Franz Kafkas "Brief an den Vater". Eine psychoanalytische Deutung


Hausarbeit, 2016

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Literatur und Psychoanalyse

3 Kafkas „Brief an den Vater“
3.1 Wer war Franz Kafka?
3.2 Zeitgeschichtlicher und literaturhistorischer Kontext
3.3 „Brief an den Vater“

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Vor dem Hintergrund der Psychoanalyse, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte, kam der Literaturwissenschaft noch eine weitere Perspektive zur Untersuchung von Literatur hinzu. Das Spannungsverhältnis zwischen literaturwissenschaftlicher und psychoanalytischer Textdeutung bildete sich zunehmend zu einem eigenständigen Forschungsbereich der psychoanalytischen Literaturwissenschaft. Die vorliegende Hausarbeit soll zur Darstellung der psychoanalytischen Literaturwissenschaft in Verbindung mit einer Deutung von Franz Kafkas Brief an den Vater dienen. Kafkas Werke sind Gegenstand etlicher, unterschiedlichster literaturwissenschaftlicher Forschungsperspektiven geworden. Da in diesem Werk besonders der Vater-Sohn-Konflikt im Mittelpunkt steht, bietet es sich hier geradezu an, dieses aus der psychoanalytischen Perspektive zu betrachten. Mit Rückbezug auf die Werke von Sigmund Freud soll hier ein kleiner Einblick in das genannte Forschungsfeld geboten werden. Hier sollen zu Beginn Begrifflichkeiten der Verfahrensweisen geklärt werden, um sich anschließend für eine zu entscheiden. Da die Lebensumstände des Künstlers für solch eine Untersuchung von großer Bedeutung sind, wird überleitend zum Werk Kafkas, ein historischer Überblick zu den Lebzeiten des Schriftstellers geschaffen. Hierzu werden sowohl biographische als auch literatur- und zeitgeschichtliche Informationen herangezogen. Die Darlegung der persönlichen und sozialen Hintergründe im Leben des Franz Kafka soll über ihre Wichtigkeit bei werkübergreifenden Interpretationen aufklären und dazu dienen den Brief an den Vater unter psychoanalytischen Gesichtspunkten zu deuten. Der Fokus soll hierbei auf die Vater-Sohn-Beziehung gelegt werden, um den besonders wichtigen Wert des ödipalen Konfliktes für das Verständnis sämtlicher Kafka-Werke darzulegen.

2 Literatur und Psychoanalyse

Die Literaturwissenschaft bietet etliche Methoden und Herangehensweisen zur Interpretation von Literatur. Die psychoanalytische Literaturinterpretation ist eine davon. Zu verdanken haben wir diese Herangehensweise dem Begründer der Psychoanalyse – Sigmund Freud. Freud war einer der bedeutendsten und umstrittensten Wissenschaftler seiner Zeit, seine Theorien und Werke spielen bis heute eine wichtige Rolle in der Psychologie. Über die Psychologie hinaus hatte seine Arbeit allenfalls auch Einfluss auf die Literaturwissenschaft, weshalb er auch seine klinischen Studien mit dieser verknüpfte. Ihren Anfang nimmt die psychoanalytische Literaturwissenschaft also um 1900 mit der Entwicklung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud . Die bis dato gültige Auffassung, dass nervliche Störungen auf organische Ursachen zurückzuführen sind, löst Freud erstmals mit dem Begriff des Unbewussten ab. Somit führt er Neurosen auf unbewusste Wünsche, Konflikte und Traumata zurück. Um deren Tiefe zu begreifen, lässt er sich Träume seiner Patienten erzählen und nutzt dieses Wissen zur sogenannten Traumdeutung. Später interpretiert Freud literarische Werke wie Shakespeares Hamlet psychoanalytisch: Der sich in der ödipalen Phase befindende Hamlet zögert, den Mord an seinem Vater zu rächen, da er in unbewusster Weise dessen Tod wünschte. Ursprünglich ging Freud auch davon aus, dass der Tod Shakespeares Vaters Anlass für das Werk war. Hier wird zum Beispiel der sogenannte Ödipuskonflikt bzw. -komplex herangezogen. Es folgen weitere Interpretationen seitens Freud. Der Grundgedanke hierbei ist, dass literarische Texte dem Tagträumen gleichgesetzt werden.Durch diese Annahme wird es möglich, die Psyche des tagträumenden Autors nachzuvollziehen. Somit will die psychoanalytische Literaturwissenschaft nicht nur das Werk selbst, sondern auch Autor und Rezipienten verstehen.

Die Gleichsetzung von literarischen Texten und Tagträumen kommt in der autorbezogenen Perspektive zur Geltung, denn sie beschäftigt sich mit der Biographie und Psyche des Autors. Hier wird davon ausgegangen, dass in den literarischen Texten traumatische Erlebnisse verarbeitet und Verdrängtes ersatzweise ausgelebt werden. Unbewusstes des Autors findet Ausdruck in seinem Werk. Biografische Informationen dienen hierbei als Fundament der Deutung. Neben der Erforschung der Autorenpsyche findet aber auch die der historischen, soziokulturellen und -psychologischen Gegebenheiten seiner Zeit statt. Deshalb geraten produktionsästhetisch relevante Aspekte wie Schaffensmotivation, -bedingungen und der Schaffensprozess in den Fokus.

„Die wichtigste theoretische Stellungnahme zu dem Problemkreis, den man heute Produktionsästhetik nennen würde, ist Freuds Aufsatz Der Dichter und das Phantasieren (1908) […]“.[1] Um der Frage nachzugehen, woher der Dichter die Stoffe für seine literarischen Texte nimmt, fragt Freud 1908 in seinem Aufsatz Der Dichter und das Phantasieren nach „eine[r] dem Dichten irgendwie verwandte[n] Tätigkeit“ und stellt somit eine Analogie zwischen dem kindlichen Spiel und der dichterischen Tätigkeit her.[2] Was haben also Kind und Dichter gemeinsam? Sie erschaffen sich eine „eigene Welt“[3]. Hierbei betont Freud jedoch, dass dies nicht heißen soll, dass das Kind seine Welt nicht ernst nimmt, da das Gegenteil zum „Spiel“ nicht „Ernst“, sondern „Wirklichkeit“ ist.[4] Die Ursache dieser Tätigkeiten liegt nach Freud im Lustprinzip[5]. Dieses bestimmt den Menschen bereits im Kindesalter, denn das Kind kann im Spiel im wahren Leben nicht realisierbare Wünsche ausleben und empfindet dadurch Lust. Der Heranwachsende verzichtet jedoch mit der Zeit auf das Spielen, da es den gesellschaftlichen Normen und Erwartungen nicht mehr gerecht wird. Das Verzichten auf eine bisher bekannte Lust erweist sich allerdings als sehr schwierig, weshalb kein Verzicht stattfindet, sondern eine Ersatzbefriedigung gefunden wird, welche sich im Phantasieren äußert.[6]

Folglich beantwortet Freud die Ausgangsfrage mit dem Phantasieren als Ersatz für das kindliche Spiel. Der Schreibakt des Dichters stellt also eine Art des Phantasierens dar, welches ihm als „Stoff“ für das literarische Werk dient. Phantasieren kann synonym zum Tagträumen genutzt werden, weshalb des Dichters Werk auch einem Tagtraum gleicht. Demzufolge lässt sich folgende Analogiereihe aufstellen: spielendes Kindes – Dichter – Phantasieren – Tagträumen.

Der produktionsästhetischen Interpretation steht die rezeptionsästhetische Interpretation gegenüber. Während erstere den literarischen Schaffensprozess und die Schaffensmotivation behandelt, spielt die Aufnahme der Literatur und die dadurch entstehenden Phantasien und emotionalen Reaktionen des Lesers in letzterer eine Rolle. Nach Kurt Eissler teilt sich der psychoanalytische Zugang zur Literatur in „die ‘exopoetische‘ und die ‚endopoetische‘“ Verfahrensweise.“[7] Grundlage zweiterer ist ausschließlich das Werk selbst, wohingegen die exopoetische Interpretation sich biographischen Informationen des Autors bedient[8]. Schönau jedoch erweiterte die Verfahrensweisen später um die autor-, werk- und leserorientierte Interpretation[9]. Folglich lässt sich die werkorientierte Interpretation gleichstellen mit der endopoetischen Verfahrensweise, während die autor- und leserorientierte Interpretation zu den exopoetischen Verfahrensweise zu zählen sind. Hieraus geht besonders deutlich hervor, was für eine Begriffsvielfalt die psychoanalytische Literaturinterpretation und ihre Verfahrensweisen mit sich bringen. Diese Interpretationsweisen voneinander zu trennen erweist sich in der Praxis als schwierig, da ein literarisches Werk nur hinreichend verstanden und gedeutet werden kann, wenn man Schönaus Dreiteilung gänzlich in Betracht zieht. Die exopoetische Methode bietet jedoch nach Schönau die größte Deutungsbasis.[10]

Die autororientierte Verfahrensweise umschließt „alle jene Werkdeutungen, die sich auf irgendeine Weise der verfügbaren Informationen über den Urheber und den lebensgeschichtlich bedingten Entstehungsprozess des Werkes bedienen“[11]. Innerhalb dieser Methode besteht eine weitere Zweiteilung. Der individualpsychologische Ansatz analysiert die „äußere […] Realität des Autors (soziale Zugehörigkeit, Familiensituation, zeitgeschichtliche Umstände)“[12]. Die Frage nach lebensgeschichtlichen Umständen und Kindheitserfahrungen des Dichters sind hier besonders hilfreich im Hinblick auf den Einfluss auf das Werk. Innere Konflikte des Autors können zum Beispiel mit Hilfe des Drei-Instanzen-Modells Freuds (Ich, Es, Über-Ich) analysiert werden. Aus diesem Grund bedient sich diese Hausarbeit der autororientierten Verfahrensweise.

3 Kafkas „Brief an den Vater“

„Es gibt kaum einen Autor der literarischen Moderne, […] der sich nicht mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt hätte. Die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist ohne die Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse nicht angemessen zu begreifen.“[13] Somit ist es nicht verwunderlich, dass sämtliche Interpreten in puncto Psychoanalyse in erster Linie auf Franz Kafkas Werke zurückgriffen und sie deuteten. Kafkas Werke zogen Interpreten regelrecht in ihren Bann, da Kafkas Selbstdarstellung und -reflexion für den Großteil der Leser herauszulesen ist. Sämtliche Parallelen und Hinweise finden sich in verschiedenen Werken, die darauf schließen lassen, dass diese literarischen Werke von autobiographischem Wert zeugen. Anlass, um Kafkas Werke aus psychoanalytischer Perspektive zu betrachten, gibt es genug - spätestens als er „Gedanken an Freud natürlich“ am 23. September 1912 in sein Tagebuch notiert. Dies galt für viele als Bestätigung für die Richtigkeit der psychoanalytischen Herangehensweise und führte zu einer Masse an Deutungen. So kritisiert Susan Sontag in ihrem Essay Against Interpretation, dass Kafka „zum Opfer einer Massenvergewaltigung durch eine Armee von Interpreten“ geworden ist. Jedoch ist Kafkas Werk nicht so durchschaubar, wie viele seiner Deuter zu meinen vermochten. Seine Werke sind „mehrdeutig, widersprüchlich und hintersinnig“ zugleich.[14] Aufgrund der Offenheit seines Werks sagt seine „Deutung […] mehr über den Charakter [seiner] Deuter als über das Wesen [seines] Schöpfers“ aus.[15]

Wie die psychoanalytische Literaturinterpretation jedoch Anwendung findet, soll im Folgenden am Beispiel von Kafkas Brief an den Vater aufgezeigt werden. „Stets ist es autobiographisches Interesse, das bei ihm[, Kafka,] die literarische Produktion hervortreibt.“[16] Kafka selbst betonte in einem Brief an Felice Bauer vom 2. zum 3. Januar 1913 mit den Worten „Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich […]“ seine ichbezogene Dichtungsweise, was das Interesse, den Autor und seine Biographie kennenzulernen bestärkt. Aufgrund dessen kann auch der Brief an den Vater als autobiographisches Dokument gelesen werden. Demzufolge wird mit Hilfe der autororientierten Verfahrensweise die Person Franz Kafka anhand biographischer Bezüge dargestellt und sein Leben und Werk mittels individualpsychologischer und sozialpsychologischer Ansätze in den zeitgeschichtlichen und literaturhistorischen Kontext eingeordnet. Somit soll das Werk Brief an den Vater mit Hilfe psychoanalytischer Aspekte durchleuchtet werden.

[...]


[1] Schönau, Walter: Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft. S. 128.

[2] Freud, Sigmund: Der Dichter und das Phantasieren. S. 169 – 179. S. 171.

[3] Ebd.

[4] Matt, Peter von: Literaturwissenschaft und Psychoanalyse. S.100 f.

[5] Vgl. Ebd. S.101.

[6] Vgl. Ebd. S.104.

[7] Widmaier-Haag, Susanne: Es war das Lächeln des Narziß. S. 27.

[8] Vgl. Ebd.

[9] Vgl. Schönau, Walter: Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft. S. 94.

[10] Vgl. Ebd. S. 93.

[11] Ebd. S. 94.

[12] Ebd. S. 96.

[13] Anz, Thomas: Psychoanalyse in der literarischen Moderne. S. 379.

[14] Heidgen, Michael: Inszenierungen eines Affekts. S. 74.

[15] Politzer, Heinz: Franz Kafka, der Künstler. Frankfurt: Fischer 1965. S. 43.

[16] Dietz, Ludwig: Kafka, Franz. S.386.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas "Brief an den Vater". Eine psychoanalytische Deutung
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literatur und Psychoanalyse
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V356725
ISBN (eBook)
9783668425415
ISBN (Buch)
9783668425422
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychoanalyse, brief an den vater, franz kafka, Sigmund Freud, Psychoanalytische Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Esra Sahin (Autor), 2016, Franz Kafkas "Brief an den Vater". Eine psychoanalytische Deutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356725

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