Diese Arbeit befasst sich mit dem Roman „Lazarillo de Tormes: y de sus fortunas y desadversidades“. Als Erstes werden die gesellschaftlichen Hintergründe geschildert, welche das Siglo de Oro bestimmten. Aufgrund des Erscheinungsdatums des Werks liegt der Fokus dabei auf der Renaissance (16. Jahrhundert), auch wenn das Zeitalter des Barock (17. Jahrhundert) ebenso zum Goldenen Zeitalter gehört. Danach werden die Charakteristika des pikaresken Romans in Bezug auf das Opus „Lazarillo de Tormes“ vorgestellt. Der Roman ist in Briefform geschrieben. Lazarillo, der Protagonist und Ich-Erzähler der Geschehnisse, schildert einer anderen Person, die im Prolog mit „Vuestra Merced“ angesprochen wird und vermutlich einen hohen sozialen Rang hat, seine Lebensgeschichte, in der er verschiedenen Herren dient und lernt, sich in der Welt zu behaupten.
Im 4. Kapitel geht es um die Frage, inwiefern Lazarillo sich im Laufe seiner Entwicklung im Spannungsverhältnis von Sein und Schein bewegt und verhält. Außerdem wird thematisiert, welche literarischen Einflüsse und Motive in Lazarillos Handeln bzw. dem Handeln seiner Herren zu finden sind. Dazu wird zunächst das barocke Motiv engaño vs. desengaño näher beleuchtet. Im Anschluss daran folgen Einflüsse, die auf die Ideenlehre des Erasmus von Rotterdam zurückzuführen sind, sowie machiavellistische Einflüsse, die von Niccolò Machiavelli geprägt sind. Zum Schluss wird sich die Frage gestellt, ob Lazarillo sich am Ende der 7. Abhandlung („tractado VII“) wirklich auf dem „Gipfel des Glücks“, der sogenannten „cumbre de toda buena fortuna“, befindet oder ob nach der jahrelangen Entwicklung des Protagonisten die Redewendung „Mehr Schein als Sein“ greift. Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.
Der „Lazarillo de Tormes“ zählt noch heute zu den Meisterwerken der spanischen Literatur und übt seit Jahrhunderten eine Faszination auf seine Leser aus. Mit dem schmalen Büchlein, das von einem anonymen Autor verfasst wurde, über dessen Identität noch immer gerätselt wird, erwachte das Genre des pikaresken Romans mit der Veröffentlichung des „Lazarillo de Tormes“ im Jahre 1554 zum Leben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gesellschaftliche Hintergründe im Siglo de Oro
3. Charakteristika des pikaresken Romans im Lazarillo de Tormes
4. Lazarillo im Spannungsfeld von Sein und Schein
4.1 Das barocke Motiv engaño vs. desengaño
4.2 Erasmistische Einflüsse
4.3 Machiavellistische Einflüsse
5. Auf dem Gipfel des Glücks: Mehr Schein als Sein?
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der Hauptfigur Lazarillo de Tormes innerhalb des gleichnamigen pikaresken Romans und analysiert, wie sich der Protagonist im Spannungsfeld zwischen authentischem Sein und gesellschaftlichem Schein bewegt. Dabei wird insbesondere hinterfragt, welche literarischen Einflüsse und Motive sein Handeln prägen und ob sein vermeintlicher Aufstieg am Ende tatsächlich den „Gipfel des Glücks“ darstellt oder eine Abkehr von moralischer Integrität zugunsten einer bloßen Fassade bedeutet.
- Analyse des pikaresken Romans im Kontext des Siglo de Oro.
- Untersuchung des barocken Motivs von Täuschung und Enttäuschung (engaño vs. desengaño).
- Einfluss der erasmistischen Humanismus-Ideen auf die Kirchen- und Gesellschaftskritik.
- Übertragung machiavellistischer Prinzipien auf Lazarillos Überlebensstrategien.
- Reflexion des moralischen Verfalls im Zuge des sozialen Aufstiegs.
Auszug aus dem Buch
Lazarillo im Spannungsfeld von Sein und Schein
In den folgenden Unterkapiteln wird untersucht, inwiefern sich Lazarillo de Tormes auf seinem Lebensweg im Spannungsfeld zwischen Sein und Schein unter der Berücksichtigung verschiedener literarischer Einflüsse bewegt und verhält.
Auch wenn der jungen Pikaro aus einer armen, sich im Zwielicht bewegenden Familie stammt, ist er dennoch ein Junge, der unter der Obhut einer ihren Sohn liebenden Mutter aufgewachsen ist. Dass es sich bei den Eltern Lazarillos tatsächlich um Persönlichkeiten und nicht bloß um beliebig austauschbare Typen eines gesellschaftlichen Standes handelt, wird dadurch unterstrichen, dass die Erzeuger Lazarillos Namen tragen, im Gegensatz zu den Herren des Pikaros, die alle nur über bestimmte Typen, nicht aber über eigene Namen, definiert werden. Zu Anfang der Geschichte befindet sich Lazarillo demnach auf der Seite des Seins, da er von seiner Familie geliebt wird, Menschlichkeit und Zuneigung erfährt. Lazarillo weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel über die Scheinheiligkeit der Menschen in der Welt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Lazarillo de Tormes ein und skizziert die methodische Vorgehensweise sowie die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich des Spannungsfeldes zwischen Sein und Schein.
2. Gesellschaftliche Hintergründe im Siglo de Oro: Dieses Kapitel erläutert die historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Spaniens im 16. Jahrhundert, insbesondere die Rolle der Inquisition und das Leben der verschiedenen Bevölkerungsschichten.
3. Charakteristika des pikaresken Romans im Lazarillo de Tormes: Hier werden die wesentlichen Merkmale der novela picaresca dargelegt und auf den Lazarillo de Tormes angewandt, wobei die Position des Protagonisten als Anti-Held im Vordergrund steht.
4. Lazarillo im Spannungsfeld von Sein und Schein: Dieser Hauptteil analysiert die Entwicklung des Protagonisten durch die Linse literarischer Strömungen, wobei engaño und desengaño, erasmistische und machiavellistische Denkmuster auf das Handeln des Pikaros angewandt werden.
5. Auf dem Gipfel des Glücks: Mehr Schein als Sein?: Das Kapitel hinterfragt den sozialen Aufstieg des erwachsenen Lazarillo und diskutiert, ob die erreichte gesellschaftliche Position eine wahre Erfüllung oder lediglich den Sieg des Scheins über das Sein markiert.
6. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung resümiert, dass Lazarillos Werdegang eine gesellschaftskritische Spiegelung der damaligen Zeit darstellt, in der der Protagonist seine Integrität zugunsten einer sozialen Fassade opfert.
Schlüsselwörter
Lazarillo de Tormes, pikaresker Roman, Siglo de Oro, Sein und Schein, engaño, desengaño, Erasmismus, Machiavellismus, Sozialer Aufstieg, Gesellschaftskritik, Moral, Anti-Held, Renaissance, Barock, Täuschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den spanischen Klassiker Lazarillo de Tormes unter dem Aspekt des Spannungsverhältnisses zwischen Sein und Schein, wobei die Entwicklung der Figur vom naiven Kind zum opportunistischen Erwachsenen untersucht wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind soziale Mobilität, Moralverlust im Kontext von Armut, die Kritik an kirchlichen Institutionen sowie die Überlebensstrategien des Protagonisten in einer korrupten Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lazarillo durch die Nachahmung seiner Herren lernt, dass in seiner Welt der Schein oft wichtiger ist als das authentische Sein, um den sozialen Aufstieg zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman durch theoretische Konzepte (wie das barocke Motiv engaño/desengaño, Erasmismus und Machiavellismus) deutet und diese in den historischen Kontext einordnet.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der pikaresken Gattungsmerkmale, die Untersuchung der geistigen Einflüsse (Erasmus und Machiavelli) auf Lazarillos Lebensweg und die kritische Würdigung seines finalen „Erfolgs“ am Ende des Romans.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem der Pikaros, die Täuschung (engaño), die gesellschaftliche Scheinheiligkeit und der Gegensatz von individuellem moralischen Anspruch und notwendiger Anpassung an die Welt.
Inwiefern spielt der Humanismus des Erasmus von Rotterdam eine Rolle?
Die Arbeit zeigt auf, dass der anonyme Autor das Werk nutzt, um die Scheinheiligkeit des Klerus zu kritisieren, indem er aufzeigt, dass diese Vertreter christliche Ideale wie Nächstenliebe nach außen hin heucheln, aber im Inneren moralisch verkommen sind.
Wie lässt sich der „soziale Aufstieg“ von Lazarillo bewerten?
Die Autorin stellt den Aufstieg als einen zutiefst ironischen Prozess dar: Lazarillo erreicht zwar Wohlstand und Anerkennung, verliert dabei jedoch seine Ehre und Würde, da er akzeptiert, ein gehörnter Ehemann zu sein, um das materielle Überleben zu sichern.
- Arbeit zitieren
- Katharina Back (Autor:in), 2016, Der "Lazarillo de Tormes" zwischen Sein und Schein. Geschichtliche Hintergründe, Analyse und Bezugnahme auf Erasmus von Rotterdam und Niccolò Machiavelli, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356361