Auswirkungen der Wahl des Vergleichsstandards auf die Selbstwahrnehmung. Empirische Studien zu sozialen Vergleichen


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Warum nehmen wir soziale Vergleiche vor?
2.1 Festingers Theorie der sozialen Vergleichsprozesse
2.2 Das Motiv des positiven Selbstbildes und der Selbstverbesserung
2.3 Gründe der korrekten Informationsverarbeitung

3 Mit wem Vergleichen wir uns?
3.1 Ähnliche Vergleichsstandards
3.2 Aufwärts- und Abwärtsvergleiche
3.3 Routinestandards

4 Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung
4.1 Assimilations- und Kontrasteffekte
4.2 Das Selective Accessibility Model

5 Empirische Untersuchung
5.1 Studie 1
5.2 Studie 2
5.3 Studie 3
5.4 Studie 4
5.5 Studie 5

6 Fazit

Literatur

Zusammenfassung

Der Mensch verwendet aus unterschiedlichen Gründen soziale Vergleiche, so dienen sie der Selbsterkenntnis, der Selbstwerterhöhung und der tatsächlichen Selbstverbesserung. Je nach Situation und Motiv des Vergleiches können verschiedene Standards herangezogen werden, wobei es sich dabei um reale und fiktive Individuen, aber auch um Gruppen handeln kann. Soziale Vergleiche bestimmen außerdem, wie wir uns selbst wahrnehmen. Welche Konsequen- zen ein sozialer Vergleich mit sich bringt, hängt von der Situation und vor allem auch von der Standardwahl ab. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, welche Mechanismen bei der Standardwahl arbeiten und wie diese nach dem sozialen Vergleich die Selbstwahrnehmung be- einflussen. Ein zentraler Aspekt der Arbeit bildet das Selective Accessibility Model nach Muss- weiler (2003), welches die Veränderungen in der Zugänglichkeit von relevantem Selbstwissen während des sozialen Vergleiches hervorhebt. Auf dieser Annahme gründen auch die fünf vor- gestellten Studien (Mussweiler, Rüter & Epstude, 2004), die den Effekt der unterschiedlichen Fokussierung auf Unterschiede und Ähnlichkeiten während eines sozialen Vergleiches unter- suchen. Assimilation und Kontrast als Konsequenzen eines sozialen Vergleichs resultieren aus divergierenden Fokussen, welche wiederum von der relativen Position des Selbst zum Ver- gleichsstandard beeinflusst werden.

1 Einleitung

Der Mensch hat ein grundlegendes Bedürfnis, über sich selbst Bescheid zu wissen und sich selbst zu kennen. Dies erreicht er beispielsweise durch Introspektion oder Selbstbeobachtung aber eben auch durch Vergleiche mit anderen. Solche Vergleiche mit anderen Individuen bieten häufig eine zuverlässige Aussage über die eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften. Die Verarbeitung von sozialen Informationen, so auch von denen die auf das Selbst bezogen sind, verlangt meist nach einem Kontext, in den diese Informationen in Relation gesetzt werden können. Soziale Vergleiche bilden somit einen zuverlässigen Rahmen für die Einschätzung von eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Eigenschaften. Dabei beeinflussen sie maßgeblich die Selbstwahrnehmung, das Handeln und auch die Gefühle des Selbst.

Soziale Vergleiche können dabei zwei unterschiedliche Folgen mit sich bringen. Entweder fin- det daraufhin eine Annäherung oder eine Entfernung vom Vergleichsstandard statt. Die fol- gende Arbeit soll zeigen, wie wichtig die Standardwahl für die Konsequenzen eines sozialen Vergleiches ist. Zunächst werden motivationale und kommunikative Gründe für soziale Ver- gleiche erläutert. Anschließend wird die Standardwahl selbst als bedeutsamer Prozess heraus- gestellt, wobei hier viele verschiedene Faktoren wie beispielsweise die relative Position des Selbst zum Standard eine Rolle spielen. Vor allem die Standardwahl beeinflusst die Selbstwahr- nehmung während und nach einem sozialen Vergleich. Der Schwerpunkt der Arbeit gründet auf den Annahmen des Selective Accessibility Models (Mussweiler, 2003), welches die Entste- hung von Assimilation und Kontrast als Folge von unterschiedlichen Fokussen während eines Vergleiches herausstellt.

2 Warum nehmen wir soziale Vergleiche vor?

Menschen nehmen aus den unterschiedlichsten Gründen in verschiedenen Situationen soziale Vergleiche vor. Warum aber vergleichen sich Menschen mit anderen? Motivationale Gründe hierfür sind das Bedürfnis nach einer korrekten Selbsteinschätzung, eine Selbstwerterhöhung und eine tatsächliche Selbstverbesserung. Soziale Vergleiche fungieren zudem im Alltag als mentale Abkürzungen, um zu einer möglichst präzisen und schnellen Einschätzung von sich selbst, anderen Personen und von Gruppen zu gelangen. Will man zu einer Selbsteinschätzung auf einem bestimmten Gebiet gelangen, so müssen bei Vergleichen weniger Informationen be- rücksichtigt werden, als wenn alle potentiell relevanten Informationen über das Selbst aus die- sem Gebiet herangezogen werden müssten. Die Effizienz sozialer Vergleiche wurde beispielsweise von Mussweiler und Epstude (2009) untersucht, die dies an Hand von verglei- chenden und absoluten Aufgaben zur Informationsgewinnung testeten. Bei einem Teil der Pro- banden wurde in einer vorherigen Aufgabe vergleichendes Denken aktiviert. Anschließend erfassten sie die Effizienz, mit der die Teilnehmer eine weitere Aufgabe durchführten. Es zeigte sich, dass diese Einschätzung nach vergleichendem Denken schneller durchgeführt werden konnte und dass diese Teilnehmer sogar noch genug kognitive Kapazitäten für eine weitere Aufgabe hatten. Dieses Beispiel weist außerdem darauf hin, dass wir soziale Vergleiche häufig automatisch und spontan gebrauchen, um eingehende Informationen korrekt zu interpretieren, aber auch um diese Informationen nach außen zu kommunizieren (Corcoran, Crusius & Muss- weiler, 2011).

Soziale Vergleiche können dabei zwischen Gruppen, aber auch zwischen Individuen stattfinden. Mit Vergleichen mit und zwischen Gruppen beschäftigen sich die Theorie relativer Deprivation (Runicman, 1966) und die Bezugsgruppentheorie (Merton & Rossi, 1957). Die moderne Forschung zu sozialen Vergleichsprozessen hingegen befasst sich mit Vergleichen zwischen Individuen und dem Selbst, wobei das Selbst die Zielperson darstellt und die anderen Individuen als Standard bezeichnet werden.

2.1 Festingers Theorie der sozialen Vergleichsprozesse

Leon Festinger (1954) beschäftigte sich mit den sozialen Vergleichsprozessen zwischen ande- ren Individuen und dem Selbst. Er gilt heute als der Begründer der modernen sozialen Ver- gleichstheorie. Seine Annahme war, dass Menschen ein grundlegendes Bedürfnis besitzen, ihre eigenen Fähigkeiten zu bewerten “There exists, in the human organism, a drive to evaluate his opinions and his abilities” (Hypothese I in Festinger, 1954, S.117). Dazu kommt das Motiv, eine möglichst korrekte und beständige Wahrnehmung des Selbst zu erlangen. Um dies zu er- reichen, vergleichen sie sich mit anderen Individuen. Als Voraussetzung für einen sozialen Ver- gleich postulierte er generelle kognitive Fähigkeiten, eine korrekte Einschätzung der Umgebung sowie der eigenen Meinungen und Fähigkeiten. Seiner Theorie nach können soziale Vergleiche anhand von zwei unterschiedlichen Kriterien durchgeführt werden. Entweder mit- tels des objektiven Kriteriums, dazu gehören physikalische Messungen (z.B. Geschwindigkeits- messung) und psychologische Messungen (z.B. Intelligenzquotient), oder mittels des sozialen Kriteriums, welches Vergleiche mit Personen auf unterschiedlichen Dimensionen (z.B., akade- mische Fähigkeiten, Meinungen, Urteile) beinhaltet. Er stellte die Annahmen auf, dass 1. Men- schen zunächst objektive Kriterien bevorzugen (Korollar II B in Festinger, 1954, S.120) und dass 2. das Fehlen von beiden Kriterien in kognitiver Unsicherheit resultiert (Korollar II A in Festinger, 1954, S.119). Wann aber nehmen wir Vergleiche nach sozialen Kriterien vor? Fes- tinger nennt hierfür zum einen die Abwesenheit eines objektiven Kriteriums in einer Situation (Hypothese II in Festinger, 1954, S.118), zum anderen die Erhöhte Abweichung von objektivem und sozialem Kriterium, woraus eine mögliche Verunsicherung der Person hervorgeht (Korollar III B in Festinger, 1954, S. 121). Inzwischen wurde jedoch belegt, dass es auch zur Anwendung von sozialen Kriterien kommt, wenn objektive Kriterien zur Verfügung stehen (Klein, 1997).

2.2 Das Motiv des positiven Selbstbildes und der Selbstverbesserung

Der Mensch verfolgt häufig das Ziel, ein möglichst positives Selbstbild zu erlangen. Dabei können Vergleiche mit anderen Menschen, die in einer (Vergleichs-)Dimension dem Selbst un- terlegen sind, zu einer Steigerung des Selbstwertgefühles führen (Wood, Taylor & Lichtman, 1985). Dieses Phänomen nennt man den abwärtsgerichteten Vergleich. Des Weiteren kann der Wunsch nach tatsächlicher Selbstverbesserung Ziel eines sozialen Vergleiches sein. Ist dies der Fall, so findet häufig ein aufwärtsgerichteter Vergleich statt, wobei es wichtig ist, dass der Zielstandard erreichbar ist. Indem wir uns andere Personen zu Vorbildern nehmen und uns mit ihnen vergleichen, steigert dies unsere Motivation, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Zudem können wir im Vergleich mit anderen Menschen mögliche Fehler in deren Handeln erkennen um das eigene Verhalten zu optimieren.

2.3 Gründe der korrekten Informationsverarbeitung

Dass soziale Vergleiche nicht immer zielgerichtet sind, sondern oftmals spontan ablaufen, wird an Hand ihrer alltäglichen Anwendung besonders deutlich. Wann immer Personen Informatio- nen aus ihrer Umwelt erhalten, gelingt eine korrekte Verarbeitung meist nur, wenn diese im Kontext zu anderen Informationen betrachtet werden. Informationen über Fähigkeiten und Ei- genschaften einer Person oder eines Objektes können nur in Relation zu anderen Personen oder Objekten definiert werden. Um zu behaupten, dass eine Person intelligent, sportlich oder nett ist, muss zunächst festgestellt worden sein, dass diese intelligenter, sportlicher oder netter als andere Personen ist. Somit dienen Vergleiche sowohl der korrekten Interpretation eingehender Information als auch der optimalen Kommunikation ausgehender Information (Corcoran et al., 2011). Soziale Vergleiche können also dazu beitragen, dass wir uns mit andern Menschen er- folgreich über soziale Informationen austauschen können. Dies geschieht häufig unbewusst und weniger strategisch als die in 1.1 und 1.2. genannten motivationalen Gründe.

3 Mit wem Vergleichen wir uns?

Findet nun ein sozialer Vergleich statt, ist vor allem die Wahl des Vergleichsstandard Voraus- setzung für dessen Durchführung. Generell kann jede real existierende Person (oder Gruppe) als Vergleichsstandard dienen, dabei spielt es keine Rolle, ob diese Person (oder Gruppe) per- sönlich bekannt ist oder nicht. Ebenso können soziale Vergleiche auch mit fiktiven Charakteren durchgeführt werden. Je nachdem welchem Zweck der Vergleich dienen soll, werden unter- schiedliche Standards ausgewählt. Die Auswahl des Vergleichsstandards ist dabei maßgeblich an den anschließenden Konsequenzen des Vergleichs beteiligt. So beeinflusst die Standardwahl unter anderem auch die Selbstwahrnehmung während und nach dem Vergleichsprozess (siehe Kapitel 4).

3.1 Ähnliche Vergleichsstandards

Bereits Festinger (1954) postulierte, dass Menschen Vergleichsstandards wählen, die ihnen in der Vergleichsdimension ähnlich sind: “Given a range of possible persons for comparison, someone close to one’s own ability or opinion will be chosen for comparison.“ (Korollar III A in Festinger, 1954, S.121). Seine Annahme wurde bereits durch zahlreichen Studien unterstützt (z.B. Wheeler, 1966). Solche lateralen Vergleiche sind vor allem dann hilfreich, wenn eine möglichst genaue Selbsteinschätzung das Ziel des Vergleiches sein soll. An dieser Stelle konnte gezeigt werden, dass nicht nur die Ähnlichkeit auf der Vergleichsdimension selbst, sondern vor allem auch Ähnlichkeiten auf Ebenen, die mit der Vergleichsdimension in Verbindung stehen, die Richtung des Vergleiches bestimmen (Goethals & Darley, 1977).

3.2 Aufwärts- und Abwärtsvergleiche

Wie bereits in 2.2 gezeigt wurde, hängt die Wahl des Vergleichsstandards eng mit den Gründen für den Vergleichsprozess zusammen. Ist das Ziel des Vergleiches eine Steigerung des Selbst- wertes, so werden unterlegene Standards ausgewählt, dies nennt man den abwärtsgerichteten Vergleich. Solche Vergleiche finden sich oftmals bei Menschen, deren positives Selbstbild be- droht ist (Wood, Taylor & Lichtman, 1985). Erfolgt der Vergleich jedoch mit dem Ziel der wirklichen Selbstverbesserung, so werden meist überlegene Standards gewählt, die dann als Motivation dienen können (aufwärtsgerichteter Vergleich). Diese Leistungsverbesserung wird erreicht, wenn sich Menschen mit Standards vergleichen, deren Leistungen sich ein wenig über den eigenen befinden.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen der Wahl des Vergleichsstandards auf die Selbstwahrnehmung. Empirische Studien zu sozialen Vergleichen
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V356308
ISBN (eBook)
9783668420571
ISBN (Buch)
9783668420588
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstwahrnehmung, Sozialer Vergleich, Empirische Studie, Selective Accessibility Model
Arbeit zitieren
Kristina Simmer (Autor), 2015, Auswirkungen der Wahl des Vergleichsstandards auf die Selbstwahrnehmung. Empirische Studien zu sozialen Vergleichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356308

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