Hybridität und Identität einer Heimatlosen. Raumtheorien in Françoise de Graffignys "Lettres d'une Péruvienne"


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Räumliche Differenzierung nach Edward W. Soja
2.1 Thirding-as-Othering
2.2 Thirdspace: eine Annaherung

3. Räumliche Differenzierung nach Homi K. Bhabha
3.1 Identität und ihre Unterscheidung zwischen CulturalDiversitiy und Cultural Difference
3.2 Hybridität und der dritte Raum

4. Raumtheoretische Betrachtung Franfoise de Graffignys Lettres d’une Péruvienne ..
4.1 Reale Raume im Roman
4.2 Zilias Heimatlosigkeit
4.3 Symbolische Raume - der Schreibraum als dritter Raum

5. Fazit

1. Einleitung

„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“[1]

„Ausländer“, „Exotismus“, „Diaspora“[2]: Schlagworter, die nicht nur in der aktuellen, globalisierten Welt hohen Stellenwert besitzen. Mit dem Beginn des Kolonialismus folgte die Konfrontation mit „fremden“ Kulturen erstmals auf globaler Ebene - die Ana­lyse von Kulturen - und demzufolge Identitäten - als etablierte Wissenschaft wurde geboren. Oft thematisiert in Niederschriften der Aufklarung, schaffte Franfoise de Graffigny mit ihrem Werk Lettres d’une Péruvienne einen popularen Briefroman, der zu der Zeit als ein unterhaltendes Medium mit ebenjener Thematik diente. Um komplexere Wechselwirkungen zwischen Kulturen naher zu analysieren, bildeten sich indes in der geistigen Stromung des Postkolonialismus Hypothesen heraus, die das konventionelle Denkvermogen sprengten: Raumtheorien.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Logik und einige Hauptbegriffe der postkolonialen Raumtheorie darzustellen und auf ihre Bedeutung fur den Roman Lettres d’une Péruvienne hinzuweisen. Dabei wird begrundet, inwiefern Raum mit Identität und Heimatlosigkeit der Protagonistin des Romans einhergeht. Als einen wichtigen Aspekt der Raumtheorie soll Homi Bhabhas Begriff der Hybridität und deren Entwicklung im dritten Raum behandelt werden.

Dazu skizziert die Arbeit zunachst postkolonialistische Denkstrukturen des Edward Soja, um so seine Rauvorstellung zu erlautern. Anschliefiend wird Homi K. Bhabhas Kulturverstandnis angefuhrt, die als Grundlage fur seine Überlegungen zu Raum und die damit zusammenhangende Bildung von Identitäten dient. Schliefilich werden die gewonnenen Erkenntnisse an Franfoise de Graffignys Briefroman angewandt und deren Bedeutung fur die Protagonistin analysiert.

2. Räumliche Differenzierung nach Edward W. Soja

2.1 Thirding-as-Othering

Im Zuge der Entkolonialisierung entwickelte sich die geisteswissenschaftliche Stromung des Postkolonialismus. Diese befasst sich mit den politischen, soziologischen und kulturellen Problemen der Weltordnung, die sich damals neu konstruierten. Die Konflikte zwischen Kolonialmacht und Kolonisierten erreichten dabei immer komplexere Dimensionen, deren explizite Einordnung in wissenschaftliche Teildisziplinen sich wiederum als ebenso problematisch erwies. So war es Edward W. Soja, der als einer der ersten Gelehrten jene Konfliktdimensionen benannte und theoretisierte, um infolge dessen die Zusammenhange menschlichen Lebens interdisziplinär zu erklaren (Vgl. 2).[3] Dabei waren deren Einordung in Historizitat und Sozialitat maBgebend: “Every life, every event, every activity we engage in is usually unquestionably assumed to have a pertinent and revealing historical and social dimension.”(2) Jene Zweiteilung erschien aber nicht ausreichend, um die Komplexitat vorher genannter Konfliktdimensionen zu erklaren:

Without reducing the significance of these historical an social qualities or dim­ming the creative and critical imaginations that have developed around their practical and theoretical understanding, a third existential dimension is now pro­vocatively infusing the traditional coupling of historicality-sociality with new modes of thinking and interpretation. As we approach the fin de siècle, there is a growing awareness of the simultaneity and interwoven complexity of the social, the historical, and the spatial, their inseparability and interdependence. (2 f)

Die dritte zusatzliche Komponente, der Raum, schafft also einen imaginaren Ort der Reflexion uber die Wechselwirkung zwischen Historizitat und Sozialitat. Um jedoch den vorherrschenden Dualismus zu einer Trinitat zu erweitern, muss eine Entfernung geschlossener entweder / oder Opposition zwischen zwei Zusammenhangen, Konzepten oder Elementen (vgl. 60) erfolgen. Beispielhaft dafur sind komplementare Paarungen, wie Subjekt-Objekt, geistig-materiell, naturlich-sozial, Bourgeoisie-Proletariat oder etwa in diesem Fall Historizitat-Sozialitat. Diese werden aufgespalten und um eine drit­te Komponente erganzt, welche nicht nur die originale Paarung oder deren Kombination beinhaltet, sondern Anreize zu kontinuierlichen Neuinterpretationen der binaren Wech­selwirkung produziert. Dieses Phanomen wird als critical thirding-as-Othering bezeichnet, eine Transformation von einer entweder / oderzu einer radikal offenen sowohl /als auch Logik (vgl. 60).

Thirding introduces a critical “other-than” choice that speaks and critiques through its otherness. That is to say, it does not derive simply from an additive combination of its binary antecedents but rather from a disordering, deconstruction, and tentative reconstitution of their presumed totalization producing an open alternative that is both similar and striking different. (61)

Anders verbalisiert eroffnet die dritte Komponente eine unendliche Kette von Abspaltungen statischer Konstruktionen, die in eine unaufhorliche Kontinuitat von Erkenntnisgewinnung resultiert. Zur Veranschaulichung seines Konzepts fuhrt Soja diverse Worttriaden an, unter denen Prasenz-Absenz-Reprasentation genannt werden (70). „Reprasentation“ als weiterfuhrendes Element der „Prasenz-Absenz“ Wortpaarung kann als Vertretung einer nicht anwesenden Person bzw. Gruppe definiert werden. Der Reprasentant ist zwarprasent, tritt aber an Stelle des Absenten. Er vereint folglich diese binare Opposition. Weiter stellt er nicht nur Auffassungen des Fehlenden, sondern unterbewusst auch die eigenen dar. Die Kombination dieser entwickelt wiederum neue Betrachtungsweisen, die - je nach Situation - variieren; es erfolgt folglich eine unendliche Erschaffungskette eines third oder an-Other Komponenten.

2.2 Thirdspace: eine Annaherung

In gleicher Weise kann Raumlichkeit an sich eine Vielzahl von Dimensionen erreichen. Soja fuhrt in Folge dessen sein Thirding-as-Othering Verstandnis fort und entwickelt ein kritisches, trinares, revolutionares Raumverstandnis, die sog. Trialectics of Spatiality.[4] Ziel dabei ist es, Konfliktpotenziale zwischen Herrscher und Beherrschten des Postkolonialismus zu differenzieren und lokalisieren. Dabei wird zwischen dem ersten, zweiten und dritten Raum unterschieden. Firstspace, der wahrgenommene Raum, beschreibt einerseits den Forschungsgegenstand der klassischen Geografie, ist empirisch messbar und physisch zuganglich (Vgl. 75). Er ist das Haus, der Saal, das Boot, in dem man sich befindet. Andererseits werden im Firstspace raumliche Erklarungen fur soziale, psychologische und biophysische Prozesse erkundet (Vgl. 75), wie beispielsweise regionale Unterschiede in politischen Netzwerkbildungen oder der Interaktion zwischen Individuen auf privater Ebene. Diese hangen von der „historischen Entwicklung, dem Klassenbewusstsein, den kulturellen Praferenzen oder aber von rational okonomischen Entscheidungsfindungen“[5] der jeweiligen Region ab. Die gesammelten Ergebnisse werden im Anschluss darauf empirisch gemessen und mathematisch analysiert; eine Zugehorigkeit zur empirischen Sozialforschung kann somit festgestellt werden. Im Secondspace, dem mentalen Raum, werden die materiellen Wahrnehmungen des Firstspace nicht empirisch erfasst, sondern rein diskursiv auf geistiger Ebene analysiert. Dadurch werden reflexive, subjektive und philosophische Betrachtungsweisen zur Erklarung raumlicher Zusammenhange herangezogen:

Secondspace is the interpretive locale of the creative artist and artful architect, visually or literally re-presenting the world in the image of their subjective imaginaries; the utopian urbanist seeking social and spatial justice through the appli­cation of better ideas, good intentions, and improved social learning; [...]; the spatial semiologist reconstituting Secondspace as “Symbolic” space, a world of rationally interpretable signification. (79)

Hier lasst sich feststellen, dass die Grenzen zwischen erstem und zweitem Raum verwassert werden und sich uberschneiden; beide setzen die materielle Wahrnehmung zur Gewinnung neuer Erkenntnisse voraus. Zudem wird eine Wahrung der Wissenschaftlichkeit streng genommen in der Reflexion im Secondspace nur durch empirische Fakten des Firstspace vollbracht. Fur die weiterfolgende Abgrenzung zum Thirdspace wird nun das Thirding-as-Othering Theorem angewandt. Die Komplexitat menschlichen Lebens kann nicht allein durch den ersten und zweiten Raum erklart werden - es wird eine dritte, weiterfuhrende Komponente benotigt. Hier wird die bis dato geltende Firstspace- Secondspace-Epistemologie der Geografie aufgespalten und neu konstruiert (66); der dritte Raum verfugt zwar uber eine binare Kombination materieller und mentaler Inhalte des ersten bzw. zweiten Raumes, dekonstruiert diese jedoch fortlaufend und interpretiert sie neu. Es folgt ein unendlicher Rekonstruktionsprozess, der weit in die Metaebene geht. Soja kreiert somit einen Raum, der „radikal offene“ (70) Interpretationsspielraume setzt. Infolgedessen erweist sich eine akkurate Begriffsdefinition als diffizil:

Thinking trialectically is a necessary part of understanding Thirdspace as a limit­less composition of lifeworlds that are radically open and openly radicalizable; that are all-inclusive and trans-disciplinary in scope yet politically focused and susceptible to strategic choice; that are never completely knowable but whose knowledge none the less guides our search for emancipatory change and free­dom from domination. (70)

In Sojas Thirdspace Konzeption erfolgt demnach die Analyse und Problemfindung postkolonialer Konflikte. AbschlieBend stellt sich Soja die Frage: „Is it consciousness that produces the material world or the material world that produces consciousness?”(S. 65) Der Thirding-Theorie angelehnt lautet die Antwort: sowohl als auch. Die kombinatorische dritte Wahl - welche durch das interdependenzielle Verhaltnis, in dem das Bewusstsein und die materielle Welt zueinander stehen, entsteht - charakterisiert sich weit in den Spharen der Metaebene; sie druckt somit den Einfluss verschiedenartigster Relationen aus. Bildlich gesprochen schlieBt das Bewusstsein aufgrund vielfaltiger Zusammenhange auf die materielle Welt, die wiederum, durch andere Aspekte verleitet, das Bewusstsein verandert. Ein unendlicher Thirding-as-Othering Prozess wird kreiert.

3. Räumliche Differenzierung nach Homi K. Bhabha

3.1 Identität und ihre Unterscheidung zwischen Cultural Diversitiy und Cultural Difference

Im Gegenzug zu Sojas geographischer Konzeption verfolgt Homi K. Bhabha literaturwissenschaftliche Methoden, um postkoloniale Differenzen zwischen Kolonisator und Kolonisiertem zu verdeutlichen. Dabei liegt Bhabhas Fokus auf der Identitätsbildung innerhalb des postkolonialen Diskurses; die Ambivalenz von Identität stellt hier ein Hauptmerkmal kolonialer Verhaltnisse dar:

[...] identification might always hold out the fantasy of full and stable identity, but that identity is immediately threatened by loss because [...] identification is part of a circulation of relations rather than a one-way fixed relation.[6]

Huddard fuhrt hierbei Bhabhas Grundverstandnis bezuglich des Kulturbegriffs an: die Unterscheidung zwischen kultureller Vielfalt / cultural diversity und kultureller Differenz / cultural difference. Nach Bhabha mussen postkolonialistische Gesellschaften pluralistische Strukturen verwerfen, um Machtverhältnisse zwischen unterdruckender / westlicher Kultur und unterdruckter / östlicher Kultur innerhalb nationaler Territorien zu marginalisieren.

Dem assimilatorischen oder monokulturellen Paradigma und dem dissmilatorischen oder multikulturellen Paradigma liegt in der Regel dieselbe analogische, statische und dekontextualisierende Tendens zugrunde, die Bhabha mit dem Begriff „cultural diversity“ verbindet und die er zugunsten flexiblerer Konzepte zu uberwinden versucht.[7]

So muss die Annahme, dass Kulturen als statische, endliche Totalitaten ausgelegt werden, verworfen werden, da dies ethnozentristische Denkweisen und somit hierarchische Strukturen herausbilden wurde; kulturelle Minoritaten werden demnach untergeordnet, „denn diese Vorstellung rekurriert erstens unwillkurlich auf ein statisches Identitätskonzept, das im Kontext des sich enorm beschleunigenden sozialen Wandels zunehmend funktionsuntuchtig wird.“[8] Kulturen bzw. Identitäten sollen jedoch miteinander vernetzt und veranderbar sein, sich harmonisieren und entwickeln. Nach Bhabha sind

„Kulturen [...] niemals in sich einheitlich, und sie sind auch nie einfach dualistisch in ihrer Beziehung des Selbst zum Anderen. Dab ein kultureller Text oder ein kulturelles Bedeutungssystem sich nicht selbst genugen kann, liegt daran, dab der Akt des kulturellen Ausdrucks - der Ort der Auberung - von der diffe­rence des Schreibens uberkreuzt wird. [...] es geht hier also nicht um den Inhalt des Symbols oder seine soziale Funktion, sondern um die Struktur der Symbolisierung.“[9]

Ergo drucken Kulturen Differenz - bildlich gesprochen also die Uberschneidung kultu­reller Unterschiede - und Ambivalenz aus. Kultur dient demgemab als Mittel, die eigene Identität im Diskurs auszudrucken und ist „ein Ort, in dem sich Bedeutungen immer wieder neu entfalten konnen und in diskursiven Prozessen hergestellt werden.“[10] In diesem Punkt verschieben sich Machtrelationen; cultural diversity bewirkt eine Verflachung hierarchischer Einheiten, indem sich die Rolle des Subjekts / des Unterdruckenden und des Objekts / des Unterdruckten durch den Dialog verschiebt:

„Wenn ich hier die Gegenwart der Auberungspraxis in der Artikulation der Kul­tur besonders herausstelle, dann deshalb, um uber einen Prozeb zu verfugen, durch den objektifizierte andere in die Subjekte ihrer Geschichte und Erfahrung verwandelt werden konnen“[11]

Das Subjekt formiert sich also nicht mit einer starren Identität - denn diese ist „nie ein von vornhinein gegebenes, fertiges Produkt“[12] - sondern durch einen Prozess der Identifikation mit dem Anderen / dem Objekt.

[...]


[1] Theodor Fontane, 1892.

[2] Der Begriff „Diaspora" wird in Kapitel 4.2 naher erlautert.

[3] Zahlen in runden Klammern bezeichnen Seitenzahlen in: Soja, Thirdspace. Journeys to Los Angeles and otherreal-and-imaginedplaces, Oxford: Blackwell Publishers, 1996.

[4] Edward W. Sojas Raumverstandnis baut auf die Erkenntnisse von Henry Lefebvre, der die Dreiteilung des Raumes als lediglich soziales Konstrukt erkannte, also der Wechselwirkung zwischen Individuum und Raum. Soja dagegen erganzt die soziale mit einer politischen, postmodernen Komponente. (Weber, Angela: Im Spiegel der Migration. Transkulturelles Erzahlen und Sprachpolitik bei Emine Sevgi Ozdamar, 112)

[5] Ubersetzung d. Verf. aus: Soja, Thirdspace, S. 77.

[6] Huddard, Homi K. Bhabha, S.44.

[7] Hamman, Raume der Hybridität, S. 55.

[8] Ebd., S. 57.

[9] Bhabha, Die Verortung der Kultur, S. 54.

[10] Struwe, ZurAktualitat von Homi Bhabha, S. 43.

[11] Bhabha, Die Verortung der Kultur, S. 265.

[12] Ebd., S. 75.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Hybridität und Identität einer Heimatlosen. Raumtheorien in Françoise de Graffignys "Lettres d'une Péruvienne"
Hochschule
Universität Passau
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V356591
ISBN (eBook)
9783668430273
ISBN (Buch)
9783668430280
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hybridität, identität, heimatlosen, raumtheorien, françoise, graffignys, lettres, péruvienne
Arbeit zitieren
Elmedina Blaca (Autor), 2014, Hybridität und Identität einer Heimatlosen. Raumtheorien in Françoise de Graffignys "Lettres d'une Péruvienne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356591

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