Analyse des Buches "Schweigemund" von Heiko Neumann zum Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
45 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sexueller Missbrauch
2.1 Was ist sexueller Missbrauch? – Begriffsklärung
2.2 Formen von sexuellem Missbrauch
2.3 Zahlen und Fakten zum Ausmaß sexuellen Missbrauchs
2.4 Missbrauchsdynamik
2.5 Ursachen von sexuellem Missbrauch
2.5.1 Der familiendynamische Erklärungsansatz
2.5.2 Der feministisch – gesellschaftliche Erklärungsansatz
2.6 Folgen von sexuellem Missbrauch
2.6.1 Körperliche Folgen
2.6.2 Psychosomatische Folgen
2.6.3 Psychische Folgen
2.6.4 Autoaggressives Verhalten
2.6.5 Folgen im Sozialverhalten
2.6.6 Folgen im Sexualverhalten
2.7 Prävention von sexuellem Missbrauch
2.7.1 Präventionsbegriff
2.7.2 Inhalte und Ziele präventiven Handelns

3 Buchanalyse: Heiko Neumann: „Schweigemund“
3.1 Informationen zum Autor
3.2 Inhaltsangabe
3.3 Inhaltliche Analyse
3.3.1 Realitäts- und Problemgehalt
3.3.2 Erklärungsansätze
3.3.3 Lösungsmöglichkeiten und Perspektiven
3.3.4 Prävention
3.4 Stilanalyse – Sprache / Form
3.4.1 Äußere Aufmachung
3.4.2 Struktur / Aufbau des Buches
3.4.3 Sprache / ästhetische Elemente
3.4.4 Rezeptionsanalyse
3.5 Didaktisch-methodische Fragestellungen

4 Zusammenfassende Bewertung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Sexualität und vieles, was damit zusammenhängt, stellt noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft dar. Zwar ist das Problem des sexuellen Missbrauchs aus der Tabuzone des Heimlichen heraus ins öffentliche Gespräch geraten, aber dennoch vergisst man schnell wieder, dass man darüber gesprochen hat. Auch über das hohe Ausmaß betroffener Kinder werden nur wenige Worte verloren, obwohl unzählige Jungen und Mädchen tagtäglich zu Opfern sexueller Gewalt werden.

Man muss davon ausgehen, dass in vielen Klassen vor allem Mädchen über entsprechende Erfahrungen verfügen. Aus diesem Grund sind Lehrerinnen und Lehrer für die Anzeichen sexuellen Missbrauchs zu sensibilisieren und aus ein angemessenes Reagieren bei einem Missbrauchsverdacht vorzubereiten, denn sie stellen für viele Betroffene oftmals die erste und einzige Möglichkeit dar, auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Im schulischen Unterricht bestehen vielfältige Möglichkeiten, vor allem auch auf Wegen der Zusammenarbeit mit den Eltern, die Missbrauchsthematik zu behandeln. Präventionsarbeit ist an dieser Stelle ein wichtiger Begriff. Neben Materialien wie Liedern, Filmen oder Theaterstücken bieten sich auch Kinder- und Jugendbücher an, um sexuelle Gewalt in der Schule zu thematisieren.

Aus diesem Grund befasst sich der zweite Teil dieser Hausarbeit mit der Analyse eines entsprechenden Jugendbuches, der Erzählung „Schweigemund“ von Heiko Neumann. Nach einer Auseinandersetzung mit der inhaltlichen und stilistischen Umsetzung der Missbrauchsthematik in diesem Jugendbuch soll die Frage beantwortet werden, inwiefern dessen Einsatz im schulischen Unterricht sinnvoll ist. Vorab jedoch soll als Grundlage ein Überblick über die Formen, das Ausmaß, die Dynamik, die Ursachen, die Folgen und die Prävention von sexuellem Missbrauch geschaffen werden.

2 Sexueller Missbrauch

2.1 Was ist sexueller Missbrauch? – Begriffsklärung

Trotz zahlreicher Definitionsversuche ist es bis heute nicht gelungen, eine allgemeingültige Definition von sexuellem Missbrauch zu formulieren. Dennoch existieren einige Kriterien, die zu einer Begriffsbestimmung verwendet werden können.[1] Hierzu gehören die Art der sexuellen Handlung, der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer, der an den Missbrauch gebundene Macht- und Autoritätsmissbrauch des Täters sowie die aus dem kindlichen kognitiven und psychischen Entwicklungsstand heraus resultierende Unfähigkeit des Opfers, der sexuellen Handlung mit einem Erwachsenen wissentlich zustimmen zu können. Auch die Anwendung von körperlicher und psychischer Gewalt, um die eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes befriedigen zu können, findet in Definitionsvorschlägen ebenso Berücksichtigung wie der Druck zur Geheimhaltung. Seltener beinhalten die Definitionen auch die Absichten des Täters sowie Ausmaß, Dauer, Folgen und kulturelle Hintergründe der Tat.

Einige Definitionen sollen an dieser Stelle exemplarisch vorgestellt werden:

„Sexueller Missbrauch ist immer dann gegeben, wenn ein Mädchen oder Junge von einem Erwachsenen oder älteren Jugendlichen als Objekt der eigenen sexuellen Bedürfnisse benutzt wird. Kinder und Jugendliche sind aufgrund ihrer kognitiven und emotionalen Entwicklung nicht in der Lage, sexuellen Beziehungen zu Erwachsenen wissentlich zuzustimmen. Fast immer nutzt der Täter ein Macht- oder Abhängigkeitsverhältnis aus.“[2]

„Sexueller Missbrauch an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“[3]

„Sexueller Missbrauch an Mädchen ist körperliche und psychische Gewaltanwendung und Machtausübung mittels sexueller Handlungen an Körper und Seele eines Mädchens.“[4]

„Sexueller Missbrauch eines Kindes ist dann gegeben, wenn ein Erwachsener beziehungsweise ein Jugendlicher gezielt ein Kind für seine eigene sexuelle Erregung und/oder Befriedigung braucht und

benutzt. Der Erwachsene ist dem Kind gegenüber immer in einer Machtposition. Das Kind ist jünger und unwissend. In den meisten Fällen hat es diesem Erwachsenen gegenüber Vertrauen und/oder ist direkt abhängig von ihm. Es ist daher nicht in der Lage, frei und wissend zu entscheiden. Wenn es unter diesen Bedingungen den verlangten Handlungen zustimmt, überblickt es nicht, dass es dadurch in seiner weiteren Entwicklung geschädigt wird.“[5]

Die Frage „Was ist sexueller Missbrauch?“ lässt sich also nicht leicht beantworten. Historische und kulturelle Entwicklungen in der Gesellschaft und unterschiedliche Forschungs- und Erklärungsansätze setzen verschiedene Schwerpunkte bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema und bedingen so eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionsvorschläge.[6] Abweichungen finden sich hauptsächlich in der Klärung der Fragestellung, was schon und was nicht mehr als sexueller Missbrauch betrachtet wird. Insbesondere der Aspekt, ob sexueller Missbrauch in jedem Fall eine Form von Körperkontakt beinhalten muss, oder ob auch „Non-Kontakt-Handlungen“[7] darunter zu fassen sind, trägt zur Uneinheitlichkeit der Definitionen bei.[8] Einigkeit hingegen besteht in dem Punkt, dass einem missbrauchten Kind unter keinen Umständen die Verantwortung für den Missbrauch zugeschrieben werden kann, sondern die Schuld für die sexuelle Gewalt immer allein beim Täter zu suchen ist, da dieser bewusst zur eigenen Bedürfnisbefriedigung seine überlegene Position ausnutzt.

Abhängig davon, wie eng bzw. weit eine Definition gefasst ist, variiert die Anzahl der von sexuellem Missbrauch betroffenen Kinder.[9]

2.2 Formen von sexuellem Missbrauchs

Sexueller Missbrauch hat zahlreiche Erscheinungsformen, sei er innerhalb oder außerhalb der Familie, mit oder ohne (psychische) Gewaltanwendung oder „sichtbar“[10] (d.h. die sexuellen Absichten des Erwachsenen werden nach außen hin in seinem Verhalten deutlich) bzw. „unsichtbar“[11] (d.h. der Erwachsene verhält sich nach außen hin scheinbar fürsorglich und verdeckt so seine innerlichen sexuellen Absichten). Auch die Dauer des Missbrauchs variiert zwischen einmaligen Vorfällen und Vorkommnissen, die über mehrere Jahre hinweg andauern.[12]

Betont werden muss, dass sexueller Missbrauch nicht gleichbedeutend mit vollzogenem Geschlechtsverkehr sein muss, vielmehr kann er bereits „mit Worten und Blicken [...] erfolgen oder vorbereitet werden.“[13] Auch das Miterleben sexueller Missbrauchshandlungen an einem Anderen kann ein Kind bzw. einen Jugendlichen selbst zum Opfer machen.

Eine übersichtliche Einteilung auftretender Missbrauchshandlungen findet man beispielsweise bei H. Saller, die zwischen „ Formen sexuellen Missbrauchs, die unmissverständlich sind, anderen ausbeutenden Formen sexueller Handlungen an einem Kind und grenzwertigen Verhaltensweisen“[14] differenziert.

Bevor diese nun anhand konkreter Situationen näher erläutert werden sollen, bleibt festzuhalten, dass die Intensität einer sexuellen Missbrauchshandlung in keiner Weise zuverlässig darüber Auskunft gibt, wie schädigend diese jeweils für das Opfer ist; dessen persönliches Erleben kann von Fall zu Fall sehr verschieden sein.[15]

Unmissverständliche Formen des sexuellen Missbrauchs sind solche Formen, die allgemein als sexuelle Missbrauchshandlungen erkannt werden. Gemeint sind alle Formen oraler, analer und genitaler Vergewaltigungen des Kindes, d.h. das Eindringen in den After oder die Scheide des Kindes mit Fingern, Penis oder Fremdkörpern; auch das Zwingen eines Kindes, den Erwachsenen oral-genital zu befriedigen, fällt unter die o.g. Kategorie.[16]

Unter anderen ausbeutenden Formen sexueller Handlungen an einem Kind sind etwa folgende Situationen zu verstehen: Ein den Erwachsenen sexuell erregendes Berühren oder Manipulieren der Genitalien des Kindes, das Kind zu veranlassen, die Genitalien des Erwachsenen anzufassen, ihn zu streicheln oder zu küssen; darüber hinaus vor einem Kind zu masturbieren oder von dem Kind zu fordern, dass es sich an seinem eigenen Intimbereich streichelt.[17] Weiterhin das Reiben der Genitalien am Körper des Kindes[18] oder dieses zu nötigen, den Erwachsenen nackt zu betrachten. Oft nutzen Erwachsene auch ein als Strafe getarntes Schlagen des Kindes auf den nackten Po dazu aus, um sich sexuell zu erregen.[19] Ein anderer Bereich ist der der Pornographie, wo der Erwachsene dem Kind etwa Bilder, Filme oder Geschichten pornographischen Inhalts zeigt bzw. erzählt oder das Kind auch selbst zu pornographischen Handlungen gezwungen wird.[20] Auch spielerisch getarnte, den Erwachsenen erregende Handlungen („Schau mal, in meiner Hose ist ein Zauberer. Der ist zuerst klein. Wenn du ihn berührst, schaut er plötzlich hoch und wird ganz groß!“[21] ) lassen sich an dieser Stelle anführen.

Darüber hinaus existiert noch eine Vielzahl von Handlungen, welche unter die Kategorie der grenzwertigen Verhaltensweisen fallen. Diese stehen oft zu Beginn eines sexuellen Missbrauchs[22] (ein solcher entwickelt sich häufig von weniger intimen zu intimen Formen) und sind zum Teil schwer von solchen Handlungen Erwachsener zu abzugrenzen, die dem kindlichen Bedürfnis nach Liebe, Zärtlichkeit, Schutz und Fürsorge nachkommen. Ob nun im Einzelfall eine sexuelle Ausbeutung des Kindes vorliegt, hängt von der Absicht des Erwachsenen in dieser Situation ab (Fürsorge oder eigene sexuelle Erregung?).[23]

Um solche grenzwertigen Verhaltensweisen handelt es sich etwa bei den folgenden Situationen: Der Erwachsene zeigt sich nackt vor dem Kind, untersucht dieses immer wieder genau und fasst ihm dabei auch an die Intimbereiche oder beobachtet das Kind, wenn dieses sich auszieht, badet, wäscht oder auf der Toilette ist; auch Zungenküsse überschreiten in der Regel die Grenze der Fürsorge.[24] Ein Kind zu zwingen, sich auszuziehen, mit zum FKK-Baden zu gehen, ihm zu verbieten, sich im Bad einzuschließen oder es gegen seinen Willen abzutrocknen, einzuseifen oder mit ihm zu baden kann auch bereits sexueller Missbrauch sein. Ebenso ein Kind sexuell anzuschauen, ständige Bemerkungen über die sexuelle Entwicklung oder Attraktivität des Kindes zu machen oder ihm mit anzüglichen Bemerkungen oder einer sexuell gefärbten Sprache zu begegnen[25], auch in Form von obszönen Telefonanrufen.

2.3 Zahlen und Fakten zum Ausmaß sexuellen Missbrauchs

Seit Beginn der 1980-er Jahre findet eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Sexueller Missbrauch statt. Seitdem gibt es auch zahlreiche Untersuchungen, die sich mit dem Ausmaß sexueller Ausbeutung von Jungen und Mädchen befassen. Trotz kontroverser Angaben zum Ausmaß betroffener Kinder kann heute als wissenschaftlich relativ gesichert angenommen werden, dass etwa jedes 3./4. Mädchen und jeder 7./8. Junge Opfer sexueller Gewalt ist bzw. wird.[26] Eine angemessene Einschätzung des Ausmaßes gestaltet sich insbesondere schwierig, da betroffene Kinder nur selten über Missbrauchshandlungen reden bzw. diese als solche benennen können und vielfach erst im Jugend- oder Erwachsenenalter in der Lage sind, sich darüber zu äußern.[27] Demnach ist von einer entsprechend hohen Dunkelziffer betroffener Kinder auszugehen, Experten schätzen diese auf etwa 1:12 bis1:15[28], was bedeutet, dass jährlich in Deutschland ca. 80.000 bis 300.000 Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs werden.[29] Zur Anzeige gebracht werden hiervon lediglich 10.000 bis 20.000 Fälle, bei denen es sich zu einem Großteil um Delikte mit Fremdtätern handelt.[30]

Die Täter sind hierbei, sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Opfern, zu einem überwiegenden Teil männlichen Geschlechts: 93,2 bis 99% sind Männer, 1,0 bis 6,8% sind Frauen.[31] Sie kommen in der Regel aus dem kindlichen Nahbereich, d.h. es handelt sich meist um Erwachsene, denen die Kinder vertrauen.[32] Entsprechend erfolgt ein Großteil aller Missbrauchsfälle in einer vertrauten Umgebung des Kindes, in der dieses sich normalerweise sicher und geborgen fühlt.

Sexueller Missbrauch tritt in allen sozialen Schichten auf, unter den Tätern finden sich solche mit angesehenen Berufen genauso wie solche mit geringer Schulbildung, wobei das Durchschnittsalter der Täter mit ca. 24 bis 27 Jahren angegeben wird.[33] Festgehalten werden muss an dieser Stelle jedoch auch, dass etwa ein Drittel aller Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Jungen von männlichen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ausgeht.[34]

Auch unter den Opfern finden sich Kinder aller Altersgruppen und sozialen Schichten, d.h. grundsätzlich kann jedes Kind betroffen sein. Bereits Säuglinge und Kleinkinder werden Opfer von sexueller Gewalt, die größte betroffene Altersgruppe stellen aber Kinder im Alter von 7 bis 13 Jahren dar.[35] Hiervon wiederum sind die meisten Mädchen: „Männer richten ihre sexuelle Gewalt zu 80 -90 % gegen Mädchen und zu 20 % gegen Jungen.“[36]

Mädchen werden hierbei meist Opfer in ihren eigenen Familie bzw. dem familiären Umfeld; vielfach handelt es sich bei den Tätern um den eigenen Vater, Stiefvater oder einen anderen Verwandten wie den Großvater, Onkel, Bruder oder Cousin; in selteneren Fällen sind die Täter Lehrer, Erzieher, etc.[37]

Jungen werden hingegen vielfach Opfer solcher Personen, die ihnen in einer Art Autoritätsverhältnis gegenüberstehen (z.B. Lehrer, Sporttrainer oder Jugendgruppenleiter).[38]

Untersuchungen haben ergeben, dass die Missbrauchshandlungen in der Regel umso intensiver und gewalttätiger sind, je enger die soziale Bindung zwischen Täter und Opfer ist[39] und dass diese umso länger andauern, je früher der Missbrauch beginnt.[40] In den meisten Fällen endet die sexuelle Gewalt an einem Kind mit dessen Pubertät und insofern es sich um einen innerfamiliären Missbrauchsfall handelt, müssen oft jüngere Geschwister des Opfers dessen Rolle übernehmen;[41] die Täter haben im Laufe ihres Lebens oft eine ganze Reihe von Opfern, die sie missbrauchen.[42]

2.4 Missbrauchsdynamik

Handlungen sexueller Gewalt entstehen nicht im Affekt, aus Versehen oder ohne, dass der Täter sein Verhalten realisiert; vielmehr werden diese zielgerichtet geplant und durchgeführt. In den meisten Fällen suchen die Täter gezielt nach bestimmten Opfern und verwenden dann auf das jeweilige Kind abgestimmte Strategien. Oft verfügen die Täter über ein sehr präzises Wissen über den Alltag und die Beziehungsmuster ihres Opfers und passen ihre Vorgehensweise daran an.[43] Viele der Täter haben außerdem Erfahrung im Umgang mit Kindern, suchen sich kindernahe Berufe oder engagieren sich ehrenamtlich, um einen Zugang zu Kindern zu finden.[44]

Die Täter suchen sich in der Regel solche Opfer, bei denen sie „mit dem geringsten Aufwand und Entdeckungsrisiko rechnen müssen.“[45] Dieses sind in vielen Fällen Kinder, die eher schüchtern, unsicher und dadurch leicht manipulierbar sind, Kinder, die aus gestörten Familienverhältnissen stammen, nur wenige Sozialkontakte besitzen oder sich ungeliebt fühlen und daher eine erhöhte Bedürftigkeit nach Zuwendung besitzen.[46]

Da Kinder, welche schon einmal sexuelle Gewalt erlebt haben, nur (noch) eine geringe Widerstandskraft besitzen, werden auch sie leicht zu Opfern erneuter sexueller Ausbeutung.[47]

Die kindliche Offenheit, Zärtlichkeitsbedürfnisse, aber auch Neugierde und Unwissenheit des Opfers nutzen die Täter aus, um langsam eine Beziehung zu diesem aufzubauen.

Zu Beginn dieses Prozesses steht oft eine besondere Zuwendung des Missbrauchers zum Kind: Er übernimmt „die Rolle des Helfers, Freundes oder Trösters“[48] und widmet ihm Aufmerksamkeit, indem er mit ihm spielt, bei den Hausaufgaben hilft, zu besonderen Freizeitaktivitäten einlädt oder Geschenke macht.[49]

Mit dem Aufbau einer solchen Beziehung beabsichtigt der Täter zum einen eine Isolierung und Entfremdung des Opfers von seinen Bezugspersonen sowie die Entwicklung einer Abhängigkeit des Kindes von ihm selbst. Andererseits stellt er sich selbst dem Umfeld des Opfers als kinderliebe und vertrauenswürdige Person dar und schafft sich so Gelegenheiten, mit dem Kind allein zu sein.

Schrittweise sucht der Täter dann den Körperkontakt zu seinem Opfer, wobei dies zunächst in Form von sozial gebilligten Berührungen wie In-den-Arm-Nehmen geschieht.[50] Solche Kontakte zum Opfer werden dann in zunehmendem Maße intensiviert und sexualisiert: Aus „scheinbar zufällig erscheinenden sexuellen Berührungen“[51] und spielerisch getarnten Missbrauchshandlungen werden langsam massivere Übergriffe.

Durch eine kontinuierliche Steigerung der sexuellen Aspekte in der Beziehung zum Opfer kann dieses die Grenzen zwischen harmlosem Spiel und sexuellem Missbrauch vielfach nicht erkennen. Von Missbrauch betroffene Kinder versuchen zu verdrängen und nicht wahrzunehmen, was mit ihnen geschieht. Realisieren sie schließlich, dass der Kontakt zum Täter unangenehme Gefühle in ihnen hervorruft, ist oft bereits ein so langer Zeitraum vergangen, dass die Kinder Scham- und Schuldgefühle entwickelt haben, mitgemacht zu haben.[52] Diese werden vom Täter gezielt verstärkt, indem sie ihrem Opfer vermitteln, sich frei dazu entschieden zu haben oder sich durch die erhaltene materielle Zuwendung auf ein Geschäft eingelassen zu haben.

Darüber hinaus erzwingt der Täter das Schweigen des Opfers, indem er den Missbrauch zum „gemeinsamen Geheimnis“[53] erklärt und an das Mitgefühl des Kindes appelliert. In anderen Fällen wird das Schweigen durch psychischen Druck erpresst, indem der Täter mit körperlicher Gewalt, Gefahren für die Familie des Opfers, Konsequenzen für sich selbst, Belohnungsentzug oder Gefahren und Zurückweisung für das Opfer droht.[54]

Auf diese Weise schieben viele Täter dem Opfer die Schuld für den Missbrauch zu und nutzen solche Erklärungen auch, um die Tat vor sich selbst zu rechtfertigen.

2.5 Ursachen von sexuellem Missbrauchs

Es ist davon auszugehen, dass es sich bei den Ursachen von sexuellem Missbrauch um ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren und Bedingungen handelt. Aus diesem Grund existieren in der Fachliteratur zahlreiche Ansätze, welche sexuellen Missbrauch zu erklären versuchen. Diese sind jeweils fachspezifisch akzentuiert bzw. interessenabhängig formuliert und betonen eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte, die sexuellen Missbrauch begünstigen können: Thematisiert wird ein Zusammenhang zwischen gesamtgesellschaftlichen Faktoren und sexueller Gewalt ebenso wie Ursachen familiendynamischen, materialistischen oder biographischen Ursprungs.[55]

In der aktuellen Diskussion behaupten sich jedoch insbesondere folgende Erklärungsansätze:

2.5.1 Der familiendynamische Erklärungsansatz

Der familiendynamische Erklärungsansatz betrachtet sexuellen Missbrauch als Ausdruck einer Dysfunktion der Familie. „Pathologische Familienstrukturen“[56], die sich in einer Zerrüttung und Desorganisation der Familie äußern, werden im Zusammenspiel mit einem vorherrschenden Sexualkonflikt zwischen den Ehepartnern als Ursache für den sexuellen Missbrauch angesehen. Sexuelle Gewalt „dient“ gemäß dem familiendynamischen Ansatz zum einen der Regulierung offener und häufig gewaltsamer Ehekonflikte und zum anderen der Konfliktvermeidung. Letzteres ist insbesondere in solchen Familien der Fall, in denen Sexualität und das Gespräch darüber ein Tabuthema darstellen.[57] Sexuellem Missbrauch kommt dementsprechend die Bedeutung eines Weges zu, um familiäre Spannungen abzureagieren.

[...]


[1] Vgl. Koch, Helmut H. / Kruck, Marlene: „Ich wird`s trotzdem weitersagen!“. Prävention gegen sexuellen Missbrauch in der Schule (Klassen 1-10). Theorie, Praxisberichte, Literaturanalysen, Materialien. Hg. von Vera Bücker, Bernhard Nadorf und Markus Potthoff. Münster: LIT Verlag, 2000, S. 3 ff. (Im Folgenden abgekürzt mit Koch / Kruck, 2000.)

[2] Enders, Ursula (Hg.): Zart war ich, bitter war`s. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten. Köln: Volksblatt Verlag, 1990, S. 21. (Im Folgenden abgekürzt mit Enders, 1990.)

[3] Suer, Paul H.: Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Hamburg: Rasch und Röhring Verlag, 1998, S. 31. (Im Folgenden abgekürzt mit Suer, 1998.)

[4] Steinhage, Rosemarie: Sexueller Missbrauch an Mädchen. Ein Handbuch für Beratung und Therapie. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1989, S. 18. (Im Folgenden abgekürzt mit Steinhage, 1989.)

[5] Frei, Karin: Sexueller Missbrauch. Schutz durch Aufklärung. 3., überarb. Aufl., Ravensburg: Ravensburger Buchverlag, 1997. S. 12. (Im Folgenden abgekürzt mit Frei, 1997.)

[6] Koch / Kruck, 2000, S. 3.

[7] Brockhaus, Ulrike / Kolshorn, Maren: Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Mythen, Fakten, Theorien. Frankfurt a.M.; New York: Campus Verlag, 1993, S. 22. ( Im Folgenden abgekürzt mit Brockhaus / Kolshorn, 1993.)

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Suer, 1998, S. 32.

[10] Reinhold, Marion: Unverheilte Wunden. Sexueller Missbrauch in der Kindheit. München: Wilhelm Heyne Verlag, 1994, S. 18. (Im Folgenden abgekürzt mit Reinhold, 1994.)

[11] Ebd.

[12] Vgl. Elliott, Michele: So schütze ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch, Gewalt und Drogen. Aus dem Engl. übers. von Theresa Bullinger. Stuttgart: Kreuz Verlag, 1991, S. 20. (Im Folgenden abgekürzt mit Elliott, 1991.)

[13] Deegener, Günther: Kindesmissbrauch - erkennen, helfen, vorbeugen. Basel; Weinheim: Beltz Verlag, 1998, S. 23. (Im Folgenden abgekürzt mit Deegener, 1998.)

[14] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 8 f.

[15] Vgl. Suer, 1998, S. 24.

[16] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 8.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. Frei, 1997, S. 13.

[20] Vgl. Reinhold, 1994, S. 18.

[21] Frei, 1997, S. 13.

[22] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 9.

[23] Vgl. Reinhold, 1994, S. 18.

[24] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 9.

[25] Vgl. Reinhold. 1994, S. 18.

[26] Vgl. http://www.aktiv-gegen-sexuelle-gewalt.de/missbrauch/zahlenfakten.htm [Stand: 13.2.2004].

[27] Vgl. Kastner, Hannelore: Sexueller Missbrauch. Erkennen – helfen - vermeiden. Braunschweig: Westermann Schulbuchverlag, 1998, S. 11. (Im Folgenden abgekürzt mit Kastner, 1998.)

[28] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 10.

[29] Vgl. http://www.aktiv-gegen-sexuelle-gewalt.de/missbrauch/zahlenfakten.htm [Stand: 13.2.2004].

[30] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 10.

[31] Vgl. Frei, 1997, S. 20.

[32] Vgl. Braecker, Solveig / Wirtz-Weinrich, Wilma: Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Handbuch für Interventions- und Präventionsmöglichkeiten. 3. Aufl., Basel; Weinheim: Beltz Verlag, 1991, S. 13. (Im Folgenden abgekürzt mit Braecker / Wirtz-Weinrich, 1991.)

[33] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 12.

[34] Vgl. http://www.aktiv-gegen-sexuelle-gewalt.de/missbrauch/zahlenfakten.htm [Stand: 13.2.2004].

[35] Vgl. Braecker / Wirtz-Weinrich, 1991, S. 14.

[36] Frei, 1997, S. 18.

[37] Vgl. ebd. S. 19.

[38] Vgl. ebd.

[39] Vgl. Braecker / Wirtz-Weinrich, 1991, S. 13.

[40] Vgl. Kastner, 1998, S. 11.

[41] Vgl. ebd.

[42] Vgl. http://www.aktiv-gegen-sexuelle-gewalt.de/missbrauch/zahlenfakten.htm [Stand: 13.2.2004].

[43] Vgl. Enders, 1990, S. 90.

[44] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 12.

[45] Brockhaus / Kolshorn, 1993, S. 128.

[46] Vgl. Deegener, 1998, S. 138.

[47] Vgl. Brockhaus / Kolshorn, 1993, S. 129.

[48] Deegener, 1998, S. 138.

[49] Vgl. ebd.

[50] Vgl. ebd.

[51] Koch / Kruck, 2000, S. 14.

[52] Vgl. Brockhaus / Kolshorn, 1993, S. 132.

[53] Koch / Kruck, 2000, S. 14.

[54] Vgl. Deegener, 1998, S. 146 f.

[55] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 15.

[56] Enders, 1990, S. 29.

[57] Vgl. Koch / Kruck, 2000, S. 17.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Analyse des Buches "Schweigemund" von Heiko Neumann zum Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
45
Katalognummer
V35633
ISBN (eBook)
9783638354875
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Buches, Schweigemund, Heiko, Neumann, Thema, Gewalt, Kinder, Jugendliche
Arbeit zitieren
Katrin Wolfmeyer (Autor), 2004, Analyse des Buches "Schweigemund" von Heiko Neumann zum Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35633

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