Grammatikalisierung


Essay, 2003

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Begriffsdefinitionen und Begriffsabgrenzungen
1.1 Grammatikalisierung
1.2 Grammatizitätsgrad

2. Parameter der Grammatikalisierung

3. Status der Grammatikalisierungstheorie

4. Der Prozess der Grammatikalisierung am Beispiel des lettischen Superlativs

5. Einordnung des lettischen Superlativs in die Grammatizitätsskala

„Grammatikalisierung ist ein diachroner wie synchroner sprachlicher Prozeß, in dem sich frei verwendbare Lexeme und Syntagmen zu spezifischen morpho­syntaktischen Strukturen verfestigen und zu grammatischen Paradigmen ordnen; Herstellung einer stabilen Verbindung zwischen einer oder mehreren Bedeutungen und einer oder mehreren morphologischen oder syntaktischen Einheiten. Die Verbindung des betreffenden semantischen Merkmals mit einer strukturellen Einheit produziert ein grammatisches Paradigma, das betreffende Element gelangt aus der lexikalischen in die grammatischen Ebene. Ob die bei diesen Prozeß beobachtbaren semantischen Veränderungen als semantische Verengung oder Erweiterung verstanden werden sollen, ist ungeklärt“. [Metzler Lexikon Sprache; hrsg. Helmut Glück; Verlag J.B. Metzler Stuttgart; S.256]

1. Begriffsdefinitionen und Begriffsabgrenzungen

1.1 Grammatikalisierung

Der von Antoine Meillet eingeführte Begriff der Grammatikalisierung wurde zunächst lediglich als Methode des Sprachwandels angesehen. Grammatikalisierung bedeutet im weiteren Sinne, dass ein Wort vom Lexikon in die Grammatik hinüberwechselt. Bei genauerer Betrachtung des Prozesses, ist jedoch festzustellen, das die Grammatikalisierung etwas komplexeres ist als nur eine Zunahme grammatischer Eigenschaften bei gleichzeitiger Abnahme an autosemantischen Eigenschaften [nach Schmellenkamp, O.]. Das Ergebnis der Grammatikalisierung ist eine bestimmte Grammatikalität.

Die Grammatikalität ist abhängig von der jeweiligen Antonomie. Antonymität bedeutet zum einen die Abwesenheit von Kohäsion. Kohäsion stellt die Bindung an andere Sprachzeichen oder Beziehungen zu ihnen dar. Zum anderen ist Antonomie eine Variabilität. Die Variabilität steht dabei für die Manipulierbarkeit und die Beweglichkeit der Wortformen. Mit wachsender Grammatikalisierung verliert ein Zeichen an Antonomie. Das heißt, es wird stärker in das Netz paradigmatischer und syntagmatischer Relationen integriert sowie grammatischen Regeln unterworfen. Antonomie und Grammatikalisierung werden auch als “komplementäre Pole derselben Eigenschaft“ bezeichnet.

1.2 Grammatizitätsgrad

Die Grammatikalisierung kann nach diachronen und synchronen Aspekten untersucht werden. Wird die Grammatikalisierung diachron betrachtet, stellt sie einen Prozess des Sprachwandels dar. Nach Kurylowicz ist die diachrone Sicht des Grammatikalisierungsprozesses definiert als:

„[...] ein Prozess, bei dem Lexeme in grammatische Formen umgewandelt werden.“ [Kurylowicz J.; 1965, The Evolution of Grammatical Categories, Diogenes Verlag, S. 51: 55-71]

Synchron betrachtet ist sie die Transformation einer Struktur in eine andere. Durch den Prozess der Grammatikalisierung wird ein Inhaltswort (Autosemantikon) zu einem Funktionswort (Synsemantikon) umgewandelt (vgl. Abbildung 1, Seite 4). Zu der Gruppe der Autosemantika gehören z.B. Substantive, Adjektive und Verben. Zur Gruppe der Synsemantika gehören Präpositionen, Konjunktionen, Demonstrativpronomen und Artikel.

Ein Beispiel für ein durch Grammatikalisierung entstandenen Artikel ist „ le “, dass sich aus dem lateinischen Demonstrativpronomen „ ille“ (jener) zu dem romanischen Artikel „ le “ entwickelte. Der Artikel „le“ wird heute z.B. im Französischen als Artikel (Singular Maskulin) gebraucht. „ le “ ist eine phonologisch und semantisch reduzierte Form von „ ille “. Die Herkunft des Wortes ist unter anderem noch an der Tatsache erkennbar, dass die Wortformen in Kasus, Numerus und Genus übereinstimmen. „ ille “ und „ le “ stehen für den Singular Maskulin. Außerdem ist die Entwicklung eines Artikels aus einem Demonstrativpronomen ein eindeutiger Hinweis dafür, dass grammatische Formen noch grammatischer werden können, weil es sich nach Traugott und Hopper bei beiden um Synsemantika handelt.

ille le

jener - Nom. Sg. Mask. Art. Sg. Mask.

“jener” “der”

Zu der zweiten Gruppe zählt man unter anderem auch noch die Klitika. Die Klitika sind phonologisch stark verkürzt. Die unterstrichenen Klitika werden eingeteilt in Proklitika (a) und Enklitika (b).

(a) ’s me anstatt von it’s me
(b) ’m anstatt I’m

Bei der Grammatikalisierung können sowohl die ursprüngliche als auch die transformierte Struktur nach bestimmten Kriterien auf einer Skala der Grammatikalität eingeordnet werden (vgl. Abbildung 1). Der Artikel „ le “ hat sich von dem Demonstrativpronomen in Richtung Funktionswort entwickelt, da es an semantischen und phonologischen Integrität verloren hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der Prozess der Grammatikalisierung

Bei diesem Transformationsprozess geht mit dem Grad der Umwandlung die Semantik der Wortform immer mehr verloren, bis die Wortform semantisch leer ist. Gleichzeitig zum Verlust der Semantik erhöhen sich die Grammemeigenschaften des Wortes. Grammati­kalisierung ist jedoch kein Prozess in dem eine Wortform von dem einem Extrem des Autosemantikons in das andere Extrem des Synsemantikons übergeht. Grammatikalisierung ist vielmehr ein Prozess mit mehreren Stadien (vgl. Abbildung 1). Es werden dabei verschiedene Grade der Grammatikalisierung differenziert, aus dem sich ein Kontinuum bzw. eine Skala der Grammatizität erstellen lässt. Das zu grammatisierende Element kann während des komplexen Weges vom Lexikon in die Grammatik Zwischenstadien durchlaufen, bei denen dieses Element neben neu gewonnen Grammemeigenschaften zusätzlich alte ererbte Lexemeigenschaften trägt. Solange Grammem- und Lexemeigenschaften nebeneinander existieren ist die Wortform nicht vollständig grammatikalisiert. Ein Beispiel hierfür ist das englische „ to go “.

to go “ kann als einfaches Verb der Bewegung(V) benutzt werden (a) oder als Konstruktionselement zur Bildung des englischen Futurs (FM) (c). Es gibt noch eine Art Zwischenstufe, in der Futur mit Hilfe von „ to go “ gebildet wird und in dem die semantische Eigenschaft des Gehens (V,FM) noch vorhanden ist (b). Es ist zu bemerken, dass diese drei Formen neben einander existieren und unterschiedlich hohe Lexem- und Grammemeigenschaften haben.

(a) Mary [is going V] to town.
(b) Mary [is going V, FM] to visit Susi.
(c) The rain [is going FM] to come.

Erreicht das Wort ein Stadium der völligen semantischen Leere und der höchstmöglichen grammatischen Eigenschaft, ist der höchste Grad auf der Grammatizitätsskala erreicht. Das Lexem ist dann vollständig grammatikalisiert.

Die genaue Lage auf der Grammatizitätsskala kann herausgefunden werden, indem der Grad der Erfüllung bestimmter Kriterien (hier: Parameter) analysiert wird. Je grammatischer eine Wortform ist, desto eingeschränkter ist die Möglichkeit der Kombinierung von Konstituenten. Je grammatischer ein Satz ist, desto eingeschränkter sind seine Einsatzmöglichkeiten in dem autosemantischen Bereich. Die Parameter zur Bestimmung des Grammatizitätsgrades werden im Folgenden vorgestellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Grammatikalisierung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Linguistische Grundlagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V35614
ISBN (eBook)
9783638354752
ISBN (Buch)
9783640623808
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grammatikalisierung, Linguistische, Grundlagen
Arbeit zitieren
Stefanie Heberling (Autor), 2003, Grammatikalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35614

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Grammatikalisierung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden