Stechschritt und Eisernes Kreuz. Die militärischen Traditionen der Nationalen Volksarmee (NVA) und Bundeswehr

Ein Vergleich


Bachelorarbeit, 2016

46 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Bundeswehr
2.1. Gründungsituation
2.2. Traditionsverständnis
2.3. Leitbilder
2.4. Symbolik und Brauchtum
2.5. Historische Ereignisse

3. Die Nationale Volksarmee
3.1. Gründungsituation
3.2. Traditionsverständnis
3.3. Leitbilder
3.4. Symbolik und Brauchtum
3.5. Historische Ereignisse

4. Gegenseitige Wahrnehmung
4.1. Sicht der Bundeswehr auf die NVA
4.2. Sicht der NVA auf die Bundeswehr

5. Schlussbetrachtung

Literaturliste

1. Einleitung

Am 1. Mai 1956 marschierte die neu gegründete Nationale Volksarmee durch Ostberlin. Damit knallten nach dem verheerenden Weltkrieg, der von deutschem Boden ausgegangen war, wieder Knobelbecher1 im traditionellen Stechschritt durch die Straßen der ehemaligen Reichshauptstadt. Nur ein knappes halbes Jahr vorher, am 12. November 1955, versammelten sich ehemalige Offiziere der Wehrmacht in der Ermekeil-Kaserne in Bonn unter dem Eisernen Kreuz, um die Ernennungsurkunden der westdeutschen Bundeswehr entgegenzunehmen. Somit waren zwei Armeen aus den Trümmern des Deutschen Reiches hervorgegangen, die anscheinend in ihren Traditionen aus dem Pool der deutsch-preußischen Militärgeschichte schöpften. Die anschließende Arbeit möchte den Fragen nachgehen, welche Traditionen die beiden Armeen für sich definierten, was für ein Traditionsbild daraus resultierte, sowie warum eine Traditionsfindung für den Soldaten wichtig ist. Dazu sollte man natürlich als erstes die Frage stellen, was sind überhaupt Traditionen im militärischen Sinne? Laut dem Duden ist „ Tradition, etwas was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o.ä. in der Geschichte von Generationen zu Generationen (innerhalb einer bestimmten Gruppe) entwickelt u. weitergegeben wurde (u. weiterhin Bestand hat).“2 Gleiches gilt in ähnlicher Weise für Armeen. 1958 schrieb der Bundeswehr Hauptmann Gerhardt Barth dazu: „ Tradition bedeutet Ü berlieferung, die man annimmt, pflegt und weitergibt.3 In der NVA standen für die Traditionspflege „ [ … ] die militärischen Erfahrungen der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung, [ … ] sowie die gemeinsamen Traditionen der Streitkräfte der Staaten des Warschauer Verteidigungsbündnisses4 im Vordergrund. Da in beiden Armeen die Übergabe von Erfahrungen als Tradition definiert worden ist, sind die Definitionen von militärischen Traditionen weitgehend durch den Duden gedeckt, so dass im Folgenden eine Vergleichbarkeit hergestellt werden kann. Doch warum sollte man sich, aus einer historischen Perspektive heraus, überhaupt mit Forschungen über die militärischen Traditionen der beiden deutschen Armeen beschäftigen? Durch Traditionen werden innerhalb einer Armee Verhaltensweisen und ideologische Ideen an die eigenen Soldaten vermittelt. Daher sind Traditionen die Träger des Selbstverständnisses einer Armee. In einem größeren Rahmen gedacht, sagen Armeetraditionen somit auch viel über das Staatsverständnis des jeweiligen Landes aus. So ist die Gründung der beiden deutschen Armeen ein wichtiger Baustein zum Verständnis der deutschen Nachkriegsgeschichte. In den letzten Jahren hat sich in den Geschichts- wissenschaften der Trend etabliert, die Geschichte der beiden deutschen Staaten nicht mehr getrennt zu betrachten, sondern die Entwicklungen in der DDR und in der Bundesrepublik als gemeinsame bzw. geteilte Geschichte zu sehen. Im Sammelband Geteilte Geschichte von Frank Bösch werden nicht nur trennende systembedingte Elemente untersucht, sondern der Blick wird dort eher auf Gemeinsamkeiten und die Interaktionen zwischen Ost und West gelegt.5 In der englischsprachigen Forschung ist man in diesem Bereich schon einen Schritt weiter. Hier beschäftigen sich seit einigen Jahren kulturhistorisch orientierte Studien mit der Frage, ob es sich nicht in beiden Teilen Deutschlands um postfaschistische Gesellschaften handelte.6 Demnach müsste es sich bei den deutschen Nachkriegsarmeen um postfaschistische Armeen handeln. Inwieweit die Zeit des Nationalsozialismus die beiden Armeen beeinflusste, wird im Folgenden zu klären sein. Eine weitere Strömung, die sich mit einer gemeinsamen Geschichte auseinandergesetzt hat, wurde von Christoph Kleßmann im Sammelband Teilung und Integration angestoßen. Hier stellt Kleßmann die These auf, dass die DDR als Staat ohne jegliche demokratische und nationale Legitimation nur in der ideologischen und räumlichen Abgrenzung zu ihrem Gegenüber existieren konnte. Dennoch war sie historisch und später auch ökonomisch mit der Bundesrepublik eng verbunden. Dieser wechselseitige Bezug war zu allen Zeiten asymmetrisch. Laut Kleßmann konnte die Bundesrepublik im Gegensatz zur DDR problemlos ohne den anderen deutschen Staat existieren.7 Für die nachfolgende Arbeit lässt sich daraus die These ableiten, dass unter dem Gesichtspunkt einer asymmetrischen Verflechtung beider Staaten die NVA die Bundeswehr als Existenzberechtigung benötigte, die Bundeswehr aber auch ohne die NVA als permanentes Feindbild ihren Dienst hätte versehen können.

Die Frage des Gegenübers fehlt zumeist in den fachwissenschaftlichen Darstellungen über die beiden deutschen Armeen. Es gibt viele informative Abhandlungen über die Bundeswehr, die NVA und deren Traditionen. Hier zu nennen wären u.a. Frank Paulis Wehrmachtsoffiziere in der Bundeswehr, André Uzulis Die Bundeswehr, Matthias Rogg Militär, Staat und G esellschaft in der DDR oder Rüdiger Wenzke Ulbricht Soldaten. In den Abhandlungen werden die Militärtraditionen der Bundeswehr oder NVA zwar ausführlich beschrieben, was aber fehlt ist diese in den Bezug auf das Gegenüber zu setzen. Vergleichende Studien, wie die von Otto-Eberhardt Zanders Bundeswehr und Nationale Volksarmee sind in der Minderheit und stellen zumeist nur die Traditionsvorschriften vor. Diese Arbeit möchte einen anderen Weg gehen und dabei den Schwerpunkt auf die Vermittlung von Traditionen und die gegenseitige Wahrnehmung legen.

Innerhalb vieler Armeen werden dem Soldaten, neben Taktik, Strategien sowie Wissen über Waffentechnik, auch Werte und Traditionen über militärische Zeitschriften vermittelt. Daneben hat das Offizierskorps, als Zuträger und Bewahrer von Traditionen, einen wichtigen Anteil an der Traditionspflege innerhalb einer Armee.8 Demzufolge war es folgerichtig, sich für diese Studie auf Militärzeitschriften zu konzentrieren, die das Offizierskorps ansprachen. Für die Bundeswehr war das die Information für die Truppe, die am 01. August 1956 erstmals erschien und monatlich vertrieben wurde. Die Zeitschrift behandelte politische, gesellschaftliche, zeitgeschichtliche und historische Themen und sollte auch als Schulungsvorlage für den einfachen Soldaten durch den Offizier dienen. Die Zeitschrift wird heute noch unter dem Namen IF Zeitschrift für Innere Führung vom Bundesministerium der Verteidigung verlegt. Als

Integration, Die doppelte Nachkriegsgeschichte als wissenschaftlich didaktisches Problem, Schwalbach 2006, S. 22.

Gegenstück zur Information für die Truppe wird die Zeitschrift Militärwesen herangezogen. Auch diese erschien monatlich, verlegt erstmals am 01.03.1957. Im Mittelpunkt standen hier Themen wie Militärpolitik, die Kriegspolitik des Klassenfeindes, Erziehung, Ausbildung in Militärtechnik, Militärtheorie, sowie Militär- und Kriegsgeschichte. Die Darstellung der Themen erfolgte, im Gegensatz zur Bundeswehrzeitschrift Information für die Truppe, eher aus einer theoretischen, fast wissenschaftlichen Sichtweise. Aus diesem Grunde wurde noch eine dritte Zeitschrift hinzugezogen. Die Volksarmee erschein wöchentlich und war von ihrer Schreibweise weniger theoretisch gestaltet als die Militärwesen. Beide Publikationen wurden vom Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik verlegt und unterstanden somit dem Ministerium für Nationale Verteidigung.

Für die Darstellung des Traditionsverständnisses der beiden Armeen und zu deren Analyse wurde jeweils der gleiche Aufbau gewählt. Dazu wird kurz auf die jeweilige Gründungssituation eingegangen. Anschließend folgen Abhandlungen zum Traditionsverständnis, den Leitbildern, der Symbolik und dem Brauchtum, sowie historischen Ereignissen, die als traditionswürdig angesehen wurden. Jeder Abschnitt enthält eine kurze Einleitung, der dann eine Analyse der militärischen Zeitschriften folgt. Selbstverständlich ist es in dem geforderten Umfang dieser Arbeit nicht möglich, alle zum jeweiligen Themenfeld passenden Artikel vorzustellen. Dies geschieht anhand von Bespielpassagen, an deren Tenor und Duktus sich das jeweilige Traditionsverhältnis ablesen lässt. Im letzten Kapitel Gegenseitige Wahrnehmung erfolgt ein Vergleich der Zeitschriftenartikel, die das jeweilige Gegenüber zum Thema hatten. Durch die Analyse der Fremdwahrnehmung soll die Selbstwahrnehmung der Armee und somit auch das eigene Traditionsverständnis herauspräpariert werden. Zusätzlich wurde die Quantität der Artikel, die sich mit dem anderen Deutschland und/oder mit dessen Armee befassen, miteinander verglichen, um so einer asymmetrisch verbundenen Geschichte auf die Spur zu kommen. Für die folgende Studie wurden zum Vergleich die Jahre 1956 -1966 ausgewählt, um die gegenseitigen Reaktionen auf die beginnende Traditionsbildung innerhalb der Gründungsjahre, bis hin zu den ersten Konsolidierungen im Selbstverständnis der Armeen, wie dem Traditionserlass der Bundeswehr, nachvollziehen zu können.

2. Die Bundeswehr

2.1. Gründungssituation

Die Gründung der Bundeswehr am 12. November 1955, dem 200. Geburtstag des Heeresreformers Gerhard von Scharnhorst,9 erfolgte als Resultat der beginnenden Spannungen zwischen den Blöcken des Kalten Krieges.10 Schon im September 1950 berief Konrad Adenauer ehemalige Wehrmachtsoffiziere, das Konzept einer modernen Armee zu erarbeiten, das sich in ein westalliiertes Bündnis intergieren ließe. Die als Himmeroder Denkschrift bekannte Konzeption der zukünftigen Streitkräfte wurde maßgeblich von Graf Baudissin geprägt.11 Baudissin hatte während seiner Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft nach der Ursache des militärischen Zusammenbruches gesucht und hatte Parallelen im Versagen des preußischen Offizierskorps von 1806 und des Offizierskorps der Wehrmacht von 1945 aufgefunden.12 Seine Schlussfolgerung daraus war das Konzept der Inneren Führung, welches bis heute die Grundlage für das Selbstverständnis der Bundeswehr darstellt. Die Streitkräfte sollten zukünftig in den demokratischen Staat integriert werden. Daraus folgernd sollten die Soldaten sich als Staatsbürger in Uniform moralisch den Grundwerten der Bundesrepublik verpflichtet fühlen, sowie ethisch an die allgemeinen Menschenrechte gebunden sein.13 Die Soldaten mussten den neuen Leitlinien entsprechend auch keinen bedingungslosen Gehorsam mehr schwören. Mit dem neuen Eid „Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“14, wurde einem Befehlsnotstand15 die Grundlage entzogen. Zudem sollten mit der Inneren Führung die Voraussetzungen zur Aufstellung moderner Streitkräfte geschaffen werden, die im Ernstfall mit hochtechnisierten kleinen Kampfgemeinschaften operieren würden.16

2.2. Traditionsverständnis

Das Traditionsverständnis der Bundeswehr musste dementsprechend in das Konzept der Inneren Führung passen und auch die propagierte Auftragstaktik mit einbeziehen. In der Information für die Truppe wird dies 1958 von Hauptmann Gert Barth in dem Artikel Wie steht die Bundeswehr zur deutschen soldatischen Tradition? auf den Punkt gebracht. In seiner Definition von Tradition umschließt das Bedeutungselemente, wie Erfahrungen, Kenntnisse, Wertvorstellungen und Einsichten, die man annimmt, pflegt und weitergibt. Er kommt zu dem Schluss: „ Gerade im soldatischen Bereich gehören lebensvolle Traditionen zu den Fundamenten der inneren Ordnung. Sie bilden eine der geistigen Kraftquellen für eine Armee.“17 Er unterscheidet hierbei in zwei Formen, die der Traditionen der preußisch-deutschen Soldatentugenden wie Mut, Tapferkeit, Ehre, Opferbereitschaft, Standhaftigkeit und Gehorsam, die seiner Auffassung nach zeitlos sind und den zeitbedingten Formen wie z.B. die der Schlachtreihen Friedrichs II., die von der jeweiligen Generation überdacht werden müssen. Weiter führt er an, dass es für das zukünftige Schlachtfeld wichtig sei, dass der Soldat als hochqualifizierter Einzelkämpfer selbstständig denken und handeln können müsse. Die Schlussfolgerungen werden mit einem Zitat von Scharhost untermauert: „ Tradition in der Armee hat es zu sein, an der Spitze des Fortschrittes zu marschieren.18 Inhaltlich wurde somit an die preußische Auftragstaktik angeknüpft, sowie der Gedanke der Inneren Führung gefestigt. Kritische Fragen, z.B. ob man die auch soldatischen Tugenden von Kriegsverbrechen ehren darf, wurden nicht gestellt. Das Schema der Hervorhebung soldatischer Tugenden oder einer Untermauerung der Prinzipien der Innern Führung und der Auftragstaktik, sollte sich dann bei allen Vorbildern in der frühen Phase der Bundeswehr durchziehen.

In den ersten Jahren der Bundeswehr gab es keine offiziellen Vorgaben aus Bonn zu dem Thema Traditionen, daher entwickelte sich in der Truppe eine Art Wildwuchs, in der jeder Kommandeur nach seinem eigenen Ermessen handelte. Mitglieder ehemaliger Wehrmachtsverbände besuchten als Traditionsverbände die Kasernen. Die Bundesdeutschen Luftlandetruppen hielten „Kreta Gedenkfeiern“19 ab, und an manchen Kasernenwänden tauchten Leitsprüche der Wehrmacht auf.20 Die verbreitete Memoirenliteratur, in der Wehrmachtsgeneräle die Schuld und Verantwortung der Niederlage alleine Hitler anlasteten, um so das Bild der sauberen Wehrmacht aufrechtzuerhalten, wurde so besonders prägend für das Bild der Wehrmacht in der Bundeswehr.21

Um weitere unliebsame Auswüchse zu unterbinden, wurden alle eigenmächtigen Versuche, sich selber Traditionen zu schaffen, durch den Generalinspekteur verboten. Der Traditionserlass vom 1. Juli 1965, bei dessen Umsetzung alle gesellschaftlichen Kräfte beteiligt wurden, regelte das Verhältnis von „Bundeswehr und Tradition“. Als traditionsgültige Werte galten von nun an u. a. Heimat, Vaterland, militärische Pflichterfüllung und die Auftragstaktik.22 Die Wehrmacht wurde auf ihre militärischen Leistungen reduziert23 und beim Blick auf den Nationalsozialismus war lediglich von der „Übersteigerung und Entartung des Nationalbewusstseins“ die Rede.24

2.3. Leitbilder

Die mangelnde Distanzierung zur NS-Zeit spiegelt sich u.a. in den Benennungen von Kasernen und Schiffen wider. Persönlichkeiten, wie der Pilot Werner Mölders oder der Admiral Günther Luftjens, hatten zwar über soldatische Tugenden verfügt, waren aber trotzdem in das NS-System verstrickt gewesen.25 In den untersuchten Jahrgängen der

Information für die Truppe wurden in den Artikeln ausschließlich deutsche militärische Größen aus der preußischen Geschichte, dem Ersten und Zweiten Weltkrieg vorgestellt.

Das erste Leitbild in Heft 10 von 1959, war der bis heute umstrittene Generalfeldmarschall Erwin Rommel. Fernerhin wurde eine neue Serie unter dem Titel Das soldatische Vorbild eingeführt. Hier wird Rommel in mehrfacher Hinsicht als Vorbild genannt: “[ … ] als Kämpfer, als Offizier, als Deutscher.“26 In diesem Bezug wurden vor allem seine militärischen Leistungen im Westfeldzug 1940 gerühmt. Weitere Schwerpunkte lagen auf der Fürsorge für seine Männer, sowie sein Verhalten als Offizier, der immer einen scharfen Verstand bewahrte und seine Meinungen vor Hitler vertrat. Er wurde als deutscher Offizier und ehrbarer „ ritterlicher Kämpfer “ 27, beschrieben, der vom Feinde geschätzt, scheinbar nicht in das System des Nationalsozialistischen verwickelt war und sogar zu Hitler auf Distanz ging. „ Dabei ging es Rommel nie um Ruhm (daßer ‚ berühmt ‘ wurde, steht auf einem anderen Blatt). “ 28 Als Hitler schließlich Ende 1942 Rommel einen ‚ Feigling ‘ nannte [ … ] gab es zwischen beiden Männern keine Gemeinsamkeiten mehr.29 Seine militärischen Fehlleistungen bei dem ersten Angriff auf Tobruk, die zu hohen Verlusten unter seinen Männern führten,30 wurden nicht thematisiert. Genauso wenig, wie die zweifelhafte Rolle, die Rommel in der Propaganda freiwillig eingenommen hatte. Dass sich Rommel bis zum Schluss nicht vom Nationalsozialismus distanzieren konnte, wurde im Hinblick auf seinen erzwungenen Selbstmord ausgeblendet.

Die in dem Artikel aufgeführten soldatischen Tugenden, wie Ritterlichkeit, Tapferkeit, Entschlusskraft und Auszeichnungen des militärischen Schaffens, wie Orden (Ritterkreuz, Pour le mérite) und Ehrenbezeugungen durch den Feind, ziehen sich auch durch die weiteren Beschreibungen der Vorbilder aus dem Zweiten Weltkrieg, wie u.a. Kapitänleutnant Günther Prien31, Oberst Werner Mölders32 und Konteradmiral Erich Bey33. Verwicklungen in das NS-System oder aus einem demokratischen Sichtpunkt zweifelhafte militärische Einsätze, wie Mölders Beteiligung am spanischen Bürgerkrieg mit der Legion Condor, wurden nicht weiter thematisiert. Ähnliche Beschreibungen findet man auch in den Artikeln der militärischen Vorbilder aus der Zeit des ersten Weltkrieges, wie Hauptmann Oswald Boelcke34, Rittmeister Manfred von Richthofen35 und General Paul von Lettow-Vorbeck36. Auch hier wurde militärisches Können „ die Leistung Oswald Boelckes lag nicht in seinen Luftsiegen. Er ist vielmehr Begründer der deutschen Lufttaktik37, die Rolle als guter Vorgesetzter „er [Richthofen, sorgte] dafür, daßder Neuling zu seinem Schuss kam“, sowie die Ehrungen durch den Feind „ Der Oberbefehlshaber der Alliierten [ … ] sorgte persönlich, daßLettow-Vorbeck der ihm verliehene Orden ‚ Pour le M é rite ‘ durch die Frontlinien zugestellt wurde [ … ] “ 38 in den Vordergrund gestellt. Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle Lettow-Vorbeck beim Kapp-Putsch 1923 oder Richthofens Vorliebe den Menschen anstatt das Flugzeug zu treffen,39 ist in den Artikeln nicht zu finden. Abgesehen davon, wird auch die Trophäensammelleidenschaft Richthofens nicht thematisiert. Nach einem Abschuss versuchte Richthofen die Flugzeugkennung der feindlichen Flugzeuge zu bekommen und ließsich außerdem für jeden Abschuss einen Silberbecher mit Gravur anfertigen.40

Eine Besonderheit in der Reihe Das soldatische Vorbild stellen die Artikel dar, die nicht nur bekannte Offiziere vorstellen, sondern das Verhalten des einfachen Soldaten thematisieren. Innerhalb dieser Artikel wurde auf einen Groschenroman mäßigen Duktus zugegriffen. In dem Artikel MG und Karabiner 41 von 1960 werden die Taten des Gefreiten Georg Pankow beschrieben, der im Februar 1943 an der Ostfront einen Panzerangriff erlebt: „ Dann jault es von hinten heran und um die T-34 spitzen dunkle Erdfontänen hoch [ … ] Nun knallen auch die harten Abschüsse der 8,8, Flak dazwischen. Drei, vier T 34 fliegen auseinander, fünf andere bleiben brennend liegen. “ 42 Nach mehrtägigen harten Kämpfen ist Pankow auf sich gestellt und muss mehrere MGs alleine bedienen, bis er schließlich die Chance sieht, mit einem Karabiner den sowjetischen Kommandierenden auszuschalten und so den „ Iwan43 zum Rückzug drängt. Wie in den anderen Beiträgen zum soldatischen Vorbild, werden hier Einsatzbereitschaft und Durchhaltewille aufgezeigt, die anschließend mit einem hohen Orden wie dem Ritterkreuz militärisch honoriert werden.

Ironischerweise werden, nur eine Ausgabe später, die damaligen Groschenromane kritisiert. In dem Artikel Wie gefährlich sind Groschenromane?44 wird vor allem die falsche Darstellung des Vorgesetzen-Untergebenen-Verhältnisses beschrieben. Hierbei wurden Stereotypen, wie bösartiger Vorgesetzter und guter Soldat angeführt. Ein weiterer Kritikpunkt war die Übernahme der Erzählstrukturen aus den damalig beliebten Westernromanen. Wie die Groschenromane laut dem Führungsstab der Bundeswehr besser aussehen könnten, liefert einen guten Einblick in die damaligen Denkstrukturen und erklärt die kritiklose Darstellung der vorgestellten soldatischen Vorbilder. „ Es ist verdienstvoll, das beispielhafte Verhalten des Menschen im Kriege wahrhaftig darzustellen. Solche Bemühungen sind begr üßenswert und müssen unterstützt werden. [ … ] Die Darstellung menschlich und soldatisch beispielhaften Handelns in einer Armee ist eine große Aufgabe [ … ].“45

Die zweite Traditionslinie, die sich in den militärischen Leitbildern widerspiegelt, ist in den Artikeln über die preußischen Generäle der Befreiungskriege von 1813 -1815 zu erkennen. In der Reihe Das soldatische Vorbild wird 1960 der preußische Generalfeldmarschall August Neidhardt von Gneisenau als Geistesmensch und Reformer beschrieben, der in Kolberg durch die Anwendung der Inneren Führung aus einer zusammengewürfelten Truppe eine Eliteeinheit schmiedete. Dabei wird explizit auf die erste Anwendung der Prinzipien der Inneren Führung hingewiesen: „ Hier [in Kolberg] l äßt Geneisenau [ … ] die fortschrittlichen Prinzipien einer bis dahin unbekannten Inneren Führung [sic] auf seine Soldaten wirken. [ … ] In der Kolberger Garnison gibt es keine Stockschläge mehr, Verst öße gegen die Disziplin werden nur mit Arrest bestraft, der Kommandant lobt viel und tadelt nur, wenn er Nachlässigkeit und mangelnden Willen vermutet.46 Im gleichen Heft findet sich noch ein Artikel zum preußischen Generalfeldmarschall Ludwig Yorck von Wartenburg, der hinsichtlich der Traditionsbildung an drei Stellen interessant ist. Innerhalb des Abschnittes Revolutionäre Ideen wird beschrieben, dass Yorck von Wartenburg in Namslau sein Fusslierbataillon, die damalige leichte Infanterie, zu einer Art Vorläufer des modernen Einzelkämpfers ausbilden ließ.47 Hier zeigt sich die Bezugslinie zum Selbstverständnis der Bundeswehr, denn wie eingangs schon erwähnt, verstand sich die Bundeswehr nicht mehr als Massenheer alten Schlages, sondern als eine Armee bestehend aus gut ausgebildeten und bei Bedarf eigenständig agierenden Soldaten. Damit wird York von Wartenberg indirekt als einer der geistigen Väter der Bundeswehr dargestellt. Damit die NVA den Generalfeldmarschall nicht für sich vereinnahmen konnte, wird in einer weiteren Stelle darauf hingewiesen, dass York von Wartenberg entgegen der östlichen Propaganda 1812 nicht mit fliegenden Fahnen zu den Russen gewechselt sei, sondern, dass der „ Erhalt der Truppen für den preußischen König48 das oberste Gebot beim Abschluss der Konvention von Tauroggen war. Damit sollte der angelblich historisch gewachsenen Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, die an späterer Stelle noch thematisiert wird, die Argumentationsbasis entzogen werden. In der Zusammenfassung wird York von Wartenberg als unbestechlicher und sittlich gefestigter Offizier beschrieben, der bereit war „ [ … ] in höchster Führungsstellung eigene Entschlüsse mannhaft zu vertreten.49 Dies kann man durchaus als Querverbindung zu Rommel interpretieren. Beide hatten sich ein selbstständiges Denken bewahrt und passen somit in das Selbstverständnis der Bundeswehr, welches auf den Säulen der Auftragstaktik und den Prinzipen der Inneren Führung aufbaut.

2.4. Symbolik und Brauchtum

Das Konzept der Inneren Führung sah einen Totalverzicht der Symbolik und Traditionen der Vergangenheit vor, um einen Neuanfang zu dokumentieren.50 Jegliche Symbolik an den Uniformen, die an die Wehrmacht und auch an preußische Wurzeln erinnerte, wurde gestrichen. Man orientierte sich an den westalliierten Armeen, vor allem an der US Armee, die vermeintlich ohne Symbolik auskam.51 Aber gerade die fehlende Symbolik und die neuen Uniformen mit ihren „Affenjäcken“52 erregten bei den traditionsbezogenen Offizieren der ehemaligen Wehrmacht Unmut.53 Die Offiziere verlangten nach einem würdigen Erscheinungsbild durch traditionsgeprägte Uniformen, um das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Truppe und die Akzeptanz in der Bevölkerung zu steigern. In den 1960er Jahren gab man den Wünschen des Offizierskorps nach und die Uniform näherte sich wieder in Schnitt, Kragenspiegeln und Knobelbechern mehr den traditionellen Vorbildern an.54

[...]


1 Preußischer Marschstiefel mit langem Schaft und genagelter Sohle.

2 Duden, Deutsches Universal Wörterbuch, Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartsprache, Berlin 2015, S. 1776.

3 Gerhard Barth, Die Truppe fragt, Wie steht die Bundewehr zur deutschen soldatischen Tradition? in: Information für die Truppe, Heft 2, (1958), S. 49.

4 Traditionspflege in: Wörterbuch zur Deutschen Militärgeschichte, Berlin 1985, S. 972 - 973.

5 Vgl. Frank Bösch, Geteilt und verbunden, in: Frank Bösch (Hrsg.), Geteilte Geschichte, Ost- und Westdeutschland1070-2000, Göttingen 2015, S. 8.

6 Vgl. Ebd. S. 12.

7 Vgl. Christoph Kleßmann, Spaltung und Verflechtung - Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990 in: Christoph Kleßmann & Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration, Die doppelte Nachkriegsgeschichte als wissenschaftlich didaktisches Problem,Schwalbach 2006, S. 22.

8 Vgl. Gehard Bogsich, Dissertation, Fortschrittliche Traditionen der Nationalen Volksarmee, Eine Studie zu Problemen der militärischen Traditionspflege, Militärakademie Friedrich Engels, Dresden 1970, S. 80.

9 Der Gründungstag war bewusst auf den Geburtstag des Heeresreformers gelegt worden, um an die Tradition der Befreiungskriege, insbesondere der Wehrpflicht anzuknüpfen. Vgl. André Uzulis, Die Bundeswehr, Hamburg 2005, S. 27.

10 Eine dieser Spannungen war u.a. der Koreakrieg, dem ersten Stellvertreterkrieg zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion.

11 Vgl. Otto-Eberhardt Zander, Bundeswehr und Nationale Volksarmee, Berlin 2007, S. 45.

12 Vgl. Marin Kutz, Deutsche Soldaten, Darmstadt 2006, S. 150-151.

13 Vgl. Innere Führung und Recht, in: Der Reibert, Handbuch für den deutschen Soldaten, Berlin 2012, S. 8-9

14 Vgl. Ebd. S. 44.

15 Viele der Wehrmachts- und SS-Offiziere hatten bei der Verstrickung in Kriegsverbrechen den Befehlsnotstand angegeben.

16 Die Luftwaffe als modernster Truppenteil adaptierte das Konzept der Inneren Führung dann auch am schnellsten. Vgl. Frank Pauli, Wehrmachtsoffiziere in der Bundeswehr, Paderborn 2010, S. 342.

17 Gerhard Barth, Die Truppe fragt, Wie steht die Bundewehr zur deutschen soldatischen Tradition? in: Information für die Truppe (IFDT), Heft 2, (1958), S. 49 - 51.

18 Ebd. S. 51.

19 Operation Merkur: Eroberung Kretas 1941, größtes Luftlandeunternehmen der Wehrmacht.

20 Vgl. Frank Pauli, Wehrmachtsoffiziere in der Bundeswehr, Paderborn 2010, S. 222.

21 Vgl. Manfred Messerschmidt, Aus der Geschichte lernen - Vom Umgang mit der Erblast des Nationalsozialismus in der Bundeswehr und NVA, in: Detlef Bald, Die Nationale Volksarmee, BadenBaden 1992, S 22 u. 23.

22 Vgl. Ebd. S 223.

23 Vgl. Ebd. S 224.

24 Vgl. Manfred Messerschmidt, Aus der Geschichte lernen, 1992, S. 21.

25 Vgl. Otto-Eberhardt Zander, Bundeswehr und Nationale Volksarmee, Berlin 2007, S. 187.

26 Führungsstab der Bundeswehr, Rommel - mehr als ein Wüstenfuchs, in: IFDT, Heft 10, (1959), S. 592 - 593

27 Ebd. S. 592.

28 Ebd. S. 593.

29 Ebd. S. 594.

30 Vgl. Ralf Georg Reuth, Rommel, Das Ende einer Legende, München 2004, S. 139

31 Vgl. Führungsstab BW, Das soldatische Vorbild, Prien und U47, in: IFDT, Heft 3, (1961), S. 144 - 145.

32 Vgl. Führungsstab BW, Das soldatische Vorbild, Oberst Werner Mölders, in: IFDT, Heft 11, (1965), S. 750 - 752.

33 Vgl. Führungsstab BW, Das soldatische Vorbild, Konteradmiral Erich Bey, in: IFDT, Heft 2, (1962), S. 83 - 89.

34 Vgl. Führungsstab BW, Große Soldaten, Oswald Boelke, in: IFDT, Heft 10, (1966), S. 709 - 711.

35 Vgl. Führungsstab BW, Der rote Kampflieger, in: IFDT, Heft 11, (1963), S. 700 - 705.

36 Vgl. Führungsstab BW, Lettow-Vorbeck und seine Askaris, in: IFDT, Heft 7, (1964), S. 517 - 523.

37 Führungsstab BW, Große Soldaten, Oswald Boelke, in: IFDT, Heft 10, (1966), S. 709.

38 Führungsstab BW, Lettow-Vorbeck und seine Askaris, in: IFDT, Heft 7, (1964), S. 522.

39 Vgl. Joachim Carsten, Der Rote Baron, Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen, Stuttgart 2007, S. 108.

40 Vgl. Ebd. S. 89.

41 Vgl. Führungsstab BW, Das soldatische Vorbild, MG und Karabiner, in: IFDT, Heft 6, (1960), S. 352 - 355.

42 Ebd. S. 352.

43 Ebd. S. 354.

44 Vgl. Führungsstab BW, Wie gefährlich sind Groschenromane? in: IFDT, Heft 7, (1960), S. 410 - 413.

45 Ebd. S. 412.

46 Führungsstab BW, Das soldatische Vorbild, Gneisenau in: IFDT, Heft 7, (1960), S. 596 - 601.

47 Vgl. Führungsstab BW, York von Wartenburg in: IFDT, Heft 7, (1960), S. 603.

48 Ebd. S. 606.

49 Ebd. S. 606.

50 Vgl. Pauli, 2010, S. 348.

51 Vgl. Ebd. S. 206.

52 Bundeswehrjargon für die neue Dienstjacke.

53 Die neuen Streitkräfte bestanden fast nur aus ehemaligen Waffen-SS- und Wehrmachtsangehörigen und wurden von einem sehr umstrittenen Personalgutachterausschuss auf ihre demokratischen Einstellungen hin überprüft. Vgl. Otto-Eberhardt Zander, Bundeswehr und Nationale Volksarmee, Berlin 2007, S. 49-54.

54 Vgl. Pauli, 2010, S. 206-208.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Stechschritt und Eisernes Kreuz. Die militärischen Traditionen der Nationalen Volksarmee (NVA) und Bundeswehr
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
46
Katalognummer
V356873
ISBN (eBook)
9783668426436
ISBN (Buch)
9783668426443
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt anhand von Militärzeitschriften das Traditionsbild der Bundeswehr und NVA in den Aufbaujahren von 1955-1965. Die Note der Arbeit wurde aufgrund von orthographischen Fehlern herab gestuft, diese sind aber mittlerweile entfernt.
Schlagworte
NVA, Bundeswehr, Militärische Traditionen, Kalter Krieg, Militärische Fachzeitschriften
Arbeit zitieren
Tim-Christopher Stutz (Autor), 2016, Stechschritt und Eisernes Kreuz. Die militärischen Traditionen der Nationalen Volksarmee (NVA) und Bundeswehr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356873

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