Homophobie und Homosexualität im Islam


Term Paper, 2015
16 Pages

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Inhalt

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Islam
2.2 Homosexualität
2.3 Homophobie

3. Homosexualität und Homophobie im Islam
3.1 Homosexualität im Islam
3.1.1 Argumentation mit dem Koran
3.1.2 Homosexualität in der Praxis
3.2 Homophobie im Islam

4. Vergleich des Westens mit dem Orient
4.1 Homosexualität und Homophobie im Westen
4.2 „Homophobe Moslems, aufgeklärter Westen?“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ey, bist du schwul oder was?!“ Dieser Satz wird nach wie vor zu häufig gebraucht. Will man jemanden in großem Maße erniedrigen, beschimpft man ihn als „Schwuchtel“ oder „Tunte“, nichts scheint schlimmer zu sein als „schwul“ zu wirken, was natürlich dementsprechend eine Eigenschaft ist, die allem Negativen zugeordnet wird. Vor allem beim Migrantennachwuchs lässt sich anhand von Deutschland oft diese Brutalität feststellen, wobei niemand wirklich verwundert ist, da diese Härte und Ablehnung gegenüber Homosexuellen in den meisten Herkunftsländern, vor allem den islamischen, zum Alltag dazu zu gehören scheinen. Wohingegen in der westlichen Welt die Rechte von Minderheiten verteidigt und toleriert werden.

So wird es zumindest oberflächlich betrachtet angenommen, aber ist dem wirklich so? Woher kommt dieser scheinbar unbändige Hass der islamischen Welt gegen Homosexuelle? Und kann man die Homophobie als Indikator dafür nehmen, wie „aufgeklärt“ eine Gesellschaft ist?

Mit diesen Fragen will ich mich im Rahmen dieser Ausarbeitung beschäftigen. Zu Beginn werde ich die verwendeten Begrifflichkeiten, wie den Islam, die Heterosexualität und die Homophobie, definieren und mich anschließend mit der Homosexualität und der Homophobie im Islam auseinandersetzen, in dem ich die vermeintlich homophoben Suren im Koran betrachte und einen Blick auf die tatsächliche Praxis werfe. Aufgrund der Komplexität des Themas werde ich mich auf einige Kernpunkte beschränken. Der Schwerpunkt wird dabei auf männlicher Homosexualität liegen, da die Bewertung, Entwicklung und Geschichte von weiblicher Homosexualität deutlich anders geprägt ist. Ferner berücksichtigen die Suren, in denen möglicherweise Homosexualität behandelt wird, nur Männer. Folgend gehe ich der spannenden Frage „Homophobe Moslems, aufgeklärter Westen?“ nach, in dem ich die aktuelle und geschichtliche Situation und den Umgang mit der Homosexualität im Westen betrachte.

2. Definitionen

Um sich mit dem Thema der Homosexualität und Homophobie im Islam auseinander setzen zu könne, bedarf es Definitionen. Im Folgenden wird demnach kurz erläutert, was man unter dem Islam als Weltreligion versteht, was Homosexualität überhaupt ist und wie man die daraus folgende Homophobie definiert.

2.1 Islam

Der Islam ist geographisch weit ausgedehnt und ist abweichend vom westlichen Bild nicht nur im Nahen Osten verbreitet. Dieser dehnt sich im Osten bis nach Russland und Indien und sogar bis zu dem Philippinen und Indonesien aus. Desweiteren findet man ihn im gesamten nördlichen, aber auch mittleren und vereinzelt im südlichen Afrika. Nicht zu vernachlässigen sind auch die vielen muslimischen Minderheiten, wie etwa in den USA und in den europäischen Ländern. Islam ist ein arabisches Wort und heißt übersetzt: „völlige Hingabe an einen einzigen Gott (arabisch Allah) bzw. „Unterwerfung unter den Willen Gottes“[1]. Das heilige Buch des Islams ist der Koran, welcher aus der Lehre Mohammeds, Allahs Propheten, besteht. Die religiösen Glaubenssätze und Pflichten sind in den fünf Säulen wiederzufinden: 1. Glaubensbekenntnis; 2. Gebet; 3. Almosengeben; 4. Fasten und 5. Wallfahrt nach Mekka[2]. Die wenig zentralistische Struktur und die Vielzahl der Konfessionen, wie Sunniten oder Schiiten, die ihrerseits wieder unterteilt sind, sowie das Fehlen einer expliziten hierarchischen Struktur im Sinne der katholischen Kirche, und den damit verbundenen regionalen, strukturellen und funktionellen Differenzen, muss zu einer Sensibilität bei der Benutzung des Terminus „der Islam“ führen[3]. Dieser Arbeit liegt daher ein offener und differenzierter Blick auf den Islam zugrunde.

2.2 Homosexualität

Unter der Homosexualität, also der Gleichgeschlechtlichkeit, versteht man die sexuelle Beziehung oder Neigung zu Personen des eigenen Geschlechts[4]. Homosexuelle Männer werden dabei als schwul bezeichnet, homosexuelle Frauen als lesbisch. Über die Entstehung von Homosexualität herrscht Unklarheit, eine genetische Beteiligung scheint möglich, allerdings gibt es kein „schwules Gen“[5]. Bis ins 20. Jahrhundert galt Homosexualität als unnatürlich und strafbar und wurde als Krankheit bezeichnet. Erst danach setzte sich mit der Zeit ein moderneres Verständnis durch, welches Homosexualität als möglichen Teil einer menschlichen Identität ansah. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema und der Entstehung von Konzepten, kann man in der heutigen Zeit annehmen, dass die Homosexualität natürlichen Ursachen zugrunde liegt[6].

2.3 Homophobie

Bei der Homophobie handelt es sich um die Angst vor homosexuellen Menschen und ihren Lebensweisen. Die daraus entstehenden Vorurteile und Zerrbilder können bis hin zu Ekel und Hassgefühlen führen und infolgedessen antihomosexuelle Aggressionen und Gewalt hervorrufen. Jedoch handelt es sich hierbei um keine phobische Störung im klinisch-psychologischen oder medizinischen Sinn, sondern um eine, aus tiefenpsychologisch betrachteter Sicht, meist unbewusste Angst und Infragestellung der eigenen Identität[7]. In Bezug auf gleichgeschlechtlich Empfindende handelt es sich um eine Angst im Umgang mit der eigenen heterosexuellen Identität; d.h. der Angst vor den eigenen homoerotischen Anteilen; der Angst vor der Tatsache, dass Lesben die männerdominierte Gesellschaftsstruktur und Schwule patriarchale Männerbilder in Frage stellen; der Angst, dass Lesben eine selbstbestimmte weibliche Sexualität einfordern und Schwule der Sexualität an sich einen Sinn geben[8] und der Angst, dass Lesben und Schwule die traditionelle Ehe ins Wanken bringen[9]. Folglich wird Homophobie in den Sozialwissenschaften zusammen mit Phänomenen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Sexismus unter den Begriff der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gefasst.

3. Homosexualität und Homophobie im Islam

Da die benötigten Begrifflichkeiten bereits geklärt sind, werden im Folgenden die Homosexualität und die Homophobie speziell im Islam thematisiert. Desweiteren werden Argumente aus dem Koran herangezogen und ein Blick auf die aktuelle Situation geworfen - inwiefern sich Homosexualität in islamischen Ländern praktizieren lässt.

3.1 Homosexualität im Islam

Die Frage, wie der Islam zur Homosexualität steht, wird in öffentlichen Diskursen meistens nicht gestellt, da die Mehrheit der Angehörigen der nicht-islamischen Gesellschaften einfach davon ausgeht, dass der Islam Homosexualität als Sünde ansieht und demnach verbietet. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass Homosexuelle in den meisten islamischen Ländern Gewalt und homophoben Diskriminierungen ausgesetzt sind, dennoch ist diese Diskriminierung kein Charakteristikum für islamische Länder, sondern eher die Folge auf das Phänomen der heteronormativen westlichen Gesellschaft[10].

Desweiteren ist es aus verschiedenen Gründen problematisch die Haltung des Islams zur Homosexualität anhand des Korans zu erschließen. Das würde die vielfältigen Formen von Homosexualität und Homophobie sowie die Faktoren, die zu ihrer Entstehung führen, auf einen Träger fixieren und damit reduzieren. Außerdem sollte weiterhin die Diversität des Islams im Blick behalten werden, die es verhindert, allgemeingültige Erkenntnisse zu diesem Themenkomplex zu gewinnen. Trotz dessen werden Koranstellen häufig von Koranausleger/innen und Argumen-tator/innen herangezogen, um die mutmaßliche homophobe, frauenfeindliche und generell feindselige Haltung des Islams zu belegen.

Diesbezüglich werden im Folgenden einige dieser vielzitierten Passagen in Augenschein genommen.

3.1.1 Argumentation mit dem Koran

Um mit dem Koran gegen Homosexualität zu argumentieren, nutzen die meisten Gelehrten und auch Laien die Geschichte vom Gottesgesandten Lut (in hebräischen Schriften Lot). Das heilige Buch, also der Koran, besteht auch drei Bereichen: der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Der Bereich der Vergangenheit liefert Berichte über die Weltschöpfung, den Sündenfall, die früheren Völker und ihre Propheten und Gottesgesandten. Unter anderem wird auch das Volk Lot thematisiert, deren Geschichten sich mit den Geboten und Verboten im Islam beschäftigen. In einigen Koranstellen geht es darum, dass Lot, der Gottesgesandte, den Männern seines Volkes vorwirft, die eigenen Ehefrauen zu vernachlässigen und sich Männern begehrlich zu nähern. Zumindest wird die Lot-Geschichte von Koranausleger/innen als Beleg dafür betrachtet, dass Homosexualität eine Sünde sei[11].

Besonders häufig zitiert werden Nachstehende:

„Sure 7: [80] Und (wir haben) den Lot (als unseren Boten gesandt). (Damals) als er zu seinen Leuten sagte: "Wollt ihr denn etwas Abscheuliches begehen, wie es noch keiner von den Menschen in aller Welt vor euch begangen hat? [81] Ihr gebt euch in (eurer) Sinnenlust wahrhaftig mit Männern ab, statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht maßhält." [82] Seine Leute wußten nichts anderes (darauf) zu erwidern, als daß sie (zueinander) sagten: "Vertreibt sie aus eurer Stadt! Das sind (ja) Menschen, die sich rein halten." [83] Und wir erretteten ihn und seine Familie (von dem Strafgericht, das über sein Volk hereinbrechen sollte) mit Ausnahme seiner Frau. [84] Sie gehörte zu denen, die zurückblieben (?). Und wir ließen einen (vernichtenden) Regen auf sie niedergehen. Schau nur, wie das Ende der Sünder war!“[12]

„Sure 26: [165] Wollt ihr euch denn mit Menschen männlichen Geschlechts abgeben [166] und (darüber) vernachlässigen (w. (unbeachtet lassen liegen) lassen), was euer Herr euch in euren Gattinnen (als Ehepartner) geschaffen hat.“[13]

Als problematisch sieht der deutsche Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr an den Textstellen jedoch Folgendes:

Es werde nicht explizit über Homosexualität geredet, was auch auf die sehr späte Entstehung des Begriffes zurückgeführt werden könne. Desweiteren tauchen keine Begriffe wie Analverkehr oder Knabenliebe auf und Sex wird generell höchstens angedeutet. Außerdem wird das vermeintlich homosexuelle Begehren den Männern durch eine rhetorische Frage Lots zwar unterstellt, war möglicherweise aber gar nicht vorhanden[14]. Zudem wird die Ehefrau erwähnt, was darauf schließen lässt, dass es sich um verheiratete Männer handelte. Das widerspricht zum einen dem modernen Bild des Schwulen, der in der Regel nicht mit einer Frau verheiratet ist, und zum anderen dem wissenschaftlichen Stand, der besagt, dass es schon immer homosexuelles Verhalten gab[15].

Eine weitere Textstelle findet sich in Sure 4: [15]; [16]. Diese bezieht sich auf Frauen, die eine „Schandbarkeit“ begehen. „Und diejenigen, die es von euch begehren, straft beide.[16] “ Dabei bleibt jedoch unklar, ob es sich, entsprechend der vorurteilsvollen Meinung, um zwei Frauen, oder doch um eine Frau und einen Mann handelt[17].

Nach diesen Überlegungen ist es fraglich, ob die zitierten Stellen noch als Argument gegen moderne Homosexuelle und deren Identität zu sehen sind, da es keine konkreten Verweise auf homosexuelles Verhalten gibt und die Textstellen eher als eine Ermahnung vor Ehebruch interpretiert werden können.

3.1.2 Homosexualität in der Praxis

Trotz der Tatsache, dass der Koran nicht explizit auf das Verbot von Homosexualität verweist, werden die oben genannten Textstellen nach wie vor fälschlich interpretiert, so dass Homosexualität in vielen islamischen Ländern verpönt wird. Als drastisches Beispiel dient hierbei das türkische Militär: bei der Musterung dient die Vorlage von Fotos, die passiven Analverkehr der betreffenden Person zeigen, als Nachweis für eine Ausmusterung aufgrund von Homosexualität[18]. In Ländern wie Saudi-Arabien führt männliche Homosexualität zu Todesstrafen und im Iran werden lesbische Frauen mit 100 Peitschenhieben bestraft[19].

[...]


[1] Staatliche Museen zu Berlin: Die fünf Säulen den Islams [online] URL: http://ww2.smb.museum/religionen/islam/lexikon.php?lexikon_id=60

[2] Vgl. „Wissen.de“ Lexikon: Islam, 2003, S.415

[3] Vgl. Günay, Koray Ali: Homosexualität in der Türkei und unter Türkischstämmigen in Deutschland Gemeinsamkeiten und Unterschiede, 2003, S. 121.

[4] Vgl. „Wissen.de“ Lexikon: Homosexualität, 2003, S.382

[5] Vgl. Dressler, Stephan; Zink, Christoph: Wörterbuch Sexualität – Homosexualität, 2003

[6] Vgl. Degele, Nina: Gender/ Queer Studies – Eine Einführung, 2008, S.85 ff

[7] Vgl. Rauchfleisch, Udo.: Schwule, Lesben, Bisexuelle – Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten, 1994

[8] Gemeint ist der Sinn von Sexualität als Genuss und nicht nur in Bezug auf die Fortpflanzung.

[9] Vgl. Rauchfleisch, Udo.: Schwule, Lesben, Bisexuelle – Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten, 1994

[10] Vgl. Zülfukar, Cetin: Homophobie und Islamophobie – Intersektionale Diskriminierung am Beispiel binationaler schwuler Paare in Berlin, 2012, S.74

[11] Vgl. Mohr, Andreas Ismail: Das Volk Lots und die Jünglinge des Paradieses - Zur Homosexualität in der Religion des Islam, 2003, S.55

[12] Paret, Rudi: Der Koran. Übersetzung von Rudi Paret, 1996, S. 115

[13] Vgl. Ebd. S. 261

[14] Vgl. Mohr, Andreas Ismail: Das Volk Lots und die Jünglinge des Paradieses - Zur Homosexualität in der Religion des Islam, 2003, S.55

[15] Vgl. Ebd.

[16] Vgl. Ebd. S. 57

[17] Vgl. Ebd.

[18] Vgl. Klauda, Georg: Die Vertreibung aus dem Serail - Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt, 2008, S. 110.

[19] Spuler-Stegemann, Ursula: Die 101 wichtigsten Fragen – Islam, 2011, S.99

Excerpt out of 16 pages

Details

Title
Homophobie und Homosexualität im Islam
College
Bielefeld University
Author
Year
2015
Pages
16
Catalog Number
V356244
ISBN (eBook)
9783668421141
ISBN (Book)
9783668421158
File size
811 KB
Language
German
Tags
homophobie, homosexualität, islam
Quote paper
Xenia Scharkov (Author), 2015, Homophobie und Homosexualität im Islam, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356244

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