Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, die erkenntnistheoretischen, methodologischen und
begrifflichen Prämissen der Theorie Max Webers zu analysieren und die mir als wesentlich
erscheinenden Quellen seiner Wissenschaftsauffassung darzustellen.
Das Werk Max Webers wird dabei zunächst nicht direkt besprochen, vielmehr geht es um die
philosophischen Voraussetzungen, die zu der sozialwissenschaftlichen Theorie geführt haben.
Die These des Autors ist, dass ohne diese philosophische und erkenntnistheoretische Fundierung keine
Webersche Theorie möglich gewesen wäre; ich möchte sogar so weit gehen und sagen, dass
keine „sinnvolle“ soziologische Theorie dieser Grundlage entbehren kann. Wenn sich der
Theoretiker nicht vorher klarmacht, was er unter Wirklichkeit versteht und wie beispielsweise
Begriffe wie Erkennen und Verstehen zusammenhängen, sprich: wenn der Gegenstand seiner
Betrachtung und seine Vorstellung darüber, wie er diesen Gegenstand fassen möchte nicht
geklärt wurden, so wird die Theorie mangelhaft bleiben.
An Max Weber soll an dieser Stelle exemplarisch die mögliche Genese einer soziologischen
Theorie festgemacht werden. Dabei wird insbesondere sein Objektivitätsaufsatz wichtige
Einsichten in seine Wissenschaftsauffassung geben. Nicht leicht ist es sicherlich, sein
philosophisches Fundament frei zu legen, geht Weber doch nie direkt auf diese Kategorien
ein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Gesellschaftsbegriff bei Emile Durkheim
2.1 Der zeitgeschichtliche Hintergrund
2.2 Vorstellungen über Gesellschaft in seinen Frühschriften
2.3 Das Gefühl der Obligation
2.4 Gemeinschaft und Gesellschaft
3. Der Gesellschaftsbegriff bei Max Weber
3.1 Sinn, Handlung und Ordnung -Webers Grundbegriffe
3.2 Vergesellschaftung und Gesellschaftshandeln
3.3. Kategorien der Ordnung und Struktur
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die unterschiedlichen Gesellschaftsbegriffe der soziologischen Klassiker Emile Durkheim und Max Weber im direkten Vergleich gegenüberzustellen und ihre wissenschaftlichen Ansätze kritisch zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie beide Autoren das Soziale konzipieren, welche methodischen Zugänge sie wählen und welche Rolle das Individuum innerhalb ihrer Gesellschaftsvorstellungen einnimmt.
- Vergleich der soziologischen Fundamente von Durkheim und Weber
- Analyse des Einflusses gesellschaftlicher Wandlungsprozesse auf die Theorienbildung
- Gegenüberstellung von Durkheims kollektivistischem Ansatz und Webers individualistischer verstehender Soziologie
- Untersuchung der Bedeutung von Moral, Obligation und Ordnung für den sozialen Zusammenhalt
- Erläuterung methodischer Konzepte wie Idealtypus und soziale Tatsachen
Auszug aus dem Buch
Der zeitgeschichtliche Hintergrund
Der Zugang zu Durkheims Werk wird durch die Kenntnis um den zeitgeschichtlichen Hintergrund erleichtert. Seine frühen Schriften wurden am Ende des 19. Jahrhunderts verfasst, eine Zeit des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Den unter Punkt 2.3 behandelten Aufsatz über das Gefühl der Obligation schrieb Durkheim im Jahr 1906; somit zu einer Zeit, in der die industrielle Revolution in Frankreich - wie unter anderem auch in Deutschland – bereits weit vorangeschritten war und tiefgreifende Veränderungen mit Folgen für Staat und Gesellschaft mit sich führte. In Europa entstanden Industriereviere, daraus resultierenden Ballungszentren und Kapitalgesellschaften, die beispielsweise wiederum für den kostenintensiven Ausbau des Eisenbahnnetzes nötig wurden.
War zu Beginn dieser industriellen Entwicklung die Fabrik im Besitz des Unternehmers oder einer Familie, so kündigte die Aktiengesellschaft als vorherrschende Unternehmensform seinerzeit einen grundlegenden Wandel in den Besitzverhältnissen an.
Naturwissenschaftliche Entdeckungen und Erkenntnisse wirkten sich direkt auf das Leben der Menschen aus; so ermöglichte eine effizientere Nutzung der Böden die Versorgung der stark wachsenden Bevölkerung. Die Naturwissenschaft als Leitwissenschaft hatte ebenfalls starken Einfluss auf Philosophie und die im Entstehen begriffene Soziologie bzw. den Geisteswissenschaften. Auguste Comte (1798-1857) übernahm sozusagen das Paradigma der Naturwissenschaften, verwarf alles, was über das Gegenständliche dieser Welt hinaus ging und hielt sich nur an tatsächlich gegebene und beobachtbare Tatsachen (--> Positivismus), die durch Experiment und Beobachtung untersucht werden müssten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in den Vergleich der beiden Klassiker ein und erläutert die methodische Herangehensweise an die Fragestellung.
2. Der Gesellschaftsbegriff bei Emile Durkheim: Das Kapitel analysiert Durkheims Verständnis von Gesellschaft, welches stark durch seinen zeitgeschichtlichen Kontext und sein Bestreben nach einer naturwissenschaftlich begründeten Soziologie geprägt ist.
2.1 Der zeitgeschichtliche Hintergrund: Hier wird der Übergang zur Industriegesellschaft als entscheidender Rahmenfaktor für Durkheims soziologisches Denken und die Entwicklung sozialer Tatsachen beleuchtet.
2.2 Vorstellungen über Gesellschaft in seinen Frühschriften: Dieser Abschnitt untersucht die methodischen Ansätze und frühen Einflüsse, die Durkheims Weg zur soziologischen Wissenschaft bereiteten.
2.3 Das Gefühl der Obligation: Der Text erörtert, wie Moral als verpflichtende Kraft und "Kitt" der Gesellschaft den kollektiven Zusammenhalt nach Durkheim sichert.
2.4 Gemeinschaft und Gesellschaft: Hier wird Durkheims Auseinandersetzung mit der Typologie sozialer Lebensformen nach Ferdinand Tönnies und deren Bedeutung für die Stabilität moderner Gesellschaften diskutiert.
3. Der Gesellschaftsbegriff bei Max Weber: Dieses Kapitel arbeitet heraus, warum Weber auf eine explizite Definition von Gesellschaft verzichtet und stattdessen individuelle Handlungen und deren Sinnzusammenhänge in den Mittelpunkt stellt.
3.1 Sinn, Handlung und Ordnung -Webers Grundbegriffe: Die Analyse konzentriert sich auf Webers Konzept des verstehenden Handelns und den Idealtypus als zentrales methodisches Instrument zur empirischen Erfassung sozialer Vorgänge.
3.2 Vergesellschaftung und Gesellschaftshandeln: Der Abschnitt erläutert Webers Theorie des zweckrationalen Handelns und die Rolle von Ordnungen und Satzungen in der Entstehung von Gesellschaft.
3.3. Kategorien der Ordnung und Struktur: Hier werden die Konzepte des Einverständnishandelns sowie die Unterschiede zwischen Anstalt und Verband dargelegt.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Gegensätze zwischen Durkheims politisch engagierter Gesellschaftsphilosophie und Webers wertfreier, analytischer Soziologie zusammen.
Schlüsselwörter
Soziologie, Emile Durkheim, Max Weber, Gesellschaftsbegriff, soziale Tatsachen, soziales Handeln, Idealtypus, Moral, Obligation, Einverständnis, Vergesellschaftung, Zweckverein, Anstalt, Werturteilsfreiheit, Kollektivismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die unterschiedlichen Ansätze der Soziologen Emile Durkheim und Max Weber zur Definition und zum Verständnis von Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Begriffe soziale Ordnung, Moral, individuelles Handeln, Sinnstiftung, den idealtypischen Ansatz und die Unterscheidung von Gemeinschafts- und Gesellschaftsformen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die grundlegenden Unterschiede zwischen Durkheims kollektivistischem Gesellschaftsverständnis und Webers handlungstheoretisch orientiertem, wertfreiem Ansatz herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, die zentrale Begriffe und Aufsätze beider Autoren heranzieht, um deren soziologische Konzepte zu explizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung der Gesellschaftsbegriffe bei Durkheim und Weber, wobei insbesondere die jeweiligen Einflüsse, methodischen Instrumente und die Rolle von Ordnung und Moral diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie soziale Tatsachen, Idealtypus, verstehende Soziologie, Moral, Obligation und Vergesellschaftung charakterisiert.
Wie begründet Weber seinen Verzicht auf einen expliziten Gesellschaftsbegriff?
Weber verfolgt methodisch das Ziel, Soziologie von einer individualistischen Perspektive aus aufzubauen. Er betrachtet "Gesellschaft" nicht als mystisches Gebilde, sondern als Resultat sinnhaft orientierten Handelns von Individuen.
Inwiefern unterscheiden sich Durkheims und Webers Sicht auf moralische Ordnungen?
Während für Durkheim Moral ein gesellschaftliches Faktum ist, das Individuen verpflichtet und mystisch übersteigt, begreift Weber Ordnung als soziales Konstrukt, das durch zweckrationales Handeln und Einverständnis entsteht.
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- M.A. Andree Wippermann (Author), 2002, Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim und Max Weber im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35660