Wilhelm Raabes "Die Akten des Vogelsangs". Psychoanalytische Untersuchungen der Intertextualität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

19 Seiten, Note: 3,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Inhalt „Die Akten des Vogelsangs“
2.1. Erzählform

3.) Intertextuelle Bezüge bei „Die Akten des Vogelsangs“

4.) Schluss und Ausblick

5.) Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich mich mit den intertextuellen Beziehungen bei dem Spätwerk „Die Akten des Vogelsangs“ von Wilhelm Raabe beschäftigen. Zur Einführung werde ich den Inhalt des Textes und seine besondere Erzähl situation zusammenfassen. Im Hauptteil folgt dann die Aufnahme nur einzelner Zitate, um dann auf prägnante Intertexte im Roman einzugehen. Dafür nutze ich vor allem die Aufsätze Einige Überlegungen zur Intertextualität in Raubes Spätwerk. Am Beispiel der Romane „Das Odfeld“ und „Die Akten des Vogelsangs1 “ von Rosemarie Haas, sowie von Sven Meyer Narreteien ins Nichts. Intertextualität und Rollenmuster in Wilhelm Raubes „Die Akten des Vogelsangs“2. Ich habe mich vorher bereits mit diesem Buch unter psychoanalytischen Gesichtspunkten auseinander gesetzt. Daher weiß ich, dass es viele mehrdeutige Textstellen gibt und die Arbeit an diesem Roman sehr komplex sein kann.

„Das Alter ist die Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt“ meinte (...) Wilhelm Raabe, der ebenso realistische wie poetische Beobachter der Risse zwischen Altem und Neuem im 19. Jahrhundert.3 2. Inhalt „Die Akten des Vogelsangs“

Der Roman „Die Akten der Vogelsangs“ gehört zu den Spätwerken von Wilhelm Raabe.4 Es erschien 1896 und beanspruchte eine lange Entstehungszeit. Insgesamt dauerte der Prozess von Juni 1893 bis August 1895.5 Dass der Autor sich mit diesem Werk besonders schwer tat, verkündet er auch persönlich mehrmals in Briefen. So zum Beispiel an Siegmund Schott6, nachdem der Roman bereits fertiggestellt war : „Am Tage der Thränen des Heiligen Laurentius (10. August) habe ich übrigens mein neuestes Buch „Die Akten des Vogelsangs“ mit Ächzen und Krächzen fertig gebracht“7 oder an Paul Gerber „Die „Akten des Vogelsangs“ haben ทนท ein jahrelanges Quälen und Würgen zuwege gebracht[...]“.8 Der Roman lässt sich in die Epoche des Realismus einordnen, denn Wilhelm Raabe ist ein bekannter Vertreter dieses literarischen Zeitalters.9

In dem Roman geht es um die drei Freunde Velten Andres, Karl Krumhardt und Helene Trotzendorf, welche gemeinsam in der idyllischen Nachbarschaft des Vogelsangs aufwuchsen. Helene kam im frühen Kindesalter mit ihrer Mutter aus Amerika in den Vogelsang. Während die Jungen schon die engsten Freunde waren, entwickelte sich zu Helene, zumindest zwischen Velten und ihr, eine Art Hass-Liebe. Die drei verbrachten ihre gesamte Zeit zusammen, obwohl sich Velten und Helene nur stritten. Trotzdessen wollten sie beisammen sein. Als der Schulabschluss dann hinter den Jugendlichen lag, geht Karl zur Armee, Helene und ihre Mutter werden schon bald nach Amerika zurückgeholt und Velten verschlägt es nach dem Wiederholen des Schulabschlusses nach Berlin. Während er dort seine Zeit verbringt und den engen Kontakt zu Karl aufrecht erhält, entsinnt er sich, dass Helene seine große Liebe sei und er ihr nachreisen müsse, um sie zurückzuholen. Während Velten sich dann in Amerika befindet, heiratet Helene jedoch einen Anderen. Velten kehrt nach einer Weltreise dann zurück in den Vogelsang, wo sich bereits viele Dinge geändert haben. Der kleine Vorort wurde von der Industrialisierung und der Verstädterung erfasst. Die

Eltern sind ทนท alte Leute und Sterben langsam. Karl ist in der Zwischenzeit Oberregierungsrat geworden und lebt mit seiner Frau im Vogelsang.

Das Buch beginnt mit der Nachricht von Helene Trotzendorff, Witwe Mungo,an Karl, dass Velten gestorben sei und sie ihn darum bete, sein Leben niederzuschreiben. Daraufhin beginnt Karl mit den 'Akten des Vogelsangs' und begibt sich bald an das Todesbett seines besten Freundes, wo er auch ein letztes Mal auf Helene trifft. Das Besondere an diesem Werk sind die Intertextualität, die erzählerische Struktur und das Erzählverfahren.10 2,1 .Erzählform

Bevor ich auf den Hauptteil dieser Arbeit komme und die Intertextualität von „Die Akten des Vogelsangs“ untersuche, möchte ich mich kurz auf die Erzählform des Werkes beziehen, was meiner Meinung nach ein besseres Verständnis für die Arbeit von Wilhelm Raabe schafft. „Erinnerung und aktueller Kontext, erzählte Zeit und Erzählzeit überlagern sich.“11 In dem Buch verlaufen im Prinzip zwei Erzählungen, beziehungsweise zwei Erzählzeiten nebeneinander:

Es handelt sich einmal um die mit jener ehemaligen Vorstadt verknüpften Lebensgeschichten des Velten Andres, der Helene Trotzendorff und des Verfassers Karl Krumliardt. Zum Sujet gehören aber ebenso der Erinnerungsprozeß, in dem sich die Geschichte einer „Nachbarschaft“ und der drei von ihr ausgehenden Lebenswege gestaltet, und der Prozeß der Aufzeichnungen, in der sich der Erinnerungsprozeß niederschlägt.12

Das Geschehen wird durch den am Anfang erhaltenen Brief der Witwe Mungo an Karl und dem endlichen Treffen der beiden, welches durch den Brief veranlasst wurde, gerahmt:

Diese Einbettung der »Annalen und Historien des alten Vogelsangs« zwischen die Nachricht von Veltens Tod und das der Niederschrift vorausliegende, die Akten aber abschließende Gespräch ist das strukturelle Indiz, daß der ganze Erinnerungsprozeß von den Fraglichkeiten und Zweifeln in Gang gesetzt wird, die das Berliner Gespräch Krumliardt aufwirft.13

3. Intertextuelle Bezüge bei „Die Akten des Vogelsangs“

„Die Akten des Vogelsangs“ bieten meiner Meinung nach ein großes Feld zur Intertextualitätsforschung. Um einen Einstieg zu finden, möchte ich erst einmal auf den Einfluss eigener anderer Texte von Wilhelm Raabe auf „Die Akten des Vogelsangs“ eingehen. Eine Ähnlichkeit zur „Chronik der Sperrlingsgassen“ lässt sich kaum verleugnen. Reicht dies als intertextueller Bezug? Welchen intertextuellen Einfluss könnte der Text auf „Die Akten des Vogelsangs“ haben ? Raabe selbst äußerte sich über den Zusammenhang zwischen den beiden Texten in einem Brief an Marie Jensen14 „Jawohl, da liegt ทนท zwischen der Sperlingsgasse und dem Vogelsang die ganze Bescherung.“15 Vergleichend fällt auf, dass schon der Titel der beiden Werke sie miteinander zu verbinden scheint. Dem Leser bzw. Rezipienten wird suggeriert, dass es sich um eine Art Protokoll zu handeln könnte. Weiterhin finden sich Parallelen in der Erzählweise. So wie in „Die Akten des Vogel sangs“ die besondere Erzähl Struktur des Protokollisten Karl Krumhardt genutzt wird, schreibt in „Die Chronik der Sperrlinggasse“ Johannes Wachholder seine Geschichte und die der damit verbundenen Menschen nieder. Auch hier handelt es sich um eine Nachbarschaft. Ebenso steht eine Liebesbeziehung im Mittelpunkt. Allerdings gestaltet sich diese anders. Ich denke, es lässt sich die Verbindung so beschreiben, dass Wilhelm Raabe mit der „Chronik“ einen Anfang gesetzt hat und mit den „Akten“ das Ende seiner Schreiberschaft. Darauf weist er, wie oben schon bemerkt, auch selbst hin.

Weiterhin möchte ich auf eine Aussage von Wolfgang Preisendanz im Nachwort zu „Die Akten des Vogelsangs“ eingehen:

Nun ist auf die Funktion und Bedeutung des Zitats, ja ganzer Zitatergüste in Raabes Erzählkunst vielfach hingewiesen und eingegangen worden. Im Blick Stand vor allem seine Praxis, Bestände der geistesgeschichtlichen und literarischen Überlieferung, des kulturellen Erbes zu evozieren [...].16

Welche Zitate sind hier gemeint und welche intertextuelle Funktion bzw. Wirkung haben sie ?

Die Zitate und intertextuellen Bezüge in „Die Akten des Vogelsangs“ sind von unterschiedlicher Gewichtung und ziehen sich durch das gesamte Werk. Immer in den Handlungsverlauf eingebaut „In den »Akten des Vogelsangs« 121 begegnet zunächst eine gane Reihe nur einmal auftauchender und relativ lose mit dem Erzählgang verbundener Zitate [,..]“17 Ich möchte meine Analyse mit den ersten Zeilen des Textes beginnen. Am Anfang der Erzählung Stehen die Zeilen: „Die wir dem Schatten Wesen sonst verliehen, Sehn Wesen jetzt als Schatten sich verziehen.“18 Dieses Zitat stammt aus der Märchenerzählung Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Adelheid von Chamisso19 Es wird als das Motto der Geschichte angesehen.20 Auch Raabe selbst äußert sich in einem Brief an Paul Gerber über diese Zeilen „Auf der Buchausgabe werden sie ein Wort aus dem Peter Schlemihl finden, welches 40 Jahre nach der ,Chronik der Sperlingsgasse‘ nicht ohne Grund am Schlüsse einer so langen litt erari sehen Lebensarbeit steht.“21 In welchem Zusammenhang steht dieses Motto ทนท also mit den „Akten des Vogelsangs“ ? Bei Nathall Jückstock-Kießling Ich-Erzählen: Anmerkungen zu Wilhelm Raabes Realismus, heißt es: „Chamissos Schlemihl beschäftigte Raabe schon von Beginn seiner literarischen Karriere an; [,..]“22 Weiterhin fundiert sie diese Aussage unter anderem mit dem zuvor ebenso von mir zitierten Satz Raabes, über die Wahl der Anfangszeilen in seinem Buch.23 Außerdem hebt schon allein die Stellung des Zitates dieses vom Text ab, denn es ist vom Fließtext losgelöst. Ich denke es gibt ihm, natürlich abgesehen von der Funktion als Motto, eine einleitende Rolle. Der Leser setzt sich also erst einmal mit dem Zitat auseinander. Die beiden Geschichten Chamissos und Raabes gleichen sich in ihren Motiven:

Auf die zahlreichen, teils modifizierenden oder inversen Beziehungen, die die Geschichte Peter Schlemihls mit Raabes Erzählung verbinden (der berichtende Freund, Schlemihltum, die Motive des Reichtums, der verlorenen Braut, der Weltwanderschaft) sei hier nur hingewiesen.24

Somit ist der intertextuelle Bezug des Textes dargestellt und die Bedeutung des Referenztextes angedeutet. Das Zitat gehört zu den Hauptmotiven der Geschichte.25

[...]


1 Haas, Rosemarie; Einige Überlegungen zur Intertextualität ¡ท Raabes Spätwerk. Am Beispiel der Romane „Das Odfeld" und „Die Akten des Vogelsangs, ¡ท: Josef Daum/ Hans-Jürgen Schrader (Hg.) Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft. Tübingen 1992.

2 Meyer, Sven: Narreteien ins Nichts. Intertextualität und Rollenmuster เท Wilhelm Raabes „Die Akten des Vogelsangs", ¡ท: Dirk Göttsche/ Florian Krobb (Hg.) Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft. Tübingen 1960.

3 Ellen R. Dornhaus: Frauenbilder: Erlebnisse aus der Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit. S. 12.

4 http://www.vigilie.de/2006/wilhelm-raabe-18311910/ (22.03.2013)

5 Vgl. Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs, Stuttgart 2008, S. 225.

6 1852-1910, deutscher Bankdirektor, Literaturkritiker, Journalist.

7 Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs, ¡ท: Karl Hoppe (Hg., bearb. V. Hans Finck und Hans Jürgen Meinerts) Sämtliche Werke Braunschweiger Ausgabe . Freiburg im Breisgau und Braunschweig, S. 448-449.

8 Ebd., S. 449โ

9 http://www.braunschweig.de/literaturzentrum/museum/der-schriftsteller.html. (25.03.2013).

10 Jückstock-Kießling, Nathalie: Ich-Erzählen: Anmerkungen zu Wilhelm Raabes Realismus. Göttingen, 2004, S. 234-235.

11 Raabe. Die Akten des Vogelsangs. 227-228.

12 Ebd.,S. 227.

13 Ebd., S. 230.

14 1845-1921, enge Freundin von Wilhelm Raabe.

15 Raabe. Die Akten des Vogelsangs. S. 225.

16 Ebd., S. 231.

17 Müller, Joachim: Das Zitat im epischen Gefüge. Die Goethe-Verse in Raabes Erzählung „Die Akten des Vogelsangs"., ¡ท: Dirk Göttsche/ Florian Krobb (Hg.) Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft. Tübingen 1960.

18 Raabe. Die Akten des Vogelsangs. S, 3.

19 1781- 1838, Naturforscher, Erzähler, Lyriker.

20 Sowohl bei: Meyer.Narreteien ins Nichts. S. 110., als auch bei Haas. Zur Intertextualität in Raabes Spätwerk. S. 115 und bei Müller. Das Zitat im epischen Gefüge. S. 279.

21 Meyer. Narreteien ins Nichts. S. 110.

22 Jückstock-Kießling. Ich-Erzählen. S. 242.

23 Ebd. S. 243

24 Haas. Einige Überlegungen zur Inetrtextualität in Raabes Spätwerk. S. 115.

25 Meyer. Narreteien ins Nichts. S. 110.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wilhelm Raabes "Die Akten des Vogelsangs". Psychoanalytische Untersuchungen der Intertextualität
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
3,0
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V356416
ISBN (eBook)
9783668421554
ISBN (Buch)
9783668421561
Dateigröße
957 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm Raabe, Die Akten des Vogelsangs, Intertextualität, Textanalyse, Rosemarie Haas, Sven Meyer, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Wilhelm Raabes "Die Akten des Vogelsangs". Psychoanalytische Untersuchungen der Intertextualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356416

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