Zu den Gewässernamen Weichsel (Wisla) und Ucker


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2017
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Problemstellung

1 Grundlagen und Ergebnisse der Untersuchung

1.1 Die Etymologie des Wortes Wisla (Weichsel)

1.2 Die Etymologie des Wortes Ucker

Zusammenfassung

Literatur

Valentyn TARANETS (Odesa),

Inna STUPAK (Odesa)

Zum 75. Geburtstag

von Prof. Dr. Albrecht Greule

ZU DEN GEWÄSSERNAMEN WEICHSEL (WISLA) UND UCKER

Abstract. In diesem Artikel wird die Etymologie der obengenannten Flüsse durch morphologische und semantische Analyse von deren Komponenten untersucht. In der Antike fiel die Morphemstruktur mit der phonetischen des Wortes zusammen, das folgende Formen Wi-sla und U‑cker hatte. Im ersten Hydronym stammt /wi-/ von ide. * u̯ is- ʻFlussʼ und /-sla/, auch /-skla/ haben Bedeutung ʻslawischʼ von slo-(vjane)/skla-(viny), im ganzen Wisla > Weichsel ʻslawischer Flussʼ. Das nächste Hydronym ist verwandt mit dem Ethnonym Ucker, in dem die Bestandteile U-cker den Sinn ʻweg; fernʼ und entsprechend ʻHaustiere; Hirtenʼ haben, im Ganzen bedeutet der Begriff Ucker ʻHirten aus dem Berglandʼ (Verhovynci).

Schlüsselwörter: Etymologie, Hydronyme Weichsel (Wisla), Ucker, Slawen/ Sklavinen, die Ukrainer.

Problemstellung

Die Bezeichnungen von Flüssen, Strömen, Becken gehören zu den ältesten und relativ festen Namen, die trotz des Wechsels der Bevölkerung kaum umbenannt worden sind. Laut Forschern haben Gewässernamen eine einfache morphologische Struktur, die aus einem Stamm, einem Suffix und in manchen Fällen aus einer Flexion besteht. Die Wurzel besteht aus einem Sem, das „Wasser, fließen, Strom, Sumpf“ bedeutet, und wird mit Hilfe der Urformen *el- /*ol-, *wer-/*wor-, *ser- /*sor-, *ab-, *av-, *ӑp-, *adu-/*adro-, *akṷā, *am-, *drow-, *ahe - u. a. präsentiert.

Zum Beispiel Ala, Varma, Worm-, Farar, Sйrmas, Abava, Abula, Oder, Apos, Apsas, Aquila, Acher (Krahe 1964: 34-51). Durch die semasiologische und morphologische Analyse von zahlreichen Hydronymen und die sukzessive Entfernung der Schichten der Namen von Flüssen und Becken kam H. Krahe zur uralten Gruppe, die der indoeuropäischen Ursprache gehörte (Krahe 1954). Diese Schicht der indoeuropäischen Hydronyme gehört zur Übergangsperiode von der indoeuropäischen Ursprache bis zur Entstehung einziger alteuropäischer Sprachen (Mitte des 2. Jahrtausends). In der Zeit existierte nur eine gemeinsame Gewässerterminologie, die in vielen Sprachen dargestellt wurde (Krahe 1964: 77). Die Forscher glauben, dass uralte Hydronyme zum urindoeuropäischen Zeitalter gehören und sind um 1500 v. Chr. entstanden.

Spätere Namen von Gewässern verfügen über eine kompliziertere Struktur, sind Komposita und bestehen aus zwei und mehr Teilen. Als Beispiele kann man deutsche Stämme -bach, -graben, -kanal nennen, als Attribute kommen Lexeme vor, die einen Gewässernamen detaillieren und die Farbe von Wasser, seine Bewegung, Veränderung des Stroms usw. bezeichnen. Alte Namen mit slawischen Stämmen haben die Flüsse, die bis zur Ostseeküste gelangen. Bekannt ist das Hydronym des Flusses Wisla, das eine komplizierte Struktur und folglich eine relativ späte Entstehung aufweist. Auf besonderes Interesse stößt bei uns das späte Hydronym des Flusses Ucker, das auch ein paar Morpheme enthält, deren Bedeutung umstritten ist.

Ausgehend von existierenden Formen der erwähnten Hydronyme führen wir eine morphologisch-semantische Analyse der Bestandteile der Morpheme, deren Semantik unserer Meinung nach die Möglichkeit gibt, das Verstehen der ursprünglichen Motivation der erwähnten Hydronyme Wisla und Ucker auszudrücken.

1 Grundlagen und Ergebnisse der Untersuchung

Im Mittelpunkt unserer Forschung steht das Verständnis, dass die morphemische Struktur des Wortes aus historischer Sicht eine veränderbare Kategorie ist. Darauf wiesen die Wissenschaftler M. M. Guchmann, R. Schmitt-Brandt, S. B. Bernstein, E. G. Tumanjan. „Die Umwandlung des Suffixes ins Stammelement, das Verschwinden der morphemischen Grenze, die Entstehung des neuen Stamms gehören zu den ältesten morphologischen Prozessen in der Struktur des indoeuropäischen Wortes“, schrieb M. M. Guchmann (Guhman 1963: 25). Genauso finden Veränderungen des Suffixes im armenischen Wort statt, wo sich der Konsonant an den Stamm anschließt und „wird von ihm vollkommen absorbiert“, was die Änderung der Struktur verursacht (Tumanjan 1978: 333). Zum selben Schluss führen auch die Studie der morphemischen Struktur des Wortes und die Ergebnisse der Rekonstruktion ihrer uralten Form. Im Laufe der Entwicklung der Sprachen lässt sich eine feste Tendenz zur Komplikation der Struktur des Stammes feststellen. Anhand Beispiele aus der deutschen Sprache zeigte O. P. Dimirova, dass die Struktur des Stammes CVCC historisch aus der Struktur CVC+C abstammt, wo der letzte Konsonant sich an den Stamm infolge der Vereinfachung und der morphemischen Umwandlung im Rahmen eines Wortes angeschlossen hat (Dimirova 1996). Die Entwicklung der urindoeuropäischen Struktur des Wortes kennzeichnete sich durch phonetische Veränderungen im Rahmen des Wortes, was zur Entstehung von geschlossenen Silben, Kombinationen von Konsonanten insbesondere am Anfang und am Ende des Stammes führte. S. B. Bernstein bezeichnete die Veränderungen der Struktur des Wortes als eine Verschiebung der morphemischen Grenzen (Bernstein 1961: 132). Die Extrapolierung der erwähnten Tendenz auf eine ältere Periode der Existenz der indoeuropäischen Ursprache lässt vermuten, dass der ursprüngliche Stamm die Struktur CV und der des Wortes CVCVCV hatte, wo die Silbengrenze und die morphemische Grenze zusammenfielen (Kolomiec 1986: 46; Taranets 2009: 23). Die gezogene Schlussfolgerung bestätigen im Deutschen und im Ukrainischen solche Wortvergleiche: im deutschen Wort Landen ist an der Morphemgrenze die uralte Wurzel * lan - (nicht land - wie im Nhd.), dieselbe besteht auch im Wort ukr. lan (Feld, Acker), oder im deutschen Fel-der ist die uralte Wurzel * fel - (nicht nhd. feld -) ähnlich dem ukr. *pol-/*pil- (pol-je /Feld/, bei Toponym Zlato-pil ʼ).

Die Entstehung der grammatischen Kategorien in der Ursprache führte zur Desemantisierung der einzelnen Bestandteile des Wortes und zum Aufkommen der Suffixe und der Flexion. Infolgedessen entstand eine Drei-Morphem-Struktur des Wortes, die mit der Zeit für die Indoeuropäische Sprache typisch wurde. Die Drei-Morphem-Struktur verwandelte sich mit der Zeit in die Zwei-Morphem-Struktur. I. O. Bodujen de Kurtenje, schrieb, dass dieser Prozess in der urindoeuropäischen Epoche beginnt und in der slawischen Zeit „totale Abkürzung der Stämme zugunsten der Endung“ stattfand (Bodujen de Kurtenje 1963: 25). Ein vergleichbarer Prozess lässt sich auch in anderen indoeuropäischen Sprachen feststellen (Vergleichen Sie: germ. *dag-a-z, run. -dag-a-R, got. dag-s, deutsch Tag, engl. day).

Anschließend betrachten wir historische Veränderungen der morphologischen Struktur der Wörter, deren Wurzeln bei der Analyse der oben erwähnten Hydronyme benutzt werden. Beginnen wir mit dem slawischen Ethnonym „s lovjany

In der gegenwärtigen Form s lovjany betrachtet man gewöhnlich solche Bestandteile: Wurzel s lovʼ-, Suffix -jan- und Flexion -y. Die grammatischen Formanten -jan- und -y haben entsprechend possessive und pluralische Funktion. Doch s lovʼ- als Wurzel ist ein Resultat mit dem versetzten - vom alten Formant - vjan-. Das anlautende /v-/ gehörte historisch dem Suffix an. In jener Urzeit hatte das Ethnonym die Struktur s lo-vjany mit der Wurzel slo -, d. h., wie oben unterstrichen wurde, in der Anfangszeit der ide. Sprachen hatte das erforschte Wort eine andere Struktur, in dem die phonetischen und morphologischen Grenzen zusammenfielen. Dementsprechend erhält man im Ethnonym eine alte Morphemstruktur slo-vja-ne mit der Wurzel * slo -, ähnlich skla - findet sich auch im skla-vi-ny.

Ähnlich betrachten wir die alte Struktur des Ethnonyms Ucker-, verwandte Formen dessen sich wie zum Beispiel U е cker (Fluss ), Uckersee (See), Ueckerm ü nde (Flussdelta), Ukranen (948) , Ukrani (934), Vucrani (943), Wocranin (der Name des Stammes), Terra Ukera (ʻder Boden der Uckerʼ), Uckermark (Nippert 1996; Enders 1992) in unterschiedlichen deutschsprachigen Denkmälern finden.

Die älteste Form * ucker - besteht aus folgenden Bestandteilen: dem Präfix u - und der Wurzel - cker. Laut Forschungen fällt * u - mit dem indoeuropäischen Lexem * а u zusammen (Pokorny 2007: 207-210)[1]. Die Realisierung des ie. * а u kommt im urslawischen Präfix * u - mit der Bedeutung “weg, ab” (Schuster-Šewc 1988: 1695) vor. W. W. Lutschik analysiert in der ukrainischen Sprache den ie. Stamm * au und übersetzt ihn als „weggehen, verschwinden, Ferne, fern“ (Lutschik 1999: 3). Der Anlaut u - hat immer diese Bedeutung in den deutschen Texten und findet sich nicht mit dem Halbvokal w - im Unterschied zu den ukrainischen Wörtern Ukraina / Wkraina. Das lässt sich dadurch erklären, dass weder die Konsonantenverbindung wk - im Anlaut noch andere Zusammensetzungen mit der fallenden Artikulationsspannung in den germanischen Sprachen gebraucht werden (Taranets 1997), deshalb ist das Wort * ucker - eine Entlehnung. Wir vertreten den Standpunkt, dass das Hydronym Ucker vom Namen des Stammes Ucker abstammt, der beiderseits des Flusses wohnte. Es gibt allerdings eine entgegensetzte Meinung «Stammesname Ukranen benannt nach dem Fluss“ (Fischer 1996: 294). Laut Otto Schrader sind Ethnonyme im Vergleich zu Toponymen der Länder und der Ortschaft primär. „An erster Stelle steht das Volk, dann kommt das Land“, schrieb O. Schrader. Er weist darauf hin, dass es in den Liedern von Rigveda keine Namen der Länder gibt, sondern nur die der Völker (Schrader 2010: 55). Die angesiedelte Region nannten die Ucker Vocronin, später Ucrania, Ukera, Ucra, das erste schriftliche Denkmal stammt aus dem Jahr 943 und enthält die Namen Vucrani і Wocranin (Nippert 1996: 52). Die Bezeichnung des Landes der Ucker Uckermark erscheint zum ersten Mal im Jahr 1465 (Nippert 1996: 50).

Unserem Beitrag liegen die dargelegten Prinzipien der Entwicklung der Wortstruktur bei der Analyse der belegten Formen von benannten Hydronymen zugrunde. Diese Besonderheiten werden im Laufe der Untersuchung gründlich behandelt und im Weiteren konkret veranschaulicht. Wenden wir uns der Analyse der erwähnten Hydronyme und deren etymologischer Interpretation zu. Zahlreiche wissenschaftliche Studien und etymologische Wörterbücher enthalten unterschiedliche Meinungen über den Ursprung von den Hydronymen Wisla und Ucker.

1.1 Die Etymologie des Wortes Wisla(Weichsel)

Der alte Flussname W isla (Weichsel) hat folgende schriftliche Zeugnisse: Vistlam (15 n. Chr., AGRIPPA), Vistula (44 n. Chr., MELA), Vistlam, Visculus sive Vistla (70 n. Chr., PLINIUS) und andere (Udolph 2006: 356). Albrecht Greule betrachtet die Etymologie von Wisla und erwähnt drei Formen des Namens in römischen Quellen: Wisle (9. Jh.), Vistla (15. n. Cr.) und Viscla (3. Jh.), „wobei die beiden letzteren Formen als säkundäre Entwicklungen einer Form * Wislâ erklärt werden“ (Greule 2014: 577). Die Wurzel * u̯is - bedeute ‘Fluss’. Sie ist in Pokornyʼs Wörterbuch breit vorgestellt (Pokorny 2007: 1134): ide. * u̯eis- ʻzerfließen, fließenʼ, vgl. auch in einzelnen Sprachen: Ai. vēṣati `zerfließt', viṣá- n. `Gift'; arm. gēš `Aas'; gr. ἰ̄ός `Gift', dazu die kelt. FlN cymr. Gwy (*U̯eisā), aisl. veisa f. `Sumpf', engl. Wear (abrit. *U̯isuriā), gall. Visera > frz. Vesère, Visuvia > frz. la Vezouse usw.; agerm. FlN Wisura `Weser', lat. Visurgis ds.: vgl. die russ. FlN Vechra (zum Sož), ablaut.

[...]


[1] Vgl. O. Pruss., Lith., Ltv. au- ʻaway, fromʼ, O. C. S. u - prefix ʻaway, fromʼ (Pokorny 2007: 207)

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Details

Titel
Zu den Gewässernamen Weichsel (Wisla) und Ucker
Veranstaltung
Lehrstuhl für germanische und orientalische Sprachen
Note
2,0
Autoren
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V356565
ISBN (eBook)
9783668415478
ISBN (Buch)
9783668415485
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Albrecht Greule
Schlagworte
Etymologie, Hydronyme, Gewässernamen, Weichsel, Ucker, Visla, Wisla, Slawen, Slawinnen, Ukrainer
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Valentin Taranets (Autor)Inna Stupak (Autor), 2017, Zu den Gewässernamen Weichsel (Wisla) und Ucker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356565

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