Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim und Max Weber im Vergleich


Hausarbeit, 2002
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Gesellschaftsbegriff bei Emile Durkheim
2.1 Der zeitgeschichtliche Hintergrund
2.2 Vorstellungen über Gesellschaft in seinen Frühschriften
2.3 Das Gefühl der Obligation
2.4 Gemeinschaft und Gesellschaft

3. Der Gesellschaftsbegriff bei Max Weber
3.1 Sinn, Handlung und Ordnung -Webers Grundbegriffe
3.2 Vergesellschaftung und Gesellschaftshandeln
3.3. Kategorien der Ordnung und Struktur

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Max Weber (1864-1920) und Emile Durkheim (1858-1917) gilt es in dieser Arbeit anhand ihrer Begriffes von Gesellschaft zu vergleichen. Ihre herausragende Stellung innerhalb der Geschichte der Soziologie brauch hier nur am Rande erwähnt werden. Beide Autoren gelten als Klassiker und finden in moderner Literatur stetig Verwendung.

Über den Gesellschaftsbegriff versuche ich elementare Einsichten über Ihre Vorstellungen von den sozialen Dingen zu erhalten. Dies ist meiner Ansicht nach auch naheliegend, begründet sich das doch Thema aus dem Wort „Soziologie“, - lat. societas - die Lehre von der Gesellschaft.

Notwendig scheint zunächst, dass beide Autoren auch über einen klar definierten Begriff von Gesellschaft verfügen. Durkheim lässt in diesem Fall kaum Wünsche offen – was bitte nicht mit einer einfältigen Betrachtung seinerseits verwechselt werden sollte-, wohingegen der Zugang zu Max Weber etwas steiniger war:

Weber kommt auf den ersten Blick ohne einen Gesellschaftsbegriff aus. Im Gegensatz zu Durkheim verwendet er diesen Ausdruck selten explizit, was eine Methode hinter diesem Vorgehen vermuten lässt, auf die ich im Laufe dieser Ausarbeitung noch eingehen werde.

Anhand einer begrenzten Auswahl von Aufsätze wird an dieser Stelle versucht, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie beide Autoren Gesellschaft gedacht haben.

Anspruch auf Vollständigkeit kann selbstverständlich, nicht erhoben werden, da die Auswahl der besprochenen Punkte meiner subjektiven Meinung über deren Wichtigkeit unterlag.

2. Gesellschaftsbegriff bei Emile Durkheim

2.1 Der zeitgeschichtliche Hintergrund

Der Zugang zu Durkheims Werk wird durch die Kenntnis um den zeitgeschichtlichen Hintergrund erleichtert. Seine frühen Schriften wurden am Ende des 19. Jahrhunderts verfasst, eine Zeit des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Den unter Punkt 2.3 behandelten Aufsatz über das Gefühl der Obligation schrieb Durkheim im Jahr 1906; somit zu einer Zeit, in der die industrielle Revolution in Frankreich - wie unter anderem auch in Deutschland – bereits weit vorangeschritten war und tiefgreifende Veränderungen mit Folgen für Staat und Gesellschaft mit sich führte. In Europa entstanden Industriereviere, daraus resultierenden Ballungszentren und Kapitalgesellschaften, die beispielsweise wiederum für den kostenintensiven Ausbau des Eisenbahnnetzes nötig wurden.

War zu Beginn dieser industriellen Entwicklung die Fabrik im Besitz des Unternehmers oder einer Familie, so kündigte die Aktiengesellschaft[1] als vorherrschende Unternehmensform seinerzeit einen grundlegenden Wandel in den Besitzverhältnissen an.

Naturwissenschaftliche Entdeckungen und Erkenntnisse wirkten sich direkt auf das Leben der Menschen aus; so ermöglichte eine effizientere Nutzung der Böden die Versorgung der stark wachsenden Bevölkerung. Die Naturwissenschaft als Leitwissenschaft hatte ebenfalls starken Einfluss auf Philosophie und die im Entstehen begriffene Soziologie bzw. den Geisteswissenschaften. Auguste Comte (1798-1857) übernahm sozusagen das Paradigma der Naturwissenschaften, verwarf alles, was über das Gegenständliche dieser Welt hinaus ging und hielt sich nur an tatsächlich gegebene und beobachtbare Tatsachen (--> Positivismus), die durch Experiment und Beobachtung untersucht werden müssten.

2.2 Vorstellungen über Gesellschaft in seinen Frühschriften

In Durkheims frühen Schriften, beginnend mit seiner Eröffnungsvorlesung zur Einführung in die Sozialwissenschaft 1887 in Bordeaux, lassen sich seine Vorstellungen über Gesellschaft relativ leicht entnehmen[2]. In der Übersetzung zeichnet Durkheim seinen Weg der Sozialwissenschaft zu einer echten Wissenschaft von der Gesellschaft nach. Wir können gerade hier viel über seine Einflüsse, seinen Bezug zur Naturwissenschaft, seine Methode und ganz allgemein über seine Vorstellungen gesellschaftlicher Entwicklung entnehmen.

Zwar nicht frei von Widersprüchen – an vielen Stellen wendet sich Durkheim beispielsweise gegen die Einbeziehung des Zufalls[3] in die Untersuchung von sozialen Tatsachen, um einige Absätze weiter von der Gesellschaft als einen Baum zu sprechen, „dessen Zweige von allen Punkten des Stammes aus nach Zufall entsprießen“[4] – so finden sich gerade in diesen frühen Werken – wenn man so will skrupulöser als bei Weber offengelegte- Kernpunkte seiner Theorie, die seine späteren Aufsätze verständlicher werden lassen.

In der Einleitung zu den Übersetzungen von Lore Heisterberg geht die Autorin auch auf die Funktion dieser frühen Aufsätze ein; sie sollen demnach Durkheims Weg zu einer echten Wissenschaft von der Gesellschaft aufzeigen können[5].

Durkheims Entscheidung für sein Engagement in die Wissenschaft von den sozialen Dingen liegen verschiedene biografische Ursachen zu Grunde, die ich kurz ansprechen möchte[6].

Heisterberg verweist in diesem Zusammenhang auf einige Schlüsselerlebnisse, die seine späteren Schriften beeinflusst haben. Durkheim stand in Auseinandersetzung mit dem Absolutheitsanspruch von Religion. Die daraus resultierenden Abwendung allem religiösen und mythischen gegenüber darf nicht verdecken, dass Durkheim immer die Kernfunktion von Religion in Gesellschaften betonte. Sein Interesse an übergreifender, säkularer Moral wird auch an dem Aufsatz über das Gefühl der Obligation deutlich, den ich später besprechen werde. Der Begriff der Moral nimmt bei Durkheim eine zentrale Stellung ein, man könnte ihn als Kitt, der die Gesellschaft aus den Individuen gründet, betrachten.

Mit dem Ziel sicherer wissenschaftlicher Erkenntnis suchte Durkheim einen Weg, soziale Phänomene mit Mitteln der Naturwissenschaft entdecken zu können. Dabei hält er sich in der Tradition positivistischer Philosophen wie Fustel de Coulanges an empirische Tatsachen.

Positivismus wird dabei als Mittel zum Extrahieren von sozialen Tatsachen verwendet, gleichwohl es meiner Ansicht nach an vielen Stellen nicht gelingt, eine mystifizierte Erklärung von Gesellschaft vollkommen aufzugeben.

In seiner Eröffnungsvorlesung bietet Durkheim seinen Studenten eine Methode zur Untersuchung sozialer Tatsachen an, die er im Laufe seiner Besprechung aus verschiedenen Wissenschaftszweigen her ableitet.

Fast ehrfürchtig spricht zu Beginn von den „Großen der Wissenschaft“[7], die es zu überzeugen gilt. Vermutlich wird hier an die Naturwissenschaft gedacht, dessen wissenschaftliche Untersuchungsmethode Durkheim auf die Soziologie anwenden möchte. Durkheim ist der Überzeugung, dass Gesellschaft als naturgegeben vorausgesetzt werden muss. Indirekt drückt er dies in seiner Ablehnung gegenüber früheren Philosophen seiner Zeit aus, die Gesellschaft als ein von Menschen konstruiertes Gebilde verstanden. Dieser Bestimmung kann Durkheim nicht zustimmen. Er versucht Gesellschaft als etwas naturgegebenes darzustellen, das sich der individuellen Einflussnahme vermeintlich entzieht.

Nach meiner Auffassung ist diese Einstellung auch nötig, um seine wissenschaftlich Methode zu rechtfertigen. Wenn Gesellschaft eine Naturtatsache ist, fällt es leichter, die sozialen Dinge mit Methoden der Naturwissenschaft zu messen und die Gesetze an denen sie sich orientieren offen zu legen.

Konkreter in Bezug auf den Gesellschaftsbegriff wird Durkheim an vielen weiteren Stellen, an denen er – in diesem Falle indirekt -eine direkte Beziehung zwischen Organismus und Gesellschaft ausdrückt:

„Ein Volk wäre damit kein natürliches Produkt wie ein Organismus oder eine Pflanze, die keimt, wächst und sich nach einer inneren Notwendigkeit entwickelt; es ähnelte vielmehr den von Menschen gemachten Maschinen, deren sämtliche Teile nach einem vorbestimmten Plan zusammengesetzt sind.“[8]

Dieses Zitat verwendet Durkheim als Negation des bisherigen Konsens über die Natur der Gesellschaft. Für elementar halte ich die Auffassung, Gesellschaft entwickele sich nach einer inneren Notwendigkeit. Es macht denke ich offensichtlich deutlich, dass Durkheim weniger das Individuum zur Erklärung von sozialen Phänomenen heranzieht, sondern immer auf die Kollektivität verweist bzw. auf ein Kollektivbewusstsein, das für Entwicklung verantwortlich ist. Der Einfluss des Einzelnen wird, so erscheint es mir jedenfalls, stark relativiert, um es schärfer zu formulieren: geleugnet. Gewiss erwähnt Durkheim in seinen frühen Werken auch das Individuum, allerdings oft in der Einschränkung, als es auf die Kollektivebene projiziert wird und damit an Wertigkeit einbüsst.

In Entsagung der Theoretiker politischer Ökonomie, die nach seiner Ansicht das Individuum überbetont und eine simplifizierte Theorie entwickelt hatten, verweist er auf die Komplexität[9] des Lebens, die eine radikalisierte Lösung von vorn herein ausschließt.

Wie beschreibt Durkheim die gesellschaftliche Genesis, also die menschliche Entwicklung bis hin zur Gesellschaften? Es wird deutlich, dass sich seinen Vorstellungen von der denen der Biologie ableiten lassen:

„Es gibt Gesellschaften, die sich in Gattungen und Arten einteilen lassen, ähnlich wie bei den Gewächsen und Tieren.“[10]

[...]


[1] französische Bezeichnung: société anonyme (SA)

[2] Originaltitel der Vorlesung: Cours de Science Sociale. Lecon d’Ouverture

[3] vgl. Durkheim 1981, S.31 und S. 34

[4] Durkheim 1981, S. 36

[5] Durkheim 1981, S.22

[6] vgl. Durkheim 1981, 11-25

[7] vgl . Durkheim 1981, S.26

[8] dto. , S. 27

[9] Durkheim geht an dieser Stelle (vgl. Durkheim 1981, S. 34) wenn auch vage auf den Komplexitätsbegriff ein, der sich in der neueren Soziologie vor allem bei Systemtheoretikern wie Luhmann ausführlich behandelt wiederfindet. Seine etwas unbeholfen wirkende Aussage „Es gibt so viele Dinge im Leben!“ spiegelt doch seinen Ablehnung gegenüber einseitigen Theorien wieder.

[10] Durkheim, 1981 S. 35

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim und Max Weber im Vergleich
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Geschichte der Soziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V35660
ISBN (eBook)
9783638355049
ISBN (Buch)
9783638810067
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zwei Urheber der modernen Soziologie im Vergleich.
Schlagworte
Gesellschaftsbegriff, Emile, Durkheim, Weber, Vergleich, Geschichte, Soziologie
Arbeit zitieren
M.A. Andree Wippermann (Autor), 2002, Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim und Max Weber im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35660

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