Ikonographie. Masaccios "Zinsgroschen" und die Intention seiner Darstellungsweise


Seminararbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutung des Künstlers „Masaccios“ in seinem Zeitkontext
2.1. Bildkomposition und Deutung
2.2. Über die Tempelsteuer
2.3. Wie Masaccio von der traditionellen Bildauslegung abweicht
2.4. Warum weicht Masaccio von der traditionellen Bibelauslegung ab und warum erhält das Wunder selbst kaum einen Akzent?
2.5 Fazit

3. Abbildungen

4. Literaturverzeichnis

5. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Werk „Zinsgroschen“, es wurde zwischen den Jahren 1425 und 1428 von dem Künstler Masaccio angefertigt und gilt bis heute als eines seiner Meisterwerke.[1] Es war eine Auftragsarbeit von Felice Brancacci, der damals Politiker in Florenz war und damals zu den politisch einflussreichsten Familien gehörte.[2] „Der Zinsgroschen“ beträgt die Maße: 255x598cm, ist ein Fresko und befindet sich in der Santa Maria del Carmine, Brancacci-Kapelle in Florenz. Es ist der bedeutendste Bestandteil des berühmten Freskenzyklus in der Brancacci-Kapelle, die von verschiedenen Meistern ab 1424 bis 1485 geschaffen wurde.[3]

Die Frage nach der Ikonographie ist von besonderem Interesse, weil Masaccio sich in diesem Werk von der christlichen Gleichung, die im Evangelium vorzufinden ist, des „Zinsgroschen“ distanziert und in seinem Werk andere Schwerpunkte der Szene hervorhebt, diese Abweichungen können wir in der heutigen Zeit aufgrund von mangelnden Geschichts-, und Bibel-, Kenntnissen nicht erkennen . Dieses Phänomen ist nicht nur bei diesem Werk vorzuweisen, stattdessen sind viele christliche Werke für viele Menschen in unserer heutigen Welt aufgrund von mangelndem Wissen nicht mehr zu entschlüsseln. Dabei wären Kenntnisse notwendig um alte Meisterwerke und Kulturgüter auch in unserer modernen Zeit zu interpretieren, deuten und verstehen zu können. Das vorgeführte Werk nimmt Bezug auf die damaligen aktuellen politischen Ereignisse. Damit wir heutigen Betrachter die Intention und Bedeutung des Werkes entschlüsseln können, müssen wir Wissen über die damaligen Ereignisse und Handlungsgeschehnisse verfügen. Die Ikonographie bestimmt damit die Bilderzählung. Die Ikonographie des „Zinsgroschen“ gehört zu einer umfassenden Petrus-Ikonographie, die sich in der Brancacci-Kapelle befindet, auf die aber in diesem Rahmen nicht in einem ausführlichen Umgang eingegangen werden kann.[4]

Als ersten Schritt wird der Künstler Masaccio in seinem Zeit,- und Bedeutungs-, Kontext näher betrachtet. Im Anschluss wird die Bildkomposition des Werkes erläutert. Danach wird die Bibelauslegung wiedergegeben und deren Deutung ausformuliert. Anschließend wird analysiert wie Masaccio die Bibelauslegung verändert und schließlich wird darauf eingegangen warum Masaccio diese Veränderungen vollzogen hat.

Es wird sich ferner zeigen, dass der auf unser Bild bezogene Wissensstand sich in den letzten Jahren nicht erweitert hat.

2. Bedeutung des Künstlers „Masaccios“ in seinem Zeitkontext

Der Künstler Masaccio gilt als ein genialer Vertreter der Frührenaissance. Er wurde im heutigen San Giovanni Valdarno mit den Namen Tommaso, genannt Masaccio, geboren und ist im Alter von 27 Jahren 1428 in Rom gestorben. Damals lebte und wirkte Masaccio in enger Freundschaft mit Brunelleschi, sowie mit Donatello. Den drei Künstlern ist die Entfaltung der Renaissance in der bildenden Kunst zu verdanken.[5] Es wird betont, dass Masaccio zum ersten Mal in der Malerei eine auf den Betrachter bezogene Perspektive verwendet.[6] Laut Vasari prägte Masaccio die Malerei: „Hinsichtlich der guten Manier in der Malerei aber verdanken wir Masaccio am meisten, denn er hatte in seinem Verlangen nach Ruhm erkannt, dass der Zweck der Malerei kein anderer sei, als alle Dinge der lebenden Natur in Zeichnung und Farbe so nachzubilden, wie sie die Natur hervorgebracht hat, und dass Hinweis auf der der vortrefflichste Künstler sei, der dies am vollkommensten vermag. Nachdem Masaccio zu dieser Einsicht gekommen war, brachte er es durch andauerndes Studium dahin, dass man ihn zu den ersten zählt, welche die Härten, Unvollkommenheiten und Schwierigkeiten der Kunst überwunden haben, und dass er als erster schöne Stellungen, Bewegungen, Kraft und Lebendigkeit sowie eine gewisse ihm eigentümliche und natürliche Rundung seinen Gestalten gab, was vor ihm noch kein Maler getan hatte. Da er sehr scharf beobachtete, nahm er wahr, daß [sic!] alle Figuren, die auch in der Verkürzung mit ihren Füßen nicht fest auf dem Boden, sondern auf den Fußspitzen ständen, nicht wert seien und der Wirklichkeit nicht entsprächen, und daß [sic!] die Maler, die sie so darstellten, nur bewiesen, daß[sic!] sie nichts von Verkürzungen verstünden…Das Kolorit seiner Bilder war harmonisch und zart, und er brachte die Fleischtöne der Köpfe und der nackten Körper in Einklang mit den Farben der Gewänder, die er mit wenigen Falten und so leicht malte, wie sie in der Natur und im Leben sind. Dies alles war von großem Vorteil für die Künstler, und er verdient der Erfinder der Malerei genannt zu werden. Wenn man seine Werke mit denen der anderen vergleicht, so kann man die Bilder seiner Vorgänger als Malereien, die seinen aber als Abbilder des Lebens, der Wirklichkeit und der Natur bezeichnen.“[7]

2.1. Bildkomposition und Deutung

Der Petruszyklus der Brancacci-Kapelle ist nach einer zeitlichen Abfolge angeordnet. Dabei werden die bedeutungswichtigsten Szenen besonders hervorgehoben um Petrus als Wundertäter darzustellen. Die „Zinsgroschen-Szene“ befindet sich auf der linken Seite in der Mitte oben des Altars. Es ist davon auszugehen, dass der Auftraggeber die Szenen ausgewählt hat und somit auch die für ihn relevanten Szenen prononciert hat.[8] Daraus lässt sich schlussfolgern, dass dem „Zinsgroschen“ eine große Relevanz beizumessen ist. Auf die weitere Anordnung der restlichen Szenen kann hier nicht weiter eingegangen werden.

Die Geschichte des Zinsgroschens befindet sich in verschiedenen Werken unterschiedlicher Künstler, fester Bestandteil ist immer das Fischwunder.

Die Szene des „Zinsgroschen“ befindet sich vor einem Stadttor, welches rechts von Jesus Christus sichtbar wird. Links von Jesus ist eine Landschaft mit hohen Bergen und einem See dargestellt. Im Hintergrund am Himmel befinden sich dunkle Wolken. In der Bildmitte ist Jesus, der in einem offenen Halbkreis zu den Aposteln steht. Die dargestellte Apostel-Gruppe ist nicht zufällig im Raum angeordnet, sondern steht in einem durchorganisierten Bezug zueinander.[9] Christus befindet sich in der Mitte seiner Jünger. Sie befinden sich alle auf gleicher Höhe. Seitlich hinter Christus stehen zwei Jünger. Links neben Christus befinden sich sechs Jünger und rechts vier Jünger. Die Apostel werden im Gelehrtentypus mit Bart, Nimbus und Tuniken dargestellt. Petrus ist zu identifizieren an sein krauses, volles Haar und seinen abgerundeten, kürzeren Bart. Ebenfalls entsprechen die Farben seines Gewands dem Farbkanon der Apostel, der sich im 13.Jahrhundert entwickelt hatte nämlich die Farben Blau und Gelb/Orange.[10] Zudem ist er die einzige Ganzkörperfigur, was den Fokus des Bildes auf ihn legt. Außer Petrus lässt sich auch Johannes mit dem traditionellen Typus übereinstimmend identifizieren. Er befindet sich unmittelbar nah zu Christus. Seine Erscheinung scheint hell vom Licht, seine Gesichtszüge weich und sein Haar fällt in blonden Locken. Seine Haltung wirkt ruhig und er bildet mit seinem Erscheinungsbild einen Kontrast zu Petrus, der ein aufbrausend wirkt.[11] Die Außenfigur auf der rechten Seite stellt wahrscheinlich Felice Brancacci dar, den Auftraggeber des Zyklus.[12] Rechts neben Jesus befindet sich ein Zöllner, der seinen linken Arm fordernd ausstreckt, er fordert den Zins ein. Christus deutet mit seinen linken Arm auf den See, sein Arm ist dabei ausgestreckt, er erteilt Petrus den Befehl aus dem Maul des Fisches die Silbermünze zu holen. Der links von Christus abgebildete Petrus wiederholt Christus Geste. Die Erzählung ist dreigeteilt dargestellt, auf dem linken Bilddrittel ist Petrus, der den ihm erteilten Befehl ausführt und am Ufer des Sees den Fisch rausholt. In der Mitte sind die Apostel und Jesus mit dem Zöllner abgebildet und rechts findet die Übergabe des Zinsgroschens von Petrus an den Zöllner statt. Somit findet eine Dreiteilung der Erzählung statt, die Masaccio als eine Einheit dargestellt gelingt. Auffallend ist, dass Petrus dreimal dargestellt ist, auf dem linken Bilddrittel links als Jüngling, der den Befehl Christus ausführt. In der Bildmitte als gehorsamer Jüngling und im rechten Bilddrittel als verantwortlicher Sprecher. Die Ikonographie des „Zinsgroschen“ gehört in dem Zusammenhang einer umfassenden Petrus-Ikonographie.[13] Der Zöllner in der Mitte ist mit dem Rücken dargestellt, dies beinhaltet eine negativ konnotierte Rückenansicht und er erscheint als anonyme, gesichtslose Figur, die keinen Eigennamen hat, stattdessen wird er nach seiner Berufsgruppe benannt. Christus ist im Gegensatz dazu frontal abgebildet, von ihm geht eine starke Wirkung aus. Die Bildbewegung richtet sich von der Mitte zu den Seiten aus, die Seiten haben keine Selbstständigkeit. Das Bild lässt ein Verhältnis der einzelnen Bildelemente zueinander erkennen und eine gezielte Anordnung im Raum. Masaccio zerteilt den Raum nicht, sondern erreicht die Einheit von Handlung und Zeit unter rein künstlerischen Aspekten.[14]

2.2.Über die Tempelsteuer

Das Werk „Der Zinsgroschen“ stellt einen Bibeltext im Matthäus-Evangelium dar, der wie folgt lautet: „Da sie nun gen Capernaum kamen, gingen zu Petrus, die den Zinsgroschen einnahmen, und sprachen: Pflegt euer Meister nicht den Zinsgroschen zu geben? Er sprach: Ja. Und als er heimkam, kam ihm Jesus zuvor und sprach: Was dünkt dich, Simon? Von wem nehmen die Könige auf Erden den Zoll oder Zins? Von ihren Kindern oder von den Fremden? Da sprach zu ihm Petrus: Von den Fremden. Jesus sprach zu ihm: So sind die Kinder frei. Auf daß [sic!] aber wir sie nicht ärgern, so gehe hin an das Meer, und wirf die Angel, und den ersten Fisch, der herauffährt, den nimm, und du seinen Mund auftust, wirst du einen Stater finden, denselbigen nimm und gib ihnen für mich und dich.“[15]

Die hier oben aufgeführte Gleichung besagt, dass zu Petrus Leviten kommen, so werden diejenigen bezeichnet die damals den Zins einnahmen. Petrus bejaht ihre Fragen, ob sein Herr den Zins, die damalige Tempelsteuer, dies war eine Steuer des Staates, entrichte. Christus ist mit den übrigen Jüngern nicht anwesend bei dieser Unterhaltung. Trotzdem bekommt er Kenntnis von diesem Gespräch, er kommt der Erzählung Petrus zuvor und wendet sie ins Gleichnishafte: Wie der Zins nur von den Fremden, nicht von den Einheimischen genommen wird, so werden die Kinder Gottes von den Forderungen der Welt nicht berührt. Um Ärgernis zu vermeiden, gilt es die anerkannte Forderung der Leviten zu erfüllen. Er gibt Petrus den Befehl, den Zins für sich und für ihn zu entrichten. Das Fischwunder und die Übergabe des Zinses werden im Evangelium selbst nicht geschildert. Die Bedeutung der Erzählung ist die Freiheit der Gotteskinder, zugleich aber auch die Notwendigkeit, die Gebote der Welt zu achten, um Ärgernis zu vermeiden.[16] Die „Bible moralisée“ interpretiert die Differenzierung zwischen den Kindern auf Erden und den Fremden als den Gegensatz zwischen den Armen und den Reichen. Der Vergleich besagt somit, dass die Reichen besteuert werden und nicht die Armen. Die Armen sollen diese Zahlung ausführen um sich Ärgernis zu vermeiden.[17]

2.3. Wie Masaccio von der traditionellen Bildauslegung abweicht

Masaccio verändert die einzelnen Motive der „Zinsgroschen“-Erzählung. Die gemalte Szene spielt am Stadttor, so dass der Zins eindeutig als weltliche Steuer gekennzeichnet ist. Statt mehrerer Leviten ist nur ein Torwächter in weltlicher Tracht anwesend. Der Zöllner wendet sich nicht mit einer Frage an Petrus, sondern mit einer Forderung an Christus. Christus und nicht Petrus ist die Hauptfigur. Er nimmt die Forderung entgegen und gibt Petrus den Befehl sie zu erfüllen. Die Zinsübergabe wird hier ausführlich dargestellt, während sie im Evangelium nicht weiter ausgeführt wird. Dadurch wir das Fischwunder als Nebenszene in den Hintergrund gerückt. Während die Übergabe des Zinses mit besonderer Betonung den Vordergrund rechts einnimmt. Die Änderung der Motive in Masaccios Fresko tastet den Sinn der evangelischen Erzählung nicht ab, sondern hebt nur eine Seite dessen hervor. Das Thema von Masaccios Fresko ist nicht die Freiheit der Gotteskinder, sondern der Gehorsam der Christen bzw. der Kirche gegenüber der Obrigkeit.[18]

[...]


[1] Vgl.:Takács, 1979, S.6.

[2] Vgl.:Debold- v. Kritter, 1975 , S. 152.

[3] Vgl.:von Einem, 1967, S. 25f ..

[4] Vgl:von Einem, 1967, S. 26 f..

[5] Vgl:Takács, 1979, S. 14 f..

[6] Vgl.:Göing, 1996, S. 60 f..

[7] Vasari, 1568, S. 86 ff..

[8] Vgl.:von Einem, 1996, S. 26 f..

[9] Vgl.:Takács, 1979, S. 12 f..

[10] Vgl.:Büttner/Gottdang, 2013, S. 92 f..

[11] Vgl.:Debold- v. Kritter, 1975, S. 50 f..

[12] Vgl.:Takács, 1979, S. 35.

[13] Vgl.:von Einem, 1996, S. 23 f..

[14] Vgl.:Takács, 1979, S. 33 f..

[15] Bibel, Matthäus 17,25-27.

[16] Vgl.:von Einem, 1996, S. 23 f..

[17] Vgl.:de Laborde, 1911-1913, S. 124.

[18] Vgl.:von Einem, 1996, S. 23 ff..

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ikonographie. Masaccios "Zinsgroschen" und die Intention seiner Darstellungsweise
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V356120
ISBN (eBook)
9783668425262
ISBN (Buch)
9783668425279
Dateigröße
1159 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ikonographie, masaccios, zinsgroschen, intention, darstellungsweise
Arbeit zitieren
Maria-Eleni Kanela (Autor), 2016, Ikonographie. Masaccios "Zinsgroschen" und die Intention seiner Darstellungsweise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356120

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