Villas Miserias. Gesundheitsgefährdende Lebenswelt "Slum" und mögliche Formen der Krankheitsprävention


Bachelorarbeit, 2014

72 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Argentinien – Historik und Gesundheitssystem
2.1 Geschichte, Wirtschaft und Politik
2.2 Gesellschaft und Demografie
2.3 Schwellenland und Zwei-Klassen-Gesellschaft
2.4 Gesundheitssystem
2.4.1 Dezentralisierung der Autoritäten
2.4.2 Sozialversicherungssektor
2.4.3 Öffentlicher Gesundheitssektor
2.4.4 Privater Gesundheitssektor
2.4.5 Finanzierung des Gesundheitssystems

3 Slums – Die Armenviertel der Welt
3.1 Un Habitat und die Vereinten Nationen
3.2 Allgemeines zur Slum-Ökologie
3.3 Historische Entwicklung und Wachstum von Slums
3.4 Arbeitsplätze und Informalität
3.5 Ausgrenzung und soziale Ungleichheit

4 Gesundheitsdeterminanten in der Lebenswelt „Villa Miseria“
4.1 Umweltbedingungen in der Villa Miseria
4.1.1 Die Umweltverschmutzung belastet die Gesundheit
4.1.2 Das Arbeitsumfeld als Gesundheitsrisiko
4.1.3 Ungünstige Wohnbedingungen führen zu Gesundheitsrisiken
4.2 Biologische Gesundheitsdeterminanten
4.3 Individuelle (un)gesunde Lebensweise
4.4 Zugang, Angebot und Erreichbarkeit von Gesundheitsleistungen
4.4.1 Primäre Gesundheitsversorgung nach Alma Ata
4.4.2 Zugänglichkeit und Ausstattung der CeSACs
4.4.3 Erreichbarkeit für die Bevölkerung

5 Ortsbezogene Krankheitsbilder in der Lebenswelt „Villa Miseria“
5.1 Infektionskrankheiten
5.1.1 Aids
5.1.2 Malaria/Dengue
5.1.3 Tuberkulose
5.1.4 Die lokale und weltweite Relevanz von Infektionskrankheiten
5.2 Wasser, das krank macht
5.2.1 Diarrhöen
5.2.2 Cholera
5.3 Essen, das krank macht
5.3.1 Magen-Darm-Erkrankungen
5.3.2 Übergewicht und Bluthochdruck
5.4 Atemwegserkrankungen
5.5 Kranke Seele
5.5.1 Gewalt
5.5.2 Kinder ohne Ausweg
5.5.3 Kindersterblichkeit

6 Präventionsmöglichkeiten
6.1 Allgemeines zur Prävention
6.1.1 Verhaltens- und Verhältnisprävention
6.1.2 Primäre, sekundäre, tertiäre Prävention
6.1.3 Präventionsstrategien und -methoden
6.2 Aktuelle Präventionsmaßnahmen in der Villa 21-24
6.2.1 Präventive Therapien des diplomierten Pflegepersonals
6.2.2 Workshops als präventive Maßnahme
6.2.3 Gesundenuntersuchungen
6.2.4 Ärztliche Konsultationen
6.2.5 Psychologische Einzelbetreuung als Präventionsmaßnahme
6.2.6 Soziale Arbeit und Prävention
6.2.7 Gewaltprävention durch Polizeipräsenz
6.3 Aktuelle Präventionsstrategien auf nationaler Ebene
6.3.1 Verbesserung armutsbedingter Lebensumstände
6.3.2 Mobile Prävention: Gesundheitsstation

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturquellen

9 Internetquellen

10 Anhang
10.1 Experteninterview 1: Dr. Belloni, Beatriz. Ärztin für Geburtshilfe und Ultraschall, Chefin des Gesundheitszentrums
10.2 Experteninterview 2: M., Patricia. Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegeschwester
10.3 Experteninterview 3: G., Carolina. Sozialarbeiterin
10.4 Experteninterview 4: Dr. O., Internistin
10.5 Experteninterview 5: B., Mabel, Psychologin
10.6 Experteninterview 6: M., Emiliano, Kinderarzt

Abstrakt

Ziel. Das Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, herauszufinden, welche Krankheitspräventionsmöglichkeiten im besonders gesundheitsschädlichen Lebensumfeld „Slum“ erforderlich sind und in welcher Form diese umgesetzt werden können.

Hintergrund. Buenos Aires ist die Hauptstadt des Schwellenlandes Argentinien. Die Slums vor Ort werden „Villas Miserias“ genannt. Sie sind durch die städtische Bevölkerungsexplosion, aber auch als Resultat politischen Fehlverhaltens entstanden. Die soziale Ungleichheit und die ungünstigen Lebensumstände wirken sich auf den Gesundheitszustand der Villa-Bewohner aus. Das Recht auf Gesundheit ist ein Menschenrecht. Regierungen sind laut der Alma-Ata-Deklaration dafür verantwortlich, die Grundversorgung aller Menschen zu gewährleisten. Gesundheitsleistungen werden den lokalen Bedürfnissen der Bevölkerung angepasst und auch Präventionsmaßnahmen werden adaptiert, um Krankheitsausbrüche zu verhindern.

Methoden. Das Fundament dieser Arbeit und die erforderlichen Hintergrundinformationen werden mittels Literaturrecherche geschaffen. Aufbauend darauf wird das theoretische Wissen im Zuge eines Berufspraktikums in der Villa 21-24 hinterfragt und die vor Ort durchgeführten adaptierten Präventionsmöglichkeiten erkundet. Experteninterviews untermauern persönliche Beobachtungen.

Ergebnisse. Obwohl die Infektionskrankheiten noch eine hohe Relevanz für das örtliche Gesundheitssystem haben, ist der Bedarf an Präventionsmaßnahmen nicht mit Impfprogrammen gedeckt. Die meisten Todesfälle werden durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verzeichnet, welche die Krankheitsverhütung derer ebenso erforderlich macht. Im Gesundheitszentrum der Villa 21-24 finden für den Bedarf der Bürger adaptierte Gesundenuntersuchungen, Workshops, ärztliche Sprechstunden und Kinderprogramme statt, die nicht nur die gesundheitlichen, sondern vor allem auch die psychischen Belastungen der Bewohner vermindern sollen.

Schlussfolgerung. Mit dem persönlichen Einsatz jedes Mitarbeiters des multiprofessionellen Teams im Gesundheitszentrum werden die Vorgaben des Gesundheitsministeriums bezüglich Prävention mit innovativen Ideen umgesetzt und von der Bevölkerung angenommen.

Abstract

Aim: The goal of his Bachelor-Thesis is to find out, which prevention programs for diseases are required in the particularly harmful living environment of a “Slum” and in which forms they can be implemented.

Background. Buenos Aires is the capital of Argentina, an emerging nation. The local slums are called “Villas Miserias”. They arose because of the urban population explosion, but also as a result of political mismanagement. Social inequality and the poor environment affect the state of health of the Villa-Population. The right for health is a human right. Governments are regarding to the Alma-Ata-Declaration responsible for the supply of primary health care for all human beings. Health benefits are adjusted to the local population needs and prevention programs are adapted to avoid disease outbreaks.

Methods. The fundament and the background knowledge from this thesis are built on literature research. From this basis the theoretical knowledge is questioned in the course of an internship in the Villa 21-24 and the local executed and adapted preventions measures are explored. Interviews with experts confirm personal surveillances.

Findings. Although infectious diseases still gain a high relevance for the local health system, the demand of prevention measures is not met with vaccination programs only. The most cases of death are registered because of cardiovascular diseases, which also require prevention programs. In the health centre of the Villa 21-24 are to the citizen’s needs adapted health analysis, workshops, medical consultations and programs for children taking place, which are not only created to fulfil the health requirements, as also to decrease psychic pressure.

Conclusion. With personal commitment of each member of the multi professional team of staff the guidelines from the health ministry are realized with innovative ideas and are accepted by the population.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Villa 21-24 Speisen zum Mitnehmen, Wäscheservice.

Abb. 2: Villa 21-24 Obst- und Gemüsehändler, Auto- und Reifenwerkstatt.

Abb. 3: Satellitenbild mit eingezeichneten Grenzen der Villa 21-24.

Abb. 4: Spielplatz und Müll in der Villa 21-24.

Abb. 5: Kanalsystem / Kloak.

Abb. 6: Halbfertige, bewohnte Bauwerke in der Villa 21-24.

Abb. 7: Dritter Stock eines Hauses. Wendeltreppe, keine Tür, kleine Kinder.

Abb. 8 Gesundenstation im „Parque Patriquios".

Abb. 9: Angebote der Gesundenstation.

Vorwort

Als österreichische Staatsbürgerin konnte ich mir nicht vorstellen, unter welchen Lebensumständen Slumbewohner leben. Mein Allgemeinwissen und die Literaturrecherche boten mir zwar eine Grundlage und einen Einblick in diese Lebenswelt, jedoch sind die Eindrücke, die ich vor Ort sammeln konnte nicht mit Worten wiederzugeben. Das erste Mal, als ich die Villa 21-24 betrat, kam ich mir vor wie in einer anderen Welt. Und in dieser befand ich mich, nur indem ich eine Straße von Buenos Aires überquerte. Anfängliche Angst, Misstrauen und Sprachbarrieren wichen mit der Zeit. Es wurde mir ausdrücklich verdeutlicht, dass es für eine blonde Europäerin mit europäischen Spanischkenntnissen nicht ratsam wäre, alleine durch die Villa zu streifen. Ich akzeptierte diese Vorsichtsmaßnahme, konnte aber sehr viele persönliche Eindrücke von diesem Ort einfangen, da mich die Sozialarbeiterin Carolina immer wieder zu Bewohnern mitnahm. Es war einfach überwältigend, die Seitengassen zu erkunden und wir wurden sogar in die Häuser der Bürger auf ein Gespräch eingeladen. Carolina verdanke ich sehr viele Hintergrundinformationen und auch den herbeigesehnten direkten Kontakt mit den Familien und ihrem Lebensumfeld. Nicht nur ihr, sondern auch der Sekretärin Norma gilt mein großer Dank. Auch sie als ehemalige Bewohnerin der Villa hat mir das Leben aus den Augen eines Einwohners bis ins Detail geschildert. Die Krankenschwester Patrizia erkannte mein Potential als Fachkraft und ließ mich nach einer kurzen Einschulungsphase in der Enfermería richtig mithelfen, was mir großen Spaß machte. Ein großer Dank gilt auch den Kinderärzten, Emiliano und Gustavo, die mir anfänglich mit ihren Englischgrundkenntnissen über die Runden geholfen haben und alle meine Fragen mit viel Geduld beantwortet haben. Herausragend viele Informationen vor allem über den Bereich der Präventionsmöglichkeiten in der Villa 21-24 konnte ich von der Leiterin des Zentrums, Beatriz, erhalten. Mein Dank gilt aber nicht nur den genannten Personen, sondern allen Mitarbeitern des multiprofessionellen Teams des CeSAC. Ich habe noch nie erlebt, dass Menschen mit so viel Herzblut bei der Arbeit sind und so gut miteinander harmonieren. Empathie und Respekt für die Villeros wird sehr groß geschrieben, und jeder tut was möglich ist. Es kann nicht die ganze Situation verbessert oder geändert werden, aber diese Personen machen nach bestem Gewissen das beste, das mit ihren Mitteln zu schaffen ist. Danke für diese Erfahrung und für die Aufnahme ins Team! Zu guter Letzt gilt mein Dank meiner Familie und meinem Ehemann, die mich auch 11.500 Kilometer weit weg via Skype und Whats App sehr unterstützt haben.

1 Einleitung

Zirka eine Milliarde Menschen leben weltweit in „Slums“. Damit sind informelle Siedlungen gemeint, in denen sich in der Regel einkommensschwache Bevölkerungsschichten illegal häuslich niederlassen. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind teilweise sehr schlechten Wohn- und Lebensbedingungen ausgesetzt, wodurch es zur Gefährdung ihres Gesundheitszustandes kommt (Un Habitat, 2003, S. 5). Viele Faktoren wie Überbevölkerung, fehlender Zugang zu sauberem Trinkwasser, inadäquate Abwasser- und Müllentsorgung, ein schlechter Ernährungsstatus und der Mangel an einer umfassenden Gesundheitsversorgung führen zum Ausbruch unterschiedlicher Krankheiten (Schülke, 2007, S. 57).

Es scheint mir eine Herausforderung für das öffentliche Gesundheitssystem eines Landes zu sein, für die spezielle Lebenswelt „Slum“ Präventionsmaßnahmen für Krankheiten zu entwerfen, zu planen und umzusetzen. Die Slumproblematik ist keineswegs ein lokal begrenztes Phänomen, sie zählt auch zu den größten globalen Herausforderungen. Es besteht weltweiter Handlungsbedarf und es erfordert internationale Zusammenarbeit, um die stetig wachsende Anzahl der Elendsviertelbevölkerung, die unter teilweise schlechtesten Lebensbedingungen leidet, zu verringern (Un Habitat, 2003, S. 6).

In der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von Benedek (2009, S. 149) heißt es wörtlich: „Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen“. Neben dem „Recht auf Bildung“ und dem „Verbot der Folter“ sind zum Beispiel auch die „Freiheit von Armut“ und das „Recht auf Gesundheit“ Menschenrechte. Es sind die fundamentalen Rechte jedes Menschen, unabhängig davon, in welchem Land die Person lebt. Im Sinne der Vereinten Nationen verpflichten sich die 193 Mitgliedsstaaten zur Förderung der dreißig Artikel der Menschenrechte (Human Rights, 2013).

Weltweit befassen sich große Organisationen wie die World Health Organisation (WHO, 2013) oder Amnesty International (Amnesty International, 2013) mit dem Thema Gesundheit und Menschenrechte (Health and Human Rights). Auch unzählige kleine und große Nicht-Regierungs-Organisationen (non-governmental-organisations, NGOs) leisten lokal, national und auch international Hilfe für die bedürftige, kranke und notleidende Bevölkerung eines Landes. Die Bekämpfung von sozialen Ungerechtigkeiten und Armut, sowie die Prävention und Reduzierung von armutsbedingten Krankheiten sind weltweit relevante und top-aktuelle Bestrebungen der Menschheit (UN Habitat Report, 2003, S. 153-160).

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Problematik von armutsbedingten Lebensumständen in informellen Siedlungen aufzuzeigen und die Konsequenzen für die Gesundheit der ortsansässigen Bewohner zu analysieren. Am Beispiel der Großstadt Buenos Aires und seinen informellen Siedlungen sollen die Strategien des örtlichen Gesundheitssystems zum Thema Krankheitsprävention beleuchtet werden und die Möglichkeiten zu erfasst werden, die tatsächlich ihre Durchführung vor Ort finden.

Konkret stellt sich für mich nun die Frage, welchen gesundheitlichen Risiken die ortsansässige Bevölkerung in der Realität ausgesetzt ist, welche Krankheiten im Hauptfokus der (ausübenden) örtlichen öffentlichen Gesundheitszentren stehen und welche Art von Prävention in den Vilas Miserias eigentlich erforderlich und überhaupt möglich ist.

Da ich ein zwölfwöchiges Praktikum für das Studium Gesundheits- und Pflegemanagement in der Villa 21-24, einem „Slum“ im Stadtviertel Barracas in Buenos Aires in Argentinien absolviere, hat das Thema Krankheitsprävention in dieser besonderen Lebenswelt eine spezielle Bedeutung für mich. Es motiviert mich, mir Hintergrundwissen über informelle Stadtsiedlungen anzueignen und mehr über die aktuelle Gesundheitssituation in meinem Gastland zu erfahren. Laut der Beschreibung von meinem Praktikumsgeber „Voluntario Global“ geht es in dieser Villa Miseria vor allem darum, eine medizinische Grundversorgung, soziale Fürsorge, Prävention und Gesundheitsförderung für die mittellosen Bewohner zu ermöglichen. Diese sind großen Gesundheitsrisiken ausgesetzt, da viele Haushalte weder über fließendes Wasser verfügen, noch über ein professionelles Kanalisationssystem (Voluntario Global, 2013). Ich erkunde die Programme, Workshops und Maßnahmen, die tatsächlich zum Einsatz kommen im Zuge meines Praktikums vor Ort.

Diese Bachelorarbeit wird sich mit der weltweiten Slumproblematik und den in dieser besonderen Lebenswelt eingehenden gesundheitlichen Risiken befassen. Die für die Bevölkerung relevantesten vorherrschenden Krankheiten in informellen Siedlungen werden theoretisch ermittelt und mögliche Präventionsstrategien recherchiert. Im Zuge der freiwilligen Arbeit im Gesundheitszentrum der Villa Miseria 21-24 finden die zusammengetragenen allgemein gültigen Informationen schließlich ihren Vergleich zu den in der Praxis umgesetzten beobachteten und mittels Experteninterviews hinterfragten Möglichkeiten.

Kapitel zwei und drei dienen als Einleitung und beinhalten allgemeines Basiswissen über das lateinamerikanische Land Argentinien, seine Geschichte, Bevölkerungsstruktur und das Gesundheitssystem. Weiters erfolgen theoretische Aussagen und Recherchen über die Lebenswelt „Slum“, wobei der Schwerpunkt bereits in Buenos Aires und den Villas Miserias gesetzt wird.

Der anschließende Hauptteil gliedert sich in drei Kapitel, welche die gesundheitlichen Aspekte dieser Lebenswelt beschreiben und die im Slumkontext vorherrschenden Krankheiten. Präventionsmaßnahmen, die vor Ort möglich sind und in Realität angewandt werden, finden ihr theoretisches Fundament wiederum in allgemeiner Literaturrecherche im letzten Hauptkapitel. Dieser abschließende Teil beinhaltet ergänzend die Programme, Workshops und Maßnahmen, die in der Villa 21-24 in einem der Gesundheitszentren ihre Durchführung finden. Damit wird schließlich die Fragestellung der Bachelorarbeit im Hinblick auf die Relevanz und die Umsetzbarkeit diverser Krankheitspräventionsmöglichkeiten beantwortet.

In der Schlussfolgerung spiegeln sich meine persönlichen Erkenntnisse wider und im Anhang befinden sich die Experteninterviews, die ich mit meinen temporären Arbeitskollegen vom CeSAC durchgeführt habe.

2 Argentinien – Historik und Gesundheitssystem

Argentinien mit seiner Hauptstadt Buenos Aires zählt laut Weltbank zu den LAC-Staaten, so lautet die Abkürzung für „Latin America and Caribbean“. Neben Afrika, Ost-Asien und Pazifik, Europa und Zentral-Asien, dem Mittleren Osten, Nord Afrika und Süd-Asien bilden auch die LAC-Staaten eine regionale Einheit für die Weltbank (The World Bank, 2013b). Sie ist die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, liefert finanzielle und technische Unterstützung für Entwicklungsländer und bezeichnet die Reduzierung von Armut als ihre Mission (The World Bank, 2013a).

Das Südamerikanische Land Argentinien gehört noch über hundert anderen internationalen Organisationen an wie zum Beispiel dem Internationalen Währungsfond (IWF), der Welthandelsorganisation (WTO), der World Health Organisation (WHO) - beziehungsweise der Pan American Health Organisation (PAHO) - und es war ein Gründungsmitglied der Vereinten Nationen im Jahr 1945 (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2012).

2.1 Geschichte, Wirtschaft und Politik

Argentinien erhielt seinen Namen von den spanischen Eroberern, die Silbervorhaben im Land entdeckten. „Argentada“ heißt auf deutsch „versilbert“ und das Edelmetall wurde über die Mündung des Río de la Plata, dem Silberfluss, an dem das heutige Buenos Aires, liegt, abtransportiert (Garff & Seeler, 2012, S. 12).

Nach einem enormen wirtschaftlichen Boom Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund des erfolgreich betriebenen Ackerbaus und der Viehzucht, erklärt Argentinien seine Unabhängigkeit vom spanischen Mutterland 1816. Im Gegensatz zu den USA dürfen Einwanderer im Staat kein Land erwerben. Fruchtbares Land steht nur wenigen einflussreichen Familien aus der Oberschicht zur Verfügung. Mit Exporten landwirtschaftlicher Produkte wird Argentinien zu einem der zehn reichsten Länder der Erde bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Als dann die Rohstoffpreise fallen, hat das Land mit seiner wirtschaftlichen und politischen Lage zu kämpfen. Es folgen Jahre, die gezeichnet sind von Militärdiktaturen und Militärregierungen, die das Land zerrütten. Juan Domingo Perón gelingt es zum ersten Mal in Argentiniens Geschichte, sich 1946 mit zahlreichen Arbeitern auf seiner Seite demokratisch zum Präsidenten wählen zu lassen. Militärdiktatoren gewinnen jedoch wieder die Überhand und erst 1983 ist der systematische Staatsterror zu Ende. Immense Auslandsschulden und ein politisch, moralisch und wirtschaftlich zerstörtes Land sind von diesem Zeitpunkt an die Herausforderungen für die folgenden demokratischen Regierungen. Bis 2001 ist Argentinien so gut wie bankrott. Unter dem neuen Präsidenten Nestor Kirchner kehrt eine zunehmende Stabilisierung des Landes ein. Nach seinem Tod 2007 übernimmt seine Frau, Christina Fernández de Kirchner, bis heute die Präsidentschaft (Aufmkolk, 2010).

2.2 Gesellschaft und Demografie

Der Sklavenhandel von afrikanischen Bürgern stieg in Lateinamerika vom fünfzehnten Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert stetig an (Maddison, 2006, S. 37). Bis 1820 kamen etwa zwei Millionen spanische und portugiesische Einwanderer in hoher Anzahl, gefolgt von britischen, französischen sowie niederländischen nach Lateinamerika und in die Karibik und prägten fortan die Kultur. Siebeneinhalb Millionen Sklaven wurden aus Afrika zum Arbeiten „importiert“. Das Resultat der Immigration war ein ethnischer Mix, der bis heute in diesen Ländern stärker als in Nordamerika besteht. Die ursprüngliche Bevölkerung Amerikas erfuhr eine destruktive Entwicklung ihrer Kultur und wehrte sich mehr oder weniger gegen die spanische Kolonialherrschaft. Ökonomisch und langfristig gesehen hat dieser Umstand jedoch das wirtschaftliche Potential der lateinamerikanischen Länder erfolgreich hervorgebracht. Seit 1820 wächst die lateinamerikanische Bevölkerung schneller als die von Westeuropa. Die Hauptgründe hierfür sind die steigenden Geburtenzahlen, der Rückgang der Sterberate und die Erhöhung der Lebenserwartung (Maddison, 2006, S. 39).

Bestand um das neunzehnte Jahrhundert die Population zu einem großen Anteil aus spanischen und italienischen Immigranten, bewohnen heutzutage zu 97 Prozent „Mestizen“ das Land. Das ist die Bezeichnung für die Nachfahren der weißen und indigenen Bevölkerung Südamerikas. Zirka 42.611.000 Menschen, von denen 92 Prozent (Stand 2010) in den Großstädten leben, bewohnen das Land (Central Intelligent Agency, 2013).

2.3 Schwellenland und Zwei-Klassen-Gesellschaft

Argentinien ist ein sogenanntes Schwellenland. Offiziell zählt es zwar mit etwa zwanzig bis dreißig anderen zu den Entwicklungsländern (Jürgens, 2013). Im Gegensatz zu diesen jedoch befinden sich die Schwellenländer („emerging nations“) im frühen Stadium auf dem Weg zum Industriestaat und erfahren wirtschaftliches Wachstum und Investment mit Hilfe anderer Nationen (QFinance, 2009).

Die Kluft zwischen der armen und reichen Bevölkerung ist durch Fehlmanagement im Staat entstanden. Einst erfreute sich eine umfangreiche soziale Mittelschicht einem wirtschaftlich starken Land, mittlerweile jedoch sehen Ökonomen Argentinien in einer Dauerkrise befindlich (Waldmann, 2010, S. 5-10).

Regelmäßige Zahlungsbilanzengpässe, das Fehlen von kompetenten Industrieunternehmern, die internationale Absatzmärkte finden sollten, und politische Instabilität lassen die soziale Ungerechtigkeit im Land anwachsen. Armut und Exklusion verbreiten sich und die Ausbreitung des informellen Sektors geht einher mit einem Bildungsdefizit der Unterschichten. Korruption in der öffentlichen Verwaltung führt zu Misstrauen. Das argentinische Volk leidet unter einer gespaltenen Identität. Dies veranlasst zu wenig Gemeinschaftsgefühl und Kampf für eine Gesellschaft in einer Nation. Laut Waldmann (2010, S. 5-10) entsteht ein Entwicklungsengpass, bei dem Zukunftsvisionen und erfolgreiche Strategien fehlen.

2.4 Gesundheitssystem

Die argentinische Republik ist eine Demokratie mit einem föderalistischen Organisationsprinzip, durch welches den 23 Gliedstaaten (Provinzen) bestimmte Verantwortungsbereiche des Staates überlassen werden. Das gilt in Argentinien auch für das Erbringen von Gesundheitsleistungen (PAHO, 2002, S. 1-5).

Das örtliche Gesundheitssystem ist hoch fragmentiert. Es besteht aus der Sozialversicherung und den öffentlichen und privaten Subsystemen. Formelle Arbeitskräfte, Pensionisten und ihre Familien haben eine Krankenversicherung über das Sozialversicherungssystem. Personen, die sich durch freiwillige Beiträge mittels privater Vorsorgesysteme absichern, sind durch diesen Markt vor Krankheitsfällen geschützt. Die öffentlichen Gesundheitsleistungen können von allen Einwohnern Argentiniens genutzt werden. Vorwiegend beanspruchen diese Services jedoch Bewohner, die über zu wenige finanzielle Mittel für eine private Vorsorge verfügen und keinen formellen Arbeitsplatz vorweisen können (Cortez & Romero, 2013, S. 11).

2.4.1 Dezentralisierung der Autoritäten

Aufgrund der wirtschaftlichen Rezession haben sich viele Probleme in Argentinien und seinem Gesundheitssystem manifestiert. Es kam zur Reduktion der Gehälter und Pensionen, höheren Steuern und Protesten sowie zu Streiks von öffentlich Angestellten inklusive von Angehörigen des Gesundheits- und Bildungssektors (PAHO, 2002, S. 1). Viele Menschen haben seit der Wirtschaftskrise 2001 keine ausreichende Krankenversicherung. Dieser Umstand beeinträchtigte die Gesundheit der nicht versicherten Bevölkerung und die Bedarfsdeckung an medizinischen Leistungen. Die Regierung übertrug bei dieser Gelegenheit die Verantwortung für die Gesundheitsversorgung den Gemeinden (Cortez & Romero, 2013, S. 1).

Die Gemeinden administrieren normalerweise ihre eigenen Ressourcen für die lokale Gesundheitsfürsorge und haben auch die unabhängige Autorität, sämtliche Handlungspläne in die Tat umzusetzen (PAHO, 2002, S. 5).

Das Ministerium für Gesundheit und Soziales überwacht die Sozialversicherungs- und obligatorischen medizinischen Versorgungspläne, um Qualität und Schadensdeckung, sowie die Behandlung in öffentlichen Spitälern zu sichern (PAHO, 2002, ii). Ebenso trägt es die Verantwortung für den „Public Health Sektor“ und implementiert nationale gesundheitsrelevante Anliegen und Ziele mittels Projekten und Plänen in die Provinzpolitik (Cortez & Romero, 2013, S. 3).

Es ist einerseits ein Vorteil, dass einige Verantwortungsbereiche der Gesundheitsversorgung in der Hand der Provinzen liegen. Meist wird effizient gearbeitet und eine Adaption der Leistungen an die örtlichen Begebenheiten kann erfolgen. Andererseits gestaltet es sich oft schwierig für die nationale Gesundheitspolitik neue Arbeitsaufgaben in die Gemeinden zu integrieren (Cortez & Romero, 2013, S. 11).

2.4.2 Sozialversicherungssektor

Die drei Suborganisationen des Argentinischen Gesundheitssystems, das öffentliche, das private und das soziale Versicherungssystem, arbeiten sehr unterschiedlich und haben ihre eigenen Regeln. Die Sozialversicherungsorganisationen unterteilen sich in hunderte Versicherer, genannt „Obras Sociales Nacionales“ oder „Obras Sociales Provinciales“ (Cortez & Romero, 2013, S. 11). Sie versorgen zirka 18,3 Millionen Menschen in 300 Dienststellen (PAHO, 2002, S. 14). Verschiedene Gruppen von Arbeitnehmern wie zum Beispiel Manager, Beamte und nicht im Management Angestellte oder auch Militärsbedienstete sind in unterschiedlichen Obras Sociales versichert (PAHO, 2002, S. 5-6).

2.4.3 Öffentlicher Gesundheitssektor

Die Verantwortung für den aus Steuern finanzierten öffentlichen Gesundheitssektor, der die örtlichen Krankenhäuser und verschiedenste administrative Tätigkeiten in den Ministerien abdeckt, obliegt vielen Instituten und Organisationen. So ist beispielsweise der Bildungssektor verantwortlich für die Ausbildung an Universitäten, aber auch für Services an Schulen wie Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. Land- und Viehwirtschaftliche Institute haben für Nahrungsmittelsicherheit und Tiergesundheit zu sorgen (PAHO, 2002, S. 5-6).

Öffentliche steuerfinanzierte Krankenhäuser decken den medizinischen Bedarf für die Gesamtbevölkerung ab, und gelten als eine Art Rückversicherung für die Menschen, die nicht im privaten, öffentlichen oder sozialen System Argentiniens aufgefangen werden (PAHO, 2002, S. 14).

2.4.4 Privater Gesundheitssektor

Der private Sektor besteht aus unabhängigen selbständigen Angehörigen von Gesundheitsberufen und deren privaten Krankenhäusern, Kliniken und sonstigen Niederlassungen. Die Dienstleistungen stehen Patienten zur Verfügung, die in eine private Vorsorgeversicherung freiwillig einbezahlen. Aber auch Angehörige der Obras Sociales können sich durch ergänzende Beiträge mittels individuellen Verträgen oder Gruppenübereinkünften mit privaten Versicherungen über zusätzliche medizinische Leistungen einigen, die im Bedarfsfalle gedeckt sind (PAHO, 2002, S. 5-6). Die Anzahl der stationären Einrichtungen und Krankenhausbetten, die privat betrieben und bezahlt werden, übersteigt die öffentlichen Angebote (Lazovski, 2012).

2.4.5 Finanzierung des Gesundheitssystems

Die Gesundheitsausgaben werden von den Haushalten selbst, den Sozialversicherungsbeiträgen und dem öffentlichen Sektor finanziert. Bezahlungen aus privater Tasche sind zum Beispiel Selbstbehalte oder private Gesundheitsvorsorge und Krankenversicherung. Ihr Anteil an den Kosten betrug 2009 33,9 Prozent. Mit 38,7 Prozent finanzierten die Arbeitnehmer und Arbeitgeber durch Lohnsteuern das System. Die verbleibenden 27,3 Prozent wurden von dem nationalen, provinzialen und lokalen öffentlichen Sektor durch generelle Steuern getragen. Aufgrund der Verantwortungsübertragung für Gesundheitsleistungen in die Provinzen waren diese für die Mehrheit der öffentlichen Ausgaben für Gesundheitsleistungen verantwortlich (Cortez & Romero, 2013, S. 3-4).

2009 machten die gesamten Gesundheitsausgaben 9,4 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt Argentiniens aus (Cortez & Romero, 2013, S. 3-4). Im Vergleich dazu waren es in Österreich 11,2 Prozent (Statistik Austria, 2013).

Gesamt sind die öffentlichen Gesundheitsausgaben zwischen 2003 und 2009 stetig angestiegen. Sie sind nach den Bildungsinvestitionen die zweitgrößten Kosten für das Land. Im Durchschnitt fließen ungefähr 16 Prozent der Provinzausgaben in die Gesundheit, wobei es große ortsbedingte Unterschiede gibt. Buenos Aires beispielsweise verbraucht 24 Prozent seiner Gelder für die Versorgung von Kranken, während andere Provinzen nur zwischen 8 und 13 Prozent investieren (Cortez & Romero, 2013, S. 4 - 5).

3 Slums – Die Armenviertel der Welt

Slums sind laut Kofi Annan, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen (2003), die schlimmste Manifestation von sozialer Armut und Ungerechtigkeit. Obwohl die Welt heutzutage das Wissen, die Ressourcen und die Macht hätte, die Situation für die betroffene städtische Bevölkerung zu verbessern, soll die Anzahl der derzeit zirka einer Milliarde Slumbewohner bis zum Jahr 2050 noch auf das Dreifache ansteigen. Dies ist eine große globale Herausforderung, die mit vereinten Kräften in Angriff genommen werden muss (Un Habitat Report, 2003, Vorwort). Um dem Wachstum der in informellen Siedlungen lebenden Menschen entgegenzuwirken, wurden bereits im Jahr 2000 bei der UNO-Generalversammlung die Milleniums-Entwicklungsziele (Millenium-Development-Goals, MDG) deklariert, in welchen Ziele wie zum Beispiel die Armuts- und Hungerbekämpfung, Grundausbildung, Gleichberechtigung, Bekämpfung von Krankheiten, Umweltschutz und Gerechtigkeit formuliert sind. Bis 2015 soll die Verwirklichung der acht Intentionen insgesamt zu einer gesünderen Welt führen. Außerdem sollte es möglich sein, die Anzahl der Menschen zu halbieren, die weniger als einen Dollar pro Tag verdienen, die an Hunger leiden und die keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser haben. Kindern in allen Ländern der Welt soll eine gleichwertige Möglichkeit zu Ausbildung angeboten werden und die Mütter- und Kindersterblichkeit gilt es zu reduzieren. Weiters sei es erstrebenswert, den Rückgang der Ausbreitung von HIV-Infektionen, Malaria und anderen Krankheiten zu erreichen. Ein anderes Ziel ist es, die Anzahl der Slumbewohner bis 2020 um 100 Millionen weltweit zu vermindern (United Nations, 2000).

3.1 Un Habitat und die Vereinten Nationen

Das Programm der Vereinten Nationen, das sich mit menschlichen Niederlassungen und Unterkünften beschäftigt, wird „Un Habitat“ genannt. Das Ziel dieser Organisation ist es, angemessene Behausungen für alle Bewohner zu ermöglichen. Mehrere umfangreiche Reporte über die weltweite Slumproblematik wurden auf der offiziellen Internetseite veröffentlicht. „The Challenge of Slums Report“ wurde 2003 erstellt und geht detailliert auf die tatsächlichen Herausforderungen ein, die es in dieser speziellen Lebenswelt zu bewältigen gilt. Viele Städte wachsen rapide und vor allem in weniger entwickelten Ländern steigt der prozentuale Anteil der Menschen, die in informellen Siedlungen leben und dort wenig oder gar keinen Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen haben. Einige Strategien sollen zur Förderung einer nachhaltigen und kontrollierbaren Urbanisierung auf der Landesebene führen. Es stellt aber nicht nur ein nationales, sondern auch ein globales Interesse dar, die Lebensumstände für die betroffenen Menschen und damit auch ihre Gesundheit zu verbessern (Un Habitat, 2013).

3.2 Allgemeines zur Slum-Ökologie

Der Ausdruck „Slum“ beschreibt verschiedenste häusliche Niederlassungen von vorwiegend einkommensschwachen Bevölkerungsschichten und deren schlechte Lebensbedingungen. Die Stadtviertel sind charakterisiert mit einer hohen Bevölkerungsdichte und Behausungen aus minderwertigen Materialien oder baufälligen Unterkünften, sowie unsicheren Besitzansprüchen (Un Habitat Report, 2003, S. 8-11). Eine eindeutige Definition für diese Lebenswelt gibt es jedoch nicht. Dazu sind sie weltweit zu unterschiedlich, ihre Strukturen zu verschieden und ihre Merkmale und Eigenschaften zu differenziert (Un Habitat Report, 2003, S. 11).

In der heutigen Zeit wird der Terminus „Slum“ versucht zu ersetzten, um Vorurteilen und Stigmatisierung vorzubeugen. Wörter wie „neighbourhood“ oder nur „hood“ werden zum Beispiel in Los Angeles gebraucht. Auch „bidonvilles“ in Frankreich genannt, „barraca“ in Barcelona, „favelas“ in Brasilien oder „villas miserias“ in Argentinien (Un Habitat Report, 2003, S. 9-10).

Lateinamerikanische Villas Miserias sind mit afrikanischer oder westasiatischer Slumökologie allgemein gar nicht zu vergleichen. Vor allem die ernsten sanitären Probleme stehen in keinem Verhältnis zueinander. Viele Megacities in Afrika oder Westasien verfügen über keinerlei Abwasserkanalisation oder WC-Anlagen. Diese und auch Wasser- und Stromanschlüsse sind in lateinamerikanischen Städten mittlerweile schon zahlreicher zu finden (Davis, 2007, S. 146-147).

3.3 Historische Entwicklung und Wachstum von Slums

An der Wende zum 20. Jahrhundert lagen die Gründe für die Entstehung von informellen Siedlungen in der Aufhebung der Sklaverei und der damit einhergehenden Arbeits- und Obdachlosigkeit (Xavier & Magalhaes, S. 3-9). Außerdem hat in den lateinamerikanischen Metropolen seit dem 19. Jahrhundert, und dann besonders stark im 20. ein explosives Städtewachstum eingesetzt. Es gibt drei Hauptursachen für dieses Phänomen: die Immigration, die Land-Stadt-Wanderung und das natürliche Bevölkerungswachstum (Davis, 2007, S. 10-23). Als zweitgrößtes Land Südamerikas und achtgrößtes der Welt (The World Bank, 2013c) verzeichnete die Hauptstadt Argentiniens einen rapiden Populationsanstieg von 4,6 Millionen 1950 innerhalb von 54 Jahren auf 12,6 Millionen 2004. Seit den 1980iger Jahren litt auch Buenos Aires wie andere Industriestädte an der Deindustrialisierung und der Schließung von Produktionsanlagen, was folglich zu einem Mangel an Arbeitsplätzen für die zugewanderte urbane Population führte (Davis, 2007, S. 10-23). Die Armenviertel sind jedoch nicht nur eine Manifestation der städtischen Bevölkerungsexplosion und des demografischen Wandels, sie sind ebenso auch das Resultat eines Fehlverhaltens der Regierung bezüglich Wohnungspolitik, Gesetzen und öffentlichen Versorgungssystemen (Un Habitat Report, 2003, S. 5-6).

Villas Miserias entstanden und wuchsen, da sie eine Wohnungslösung für Bürger mit niedrigem Einkommen waren und diese bis heute darstellen. Diese Lebenswelten sind die einzig erschwingliche und mögliche Form der Unterkunft, da ihre Bewohner viel zu wenig verdienen, um am formalen Wohnungsmarkt eine dauerhafte Bleibe erwerben zu können. Oft von der Regierung ignoriert unterstützen sie sich gegenseitig, besetzen Land und leerstehende Gebäude, bauen Häuser und untervermieten diese sogar. Die meisten Probleme entstehen in Megacities schließlich mit dieser Form der unkontrollierten Verstädterung und der unter der Bevölkerung herrschenden Armut (Un Habitat Report, 2003, S. 29-31 Vorwort).

Derzeit zählen etwa 33,1 Prozent oder elf Millionen Angehörige der argentinischen Bevölkerung zur Slumbevölkerung. Es entspricht jedoch nicht der Wahrheit, dass alle armen Bewohner einer Stadt in Slums leben, und auch nicht, dass alle Slumbewohner arm sind. Genaue Statistiken und Zahlen sind meist schwer herauszufinden, da der betroffene Anteil der einkommensschwachen Bevölkerung von staatlichen Stellen oft absichtlich unterberechnet wird (Davis, 2007, S. 29-30).

3.4 Arbeitsplätze und Informalität

Die sich ausbreitende globale Weltwirtschaft ist die Ursache für wachsenden Wettbewerb und dadurch entstehende Ungleichheiten sowie Ungerechtigkeiten innerhalb der Städte. Einsparungen bei Löhnen und das Herabsetzen der Preise führen zu längeren Arbeitszeiten, schlechten Arbeitsbedingungen, reduzierten Sozialausgaben und zu ansteigender Informalität (UN Habitat Report, 2003, S. 135).

Davis (2007, S. 185-194) bezieht sich in seinen Ausführungen über die informelle Ökonomie auf Daten der „Inter-American Development Bank“, die 57 Prozent der Arbeitskräfte in Lateinamerika der Schattenwirtschaft zuordnet. In einigen Städten wird die Mehrheit neuer Jobs nur im informellen Sektor geschaffen (Davis, 2007, S. 185-194). Der „informale Sektor“ wird als Phänomen beschrieben, das in schnell wachsenden Städten auftritt. Kleine Firmen und Unternehmen sind zwar nicht registriert, bieten aber viele Produkte und Dienstleistungen an, die Menschen täglich nutzen (Un Habitat Report, 2003, S. 98-102). Arbeitsplätze entstehen in Frisörsalons, Schneiderein, Imbissbuden und im Kleingewerbe. Die Menschen verdienen wenig, haben keine Aufstiegschancen und erlangen meist auch keine weiteren Möglichkeiten, in den formalen Dienstleistungssektor einzusteigen. Es fehlen Verträge, Arbeitsrechte und Arbeitsschutzbestimmungen, Verhandlungsmacht und natürlich jegliche Form von Versicherungen (Davis, 2007, S. 185-194). Hinzu kommt, dass die Bewohner zwar eine innerhalb der Villa interne Wohnanschrift haben, diese jedoch nicht formal ist, beziehungsweise ihnen Jobs verwehrt bleiben, wenn sie ihre Adresse bei Bewerbungsgesprächen angeben. Auch der Zugang zu Bildungseinrichtungen ist immer noch sehr beschränkt und so bleibt die Chance, ihre Lebensumstände zu verbessern gering (EXP 3, G., 2013), (UN Habitat Report, 2003, S. 6).

In der Villa 21-24 haben sich einige Bewohner anhand ihres Berufes einen selbständigen (aber informellen) Arbeitsplatz geschaffen. Obst- und Gemüsehändler, Fleisch- und Fischverkäufer, Auto- und Fachwerkstätten, ElektrikerInnen und sonstige Dienstleister, sowie ein großes Angebot an baugewerblichen Tätigkeiten werden in der Regel von Einheimischen betrieben. Oft wird das Erdgeschoß ihres Hauses als Verkaufsfläche oder Büro und Lagerhalle verwendet (EXP 3, G., 2013). Auf den beiden folgenden Fotos ist dies gut erkennbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalte.

Abb. 1: Villa 21-24 Speisen zum Mitnehmen links, Wäscheservice recht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalte.

Abb. 2: Villa 21-24 Obst- und Gemüsehändler links, Auto- und Reifenwerkstatt recht.

3.5 Ausgrenzung und soziale Ungleichheit

Während weltweit die Gesellschaftsschicht mit mittlerem Einkommen kleiner wird, steigt der Anteil an Menschen, die zur reichen oder armen Bevölkerung zählen. Die soziale Ungleichheit wächst und es kommt zur Existenz einer anscheinend „überflüssigen“ Population, die nicht einmal mehr ausgebeutet werden kann (Häußermann, Kronauer & Siebel, 2004, S. 7-13). Es entsteht eine Unterversorgung mit materiellen, kulturellen und sozialen Mitteln, die in keinster Weise einen Lebensstandard ermöglicht, der den Normen der heutigen Gesellschaft entspricht (Bien & Weidacher, 2004, S. 16-22).

Wenn sich dann die Anzahl der Arbeitslosen, „Armen“ und Fremden in einem Stadtteil häufen, beginnt der gut verdienende Teil der Bevölkerung in „bessere“ Wohnorte zu ziehen. Die soziale Ausgrenzung geschieht automatisch, da hauptsächlich Einkommensschwache, alte Menschen, Immigranten, Arbeitssuchende und solche Personen in diesen Stadtvierteln wohnen, die keine andere Wohnung mehr finden können (Häußermann et al, 2004, S. 7-13).

4 Gesundheitsdeterminanten in der Lebenswelt „Villa Miseria“

Nicht nur im Bezug auf die Einkommensunterschiede, sondern auch hinsichtlich des Gesundheitszustands herrschen in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen massive Ungleichheiten. Die vorhandenen Differenzen betreffen die soziale Schicht, die Lebensumwelt, die Nationalität, das Alter und das Geschlecht. Sie gehen mit einer ungleichen gesundheitlichen Verfassung und unfairen Gesundheitschancen einher, die das menschliche Verhalten und den Lebensstil des Einzelnen beeinträchtigen (Egger & Razum, 2012, S. 9).

Die Einflüsse auf die Gesundheit sind vielfältig und stehen in Wechselwirkung zueinander. Wesentlich und nachweislich zu nennen sind hierbei wie schon erwähnt Umweltbedingungen wie soziale und kommunale Netzwerke, Lebens- und Arbeitsbedingungen, Einkommen, aber auch die gesetzliche und wirtschaftliche Lage. Außerdem beeinflussen biologische Faktoren, wie das Alter, Geschlecht und Erbanlagen den Gesundheitszustand. Diese sind unveränderbar, im Gegensatz zu den Einflüssen, die durch den individuellen Lebensstil entstehen. Beispiele dafür sind Rauchen, Ernährung, sportliche Betätigung, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und das persönliche Risikoverhalten eines Menschen. Schlussendlich ist die Qualität und der Zugang zum örtlichen Gesundheitssystem noch eine ausschlaggebende Determinante für eine gesunde Gesellschaft (Linde, 2005, S. 12).

4.1 Umweltbedingungen in der Villa Miseria

Viele Villas Miserias entstehen weltweit an Orten, an denen sonst kein Mensch wohnen möchte. Die Siedlungen befinden sich an gefährlichen Plätzen wie verschmutzten Industriegebieten, an Deichen, neben Müllhalden außerhalb der Stadt, in verlassenen baufälligen Gebäuden oder an verseuchten Gewässern wie Flüssen oder Seen (Un Habitat Report 2003, S. 5-11). Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle vor allem zur Erklärung chronisch-degenerativer Erkrankungen. Allergien oder Asthma sowie ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen gehen auf krebserregende Stoffe zurück, die zum Beispiel in Asbest und Benzol erhalten sind, aber auch in geschlossenen Räumen oder bei Verbrennungsvorgängen von Exkrementen oder Holz, Kohle und Öl entstehen (Fleßa, S. 171).

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Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Villas Miserias. Gesundheitsgefährdende Lebenswelt "Slum" und mögliche Formen der Krankheitsprävention
Hochschule
FH Kärnten, Standort Feldkirchen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
72
Katalognummer
V356090
ISBN (eBook)
9783668421462
ISBN (Buch)
9783668421479
Dateigröße
2540 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde in Verbindung mit der 2. Arbeit "Visitas Médicas" in Rio de Janeiro auf dem Kongress der ISQUA (http://www.isqua.org/) am 8.10.2014 vorgestellt. Nur wenige Abstracts werden auf Kongressen wie diesen angenommen und die Autoren erhalten die Chance, diese vorzutragen. Außerdem wurden die Arbeiten am 1. Pflegewissenschaftlichen Hochschultag in Wien am 27.3.2015 vorgetragen, und sie haben in Form eines Posters den Posterpreis vom 9. Forschungsforum der Ö. Fachhochschulen am 8.4.2015 in Hagenberg (OÖ) gewonnen. All diese Erfolge sind Beweise für die Hochwertigkeit des Inhalts.
Schlagworte
Slum, Krankheitsprävention
Arbeit zitieren
Sonja Datlinger-Kofler (Autor:in), 2014, Villas Miserias. Gesundheitsgefährdende Lebenswelt "Slum" und mögliche Formen der Krankheitsprävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356090

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