Prozesse moralischer Selbstregulierung. Eine systematische Literaturanalyse


Bachelorarbeit, 2016
50 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Vorgehen

2. Grundlagen
2.1 Was bedeuten Moral und moralisches Verhalten?
2.2 Selbstregulierung
2.3 Moral balancing - moral licensing - moral cleansing

3. Modell

4. Erkenntnisse
4.1 Vorgehensweise
4.2 Einordnung
4.3 Faktoren der Wertung
4.4 Faktoren der Denkweise
4.5 Faktoren der physischen Empfindung
4.6 Faktoren der Schuldempfindung
4.7 Faktoren der umweltgebundenen Moral
4.8 Faktoren des Aufwands

5. Forschungslücken

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang (Literaturtabelle)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Moral licensing- und moral cleansing-Modell

Abstract

In dieser Arbeit wird der Forschungsstand zum Themengebiet des moral balancing-Prozesses unter­teilt in moral licensing- und moral cleansing-Mechanismen betrachtet. Diese selbstregulativen Pro­zesse werden durch eine Vielzahl unterschiedlicher psychischer, emotionaler und äußerer Faktoren ausgelöst. Durch die Betrachtung zahlreicher an moral licensing und moral cleansing ausgerichteter Literatur wird eigens für diese Arbeit ein Modell erstellt, das die Faktoren und die Entstehung sol­cher selbstregulativen Prozesse erklären soll. Die ausgewählte Literatur wird im Hinblick auf ihre Erkenntnisse und experimentelle Forschungsansätze detailliert betrachtet und in einer schriftlichen Analyse, die den Hauptteil dieser Arbeit ausmacht, zusammengefasst. Durch diese Arbeit wird ein Überblick zum heutigen Forschungsstand im Bezug auf moral licensing und moral cleansing gebo­ten, Forschungslücken gefunden und ein Anstoß für zukünftige Forschungsansätze gegeben.

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Der Mensch steht im Laufe seines Lebens innerhalb fast jeder Interaktion mit der Um­welt vor einer Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten. Diese Entscheidungen wer­den oft innerhalb kürzester Zeit getroffen und bestimmen nachfolgend das Verhalten der Person. Welche äußeren und inneren Prozesse dabei auf die Entscheidungen einwirken, ist zu einer bedeutenden Forschungsfrage geworden. Das menschliche Verhalten steht demnach seit jeher im Fokus unterschiedlicher wissenschaftlicher Betrachtungen, sei es in der Psychologie, in der Soziologie oder der Wirtschaft. Durch ein besseres Verständ­nis des menschlichen Wirkens können in der Umwelt Handlungsfolgen genauer voraus­gesagt werden. Diese Erkenntnisse sind unter anderem für erfolgreiches Marketing der Unternehmen von großer Bedeutung. So werden beispielsweise manipulative Faktoren wie die Wirkung der Lichtverhältnisse, der Gerüche und Farben oder auch der Musik bereits ausführlich in der am Konsumenten sich ausrichtenden Forschung betrachtet. Eine weitaus komplexere Betrachtung erfolgt, wenn die psychologischen bzw. inneren Prozesse der Menschen als Untersuchungsvariablen ebenfalls einbezogen werden. An beide Punkte geknüpft richtet sich die vorliegende Arbeit aus und konzentriert sich ins­besondere auf moralisch bedingte Entscheidungen und Handlungen der Menschen unter selbstregulativen Prozessen. Die Forschungsdisziplin dieser Thematik spaltet sich in zwei Bereiche. (1) Zum einen bezieht sich die Forschung auf konsistentes Verhalten. Das bedeutet unter moralischen Gesichtspunkten, dass eine moralische (unmoralische) Haltung und Handlung ein nachfolgendes moralisches Verhalten bewirkt (dämpft) (vgl. Mullen und Mónin 2016, S. 368). Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt aber auf den so genannten (2) moral licensing- und moral cleansing-Effekten, die auf balancie­rendes Verhalten (moral balancing) im selbstregulativen Prozess verweisen. Welche Be­deutung diese Verhaltensannahmen haben und welches Ziel mit ihrer Betrachtung in dieser Arbeit verfolgt wird, soll im Punkt 1.2 erläutert werden.

1.2 Zielsetzung

Die vorliegende Forschungsarbeit soll helfen, einen besseren Überblick über die Ein­flussnahme moralischer Wahrnehmung auf das individuelle Verhalten zu geben. Dabei werden gemäß der aktuellen Forschung vor allem selbstregulative Prozesse einer beson­deren Betrachtung unterzogen. Diese Arbeit konzentriert sich auf das balancierende Ver­halten , das durch die theoretischen Ansätze des moral licensing und moral cleansing definiert wird. Diese Ansätze beschreiben den Effekt, dass moralische (unmoralische) Taten, Handlungen, Gedanken und Verhaltensannahmen, die das Selbstbild beeinflus­sen, das darauf folgende moralische Wirken verringern (erhöhen) können (vgl. Sachde- va et al. 2009, S. 523f.). Mithilfe der Betrachtung des heutigen Forschungsstands im Bereich dieser selbstregulativen Prozesse soll auf die Breite und Fülle des Wissensstan­des geschlossen werden. Dabei werden einflussnehmende Merkmale betrachtet, welche die Selbstwahmehmung moralisch manipulierend aufbereiten und somit das Folgever­halten bestinmien.

1.3 Vorgehen

Die vorliegende Arbeit ist in vier Hauptbereiche untergliedert. Zunächst werden die theoretischen Grundlagen moralischer Selbstregulierung erläutertet, es folgen eine Darle­gung wichtiger Zusammenhänge und die Definition maßgeblicher Begrifflichkeiten (Kapitel 2). Dieses essenzielle Fundament sorgt für das Verständnis der darauf folgen­den Inhalte, denn der auf die Darlegung unterschiedlicher Experimente und Beispiele aufgespaltene Prozess der licensing- und cleansing-Effekte, soll von dem Leser auch ohne eine sich wiederholende Erklärung dieser Prozesse, automatisch nachvollzogen werden. Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist das im dritten Kapitel ei­gens für diese Arbeit aufgestellte Modell der Selbstregulierungsprozesse über moral li­censing und moral cleansing, das aus der betrachteten Literatur und ihren jeweiligen Be­sonderheiten und neuen Erkenntnissen erschlossen wurde. Dieses Modell folgt den Ebe­nen der unabhängigen sowie abhängigen Variablen und den Moderatoren und Mediato­ren, die Einfluss auf die Wechselwirkung der Variablen nehmen. Dadurch werden die Erkenntnisse etlicher, sich in ihrem Aufbau und ihren Ergebnissen gleichender Experi­mente verschiedener Forscher und ihrer Forschungsarbeiten auf das Wesentliche redu­ziert und in einer gebündelten Form dargestellt. Nach der Erläuterung dieses Modells wird der Weg für den dritten Hauptteil dieser Arbeit frei gemacht. In diesem Teil (Kapi­tel 4) wird die Literatur zu moralisch selbstregulativen Prozessen betrachtet und analy­siert. Hierbei wurde versucht, die Literatur ihrem Inhalt nach mit unterschiedlichen, neuen und kennzeichnenden Ansätzen oder zumindest einer neuen Erkenntnis auszu­wählen. Einen detaillierten Literaturüberblick bietet die Literaturtabelle im Anhang. Sie umfasst den Aufbau der relevanten Experimente der betrachteten Literatur und ihre Ker­nergebnisse. Da die Thematik der selbstregulativen Prozesse über moral licensing und moral cleansing ein relativ neues Forschungsfeld darstellt und etliche Fragen offen lässt, wird im vierten Hauptbereich dieser Arbeit auf Forschungslücken eingegangen (Kapitel 5). Diese Forschungslücken verweisen auf Inhalte, auf die in der Zukunft seitens der Wissenschaft besonders eingegangen werden sollte, seien es offene Fragestellungen oder Vernachlässigungen und Schwachpunkte in den bereits aufgestellten Forschungs­ansätzen. Abschließend wird ein Fazit gezogen (Kapitel 6).

2. Grundlagen

Nachfolgend werden die theoretischen Grundlagen im Hinblick auf moralische Selbstre­gulierung erörtert. Dabei sind Definitionen und Verknüpfungen der einzelnen Fachbe­griffe entscheidend, um in der fortlaufenden Arbeit deren Inhalte besser nachvollziehen zu können.

2.1. Was bedeuten Moral und moralisches Verhalten?

Allgemein werden mit dem Begriff Moral die „Verhaltens- und Einstellungsnomien, die in einer Gruppe oder Gesellschaft über längere Zeit hinweg offiziell und von der Mehr­heit als verbindlich angesehen werden“ oder auch als „sittliches Verhalten, Pflichtbe­wusstsein“, definiert (Der Grosse Brockhaus 3 Aufl., S. 690). Somit können morali­sche Verhaltensweisen je nach Ausprägung des Individuums, der Gesellschaften bzw. Kulturen unterschiedlich aufgefasst und definiert werden. Innerhalb dieser Arbeit soll besonders auf moralisches Verhalten eingegangen und seine Wirkung auf die Selbstre­gulation eines Menschen dargelegt werden. Für die Definition des moralischen Verhal­tens ist es notwendig, eine Abgrenzung zwischen moralischen Situationen und von der Moral nicht betroffenen Situationen vorzunehmen. Eine moralische Situation ist eine soziale Situation (sie betrifft mehrere Individuen), wobei das Verhalten einer Person das Befinden einer anderen Person oder den Umweltzustand negativ wie auch positiv beein­flussen kann. Gleichermaßen werden die Komponenten einer moralischen Situation (In­dividuum, Emotionen, Wahrnehmung, Entscheidungen etc.) moralisch relevant, wenn sie mit dem Wohlergehen anderer verbunden sind. Keller et al. (2005, S.4) definieren moralische Emotionen als gefühlsbedingte Aktionen, die mit den Interessen oder dem Wohlergehen der gesamten Gesellschaft oder einzelner Personen verbunden sind. Zu­sammengefasst: Ein Verhalten wird moralisch relevant, wenn es das Wohlergehen ande­rer verbessert oder verschlechtert.

In moralischen Situationen wird zudem das Verhalten als ethisch angesehen, wenn es mit dem Verhaltenskodex im sozialen Kontext übereinstimmt. Diese Arbeit fokussiert sich auf erkenntliche moralische und unmoralische Situationen, wie beispielsweise eh­renamtliche Arbeit, Spende, Verrat, Betrug, Stehlen etc., die ein Individuum relativ ein­fach moralisch bewerten und identifizieren kann. In solchen erkenntlichen moralisch ge­prägten Situationen sind sich Individuen eher bewusst darüber, dass ihr Verhalten mora­lisch relevant ist und ebenso bewusst, welche Handlungen dabei moralisch und welche unmoralisch sind. Diese Kenntnis garantiert jedoch keine stetige Motivation, wonach Individuen nur das machen, was sie als gutes/richtiges Verhalten kennen und falsche/schlechte Taten nicht begehen.

2.2 Selbstregulierung

Die Selbstregulierung beschreibt den Vorgang, wonach Menschen im Stande sind, eige­nes Verhalten im Hinblick auf bestimmte Zielsetzungen oder Normen zu regulieren. Das Modell der Selbstregulierung bildet das Fundament, von dem ausgehend erklärt werden kann, wie das Verhalten der Menschen durch vielialtige Faktoren beeinflusst wird:

„ - a- Variablen : Einflüsse der Umgebung, aber auch eigenes und fremdes Verhalten;
- ß-Variahlem kognitive Ereignisse (Kognition) und Prozesse (Erwartungen, Schemata); diese Variablen sind durch die Entwicklung und Biografie stark beeinflusst;
- γ-Variablerr. biologisch-somatische Detemiinanten, sowohl aktueller (z.B. Hunger, Müdigkeit) als auch überdauernder Art (z.B. Geschlecht, Genetik).“

(Reinecker 2016).

Moral licensing und moral cleansing repräsentieren zwei theoretische Ansätze der Selbstregulierung, die unter dem Oberbegriff moral balancing zusammengefasst wer­den. Im nachfolgenden Abschnitt werden die licensing- und cleansing-Effekte erklärt.

2.3. Moral balancing - moral licensing - moral cleansing

Das balancing der Selbstregulierung beschreibt einen Balanceakt des eigenen Verhal­tens. Darunter fallen licensing und cleansing, wobei das Letztgenannte in der Literatur auch häufig als compensation bezeichnet wird. Neben dem balancing-Modell wird das consistency-Modell in Bezug auf die Selbstregulierungsprozesse beschrieben. Mit dem consistency-Modell wird ein mit der vorangehenden Handlung konsistentes Verhalten betrachtet. Somit würde beispielsweise eine moralische Handlung eine weitere morali­sche Handlung nach sich ziehen und damit auf konsistentes Verhalten hinweisen. Diese Arbeit konzentriert sich jedoch ausschließlich auf das balancing-Modell. Dieses Modell beschreibt allgemein, dass auf moralisches Verhalten unmoralisches (moral licensing) und auf unmoralisches Verhalten moralisches (moral cleansing) folgt. Im Folgenden werden die Bestandteile des moral balancing näher erläutert.

Moral licensing. Menschen können durch gute Taten ihr moralisches Selbstwertgefühl erhöhen. Wenn ihre vergangenen Handlungen zu eignem positiven Moralempfinden führen, könnten die Individuen eine erhöhte Intention für nachfolgende Selbstbelohnun­gen entwickeln (vgl. Mukhopandhyay und Johar 2009, S. 337f.). Dadurch sind sie eher geneigt, eine moralisch abwegige oder gar verwerfliche Tat zu begehen (vgl. Mer­ritt et al. 2010, S. 354f.). Die beschriebene Verhahensannahme wird von der moral li- censing-Theorie vertreten. Merritt et al. (2010, S. 349ff.) präsentieren zwei Betrach­tungsweisen der moral licensing-Theorie, die in der Literatur auftauchen: das moral cre­dits- und das moral credentials-Modell. Gemäß einem moral credits-Modell, sammeln Individuen gute Handlungen auf ihrem imaginären moralischen Konto. Diese moralisch guten Taten dienen als Kredit, um später ein positives Verhalten aufzukaufen oder ein negatives Verhalten auszugleichen. Damit soll die moralische Balance gehalten werden. Im moral credentials-Modell hingegen gilt die ursprüngliche Handlung als Grundlage, von der ausgehend die zukünftige Handlung gemessen wird. Oft wird die ursprüngliche Handlung auch als Linse beschrieben, durch die das zukünftige Handeln betrachtet wird. Das bedeutet, dass in einem moral credentials-Modell ein ursprüngliches morali­sches Verhalten nicht gleich das Recht einräumt anschließend eine unmoralische Tat zu begehen. Jedoch wird eine zukünftige Handlung als weniger unmoralisch betrachtet. Es könnte auch heißen, dass die ursprünglich moralisch gute Handlung eine Brille aufsetzt, durch die eine nachfolgende unmoralische Handlung verweichlicht dargestellt und ihr die ursprünglich unmoralische Intensität genommen wird. Mazar und Zhong (2010, S. 495ff.) zeigten beispielsweise, dass der Erwerb Grüner Lebensmittel (gute Tat) die Indi­viduen für nachfolgend negatives Verhalten, wie Betrug oder Stehlen, lizenzierte. Inner­halb dieser Arbeit werden die unterschiedlichen licensing-Modelle innerhalb der Litera­turanalyse nicht explizit erwähnt, da hierbei eher das Vorliegen eines licensing-Mecha- nismus von größerem Interesse ist. Der Großteil der beschriebenen Experimente lehnt sich jedoch an das moral credits-Modell an.

Moral cleansing. Unmoralisches Verhalten hat eine negative Auswirkung auf das mo­ralische Selbstwertgefiihl. Nachdem Individuen in schlechte Handlungen involviert wa­ren, versuchen sie, sich nachfolgend einer moralischen Handlung anzunehmen, die ihr moralisches Selbstwertgefiihl wiederherstellen soll. Dieser Effekt wird als moral clean- sing bezeichnet (vgl. Sachdeva et al. 2009, S. 527ff.). Zhong und Liljenquist (2006, S. 1452) zeigten beispielsweise, dass Teilnehmer, die sich allein gedanklich an eine un­ethische Tat aus ihrer Vergangenheit erinnerten, öfter ehrenamtlichem Engagement zu­sagten. Das ehrenamtliche Engagement kann als moralisch gute Tat ihr moralisches Selbstwertgefühl wieder herstellen.

3. Modell

Allgemein weist der heutige Forschungsstand zum Thema licensing und cleansing eher begrenzte wissenschaftlich fundierte Quellen auf. Vordergründig wird dieser Bereich in der Psychologie aufgearbeitet. In der offensichtlichen Auswirkung des Effektes sind da­bei außer der Wechselwirkung von abhängigen und unabhängigen Variablen, die fast aus jeder Lebenssituation stanmien können und den licensing- und cleansing-Effekt im Er­gebnis aufzeigen, besonders die Moderatoren und Mediatoren interessant. Denn neben der Tatsache, das der Vergleich vieler Forschungen relativ eintönig nach vorhandenem oder nicht vorhandenem balancing-Effekt klingt, wird das unsichtbare Element zwi­schen den sichtbaren licensing- und cleansing-Prozessen versucht zu erforschen. Wäh­rend Moderatoren als von extern einflussnehmende Elemente relativ deutlich zu erken­nen sind, weisen Mediatoren eine Identifikationsbarriere auf.

Für diese Arbeit wurden unter anderem wissenschaftliche Quellen zu moral licensing und cleansing ausgewählt, die sich auf das Konsumentenverhalten beziehen. Ein aus­schließlicher Bezug auf diese Thematik war jedoch nicht möglich, da solche For­schungsarbeiten noch selten sind. Anhand der Literaturanalyse wurde für diese Arbeit ein Modell entwickelt, das die wichtigsten und auffallendsten Elemente aller experi­mentellen Quellen und ihrer Ergebnisse beinhaltet. Die einzelnen Forschungsergebnisse, aus denen dieses Modell resultiert, werden im Kapitel 4 dargelegt. Mit dem nachfolgend aufgeführten Modell lässt sich ein Muster abbilden, das aus den experimentellen Vörge- hensweisen der wissenschaftlichen Arbeiten abgeleitet werden konnte.

Über den Großteil der Forschungsansätze hinweg wurden moralisch oder unmoralisch gekennzeichnete, unabhängige Variablen als Ausgangshandlung vorangestellt (S. Abb. 1). So sollten Probanden beispielsweise bei der Handlung in tl entweder spenden und damit eine moralische Handlung vollziehen oder auch über eine unmoralische Handlung in ihrem Leben schriftlich berichten. Danach wurden Probanden gebeten, sich selbst zu bewerten oder ihre Empfindungen auszudrücken. Zudem wurden Prozesse (Beta-Varia­blen) wie die Beanspruchung kognitiver Ressourcen betrachtet, die sich auf die psychi­sche Ebene des Menschen auswirken.

Diese Eigenwertungen, Empfindungen und Prozesse bilden die Mediatoren vieler Ab­läufe moralischer und unmoralischer Handlungen ab. Neben den wirkenden Mediatoren wurden ebenso Moderatoren als äußerlich einflussnehmende Faktoren (Alpha-Varia­blen) betrachtet. Eine genaue Eingrenzung der Moderatoren ließ sich nicht herleiten, da sie unterschiedliche umweltbezogene Facetten darstellen. Durch diese Unterschiede lässt sich jedoch eine breit gefächerte Betrachtungsweise der selbstregulativen Maßnah­men vornehmen. Die von Reinecker (2016) definierten Gamma-Variablen überdauern­der Art wie Geschlecht oder die Genetik wurden nicht mit in das Modell aufgenommen. Direkt an diese Variable gebunden gab es keine Studien, zudem wurde durch die For­scher oft geschlechterübergreifend gearbeitet und häufig nur die Anzahl der Probanden angegeben. Die Gamma-Variablen der biologisch-somatischen Detemiinanten wie Hun­ger oder Müdigkeit wurden zwar in einigen Studien aufgegriffen, spielten im morali­schen Prozess jedoch meistens eine untergeordnete Rolle, sodass sie ebenfalls nicht mit in dieses Modell aufgenommen wurden, aber dennoch eine knappe Erwähnung im lite­raturanalytischen Teil finden werden.

Eine besonders auffallende Unebenmäßigkeit lässt sich innerhalb der Durchführung ver­schiedener Experimente feststellen. Während einige Forscher darauf geachtet haben, für den balancing-Effekt in Form neutralen Szenarios einen Mittelpunkt zu finden, das heißt nicht manipulierte Situationen, haben andere Forscher auf diese Szenarien verzichtet.

Ein Verzicht erschwert wiederum den Vergleich zwischen den licensing- und cleansing basierten Handlungen, da die moralische Nomi bzw. Schwelle, von der an ein Balance­akt entsteht, nicht vorhanden ist. Zudem war den meisten Forschungsansätzen hinsicht­lich der licensing- und cleansing-Prozesse kein großes theoretisches Modell vorange­setzt. Es wurde jedoch stets die moral licensing- und/oder moral cleansing-Theorie in­nerhalb der self-regulation-Theorie als solches erläutert.

Außerdem zeichnete sich ein relativ gängiges Muster im Forschungsvorgehen vieler Wissenschaftler auf. Die meisten Forschungen bemhen auf Laborexperimenten, mit de­nen Teilnehmer in verschiedene Szenarien versetzt werden. Dabei werden oft mithilfe eines Fragebogens schriftlich Informationen gesammelt und anschließend ausgewertet. Seltener finden Erhebungen online statt, ebenso wenig öffentliche Befragungen oder Feldstudien sowie ausschließlich qualitative Forschungsansätze. Weitere Informationen zu den Ungenügsamkeiten innerhalb der Forschung zu moral licensing und cleansing und ihren Folgen, aber auch Chancen werden im Kapitel 5 aufgeführt.

4.Erkenntnisse

4.1 Vorgehensweise

Für die Darstellung der Forschungsergebnisse und ihrer Ansätze wurde innerhalb dieser Arbeit versucht, möglichst unterschiedliche Facetten der eher einsträngigen Thematik zu finden. Die größte Schwierigkeit bestand darin eine geeignete Unterteilung zu schaf­fen, denn die Forschungsarbeiten zu licensing- und cleansing-Thematik liefern eher ähnliche Erkenntnisse und bestätigen in der Regel die moral licensing- und cleansing- Theorie. Eine Unterteilung rein nach licensing und cleansing würde sich beispielsweise nicht lohnen, da die Forschungen dazu nicht ausgewogen und abwechslungsreich genug wären. Beispielsweise wird moral cleansing viel zu selten gegenüber moral licensing er­forscht. Eine Betrachtung der abhängigen oder unabhängigen Variablen würde durch ihre Vielfalt zu keiner sinnvollen Kombination oder einem Vergleich der Forschungen führen.

Eine weitere Option wäre eine Analyse unterteilt nach den relevanten Moderatoren oder Mediatoren der Experimente, diese werden jedoch innerhalb der wissenschaftlichen Li­teratur nicht durchgängig festgelegt oder festgestellt. Dafür sind Moderatoren und Me­diatoren geeignet, die Ergebnisverläufe und Hintergründe zu beschreiben, wobei sie ger­ne auch selbst als Untersuchungsgegenstand wirken können. Aus diesem Grund wurde versucht, nach den Moderatoren und Mediatoren eine Unterteilung für die Literaturana- lyse zu schaffen. Auch wenn nicht jede wissenschaftliche Arbeit Mediatoren oder Mo­deratoren als solche benannt hat, konnte anhand des Aufbaus und der Ergebnisse der Experimente eine solche Zuordnung eigenständig vorgenommen werden. Eine solche Systematisierung der Ergebnisse kann eine an das Modell gebundene und damit schlüs­sige Übersicht geben sowie unkompliziert nachvollzogen werden. Die einzelnen be­schriebenen Forschungsarbeiten können anhand der detaillierten Darlegung der Experi­mente in der Literaturtabelle (Anhang) betrachtet werden.

4.2 Einordnung

Fast jede Entscheidung, die ein Individuum vor einem moralischen Hintergrund fallt, kann mit den Mechanismen des moral licensing und moral cleansing verbunden sein. Aus diesem Grund beleuchtet die Wissenschaft dieses Themenzweigs oft gänzlich un­terschiedliche Wechselwirkungen und Hintergründe, die dem Aufkommen solcher Ef­fekte beitragen. Der bisherige Forschungsstand zur Thematik licensing und cleansing ist zwar thematisch breit gefächert, jedoch nicht detailliert genug. Grobe Facetten des li­censing- und cleansing-Effekts lassen sich zwar ableiten, dennoch bleiben viele Fragen offen. Auf diese Forschungslücken wird im Kapitel 5 eingegangen.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit licensing und cleansing bildet eine rela­tiv junge Forschungsdisziplin ab. Die Arbeit von Mónin und Miller (2001, S, 34 ff,) mit dem Beitrag über „Moral credentials and the expression of prejudice“ gilt als der Beginn einer bis dahin eher selten behandelten Thematik des moral balancing. Vor dem Hintergrund ihrer Experimente stellten Mónin und Miller fest, dass Probanden, die bei­spielsweise zuvor (tl) dünkelhäutigen oder weiblichen Bewerbern einen Job vergaben, in darauf folgenden Entscheidungen (t2) über eine Jobvergabe dunkelhäutige Bewerber oder Frauen ausschlossen. Mónin und Miller zeigten, dass die erworbene Referenz bei­spielsweise unvoreingenommen zu sein (durch die Handlung in tl), ihre Probanden be­fähigte politisch unkorrekte Meinungen zu äußern und rassistische Denkweisen anzu­nehmen (moral licensing). Seit diesem Forschungsanstoß erschienen vermehrt wissen­schaftliche Arbeiten zu licensing und cleansing zu den Bereichen Wirtschaft (Branas- Garza et al, 2013), Marketing (Huber et al, 2008), Ernährung (Weibel et al, 2014) oder auch Umwelt und Ökologie (Tiefenbeck et al, 2013). Diese Forschungsbereiche betrafen jedoch oftmals licensing und cleansing ohne die moralische Komponente. Im Folgenden wird anhand unterschiedlicher wissenschaftlicher Erarbeitungen versucht, auf innere und äußere Faktoren einzugehen, die dem moral licensing- oder moral clean­sing- Mechanismus beiwirken.

4.3 Faktoren der Wertung

Moralischer Identitätszustand · Selbstrellexion · Selbstbild · Fremdbild · Referenz Besonders häufig wird in der Literatur auf den moralischen Identitätszustand eingegan­gen, soweit er die Entstehung von licensing- oder cleansing-Effekten betrifft. Damit wird das individuelle, moralische Bewusstsein bezeichnet, das sich abhängig von der persönlichen Lage, den Lebensumständen, den Erfahrungen, den psychischen Prozessen und äußeren Einflüssen ändern kann. Aus diesem Bewusstsein erschließt sich die Identi­tät einer Person. Je mehr moralische Taten auf dem eigenen moralischen Konto vorhan­den sind, umso moralisch höherwertiger kann der betroffene Identitätszustand sein. Laut Jordan et al. (2011, S. 3 ff.) aktivieren Erinnerungen an eine vergangene, unmoralische Tat die symbolisch moralische Identität. Die symbolisch moralische Identität ist mit dem Signalisieren der Handlungen oder Gedanken an die Öffentlichkeit verbunden. Das In­dividuum will damit seine positiven Handlungen anderen präsentieren, um in der Ge­sellschaft gut dazustehen. Auf die interne moralische Identität haben laut Jordan et al. vergangene, unmoralische Taten jedoch keine signifikante Wirkung laut Jordan. Die in­terne Identitätskomponente kennzeichnet den Besitz moralischer Attribute ohne den Drang, sie öffentlich zur Schau stellen zu müssen. Innerhalb seiner Experimente sollten Probanden über vergangene moralische und unmoralische Taten berichten. Daraufhin sollten sie beispielsweise Geld spenden oder ihre Bereitschaft zur Blutspende äußern. Probanden, die über moralische Taten berichtet hatten, zeigten im Nachhinein weniger Bereitschaft für die Geld- oder Blutspende (licensing), während Probanden unmorali­scher Tatberichte eine entsprechend größere Bereitschaft an den Tag legten (cleansing). In einem weiteren Experiment betrogen Probanden, die eine moralisch positive Erzäh­lung über sich geschrieben hatten, während der Bearbeitung einer Mathematikaufgabe häufiger als Probanden, die eine unmoralische Erzählung über sich selbst geschrieben hatten. Eine Erzählung über eine andere Person führte zum umgekehrten Effekt. Das könnte am psychischen Imitationsprozess liegen, denn bestimmte Verhaltensweisen ei­ner anderen Person führen zu einem oft nachahmenden Verhalten durch die beobach­tende zweite Person. In solchen Fällen lässt sich der licensing- und cleansing-Mechanis- mus ausschließen. Sachdeva et al. (2009, S. 527) formulierten das Ergebnis, wonach eine Auseinandersetzung mit dem Charakter und dem moralischen Verhalten anderer Personen keinen signifikanten Einfluss auf eigene moralische Handlungen zeigte.

Ein mit dem moralischen Identitätszustand einhergehender Begriff innerhalb der licen­sing- und cleasing-Effekte ist die Selbstreflexion. Diese beinhaltet die Einschätzung, Wertung und Kritik des eigenen „Ichs“ und ist im Gegensatz zum moralischen Identi­tätszustand ein rein psychologischer (von innen bedingter) Vorgang, der theoretisch un­abhängig von öffentlicher Erwartungshaltung und von Normen ist. Die Selbstreflexion kann den moralischen Identitätszustand beeinflussen (Müller 2009, S, 17). So wiesen innerhalb der Experimente von Blanken et al. (2014, S, 236) Personen mit einer negati­ven Selbstreflexion durch die Verwendung negativer Eigenschaftswörter eine größere Bereitschaft und ebenso größeren Anteil an einer Spende auf (cleansing), als Probanden mit einer schriftlich dargelegten positiven Selbstreflexion unter der Verwendung positi­ver Eigenschaftswörter (licensing). Die durch eine negative Selbstreflexion entstandene unmoralische Identität wurde somit durch eine moralische Handlung ausgeglichen (cleansing). Signifikant unterschiedliche Ausmaße der Hilfsbereitschaft zeigten jedoch weder die Probanden der negativen noch der positiven Selbstreflexionsgruppe. Dies könnte zum einen daran hegen, dass die Individuen ihre moralischen oder unmorali­schen Merkmale nicht öffentlich genug darstellen konnten (symbolisch), da das Experi­ment schriftlich verlief und mit der Spende die unmittelbare sofortige Signalisierung ei­ner guten, moralischen Tat verbunden wäre, besonders seitens der unmoralischen Grup­pe. Die Hilfsbereitschaft wäre zwar ebenfalls symbolisch, hätte jedoch keinen unmittel­baren sofortigen Effekt, da sie Zeit beansprucht und möglicherweise ist Zeit für viele In­dividuen wertvoller als Geld.

Die Eigenschaft eines Individuums, sich selbst zu reflektieren, strukturiert unverkennbar ein Selbstbild, das neben dem Fremdbild und Idealbild die eigene Identität ausmacht (Müller 2009, S, 72). Menschen mit negativem Selbstbild weisen sich schlechte charak­terliche Eigenschaften zu, schätzen sich selbst nicht und bewerten ihre eigene Person im Vergleich mit anderen oder eigenen idealen Vorstellungen schlechter. Ob bestimmte Ausprägungen eines Selbstbildes Auswirkungen auf moralische Handlungen haben, tes­teten Sachdeva et al, (2009, S, 524f.). Sie ließen ihre Probanden eigene charakterliche Eigenschaften schriftlich festhahen. Hier zeigte sich, dass Probanden mit einem negati­ven Selbstbild deutlich mehr spendeten (cleansing) als Probanden mit einem positiven Selbstbild (licensing). Einen Zusanmienhang zwischen dem Fremdbild und moralischen Handlungen fanden sie jedoch nicht (Sachdeva et al, 2009, S, 525f.). Hierbei ist ein Fremdbild gemeint, das ein Individuum von anderen Individuen hat und ob es sich da­durch beeinflussen lässt bei moralischen Handlungen, die auf dieses andere Individuum bezogen sind. Die Einwirkung eines Fremdbilds, das andere von einem Individuum ha­ben, wird am Ende dieses Abschnitts unter dem Begriff der Referenz betrachtet. Bra- nas-Garza et al, (2013, S, 204ff.)

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Details

Titel
Prozesse moralischer Selbstregulierung. Eine systematische Literaturanalyse
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Marketing
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
50
Katalognummer
V356396
ISBN (eBook)
9783668425576
ISBN (Buch)
9783668425583
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Licensing, Cleansing, Selsbtregulierung, Moral, Schuldgefühle, Wirtschaft, Psychologie, Wirtschaftspsychologie, Balancing, moral balancing, moral licensing, moral cleansing, consistency, BWL, Marketing, moral credits, moral credentials
Arbeit zitieren
Kheda Magamadova (Autor), 2016, Prozesse moralischer Selbstregulierung. Eine systematische Literaturanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356396

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