligenz kann man sich als eine bewusste Tätigkeit vorstellen, die von den Gesetzen der Logik bestimmt wird. Benjamin Franklin soll seinem Neffen, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden konnte, die Pro-und-Kontra- Methode empfohlen haben, bei der das Für und Wider abzuwägen und zu gewichten ist. Ausgerechnet bei einer Entscheidung, bei der es nur auf Intuition ankommt. Die Franklin-Methode, bei der das Ziel ist, den höchsten Wert und den größten Nutzen zu ermitteln, sei nicht immer der beste Weg, meint Gigerenzer.

Wir wissen mehr als wir zu sagen wissen. Beispiel Sprachgefühl: Muttersprachler sind in der Lage spontan zu sagen, ob ein Satz grammatisch korrekt und idiomatisch richtig ist, aber nur wenige können erklären, warum das so ist.

Intuition beruht auf Erfahrungswissen

Der amerikanische Neurologe Antonio Damasio ist davon überzeugt, dass jede Entscheidung einen „emotionalen Anstoß“ brauche, weil aus purem Verstand heraus ein Mensch nicht handeln könne. Er ersetzt den Satz des französischen Philosophen Decartes´ „Ich denke, also bin ich“ so: „Ich fühle, also bin ich.“

Entscheidungen müssen rational sein. Davon sind auch heute viele Kinder der Aufklärung überzeugt, allen voran Wissenschaftler. Sie glauben an die mathematische Logik. Der Psychologe Gerd Gigerenzer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (25.8.07) meint dazu: „Man weiß, was zu tun ist, ohne die Gründe dafür zu kennen. Ihnen liegen aber nicht nur Erfahrung, sondern auch einfache Faustregeln zugrunde, etwa Wähle, was du kennst, imitiere den Erfolgreichen, vertraue einem einzigen Grund und ignoriere alle anderen “.

Dass Logik ein nützliches Werkzeug ist, bestreitet Gigerenzer nicht. Aber es sei eben nur eines unter vielen nützlichen Werkzeugen. Einen Gegensatz zwischen Vernunft und Bauchentscheidung gebe es nicht, „Logik und Intuition sind zwei Werkzeuge aus der gleichen Kiste.“ Und wenn es um Liebe gehe, handeln alle Menschen intuitiv.

Kommen wir mit unseren Bauchgefühle zu besseren Entscheidungen? Das erscheint uns auf den ersten Blick naiv. menschliches Verhalten zu erklären und vorherzusagen. Gigerenzer räumt ein, dass seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Intuition in der Welt der Wissenschaft umstritten sind. Was er in seinem Buch „Bauchentscheidungen“ vorlegt, bezeichnet er als „Werkzeugkasten mit Werkzeugen für ein ganzes Spektrum von menschlichen Problemen.“

Gigerenzers Werkzeugkasten hat drei Ebenen:

1. Evolvierte (entwickelte) Fähigkeiten (z.B. nachahmen)

2. Bausteine, die sich Fähigkeiten zu nutze machen. Beispiel Blickheuristik mit den Bausteinen:

a) Fähigkeit, Objekte mit dem Auge zu verfolgen
b) Beim Laufen das Gleichgewicht halten
c) Die Fähigkeit zu einer fein abgestimmten visuell-motorischen Koordination
3. Faustregeln, die aus Bausteinen bestehen.

Das Bauchgefühl: Wie es funktioniert

Faustregeln sind im evolvierten (= entwickelten) Gehirn und in der Umwelt verankert.

Faustregeln (der wissenschaftliche Ausdruck heißt „Heuristik“) liefern uns die Antwort. Sie sind gewöhnlich unbewusst, können aber auf die Bewusstseinsebene gehoben werden. Wichtig vor allem: Faustregeln sind im evolvierten Gehirn und in der Umwelt verankert. Durch Nutzung sowohl der evolvierten Fähigkeiten in unserem Gehirn als auch der Umweltstrukturen können Faustregeln und ihr Produkt - die Bauchgefühle – äußerst erfolgreich sein.

In einer ungewissen Welt können einfache Faustregeln komplexe Phänomene ebenso gut oder besser vorhersagen als komplexe Regeln.

Eine Faustregel unterscheidet sich grundlegend von der Bilanzmethode mit Pro und Kontra. Sie greift wichtige Informationen heraus und lässt den Rest außer Acht.

Beispiel: Für das Fangen eines Balls haben wir die Blickheuristik identifiziert, die alle für die Berechnung der Wurfbahn erforderlichen Informationen beiseite lässt: Entfernung, Geschwindigkeit, Winkel der Flugbahn, Luftwiderstand, Wind. Sie folgt vielmehr dieser Reihenfolge, die das Ergebnis von Forschungsarbeiten des Max-Plank-Instituts für Bildungsforschung ist:

(1) Fixiere den Ball,
(2) beginne zu laufen und
(3) passe deine Laufgeschwindigkeit so an, dass der Blickwinkel konstant bleibt.

Wann können wir unserem Bauch vertrauen?

Kontra-Standpunkt:

Intuition ist untauglich, weil sie Informationen missachtet, gegen die Gesetze der Logik verstoße und die Ursache menschlicher Katastrophen sei.

Unser Bildungssystem misst zu Recht der Kunst der Intuition so gut wie keine Bedeutung zu.

Pro-Standpunkt:

Menschen vertrauen ihrer Intuition im Alltag und preisen die Wunder rascher Einsicht. Gigerenzer ist der Auffassung, dass Intuition nicht nur ein Impuls oder eine Laune ist, sondern ihre eigene Gesetzmäßigkeit hat.

Faustregeln (Heuristik)

Nach Gigerenzer sind Faustregeln für die Entstehung von Bauchgefühlen verantwortlich. Beispielsweise teilt uns die Gedankenlesen-Heuristik mit, was andere wünschen, die Rekognitionsheuristik löst ein Gefühl aus, das uns verrät, welchem Produkt wir trauen können, und die Blickheuristik erzeugt eine Intuition, die uns sagt, wohin wir laufen sollen.

Bauchgefühle mögen ziemlich simpel erscheinen, doch ihre tiefere Intelligenz äußert sich in der Auswahl der richtigen Faustregel für die richtige Situation.

Bauchgefühle machen sich die evolvierten Fähigkeiten des Gehirns zunutze und beruhen auf Faustregeln, die es uns ermöglichen, rasch und mit verblüffender Genauigkeit zu handeln. Ihre Qualität gewinnt die Intuition aus der Intelligenz des Unbewussten: der Fähigkeit, ohne Nachdenken zu erkennen, auf welche Regel wir uns in welcher Situation verlassen haben.

Bauchentscheidungen können Denk- und Computerstrategien in den Schatten stellen. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass sie uns fehlleiten. An der Intuition führt kein Weg vorbei; ohne sie brächten wir wenig zustande.

Das evolvierte Gehirn

Es stellt uns Fähigkeiten zur Verfügung, die wir im Laufe von Jahrtausenden entwickelt haben, die aber von der Entscheidungstheorie weitgehend außer Acht gelassen werden. Ihm verdanken wir auch die menschliche Kultur, die sich weit schneller entwickelt als dies unsere Gene tun.

Diese evolvierten Fähigkeiten sind unentbehrlich für viele Entscheidungen und können uns grobe Fehler in wichtigen Angelegenheiten ersparen. Dazu gehört die Fähigkeit, zu vertrauen, nachzuahmen und Emotionen zu empfinden.

Um menschliches Verhalten zu verstehen, müssen wir uns vor Augen halten, dass es ein evolviertes Gehirn gibt, das es uns ermöglicht, Probleme auf unsere besondere Weise zu lösen, anders als Tiere das tun. Unsere Säuglinge brauchen sich nach der Geburt nicht zu verstecken wie Reptilien (die sonst von der Mutter gefressen werden), sondern machen sich für ihre Entwicklung andere Fähigkeiten zunutze: Lächeln, nachahmen, die Fähigkeit, zuzuhören und sprechen zu lernen. Evolvierte Fähigkeiten sind das Baumaterial für Faustregeln: Sprache, Verfolgen von Objekten mit den Augen, Emotionen und – ganz wichtig – Nachahmen. Das bedeutet: Bedingung für die Entwicklung von Kultur, lernen aus der eigenen Erfahrung, alle nachahmen, die klüger sind. Die Fähigkeiten des Gehirns hängen sowohl von unseren Genen als auch von unserer Lernumgebung ab.

So macht sich die Blickheuristik unsere Fähigkeit zunutze, bewegte Objekte vor einem unruhigen Hintergrund mit den Augen zu verfolgen. Im Gegensatz zu Robotern fällt dies den Menschen leicht; mit drei Monaten sind Säuglinge bereits in der Lage, bewegte Ziele im Auge zu behalten. Die Blickheuristik ist also für Menschen eine einfache Angelegenheit, jedoch nicht für Roboter auf dem heutigen Entwicklungsstand.

Umweltstrukturen bestimmen, wie gut oder schlecht eine Faustregel funktioniert. Ein Bauchgefühl ist nicht gut oder schlecht, rational oder irrational an sich. Sein Wert hängt von dem Kontext ab, in dem die Faustregel verwendet wird.

Intuitive Urteile

Im Gegensatz zur rationalen Urteilsfindung, wo man alle relevanten Informationen sammelt und abwägt, reicht ein einziger Grund. Ein einziger Grund ist schon eine praktikable Strategie.

Wir sollten auf unsere Intuition vertrauen, wenn wir über Dinge nachdenken, die schwer vorauszusagen sind und wir wenig Informationen haben.

Wir sollten einer einfachen Regel folgen, die sich auf den besten Grund beschränkt und den Rest vernachlässigen, vor allem dann, wenn nicht genügend brauchbare Informationen zur Verfügung stehen.

Kein Mensch sollte angesichts der begrenzten Zeit und Information, die zur Verfügung steht, den Versuch machen, alle Entscheidungen selbst zu treffen. Kooperation verlangt ein hohes Maß an Vertrauen.

Oft ist es vernünftig, andere um Rat oder gar nicht zu fragen und einfach ihr Verhalten nachzuahmen. Es gibt zwei grundlegende Arten der Nachahmung:

1. Tue das, was die Mehrheit deiner Bezugsgruppe tut
2. Tue das, was der Erfolgreiche tut.

Keine Form der Nachahmung ist gut oder schlecht an sich.

Als Heuristik (vom griechischen Verb für „finden“ abgeleitet) bezeichnet Gigerenzer eine Methode, komplexe Probleme, die sich nicht vollständig lösen lassen, mit Hilfe einfacher Regeln und unter Zuhilfenahme nur weniger Informationen zu entwirren. „Es gibt keinen Gegensatz zwischen Vernunft und Bauchentscheidung, sondern sie ergänzen sich. Logik und Intuition sind zwei Werkzeuge aus der gleichen Kiste.“

Wenn es um die Liebe gehe, so Gigerenzer, handeln alle Menschen völlig intuitiv.

Von Blaise Pascal stammt der Satz: „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ Gigerenzer aber will gerade die Gründe des Herzens mit dem Verstand erkunden.

Emotionen

Der deutsche Hirnforscher Ernst Pöppel (Zum Entscheiden geboren, 2008) spricht von sechs Grundemotionen, die bei allen Menschen und in allen Kulturen gleich sind und von allen verstanden werden: Angst, Trauer, Ärger, Ekel, Freude, Überraschung. Sie sind genetisch programmiert und gehören zur Grundausstattung.

Emotionen erfüllen zwei biologische Funktionen: Auf einen äußeren Reiz angemessen reagieren zu können (z.B. Fluchtreaktion), und sie sorgen für die Regulation des inneren Zustandes, meint der Neurowissenschaftler Antonio Damasio. Wir erleben alle dieselben Emotionen, aber jeder erlebt sie anders. Der eine freut sich verhalten, der andere lautstark. Der eine weint am Grab, der andere schaut nur betroffen.

Der Hirnforscher Gerhard Roth (Fühlen, Denken, Handeln, 2003):

Gefühle im weitesten Sinne entstehen durch die Aktivität von Zentren des limbischen Systems: Befriedigung lebenswichtiger Bedürfnisse wie Schlafen, Hunger, Durst, Schmerz, Lust. Unser bewusstes Ich hat nur begrenzte Einsicht in die eigentlichen Antriebe unseres Verhaltens. Die unbewussten Vorgänge in unserem Gehirn wirken stärker auf die bewussten Vorgänge ein als umgekehrt. Genetisch oder bereits vorgeburtlich bedingte Charakterzüge machen knapp die Hälfte unserer Persönlichkeit aus. Hinzukommen Merkmale, die nach der Geburt und in ersten drei bis fünf Jahren festgelegt werden. Besonders wichtig erscheint dabei die Interaktion mit den Bezugspersonen. Entsprechend können frühtraumatische Erlebnisse wie die Trennung von der Mutter, Vernachlässigung oder Missbrauch bleibende psychische Schäden hinterlassen. Zu bedenken dabei ist: Das menschliche Gehirn verfügt über eine erhebliche Toleranz was Bindung und Betreuung angeht. Negative Erfahrungen haben nicht bei allen Menschen längerfristige Folgen.

Mind reading

Die Forscher haben den Beweis erbracht, dass „Bewusstsein lesen“ eine angeborene menschliche Fähigkeit ist, die uns die Evolution in unsere Gehirne eingebaut hat.

Der amerikanische Wissenschaftler Michael Moskowitz schreibt in seinem Buch „Gedanken lesen – Erkennen, was andere denken und fühlen“ (2008):

Unser Mind-Reading-Zentrum stellt tatsächlich den höchsten Grad der menschlichen Entwicklung dar. Diese am weitesten entwickelte Struktur der Spezies Mensch sitzt im präfrontalen Cortex, ist mit allen Teilen des Gehirns vernetzt und vereint in sich Myriaden von Fähigkeiten und Möglichkeiten, die uns helfen, unser zunehmend komplexer werdendes Umfeld besser zu verstehen. Rein gefühlsmäßige Bauchentscheidungen, unbewusst ablaufende Anpassungsprozesse, die Wahrnehmung von Mimik und Körpersprache – all dies wird hier im Dienst des mind reading zusammengeführt.

Hirnforschung: Spiegelneurone

Vittorio Gallese, Neurophysiologe von der italienischen Universität Parma hat den Mechanismus herausgefunden, wie man mit dem Gehirn die Gedanken und Gefühle anderer lesen kann. Er gilt zusammen mit Giacomo Rizzolatti als Entdecker der Spiegelneurone (das Neuron = Nervenzelle), eine neue Gruppe Nervenzellen. Wenn das Tier (Affe) die Bewegung eines anderen beobachtet, spiegeln diese Neuronen das Verhalten des Gegenübers. Ein Teil unseres Gehirns schwingt sozusagen das Verhalten des Gegenübers. Deshalb nennen wir sie Spiegelneurone. Mittels bildgebender Verfahren wie der Kernspintomographie finden die Wissenschaftler heraus, dass nicht nur die Bewegungen anderer Personen unser Hirn in Resonanz versetzen, sondern auch deren Emotionen. Die Forscher zeigen den Testpersonen Videoaufnahmen von Menschen, die an einer stinkenden Substanz riechen. Obwohl die Testpersonen keinerlei Geruch ausgesetzt sind, aktivierte allein der Anblick des Films das Ekelzentrum im Gehirn – so als hätten sie die Situation persönlich erlebt. Bei Schmerz ist das nicht anders: In gewisser Weise empfinden Menschen also ungewollt den Schmerz anderer Menschen mit. Der Begriff „Mitleid“ wird durch die Hirnforschung im Wortsinn bestätigt.

Spiegelneurone ermöglichen es Menschen, sich in andere hineinzuversetzen (Einfühlung). Sie überwinden die Barriere zwischen uns und unserem Gegenüber. Erst dadurch, dass wir die Gefühle anderer, wie Ekel, Schmerz, Freude, miterleben, können wir sie unmittelbar verstehen. Danach ist Empathie kein abstraktes kognitives Konstrukt, sondern fest in unserem Gehirn verankert.

Kein Geschöpf imitiert so viel und mühelos wie der Mensch. Entsprechend haben wir mehr Spiegelneurone als alle Tiere. Ein Schimpanse muss fünf Jahre lang zusehen, bis er selbst eine Nuss aufbrechen kann, indem er einen Stein als Hammer und einen anderen als Amboss benutzt. Ein Kleinkind lernt das in ein paar Minuten.

Der Mechanismus der Spiegelneurone bietet uns einen direkten Zugang in die Innenwelt der anderen. Nur Autisten sind zu dem Umweg gezwungen, dass sie immer erst über den andern nachdenken müssen. Autisten unterscheiden sich von anderen Menschen dadurch, dass sie sich nicht einfühlen können. Darum müssen sie stets überlegen, was in ihrem gegenüber vorgehen mag – das ist anstrengend und geht allzu oft schief. Bei Autisten ist der Spiegelmechanismus gestört.

Chamäleon-Effekt, nennt es der Sozialpsychologe John Bargh. Immer wenn Menschen im Austausch mit anderen sind, tendieren sie dazu, die Manirismen des Gegenübers zu übernehmen. Eine Ursache dafür mag sein, dass es die Kommunikation zwischen ihnen vereinfacht. Das könnte eine evolutionäre Erklärung sein.

Der Neurochirurg William Hutchison von der Universität Toronto machte einen neurochirurgischen Eingriff bei einer Frau mit schweren Depressionen. Als er sie in den Finger gestochen hatte, konnte er mit Hilfe des bildgebenden Verfahrens der Hirnspintomographie sehen, dass die Neuronen in jenem Bereich feuerten, der für die Schmerzwahrnehmung zuständig ist. Anschließend stach Hutchison sich selbst in den Finger. Die Frau sah das und wieder feuerten die selben Neuronen wie vorher, als er der Patientin in den Finger gestochen hatte. Damit scheint die neuronale Entsprechung der Empathie erbracht zu sein.

Sind Gefühle authentisch?

Wir können lernen, emotionales Verhalten, das wir im Nachhinein bereuen würden, zu dämpfen oder zu überbrücken, unser Handeln und Reden zu beherrschen und zu mäßigen. Wir können aber auch lernen, nicht zu sehr der Selbstkontrolle zu unterliegen und nicht gefühllos zu wirken, wenn das unser Problem sein sollte“, schreibt der amerikanische Psychologe Paul Ekmann (Gefühle lesen, 2007).

Die Annahme, dass emotionales Verhalten ein Zeichen persönlicher Authentizität sei, ist falsch. Sie beruht auf der Vorstellung, dass Gefühle und Gefühlsäußerungen untrennbar miteinander verbunden sind. Manche meinen, man deformiere seine Gefühle, wenn man sie unterdrückt. Nur bei Kindern bilden Gefühl und Ausdruck eine Einheit. Erwachsene können ihre Gefühle kontrollieren ohne sie dabei zu unterdrücken. Wenn sie in der Lage sind, das innere Erleben vom äußeren Verhalten zu trennen, dann habe das nichts mit Falschheit zu tun. Erst die Entkoppelung ermögliche ein komplexes Sozialverhalten, meint der Psychologe Manfred Holodynski. Er vertritt die Ansicht, dass Emotionen nicht angeboren sind; Säuglinge müssen sie erlernen. Das Kleinkind lerne mit seinem Gefühlsausdruck, seine Umwelt zu steuern: Es schreit und wird auf den Arm genommen oder bekommt etwas zu essen. Welchen Sinn aber hat die Trennung von subjektivem Empfinden und sichtbarem Ausdruck, fragt Holodynski. Seine Antwort lautet: Sie erweitert den Handlungsspielraum.

Körpersprache

Jemand aufmerksam zuhören und ihn anschauen heißt, auf seine Körpersprache achten, sie deuten, um zu verstehen, was jemand sagt, was er fühlt, was er denkt und was ihn bewegt.

Körpersprache ist nicht immer eindeutig. Man kann sie oft nur im Kontext deuten. Man kann bekanntlich auch aus Freude weinen. Andererseits gibt es Körpersignale, die jeder ohne Mühe deuten kann: Einen Finger auf die geschlossenen Lippen legen, bedeutet bekanntlich, dass man leise sein soll. Wenn wir mit den Axeln zucken, die Nase rümpfen oder jemand einen Vogel zeigen, bestehen keine Zweifel über die Bedeutung dieser Signale.

Menschen, die sich gern haben, schauen sich öfter und länger in die Augen als andere Leute. Frauen schminken sehr sorgfältig ihre Augen.

Mimik und Stimme

Aus den Bewegungen der Gesichtsmuskeln konstruiert das Gehirn eine Empfindung.

Wenn sich die Augenwinkel und der Mund zu einem echten Lächeln verziehen, steigt die Stimmung. In Experimenten stellte sich nun heraus, dass Menschen, die unbewusst den Ausdruck eines anderen Gesichts stärker übernehmen, zugleich mitfühlender sind.

Jede Emotion sendet ihre eigenen Signale. Am stärksten bemerkbar machen sich diese über unsere Stimme und unsere Gesichtszüge. (Ekman)

Die Stimme verrät unsere Gefühle. Sie zeigt meinem Gesprächspartner, wie ich mich wirklich fühle. Menschen mit tiefer Stimme werden als reifer, kompetenter und sympathischer eingestuft als Menschen mit hoher Stimme. Eine kräftige, aber nicht zu laute Stimme wird mit Vitalität und Extrovertiertheit in Verbindung gebracht; eine hohe und leise Stimme dagegen mit Schüchternheit und mangelnder Durchsetzungsfähigkeit.

Forscher der Harvard University haben bei Versuchspersonen festgestellt, dass dem Tonfall eine Schlüsselfunktion zukommt. Setzt ein Gefühl ein werden im selben Augenblick auch Emotionssignale sichtbar. Falls das Gefühl anhält, färbt es die Stimme, der Gesichtsausdruck muss sich nicht zwangsläufig verändern. Ein Gefühl, das wir nicht haben, können wir auch nicht glaubwürdig mit unserer Stimme simulieren. Das können die meisten von uns nicht. Einen Gesichtsausdruck vorzutäuschen ist dagegen längst nicht so schwierig. Die Stimme vermittelt nur selten falsche emotionale Botschaften. Diese Erkenntnisse verdanken wir dem amerikanischen Psychologen Paul Ekman, der den Ruf hat, Gefühle im Gesicht der Menschen lesen zu können. Er behauptet, die Feinde Amerikas erkennen zu können: Terroristen, in deren Gesichter die bösen Absichten geschrieben stehen und die Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen passieren wollen. Ekman hat die Sicherheitsbeamten geschult. Inzwischen stehen uniformierte Lügen-Detektoren an vierzehn US-Flughäfen.

Das Gesicht, so Ekman, verrät ständig den Gemütszustand. Man bemerkt, wenn der Gesichtsausdruck nicht mit dem übereinstimmt, was jemand sagt. Warum jemand sein Innerstes nicht verbergen kann, liegt an der besonderen Verdrahtung im Gehirn eines jeden Menschen. Während die Worte von bewussten Arealen gesteuert werden, gehorcht die Gesichtsmotorik einem unbewussten Areal und zeigt den Bruchteil einer Sekunde lang ihre wahren Gefühle.

Ekman studierte vor dem Spiegel die Gesichtsausdrücke. Dabei fiel ihm auf, dass seine Stimmung genau dem Gefühl entsprach, das er gerade trainierte. Machte er ein trauriges Gesicht, verfiel er in eine düstere Stimmung. Machte er eine lustige Mine, wurde seine Laune wieder besser. Ekman kommentiert das so: „Für mich war das der Hinweis darauf, dass die Gesichtsmotorik unmittelbar mit den emotionalen Zentren im Gehirn verbunden sein muss.“

Aus den Bewegungen der Gesichtsmuskeln konstruiert das Gehirn eine Empfindung.

Wenn sich die Augenwinkel und der Mund zu einem echten Lächeln verziehen, steigt die Stimmung. In Experimenten stellte sich nun heraus, dass Menschen, die unbewusst den Ausdruck eines anderen Gesichts stärker übernehmen, zugleich mitfühlender sind.

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Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Juristensprache verständlich machen
Untertitel
Was alle angeht, sollte von allen verstanden werden
Autor
Jahr
2017
Seiten
125
Katalognummer
V356016
ISBN (eBook)
9783668420038
ISBN (Buch)
9783668420045
Dateigröße
918 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachgefühl, Sprachgewalt, Gesetzessprache, Sprache in Urteilen Sprachkritik, Arbeitszeugnisse, Zeugnissprache, Verständlichkeit, Sprachgebrauch, Übungen
Arbeit zitieren
Karl-Heinz List (Autor), 2017, Juristensprache verständlich machen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356016

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