Zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn. Fantastische Literatur nach Tzvetan Todorov


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
19 Seiten
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fantastische Literatur
2.1. Profil der fantastischen Literatur
2.2. Fantastische Literatur nach Todorov
2.3. Kritik an Todorovs Modell
2.4. Das Fantastische bei Der blonde Eckbert

3. Die Rolle von Wahnsinn in der fantastischen Literatur

4. Schlussgedanke

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche, sie ist Kühnheit und Erfindung.“ So nach Eugéne Ionesco, ein französisch-rumänischer Autor. Der Begriff das Fantastische ist weitläufig bekannt, der Bedeutung nach kann er jedoch auf verschiedenen Ebenen anders definiert werden. Umgangssprachlich wird er meistens als Synonym für die Adjektive großartig, unglaublich oder auch hervorragend verwendet.[1] Bildungssprachlich definiert sich das Fantastische als Art unerfüllbares Wunschbild, als etwas außerhalb der Wirklichkeit stehend oder auch als Illusion.[2] Der Duden liefert zum Gebrauch einige Beispiele, wie „in ihrem Kopf spucken allerlei fantastische Vorstellungen“[3]. Aus diesem Exempel wird ersichtlich, dass man mit dem Fantastischen auch paranormale, übersinnliche Ereignisse in Verbindung bringt. Mit dem Begriff Fantasie assoziiert man ebenfalls subjektive, unwirkliche Vorstellungen oder Zustände, die in der Realität derart nicht vorkommen. Wenn jemand eine rege Fantasie hat, besitzt er die Fähigkeit sich über die Wirklichkeit hinaus Dinge in seinem Kopf, seiner Vorstellung zu kreieren. Kreativität spielt demnach im Entstehungsraum des Fantastischen auch eine entscheidende Rolle. In der Literatur denkt man dabei sofort an die Gattung Märchen. Eine bekannte Phrase „Erzähl mir doch keine Märchen!“ deutet schon auf die richtige Richtung des Genres hin. Märchen sind erfundene Geschichten mit wunderbaren, in unserer Welt nicht vorhandenen Wesen. Es gibt Hexen, Elfen, sprechende Tiere und viele weitere imaginäre Figuren. Wenn die Rede von dem Fantastischen ist, dann wird deutlich ersichtlich, dass der Begriff Unwirklichkeit begleitend dazu auftaucht. Im Rahmen des Fantastischen entsteht etwas, dass nicht der Realität entspricht, ein Umstand der rational und mit bestehenden Naturgesetzen nicht erklärt werden kann. Profan gesagt wäre alles was bis dato nicht erforscht oder bewiesen worden ist unwirklich und fantastisch. Inwiefern kann man aber die Wirklichkeit eingrenzen, denn unser Verstand ist begrenzt und reicht nur bis zu einer bestimmten Dimension. Nur weil etwas mit dem menschlichen Auge nicht gesehen oder erklärt werden kann, sollte das nicht gleich zur Folge ziehen, dass es nicht existent ist. Wie Paul Watzlawick in seinem Buchtitel sich berechtigt gefragt hat „Wie Wirklich ist die Wirklichkeit?“[4], so wirft auch der Bereich des Fantastischen einige Fragen auf. Tzvetan Todorov instituiert dazu sein eigenes Modell der fantastischen Literatur, darin untersucht er das Verhältnis zwischen dem Fantastischen, Wunderbaren und dem Unheimlichen. Unteranderem richtet er eine weitere Definition des Fantastischen ein. In der folgenden Arbeit wird ein Profil der fantastischen Literatur erstellt mit Priorisierung auf Todorovs Modell, welches genauer untersucht und diskutiert wird. Es wird nicht versucht den Bereich des Fantastischen einzugrenzen oder zu definieren, es liegt „[…] in der Natur dieses Gegenstandes, daß er sich einer präzisen Definition grundsätzlich entzieht. Die Phantastik als ein bestimmtes, eingrenzbares Phänomen gibt es wohl nicht […].“[5]. Mitberücksichtig und analysiert wird das Verständnis von Wirklichkeit und Wahnsinn und die Rolle, die es bei der fantastischen Literatur trägt.

2. Fantastische Literatur

2.1. Profil der fantastischen Literatur

Die Anfänge der Fantastik spielten sich in den späten Zwanziger des letzten Jahrhunderts in Frankreich ab, dort war es ein häufig diskutierter Forschungsgegenstand, dessen Auftakt zeitgleich mit der Erscheinung übersetzter Werke von Hoffmann stattfand.[6] „Zu dieser Zeit wurden der Name Hoffmann und das Adjektiv fantastique synonym.“[7] Ernst Theodor Amadeus Hoffmann war der „[…] bekannteste und einflußreichste deutschsprachige Erzähler des Phantastischen […]“.[8] Als Autor erfuhr er im eigenen Leben das Gefühl der Zerrissenheit zwischen dem normalen Alltag und der gegensätzlichen Welt der Fantasie, die er in seinen Werken erschuf.[9] Ein Beispiel für Hoffmanns Leben liefert dafür sein Werk Der Goldne Topf, der in 12 Vigilien verfasst worden ist. Vigilie bedeutet Nachtwache und weist darauf hin, dass Hoffmann das Werk hauptsächlich nachts geschrieben hat. Das führt auf die Disharmonie seines Lebens zurück. Tagsüber musste er den normalen Bürger spielen und erst nachts konnte er sich zu dem fantastischen Autor entfalten, der er war. Vorerst haben die französischen Theoretiker sich mit dem Definitionsversuch des Fantastischen auseinandergesetzt.[10] „Die englische und die deutsche Literaturwissenschaft haben dem Begriff weniger Begeisterung entgegengebracht; erst seit der Erscheinung von Todorovs Introduction á la littérature fantastique im Jahre 1970 gilt er als feste literarische Kategorie im außerfranzösischen Raum.“[11] Frankreich spielte zwar eine bedeutende Funktion bei dem Diskurs der fantastischen Literatur, war jedoch nicht allein verantwortlich für die Weiterentwicklung des Forschungsgegenstandes.[12] Im Allgemeinen wurde bis heute keine universelle Definition des Fantastischen festgelegt, was wiederrum den Charakter deutlicher beschreibt. Jürgen Lehmann versteht die Phantastik als ein Schwellen- und Ambivalenz Phänomen.[13] Eine Schwelle zweier Disparitäten, die mit einander eine Verbindung eingehen, in gewissermaßen ein Balancieren zwischen zwei gegensätzlichen Welten.[14] Ein Beispiel dazu wäre eine Schwelle zwischen Leben und Tod, Wirklichkeit und Unwirklichkeit, Traum und Realität und diese Schwellenmomente beider Welten bleiben bis zum Schluss bestehen, was laut Lehmann ein Effekt der Fantastik ist.[15] Der Effekt entsteht dabei aus der Unsicherheit des Lesers, der sich für eine der Oppositionen entscheiden kann oder auch muss.

„Zur Konstruktion des Ambivalent-Phantastischen in Kunst und Literatur gehört auch die Überschreitung von Diskurs- und Gattungsgrenzen. Der Uneinheitlichkeit, der Differenziertheit, ja der Widersprüchlichkeit ihres Gegenstandes korrespondiert eine Polyphonie von Gattungen, Stilen, Zeichensystemen.“[16]

Die unscharfe Darstellung der Gattung des Fantastischen und die Vermischung mit anderen Genres gehört somit zu ihrem Charakter, sie zielt darauf ab ein Diskussionsfähiges Bild abzugeben. „Es ist überhaupt nicht das Ziel phantastischer Geschichten, Glauben an okkulte Ereignisse und Gespenster hervorzurufen. […] Die phantastische Literatur spielt sich auf dem Niveau des rein Fiktiven ab. Sie ist in erster Linie ein Spiel mit der Angst.“[17] Die Literatur des Fantastischen zielt in dem Fall auf die Reaktion des Lesers ab, der sich fürchten soll beim Lesen. Es geht, wie im Zitat angemerkt worden ist, nicht primär um den Glauben an das Übersinnliche, sondern um die entstehende Unsicherheit des Lesers über eine Gegebenheit, die der Autor kreiert. Wie später bei Todorovs Modell der fantastischen Literatur festzustellen sein wird, betont dieser ebenfalls die unerlässliche Reaktion des Lesers für das Fantastische. Lars Gustafsson schildert die Welt, die in der Fantastik gezeichnet wird als undurchschaubar und demnach im Gegensatz stehend zur rationalistischen Sichtweise.[18] Es kommt erneut die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt in der vom Autor gegebenen Wirklichkeit auf. Der Leser wird in eine Situation gebracht, in der er sich mit seiner Ratio und dem Wissensstand der Naturwissenschaft entscheiden soll welcher Umstand der Wirklichkeit entspricht. „Phantastik wird dabei dominant als Ambivalenzphänomen verstanden, in dessen Rahmen eine bestehende Opposition von Realem und Irrealem gerade in Frage gestellt wird […]“.[19] Dadurch erscheint die fantastische Literatur jedoch sehr undifferenziert, da die Entscheidung einem subjektiven Leser obliegt. Tolkien sieht das Fantastische nicht als eine Gattung an, er erkennt die Fantastik als Resultat stimulierender Literatur an, die sich wieder reaktionär beim Leser ergibt.[20] Durch Worte entstehen Texte, durch Texte Geschichten und das ist der Ursprung eines Jedermann Fantasie. Anders als im Film oder auf Bildern bleibt bei dem geschriebenen Wort die Freiheit, sich mittels der eigenen Fantasie Bilder auszumalen und neu zu erfinden.[21] In der Fantastik wirft das folglich Schwierigkeiten auf sich in gezeichneten oder gemalten Bildern darzustellen. Unteranderem wird auf die Kreativität hingewiesen, die im Bereich des Fantastischen unabdingbar ist.

„Tolkiens Bestimmung des Phantastischen: ‚Bilder von Dingen, die nicht nur nicht aktuell gegenwärtig sind, sondern die in unserer Erfahrungswelt nicht einmal vorkommen oder von denen man meint, daß sie nicht vorkommen…‘ Dergleichen zu erfinden ‚ist aber kein Laster, wie so oft behauptet wird, sondern eine Tugend. Phantastik in diesem Sinne ist nicht eine geringere, sondern eine höhere Form der Kunst, tatsächlich die reinste Form und, sofern sie gelingt, auch die potenteste.‘“[22]

Eine Unwirklichkeit zu schaffen sollte nicht als verwerflich oder verrückt angesehen werden, sondern viel mehr als Kunst, so nach Tolkien. Der Mensch hat generell Angst vor dem Unbekannten, bei der fantastischen Literatur gehört diese gewisse Unsicherheit dazu. Sie lebt aus dieser Unwissenheit, der Unsicherheit des Rezipienten und des Unerforschten. Die fantastische Literatur lässt sich schwer eingrenzen und definieren, weil sie auf etwas Grenzenloses hinstrebt, was der menschliche Verstand nicht vollständig begreifen kann und über Definitionen versucht einzupferchen. Den Begriff Fantasie einzugrenzen wäre ebenfalls schwer, weil es ein Prozess im Kopf ist, der bei jedem unterschiedlich ausfällt und funktioniert. Eine andere Sichtweise über die Fantastik liefert Jacquemin Georges. „So schreibt Jacquemin dem phantastischen Moment ordnende Funktion zu, denn ‚die Ordnung, die vor dem Erscheinen des Phantastischen herrscht, ist nur scheinbar‘. Erst durch den Riß wird also das Bild der Wirklichkeit komplett bzw. wahrhaftig.“[23] Mit der scheinbaren Ordnung ist demzufolge die Realität gemeint, über die man letztendlich doch nur gering im Bilde ist. So komplementiert sich in gewissermaßen das Weltverständnis und die Wirklichkeit durch die Erfindung neuer Wirklichkeiten. Zusammenfassend kann man beobachten, dass alle Theorien über die Fantastik von einem irrealen Element begleitet werden, welches in der strikt nach rationalistischen Regeln geordneten Welt auftritt.[24]

[...]


[1] Duden: Rechtschreibung, Bedeutungsübersicht (http://www.duden.de/rechtschreibung/fantastisch)

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. 9. Aufl. ungekürzte Taschenbuchausg (Serie Piper 4319). München: Piper, 2011

[5] Christine Ivanović [u.a.] (Hgg.): Phantastik - Kult oder Kultur? Aspekte eines Phänomens in Kunst, Literatur und Film ; [der Band ist hervorgegangen aus einem - anläßlich der Ausstellung "Phantastik am Ende der Zeit" (2000) - durchgeführten Kongreß in Erlangen] (M-&-P-Schriftenreihe für Wissenschaft und Forschung Kulturwissenschaften). Stuttgart: Metzler, 2003, S. 25

[6] Kenneth B. Woodgate: Das Phantastische bei E.T.A. Hoffmann (Helicon Bd. 25). Frankfurt am Main, New York: P. Lang, 1999, S. 15

[7] Ebd., S. 15

[8] Rein A. Zondergeld: Lexikon der phantastischen Literatur. 1. Aufl. (Suhrkamp-Taschenbuch 880). Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1983, S. 126

[9] Ebd., S. 126

[10] Ebd., S. 11

[11] Woodgate (Anm. 6), S. 15

[12] Christian Werner Thomsen (Hg.): Phantastik in Literatur und Kunst. Darmstadt: Wiss. Buchges, 1980, S. 14

[13] Ivanović [u.a.] (Anm. 5), S. 25

[14] Ebd., S. 27

[15] Ebd., S.27-28

[16] Ebd., S. 33

[17] Elmar Hennlein: Erotik in der phantastischen Literatur (Germanistik in der Blauen Eule 3). Essen: Verl. Die Blaue Eule, 1985, S. 16

[18] Ebd., S. 16

[19] Ivanović [u.a.] (Anm. 5), S, 28-29

[20] Thomsen (Anm. 12), S. 56

[21] Ebd., S. 56

[22] Ebd., S. 56

[23] Hennlein (Anm. 17), S. 15

[24] Ebd., S. 18

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn. Fantastische Literatur nach Tzvetan Todorov
Hochschule
Universität Augsburg
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V356580
ISBN (eBook)
9783668423138
ISBN (Buch)
9783668423145
Dateigröße
860 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fantasie, Fantastische Literatur, Tzvetan Todorov, Wirklichkeit, Wahnsinn, Märchen
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn. Fantastische Literatur nach Tzvetan Todorov, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356580

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